Sie roch Kiefernholz und Rauch und lauschte dem Regen, der auf das alte Gestein prasselte, und für drei Herzschläge wusste sie nicht, wo sie war.
Doch dann verrieten es ihr die Rippen, und der Verlust der Rudelbindung – das hohle Gefühl unter ihrem Brustbein,
eine Leere, die kein Atemzug jemals füllen konnte, diese Stille, die einst die Wärme von dreihundert
verbundenen Leben in sich getragen hatte. Acht Tage ohne Rudel. Keine Stunde, in der sie die Trennung nicht gespürt hatte.
Langsam richtete sie sich auf und betrachtete sich. Ihre Rippen waren im Schlaf gut gebunden worden, besser sogar, als sie es
selbst hätte tun können, die Arbeit einer geübten Hand. Der Heilungsprozess verlief gut. Am Fußende
des Bettes lag ein Satz Kleidung, einfach, dunkel, gut verarbeitet, und neben dem Bett, auf dem kleinen Tisch,
stand ein Tablett mit Essen.
Caius Dravane saß an der Tür.
Er hatte nicht geschlafen. Man konnte es an seiner Regungslosigkeit erkennen – nicht an der lockeren Art des Aufwachens, sondern an der tiefen, aufmerksamen Stille eines Menschen, der die ganze Nacht wach gelegen und innerlich gegrübelt hatte. Er beobachtete sie.
„Du hast nicht geschlafen“, bemerkte sie.
„Mit fortschreitendem Fluch wird der Schlaf schwieriger“, erwiderte er. „Nur eine Nebenwirkung.“ Er sprach darüber wie jemand, der das Wetter berichtet – sachlich, nicht dramatisch, nie mit der Wichtigtuerei, die so viele an den Tag legten, wenn sie über ihre eigene Sterblichkeit sprachen.
„Und wie geht es Ihren Rippen?“
„Erträglich.“ Sie stand von der Liege auf. „Sie erwähnten, dass wir gestern Abend über unsere nächsten Schritte sprechen würden.“
„Ja.“
„Nun, ich denke, wir sollten das vor dem Essen tun.“
Ein leichtes Zucken huschte über seinen Mundwinkel, ein beinahe Lächeln. „Ich habe Ihre Akte geprüft“, erwiderte er. „Die von meinem Team über Nacht erstellte Zusammenfassung. Geschichte des Voss-Rudels, Nachfolgeakten, Hales Expansion, Ratsakten.“ Pause. „Der Tod Ihres Vaters wurde als Herzstillstand vermerkt. Sauberer Bericht.“
Sie achtete darauf, ihren Gesichtsausdruck zu bewahren. „Natürlich.“
„Zu sauber, angesichts seines Alters und Gesundheitszustands. Dein Vater war einundfünfzig Jahre alt, hatte keinerlei Herzprobleme und erst vor vier Monaten eine übernatürliche Untersuchung, die unauffällig war.“
Caius' Blick ruhte auf ihr. „Offensichtlich hat er sich Gedanken gemacht.“
„Ja.“ Sie betrachtete ihre Hände. „Ich hatte es von Anfang an vermutet. Damals hatte ich keinen Beweis, und ich habe auch jetzt keinen.“
„Und dann erzählst du mir, was du wirklich hast. Ich will keine juristische Zusammenfassung. Die ganze Wahrheit. Alles.“
Sie sah ihn an. Im grauen Licht der Morgendämmerung, während draußen der Regen auf die Steine prasselte und das Feuer zu Asche verglühte, wirkte er vertraut und fremd zugleich, auf diese besondere Art, wie jemand, der lange gelebt hat, eine innere Ruhe entwickelt, die dem Lauf der Zeit trotzt. Sie hatte das Gefühl, er beobachtete sie aufmerksam, als lauschte er ihrem Schmerz und versuchte nicht, sich davor zu schützen. Er schien keinen Trost zu suchen.
Sie erzählte es ihm. Niemand sonst hatte sie je die ganze Geschichte erzählen hören – niemandem, dem sie sich in den letzten zwei Jahren anvertrauen und die Last der Wahrheit mit ihm teilen konnte. Aber er hatte sie gebeten, ihm die wahre Geschichte zu erzählen, und er hatte ihr das Gefühl gegeben, es sei so schwer, sie mit sich herumzutragen, und irgendetwas an seiner Art zuzuhören hatte sie dazu gebracht, zu sprechen.
Sie erzählte ihm von dem Tag, an dem Damon in Voss Pack auftauchte, als sie achtzehn war.
Über jene acht Jahre, in denen sich etwas von innen heraus real angefühlt hatte: die Partnerschaft, die Nähe, die Planung, die Gespräche darüber, wie das Rudel unter ihrer Führung aussehen würde, mit ihm an ihrer Seite. Über die anfänglichen Zweifel ihres Vaters und wie sie ihn jahrelang davon überzeugt hatte, dass Damon vertrauenswürdig war. Und wie sicher sie sich dessen gewesen war, dass sie ihrem Vater nichts anderes als die Wahrheit wiederholt hatte, als ihm zu sagen, dass er Damon vertrauen konnte. „Ich habe den Nachfolgeplan entworfen“, sagte sie. „Er sprach das Problem an – die alten Familien würden einen abtrünnigen Alpha nicht gutheißen, und die politischen Folgen wären ein ewiger Krieg – und ich präsentierte die Lösung. Er hat mich nicht einmal nach meinem Titel gefragt; ich habe ihn ihm freiwillig angeboten.“ Sie hielt inne. „Und das musst du verstehen: Ich wurde nicht manipuliert, meine Macht aufzugeben. Es war meine Entscheidung, und die Manipulation bestand darin, was er mich glauben ließ, was es bedeutete.“
„Er ließ dich glauben, es bedeute Partnerschaft“, bemerkte Caius.
„Das stimmt. Der Titel war nur ein Stück Papier, und die Realität war eine gleichwertige.“
Wir hatten gemeinsam etwas aufgebaut, und ich hatte lediglich etwas über eine Last niedergeschrieben, von der ich wusste, dass sie leicht zu tragen sein würde.“ Sie blickte aus dem Fenster. „Zwei Monate nach der Thronbesteigung schloss er ein offizielles Bündnis mit Isolde Crane. Rudelallianz, Vernunftehe. Die Bekanntgabe erfolgte auf einer öffentlichen Rudelversammlung. Ich war dabei.“ Es herrschte betretenes Schweigen. „Er hat seine Absichten in deiner Gegenwart öffentlich verkündet“, sagte Caius. „Er brauchte die Zeugen des Rudels, um meine Reaktion abzuschätzen. Um vor allen zu verkünden, dass ich würdevoll zurücktreten würde, anstatt Anspruch auf das zu erheben, was mir rechtmäßig zustand.“
„Weil es funktionierte“, sagte sie leise und sah ihm fest in die Augen. „Weil es einfach und unkompliziert war und weil ich in der darauffolgenden Woche nicht mehr zum Rudel gehörte.“
„Und dein Vater.“
„Starb sechs Wochen später.“ „Herzstillstand, laut Bericht.“ Sie sprach monoton, als hätte sie ihre Rede einstudiert. „Allein der Zeitpunkt hätte Fragen aufwerfen müssen, aber das Ratsmitglied, das den Bericht prüfte, hatte Verbindungen zur Familie Crane. Vier Monate später stieß ich bei meinen Recherchen auf dieses kleine Detail.“
„Du hast einen weiteren Faktor übersehen“, bemerkte er. „Die Nacht vor vierzehn Monaten.“
Sie erstarrte.
„Es gibt keinen Eintrag darüber“, stellte sie aufmerksam fest. „Ja. Aber du warst dreizehn Monate lang wie vom Erdboden verschluckt, und
es sei denn, es gibt einen dringenden Grund dafür, dann wird ein Mädchen mit deinem Hintergrund das nicht tun. Und in eurem Gespräch gestern
sprachst du von einem Mangel an Möglichkeiten, aber nicht von Geld, Kontakten oder gar einer Unterkunft; von einem Mangel an Möglichkeiten. Du schienst
damit zu meinen, dass das Problem nicht praktischer, sondern persönlicher Natur war.“
Aus dem kurzen Gespräch im Wald in der Nacht begriff sie, dass er sie richtig verstanden hatte.
„Es gibt ein Kind“, sagte sie. Es klang seltsam, nicht weil sie sich schämte, es auszusprechen, sondern einfach weil sie
es all die Zeit so tief in sich verschlossen hatte, dass es sich anfühlte, als würde sie eine Kraft in sich freisetzen,
von der sie sich zuvor nicht bewusst gewesen war. „Sie ist dreizehn Monate alt. Lyra heißt sie. Sie ist in Sicherheit bei einer vertrauten Person in der Stadt. Ich spreche jeden Tag mit ihr.“
Die Veränderung in Caius’ Schweigen war unübersehbar.
Es war etwas ganz anderes – nicht mehr das nachdenkliche Schweigen eines Mannes, der Informationen prüft,
sondern etwas Uraltes und Bedachtsames, der gedämpfte Tonfall derer, die spüren, dass etwas
mehr kostet, als es auf den ersten Blick scheint.
„Der Vater“, sagte er.
„Er weiß nicht, dass sie existiert“, sagte sie. „Es ist eine komplizierte Angelegenheit. Ich werde es Ihnen ausführlich erklären, aber nicht
heute.“ Sie richtete sich auf. „Aber heute müssen Sie mir Ihre Bedingungen nennen. Sie sagten, Sie suchten
eine Investition, keine Wohltätigkeit. Worin investieren Sie?“
Er betrachtete sie einige Sekunden lang aufmerksam – ein Blick, von dem sie mit einiger Besorgnis erkannte, dass er immer sein war,
ein Blick reinster Beobachtung, unvoreingenommen und ohne Verstellung, völlig ohne Entschuldigung.
„Damon Hale dehnt sein Territorium innerhalb der Lykanischen Grenzen seit acht Monaten aus“, sagte er.
„Er ging davon aus, dass der Tod des Königs ihn von der Verteidigung seiner Grenzen ablenkt, aber er wird
bald erkennen, dass diese Annahme falsch ist.“ Er hielt kurz inne. „Sie wissen, wie man das Geschäft führt – seine Struktur, seine Schwächen, seine Geschichte. Ich kann Ihnen den Zugang, die Macht und den Ruf verschaffen, die dafür sorgen, dass sich Türen öffnen, egal wer dahintersteht.“
„Rache“, erwiderte sie.
„Präzision“, entgegnete er. „Rache ist emotional. Ich schlage etwas Chirurgischeres vor.“
Während sie ihn im schattigen Bunker ansah, während der Regen auf die Steine prasselte und die Glut zwischen ihnen erlosch, dachte sie an Lyra, die sicher in ihrem Bett zwei Städte entfernt lag, an ihren Vater, der in einem unverdienten Grab begraben war, das Gerechtigkeit brauchte, und an das Rudel, dem sie angehörte, das nun von jemandem angeführt wurde, der ihre Liebe als Schlüssel benutzt und sie dann weggeworfen hatte.
Und sie erinnerte sich an alles, was in den letzten zwei Jahren geschehen war.
„Gut“, sagte sie zu ihm. „Wo soll ich anfangen?“ Etwas Kaltes und Verschlossenes in ihr öffnete sich gerade so weit, dass ein Ziel durchschimmern konnte.