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1535 Worte
Der Bus, der die Grenzroute bediente, war ein uraltes, klappriges Gefährt, das permanent nach Dieselabgasen und Verzweiflung roch. Es war die unbeliebteste Route der Oakhaven Transit Authority, die die verzweifelten Menschen über die Grenze brachte, damit sie ihre Nachtschicht in den Konservenfabriken oder als Reinigungskräfte im riesigen Einkaufszentrum Silver Creek arbeiten konnten. Ich war der einzige Fahrgast unter vierzig und der Einzige, dessen Hände unkontrolliert zitterten. Ich saß ganz hinten, in die Ecke gequetscht, und drückte meinen Rucksack fest an meine Brust wie einen Schutzschild. Während wir die holprige, von Schlaglöchern übersäte Straße entlangrumpelten, die aus Oakhaven hinausführte, starrten die anderen Fahrgäste mit leeren, resignierten Augen aus den schmutzigen Fenstern. Sie waren es gewohnt und hatten sich damit abgefunden, Bürger zweiter Klasse in einer von Raubtieren beherrschten Welt zu sein. Aber ich nicht, noch nicht. Zuerst trafen uns die Lichter – nicht die schwachen, gelb flackernden Straßenlaternen meiner Heimatstadt, sondern hoch aufragende, architektonisch anmutende Lichtmasten mit strahlend eisblauen LEDs, die alles in klinisch-unerbittlicher Klarheit erhellten. „Willkommen in Silver Creek“, dachte ich. Obwohl ich die glitzernde Skyline dieser Stadt schon seit Jahren von meinem Fenster aus bewunderte, war es ein überwältigender Anblick, jetzt hier zu sein. Alles war gigantisch, die Gebäude glichen Monolithen aus Glas und gebürstetem Stahl, die den Himmel streiften, ihre Fenster strahlten opulente Wärme aus. Die Autos, die auf der anderen Spur an uns vorbeisausten, waren schnittige, flache Boliden, die mehr kosteten als mein gesamtes Wohnhaus … Teslas, Porsches und Marken, die ich gar nicht kannte, wurden von Leuten gefahren, die aussahen, als kämen sie direkt vom Laufsteg. Der Busfahrer bog scharf rechts auf einen mehrspurigen Boulevard ab, gesäumt von perfekt gestutzten Zierbäumen, die so weit nördlich eigentlich nicht überleben dürften. Aber hier konnte man sich alles kaufen, sogar das Klima. Ich presste mein Gesicht gegen die kalte Scheibe. Wir fuhren an einem Supermarkt vorbei, der wie eine Kathedrale aussah, an einem Komplex mit Luxuswohnungen und privaten Balkonen, die größer waren als mein gesamtes Studio, und an einem Park mit beheizten Wegen, wo eine Frau in einem weißen Pelzmantel einen Hund ausführte, der selbst einem Wolf unglaublich ähnlich sah. Es ist schön und beängstigend zugleich. Es ist ein Zeugnis dessen, was Macht und über Generationen angehäufter Reichtum bewirken können. Ich fühlte mich wie ein Schmutzfleck auf einem makellosen weißen Laken. Meine viel zu große Jogginghose und meine abgetragene Jacke fühlten sich an wie ein Leuchtschild, das schrie: Mensch, arm und Beute. „Endstation“, brummte der Fahrer über die Sprechanlage, seine Stimme knisterte vor Rauschen. „Eingang für Arena-Mitarbeiter. Alle raus!“ Der Bus zischte in einer riesigen Tiefgarage zum Stehen, die heller und sauberer war als der OP-Saal des Oakhaven-Krankenhauses. Mir wurde ganz flau im Magen. „Das ist es, jetzt gibt es kein Zurück mehr“, dachte ich. Ich schlurfte hinter einer müde aussehenden Frau mit einem Putzeimer aus dem Bus. Die Luft in der Garage war anders als in meiner Stadt. Sie roch nicht nach Abgasen, sondern … teuer. Ich umklammerte die Riemen meines Rucksacks, bis meine Knöchel weiß wurden, und ging auf ein Paar Stahltüren zu, die mit … EINGANG FÜR MITARBEITER UND SPORTLER. NUR FÜR BERECHTIGTE PERSONEN. Ein Wachmann stand vor den Türen. Er war nicht wie die Grenzbeamten. Dieser hier trug einen maßgeschneiderten Anzug, der seine massigen Schultern kaum verbarg. Er trug keine Sonnenbrille, und als ich näher kam, musterten mich seine Augen mit einer Intensität, die mir die Knie weich werden ließ. Seine Augen waren durchdringend und von einer unnatürlichen, bernsteinfarbenen Farbe. Wolf. Ich blieb etwa anderthalb Meter entfernt stehen, mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Ich erinnerte mich an Millers Rat vom Telefon: „Kopf runter, unsichtbar sein.“ Ich senkte den Blick auf den polierten Betonboden und fixierte die Zehen meiner abgewetzten Stiefel. „Name“, brummte er. Seine tiefe Stimme ließ meine Brust vibrieren wie ein Tieftonlautsprecher. „Maya Bennett“, flüsterte ich zum Boden. „Ich bin hier wegen … der Stelle als Assistentin für die Flüssigkeitsversorgung. Mr. Miller hat mich geschickt.“ Ich spürte seinen Blick, der mich musterte. Er schnupperte, ein scharfes Einatmen war hörbar. „Mensch“, stellte er fest. „Ja, Sir“, antwortete ich. Er grunzte. „Du bist klein.“ Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Ich bin 1,63 Meter groß, durchschnittlich für eine Frau, für ihn wahrscheinlich puppenhaft. „Ausweis!“, forderte er. Meine Hände zitterten so stark, dass ich beim Versuch, meinen Studentenausweis herauszuholen, fast mein Portemonnaie fallen ließ. Ich hielt ihn ihm hin. Er nahm ihn mit zwei riesigen Fingern entgegen, warf nur einen flüchtigen Blick darauf und gab ihn mir zurück. „Durch die Türen, den Flur entlang, zweite Tür links. Die Personalabteilung hat Ihre Unterlagen. Laufen Sie nicht herum, die Spieler kommen gleich zum Training.“ „Laufen Sie nicht herum …“ Die Warnung hing in der Luft, unausgesprochen, aber deutlich: „Sie könnten gefressen werden.“ „Danke“, brachte ich hervor. Ich stieß die schwere Stahltür auf und trat ein. Wenn die Tiefgarage schon überwältigend war, so war das Innere der Arena eine Reizüberflutung kosmischen Ausmaßes. Der Flur war breit genug, um mit einem LKW hindurchzufahren. Die Wände waren …Die Wände waren mit hinterleuchteten, lebensgroßen Action-Postern der Spieler behängt. Ich starrte sie beim Vorbeigehen an. Sie waren muskelbepackte Giganten in Schutzausrüstung und Trikots, ihre Gesichter von urtümlicher Aggression verzerrt, ihre Augen glühten wild. Unter jedem Poster standen ihre Nummer und ihr Name. Mir fiel eine Nummer auf … Nr. 7. JAXSON BLACKWOOD – KAPITÄN. Der Mann auf dem Poster war von furchterregender Schönheit, mit markanten Gesichtszügen, dunklem Haar und Augen, die so intensiv brannten, dass sie selbst auf einem Foto gefährlich wirkten. „Wow, so schön hätte ich sie mir nicht vorgestellt“, dachte ich, während ich weiterging. Die Luft drinnen war eisig, sie strahlte von den riesigen Eisbahnen irgendwo tief im Komplex aus, und der Geruch … oh mein Gott, der Geruch! Er traf mich wie ein Schlag. Es war eine konzentrierte Version dessen, was ich in der Garage gerochen hatte: rohes Fleisch, tiefer, erdiger Moschus. Darunter lag der scharfe, kupferfarbene Beigeschmack von Aggression und Testosteron, der Geruch eines Raubtierbaus, und ich befand mich mittendrin. Ich fand die Tür mit der Aufschrift „PERSONALABTEILUNG“ und fiel fast hindurch, dankbar für die banale Büroumgebung. Eine streng wirkende Frau mit einem strengen Dutt saß hinter dem Schreibtisch und tippte wie wild. Sie sah mich kaum an. „Bennett?“ „Ja“, antwortete ich. Ohne mit dem Tippen aufzuhören, knallte sie einen dicken Stapel Papier auf den Schreibtisch. „Geheimhaltungsvereinbarung, Haftungsausschluss und ärztliche Schweigepflichtentbindung. Lesen, unterschreiben und datieren Sie. Der Stift ist im Becher.“ Ich ließ mich auf einen unbequemen Plastikstuhl fallen und begann zu lesen. Die Haftungsausschlusserklärung war erschreckend. Sie besagte im Grunde, dass die Silver Creek Ice Wolves meinen Angehörigen lediglich eine großzügige Entschädigung schuldeten, falls ich durch einen anderen Athleten schwer verletzt, psychisch traumatisiert oder gar getötet werden sollte. Ich dachte an die 1.850 Dollar, die ich Herrn Henderson schuldete, und an alles andere … Schließlich unterschrieb ich. Zehn Minuten später stand ich wieder in dem riesigen Flur und fühlte mich noch kleiner und verletzlicher, jetzt, wo ich mein Recht auf Sicherheit aufgegeben hatte. „Miller ist im Ausrüstungsraum“, hatte die Personalerin gesagt und vage den Flur entlanggedeutet. „Am Ende dieses Ganges rechts abbiegen. Es ist hinter der Umkleidekabine. Gehen Sie nicht in die Umkleidekabine.“ Ich ging schnell, meine Stiefel quietschten leise auf dem polierten Boden. Die Geräusche der Arena waren hier noch lauter: tiefe Stimmen schrien, Hockeyschläger klapperten auf den Fliesen, und schwere Maschinen dröhnten dröhnten. Ich erreichte das Ende des Korridors, bog rechts ab und erstarrte. Der Flur vor mir war nicht von normalen Menschen, sondern von Riesen bevölkert. Ein Dutzend Spieler drängten sich vor einer Doppeltür, die mit einem riesigen, knurrenden Wolfslogo verziert war. Sie trugen Trainingsanzüge, die ihre gewaltigen Körper nicht verbergen konnten. Sie waren riesig. Jeder einzelne von ihnen musste über 1,95 Meter groß sein, mit so breiten Schultern, dass sie den gesamten Flur einzunehmen schienen. Ihr Lachen war laut und dröhnend, ein tiefer, hallender Klang, der in meiner Brust vibrierte. Sie schubsten sich gegenseitig, spielerische Schubser, die einem Menschen wahrscheinlich die Rippen brechen würden. Und der Geruch … Er war hier um ein Vielfaches stärker und überwältigend. Niemand bemerkte mich, ich war nur ein Staubkorn an der Wand. Ich holte tief Luft, presste meinen Rücken gegen die Wand und versuchte, an ihnen vorbeizuschlüpfen, hin zur Tür des Geräteraums, die ich hinter ihrer Gruppe erkennen konnte. Ich war fast da, nur noch anderthalb Meter von der Sicherheit entfernt, als einer der Riesen lachend einen Schritt zurücktrat und mir den Weg versperrte. Er war massig, bestimmt über zwei Meter groß, mit kahlgeschorenem Kopf und einem muskulösen Hals. Mitten im Lachen verstummte er, riss den Kopf herum, schnupperte laut und senkte dann den Blick. Seine Augen waren von einem stechenden, unnatürlichen Grün, sie weiteten sich leicht, als sie mich fixierten. Plötzlich herrschte absolute Stille im Flur. Alle Köpfe drehten sich um. Zwölf Paar leuchtender, raubtierhafter Augen waren auf mich gerichtet. Ich hielt den Atem an, weil sie mich gerade erst bemerkt hatten.
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