Kapitel 3 – Der Anfang einer Pechsträhne
Lucia wohnte nur ein paar Straßen vom Bahnhof entfernt, fußläufig, wie man so schön sagte, auch wenn der Weg mit zwei riesigen Koffern über römisches Kopfsteinpflaster eher einem kleinen Gewaltmarsch glich. Es war warm, ihre Arme zogen und der rechte Koffer wollte ständig zur Seite rollen wie ein bockiges Kind.
Typisch Rom. Irgendwie schön und irgendwie auch anstrengend.
Das Gebäude, in dem Lucia lebte, war alt. Sechs Stockwerke hoch, mit einem dieser nostalgischen Käfigaufzüge, die mehr knarzten als fuhren. Patrizia liebte solche Details eigentlich, der rostige Metallrahmen, das leise Rattern beim Hochfahren, die kleinen Knöpfe mit abgegriffenen Zahlen. Nur heute… war sie weniger romantisch eingestellt.
„Wir fahren besser nacheinander“, sagte Lucia, als sie den Aufzug betrachtete. „Sonst bleibt das Ding mit uns beiden stecken, und das wäre ein sehr italienischer Anfang deines neuen Lebensabschnitts.“
Sie lachte, drückte auf die „4“, zwinkerte und verschwand langsam ratternd in die Höhe.
Patrizia lehnte sich kurz gegen die Wand des kühlen Treppenhauses und wollte einen Schluck Wasser aus ihrer Tasche ziehen, als ihr Blick auf ihr Handgelenk fiel. Sie erstarrte. Das Armband.
Ihr silbernes Armband war weg.
„Nein… nein, nein, nein…“ murmelte sie und griff sofort in ihre Tasche.
Vielleicht war es beim Ruckeln abgegangen. Vielleicht beim Wühlen nach dem Handy. Oder beim Zusammenstoß am Flughafen…
Sie durchkämmte jede Ecke, sah im Koffer nach, unter der Lasche, unter dem Griff, in der Seitentasche. Nichts.
Ein dumpfes Gefühl legte sich in ihren Bauch.
Das Armband war nicht nur Schmuck. Es war ein Stück Zuhause. Ein Geschenk von Papa zur bestandenen Prüfung.
Zart. Echt. Voller Bedeutung.
Als der Aufzug wieder nach unten rumpelte und vor ihr anhielt, stand sie noch immer etwas verloren im Flur.
Sie atmete tief durch, wischte sich die Haare aus dem Gesicht, presste das Lächeln zurück auf ihre Lippen und fuhr hoch.
Oben angekommen, wartete Lucia schon mit der Tür halb offen, ein leicht schiefes Lächeln im Gesicht. Ihr Blick war ein wenig müde, die Stimme leicht rau. Patrizia schob die Koffer ins Apartment und sah sich um.
Das Wohnzimmer war… gemütlich-chaotisch. Überall lagen Klamotten, ein paar Bücher, eine leere Tasse auf dem Boden. Auf dem Sofa hatte sich offenbar ein ganzer Wäscheberg versammelt.
„Du hattest eine lange Nacht?“ fragte Patrizia und hob eine pinke Strumpfhose an, die über der Sofalehne hing.
Lucia verzog den Mund zu einem Grinsen. „Ich sag mal so: Ich wollte feiern, dass du bald wieder da bist… und die Party hat halt etwas früh angefangen.“
Patrizia lachte leise und ließ sich zwischen ein paar Shirts auf das Sofa plumpsen.
„Konntest dich wohl auch nicht entscheiden, was du anziehst.“
Lucia warf ein Kissen nach ihr. „Frechheit! Und du kommst hier mit der perfekten Frisur und London-Glow rein.“
„Der Glow ist Schweiß, die Frisur Zufall.“
Sie kicherten beide und für einen Moment war es, als wären sie wieder 16. Ohne Druck. Ohne Verantwortung. Nur sie zwei und die Welt draußen.
„Gehen wir später was zum Mittag essen?“ fragte Lucia und gähnte herzhaft.
„Unbedingt. Ich hab dir so viel zu erzählen. Ein ganzes Jahr London. Du wirst lachen, weinen und vielleicht auch ein bisschen fluchen.“
Lucia streckte sich und stand langsam auf. „Klingt nach einem Plan. Und ich hab auch was zu erzählen. Mehr als du denkst.“
Patrizia blickte neugierig auf.
„Hast du etwa jemanden kennengelernt?“
Lucia zwinkerte.
„Vielleicht. Vielleicht auch zwei.“
„Skandalös.“
„Ich weiß.“
„Ich geh jetzt erstmal zu Papa“, sagte Patrizia und stand auf. „Ich will ihn überraschen. Danach ruf ich dich an. Also mach dich hübsch, zieh dir was an, das nicht nach Schlafshirt aussieht und dann essen wir was Ordentliches.“
Lucia rieb sich die Augen. „Kaffee zuerst. Dann Modewahl.“
Mit einem kleinen Kopfnicken und einem letzten Blick auf das verloren wirkende Handgelenk verließ Patrizia das Apartment und machte sich wieder auf den Weg Richtung Bahnhof, zurück ins Gewimmel der Stadt. Noch wusste sie nicht, dass dieser Tag ihr mehr abverlangen würde, als sie ahnte.
Patrizia überquerte gerade die große Straße vor dem Bahnhof, als ein lautes Hupen sie aus den Gedanken riss. Sie zuckte zusammen, drehte den Kopf und da war er.
Toni.
Am Steuer seines roten Hop-On-Hop-Off-Busses saß er wie ein König in seinem roten Sitz, mit Sonnenbrille auf der Nase und einem schelmischen Grinsen. Seine Hand schnellte aus dem Fenster, wild winkend.
Patrizia konnte nicht anders, sie lachte auf, dieses Lachen, das nur die Heimat auslöst und winkte zurück.
Er sprang auf, öffnete die Tür. „Amore mio! Was machst du denn hier, einfach so über meine Straße laufen?!“
„Du hast grün, mein Schatz“, erwiderte sie frech, stieg ein, schloss ihn kurz in die Arme.
Toni war viele Dinge gewesen in ihrem Leben. Freund. Geliebter. Komplize. Eine Art “Freundschaft plus mit Extra-Cappuccino”. Sie hatten sich vor Jahren in einem Club kennengelernt, einer dieser durchgetanzten Nächte, bei der man nie geahnt hätte, dass daraus mal eine kleine Geschichte werden würde.
„Benvenuta a casa, bella“, sagte er und zwinkerte.
„Seit wann bist du zurück?“
„Seit heute früh. Direkt vom Flughafen in die Arme der Stadt.“
„Die Stadt hat dich vermisst“, grinste Toni.
„Ich sie auch“, antwortete sie ehrlich.
Sie blieb vorn stehen, hielt sich an der Stange fest, während Touristen mit Hüten, Kameras und Croissant-Tüten ein- und ausstiegen. Der typische Geruch aus Sonnencreme, Stadtluft und Motoren mischte sich mit den Erinnerungen ihrer Jugend.
„Wohin darf ich die frischgebackene Juristin chauffieren?“
„Bis zum Tivoli-Brunnen, bitte. Ich hab noch gar nicht meinen Papa Hallo gesagt.“
„Alles klar, Principessa.“
Die Fahrt ging viel zu schnell vorbei. Sie sprachen über alte Zeiten, über London, seine neuen Anekdoten von wildgewordenen Touristengruppen und über das Leben, das scheinbar nie stillstand.
„Und? Hast du in London was Festes gefunden?“ fragte Toni plötzlich und musterte sie im Rückspiegel.
Patrizia zuckte mit den Schultern. „War wohl noch nicht der Richtige dabei.“
„Bei mir auch nicht“, sagte Toni und lachte laut, den Kopf leicht in den Nacken legend. „Aber ich bin ja auch wählerisch.“
Sie verabredeten sich lose für einen Kaffee in den nächsten Tagen, so wie früher, wenn keiner mehr wusste, wohin mit dem Abend und als der Bus am Tivoli anhielt, küsste sie ihn flüchtig auf die Wange.
„Danke fürs Mitnehmen“, sagte sie und stieg aus.
Doch sie war so in die Verabschiedung vertieft, dass sie einfach auf die Straße trat ohne zu schauen.
Ein greller Hupton, quietschende Reifen, ein Fluch auf Italienisch – eine Vespa kam haarscharf vor ihr zum Stehen. Der Fahrer, ein junger Typ mit verschwitzt-wildem Haar und viel zu gut aussehenden Augen, hob beide Arme.
„Vuoi morire oggi?! Willst du heute sterben?!“
Patrizia hob entschuldigend die Hände. „Mi dispiace, war nicht mit Absicht…“
Aber dann – dieser Blick. Und dann, ganz Patrizia – sie lächelte charmant, schickte ihm einen frechen Kussmund zu und rief:
„Du bist einfach zu schnell für mich!“
Der Vespa-Fahrer, erst wütend, musste lachen.
„Du schuldest mir deine Nummer!“ rief er hinter ihr her, doch da war sie schon in einer der schmalen Gassen verschwunden, wie ein Geist mit dunklem Haar und Sonnenstrahlen auf der Haut.
Was sie nicht bemerkte: In einem kleinen Café ganz in der Nähe, direkt am Rand der Straße, saß ein Mann. Ganz in Schwarz.
Eine Sonnenbrille auf der Nase. Ein Espresso vor sich – längst kalt geworden.
Er hatte sie gesehen. Und nicht nur gesehen, er hatte sie erkannt.
Auch wenn er es sich nicht erklären konnte.
Auch wenn das unmöglich war.
Seine Augen blieben starr auf den Punkt gerichtet, wo sie eben noch gewesen war.
Die Frau von Flughafen.
P.M.
Die Initialen brannten sich wie ein Brandmal in sein Gedächtnis.
Als Patrizia die kleine, vertraute Ladentür aufstieß, läutete das zarte Kling der Messingglocke über ihr wie eine liebevolle Begrüßung aus der Vergangenheit. Der Duft von Holz, Stoffen und ein Hauch Lavendel stieg ihr in die Nase, dieser ganz besondere Geruch, den nur dieser Ort hatte.
Aus dem hinteren Bereich kam ihr Vater hervor, mit Maßband um den Hals und einer Brille auf der Nasenspitze. Als er sie sah, verzog sich sein ganzes Gesicht in ein warmes Strahlen.
„Hallo, meine Kleine!“ sagte er mit dieser Stimme, die für sie immer Heimat bedeutete.
Er trat zu ihr, umarmte sie herzlich und küsste sie sanft auf beide Wangen.
„Wo ist deine Mama?“, fragte er dann neugierig.
Patrizia grinste schief. „Sie hat den Tag verwechselt. Sie dachte, ich komme erst morgen – typisch, oder? Sie wollte mich eigentlich vom Flughafen abholen.“
Er lachte auf. „Das ist so… deine Mutter! Immer einen Tag daneben, aber mit voller Überzeugung.“
„Und? Hast du gut hergefunden? Wo ist dein Gepäck?“
„Hab ich bei Lucia gelassen, ich bleib zum Mittagessen bei ihr. Und dann holt Mama mich später ab oder ich fahr mit dir raus, wenn’s dir passt.“
„Sehr gute Idee! Du weißt ja, wie ungern deine Mutter in die Stadt fährt. Wenn ihr euch beim Mittagessen Zeit lasst, kann ich dich mitnehmen.“
Sie nickte, lächelte und ließ sich an einem der alten dunklen Holztische nieder, hinten im Laden, direkt neben der Nähmaschine, an der ihr Vater gerade Stoffe zurechtschnitt. Sie sah ihm eine Weile zu – die ruhigen, präzisen Bewegungen seiner Hände, das Surren der Maschine, das leise Rascheln von Seide und Leinen. All das hatte etwas Beruhigendes, fast Meditatives.
„Läuft das Geschäft gut?“, fragte sie, während ihr Blick durch die hohen Regale wanderte, in denen sich Stoffrollen türmten – edle, schimmernde Stoffe aus Florenz, Mailand und manchmal sogar Paris.
„Alles beim Alten, mein Schatz“, antwortete er schnell und ein wenig zu beiläufig.
Patrizia runzelte die Stirn. „Aha“, murmelte sie, aber bohrte nicht weiter nach. Noch nicht. Irgendetwas war da, sie fühlte es, so wie sie es schon als Kind gespürt hatte, wenn ihr Vater etwas verheimlichte. Er war ein schlechter Lügner, aber ein großartiger Ablenker.
Sie zog ihr Handy aus der Tasche und tippte Lucia eine Nachricht:
Bin bei Papa im Laden. Sag Bescheid, wann & wo wir uns zum Mittagessen treffen. Hab Hunger und Redebedarf.
Sie lächelte still vor sich hin, lehnte sich etwas zurück und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Zwischen Maßbändern, Schaufensterpuppen und Nähgarnrollen fühlte sie sich ein bisschen wie früher und doch war alles irgendwie anders.
Etwas lag in der Luft.
Aber was es war, konnte sie noch nicht benennen.