Kapitel 2 - Welcome back

1543 Worte
Kapitel 2 – Welcome back Der Wecker klingelte viel zu früh. Zu grell. Zu schrill. Zu real. Patrizia schlug danach, als könnte sie ihn damit zum Schweigen bringen – aber das schrille Piepen hatte ihr Herz sowieso schon aus dem Takt gebracht. Nicht nur wegen der Uhrzeit. Sie war einfach nicht mehr eingeschlafen. Wie konnte das überhaupt passieren? Wie konnte sie Lorenzo küssen? Oder besser: Wie konnte er sie küssen? Sie war völlig überrumpelt gewesen. Hatte ihn einfach machen lassen. Sie, die sonst auf jedes Wort achtete, jede Geste kontrollierte, hatte da einfach… nichts getan. Kein Stopp. Kein Ausweichen. Kein „Lorenzo, was machst du da?“ Stattdessen… stand sie da. Wie versteinert. Und in ihrem Innersten – ganz tief drin – hatte es sogar kurz gekribbelt. Das durfte nicht sein. Das durfte einfach nicht sein. Er war doch Lucias kleiner Bruder. Der Junge, dem sie früher die Schuhe zugebunden hatte, weil er sich immer vertan hatte mit rechts und links. Vier Jahre jünger – das war in der Kindheit eine Ewigkeit. Und selbst jetzt… war er für sie immer der kleine Lorenzo geblieben, mit den großen braunen Augen und dem schiefen Lächeln, das schon damals ihn jedes Mal rettete, wenn er wieder etwas angestellt hatte. Sie waren zusammen aufgewachsen. In der gleichen Straße in Rom. Immer unterwegs, mit staubigen Knien, schmelzendem Eis in der Hand und wilden Ideen im Kopf. Lucia und sie waren unzertrennlich. Und Lorenzo… immer hinterher, mit einem Ast als Schwert oder einem Pappkarton als Ritterrüstung. Und jetzt sprach er davon, ein Mann zu werden. Ein Mann, für sie. Patrizia schüttelte den Kopf und atmete tief durch. Nein. Jetzt war nicht der Moment, darüber nachzudenken. Sie hatte ihre Sachen gepackt, ihr Abschied war organisiert. Debbie, die herzliche Haushälterin und auch Besitzerin des Apartments würde in ein paar Minuten vorbeikommen, um den Schlüssel entgegenzunehmen. Der Abschied verlief schnell. Eine warme Umarmung, ein paar liebe Worte, ein leicht gerührter Blick. Dann war Patrizia draußen. Mit zwei Rollkoffer über das nasse Kopfsteinpflaster von Waterloo, Richtung Overground. London verabschiedete sich mit typischem Wetter: grau, ein bisschen Regen, aber nicht richtig traurig. Eher… nüchtern. So wie es zu dieser Stadt passte. Am Flughafen Heathrow angekommen, war sie froh, dass sie online eingecheckt hatte. Kein Anstehen, kein Stress. Nur noch die Kontrolle, das Gate, und dann… zurück nach Hause. Rom. Der Gedanke ließ es in ihrem Bauch kribbeln. Auf eine seltsame Weise, zwischen Aufregung und Unsicherheit. Sie war das letzte Mal zu Weihnachten dort gewesen. Und selbst das war nur ein kurzer Besuch gewesen, halb Familie, halb Verpflichtung. Danach war sie lieber mit Freunden nach Schottland gefahren, in eine Hütte im Nirgendwo, mit Schnee und Kaminfeuer, Whisky und Geschichten. Weit weg von allem. Auch von Fragen wie: „Und, Patrizia, wann bist du fertig?“ „Hast du schon einen Job in Aussicht?“ „Was ist mit deiner Zukunft?“ „Und mit der Liebe?“ Diesmal war es anders. Diesmal kam sie zurück – fertig. Mit einem Masterabschluss in der Tasche, einem Herzen voller Erinnerungen und einem Kuss, der ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf ging. Sie schloss kurz die Augen, lehnte sich in den Sitz, als das Flugzeug langsam Richtung Startbahn rollte. „Willkommen zurück“, flüsterte sie sich selbst zu. Und wusste doch nicht genau, wohin sie gerade wirklich zurückkehrte. Es dauerte. Und zwar lange. Patrizia stand schon seit einer gefühlten Ewigkeit am Gepäckband und starrte auf die endlose Parade fremder Koffer. Grau. Schwarz. Dunkelblau. Koffer, die aussahen wie ihrer, aber nie ihr Koffer waren. London war nur zwei Stunden Flug entfernt, aber Rom hatte schon jetzt wieder seinen ganz eigenen Takt. Langsam, chaotisch, ein bisschen verpeilt – aber mit Charme. Endlich, nach über vierzig Minuten, tauchte erst der eine, dann der andere Koffer auf. Sie schnappte sich beide, atmete tief durch, strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und machte sich auf den Weg zur Ankunftshalle. Und da war: niemand. Keine Mama mit flatterndem Schal. Kein Papa mit Kaffeebecher in der Hand. Kein Schild, kein Lächeln, keine Umarmung. Sie runzelte die Stirn, zog ihr Handy aus der Tasche und wählte die Nummer ihrer Mutter. „Mamma?“ „Patrizia? Mamma mia! Du kommst heute? Ich dachte, du landest erst Sonntag!“ „Mama! Ich hab dir die E-Mail weitergeleitet! Mehrmals!“ „Santo cielo, ich war noch schnell auf dem Markt, die Zucchini waren im Angebot. Ich mach mich gleich auf den Weg!“ „Mama, du brauchst über eine Stunde von zu Hause…“ „Ich zieh mir nur kurz was anderes an—“ „Lass gut sein. Ich fahr mit dem Shuttle-Zug zum Hauptbahnhof. Ich begrüß Papa im Laden.“ „Bene, amore… sei vorsichtig, ja?“ Patrizia beendete den Anruf, leicht genervt, aber auch mit einem Lächeln. Typisch Mama. Verplant, liebevoll, laut und immer irgendwie zu spät. Mit den zwei großen Koffern im Schlepptau, die viel schwerer wirkten als noch in London, schob sie sich durch das Stimmengewirr und das Chaos der Ankunftshalle Richtung Shuttle-Zug. Menschen liefen durcheinander, Kinder schrien, Durchsagen überlagerten sich. Rom war keine Stadt. Rom war eine Oper. Und sie mittendrin – mit zerzausten Haaren und viel zu wenig Schlaf. Als sie sich gerade an einer der Ecken vorbeiwinden wollte, krachte sie plötzlich gegen etwas oder besser: jemanden. Ein großer Mann, komplett in Schwarz gekleidet, stand wie aus dem Nichts vor ihr. Dunkle Lederjacke, schwarzes Hemd, schwarze Schuhe. Selbst die Sonnenbrille war schwarz – obwohl sie drinnen waren. Seine Schultern waren breit, seine Haltung aufrecht, fast militärisch. Patrizia stolperte leicht zurück, ihr Koffer verhakte sich am anderen. „Oh! Excuse me!“, rief sie automatisch – auf Englisch. Der Mann bewegte sich kaum. Nur ein kurzes Nicken, ein kaum erkennbares Zucken seiner Lippen, war das ein Lächeln? Ein Grinsen? Sie lächelte gehetzt, entschuldigte sich noch einmal, diesmal stumm, mit einem Nicken und schob sich weiter in Richtung Ausgang. Was sie nicht bemerkte: Beim Zusammenstoß war ihr silbernes Armband vom Handgelenk geglitten. Das feine, zierliche Schmuckstück, das ihr Vater ihr zur bestandenen Schulabschluss damals geschenkt hatte. Mit ihren Initialen eingraviert: P.M. Patrizia Moretti. Es lag nun auf dem Boden, klein, glänzend, verloren zwischen den Schritten der Reisenden. Und der Mann in Schwarz? Er sah ihr hinterher. Dann beugte er sich langsam, hob das Armband auf, betrachtete es einen Moment lang und ließ es in seine Jackentasche gleiten. Als der Shuttle endlich in Roma Termini einfuhr, war es, als würde Patrizia in eine andere Welt steigen. Laut, warm, voll aber vertraut. Das Stimmengewirr, das Rattern der Koffer, das Hupen draußen auf der Straße. Rom hatte sich nicht verändert. Und doch fühlte sich alles anders an. Sie zog ihr Handy aus der Tasche und tippte auf Lucias Namen. „Lucia?“ Am anderen Ende meldete sich ein verschlafenes Brummen, gefolgt von undeutlichem Gemurmel. „Mmh… Patty? Was is’n los…?“ „Lucia, bitte sag mir nicht, dass du noch im Bett liegst.“ „Uff… vielleicht ein bisschen…“ Patrizia verdrehte die Augen. „Ich bin gerade in Rom angekommen. Mit zwei riesigen Koffern, einem kaputten Rücken und Schweißperlen auf der Stirn. Ich will kurz bei Papa im Laden vorbeischauen. Kann ich die Koffer kurz bei dir unterstellen? Und kannst du mir helfen, sie hochzuschleppen?“ „Boah Patty, ich brauch noch ’nen Kaffee… aber ja, ich bin in 20 Minuten da.“ „Perfekt. Ich gönn mir solange einen richtig guten Cappuccino. Und keine Sorge, ich warte im Schatten.“ Sie beendete das Gespräch, schob sich durch das Gedränge vor dem Bahnhof und entdeckte nur wenige Schritte weiter ein kleines Café mit freien Tischen in der Sonne. Genau das hatte ihr gefehlt. Dieses Gefühl von Italien. Von Rom. Von Heimat. Sie setzte sich, ließ die Koffer einfach neben sich stehen und bestellte einen Cappuccino – einen richtigen. Nicht so ein halbherziges Milchkaffee-Etwas wie in England, sondern einen, bei dem der Milchschaum glänzte und der Kaffee duftete wie eine Umarmung. Dazu schnappte sie sich noch eine Zeitung vom Ständer. Ein bisschen durch die regionalen Stellenangebote blättern, einfach um das Gefühl zu haben, sich zu kümmern auch wenn sie wusste, dass heute alles online läuft. Aber irgendwie war es schön, wieder Papier in der Hand zu haben, sich durch Seiten zu blättern, während ringsum das Leben vorbeizog. Nach etwa einer halben Stunde hörte sie plötzlich ihren Namen. „Patty!“ Sie drehte sich um und da kam Lucia schon angerannt. Ungeschminkt, im Schlapperlook, vermutlich noch im Schlafshirt, dazu eine hellrosa Jogginghose und ein Dutt, der mehr nach Notfallplan als nach Frisur aussah. Patrizia stand auf, ließ sich in die Arme ihrer Freundin fallen, und die Umarmung war echt. Warm. Fest. „Ich hab dich so vermisst! Wie schön, dich wiederzuhaben!“ „Du siehst aus wie ein wandelndes Kissen“, lachte Patrizia. „Und du wie eine elegante Businessfrau. Warte… du hast jetzt echt deinen Master, oder?!“ Patrizia nickte stolz. „Mit Bravour bestanden. Ich hab’s geschafft, Lucia.“ „Verdammt… du bist jetzt wirklich eine ernstzunehmende Juristin. Ich glaub, ich muss mich benehmen.“ „Ja, viel Glück dabei“, grinste Patrizia und nahm noch einen Schluck von ihrem Cappuccino. Die Sonne schien, Rom pulsierte, und in diesem Moment fühlte es sich an, als wäre sie nie wirklich weg gewesen.
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