Kapitel 4 - Der Pixie Cut

2011 Worte
Kapitel 4 - Der Pixie Cut Patrizia verabschiedete sich mit einem Kuss auf die Wange von ihrem Vater, der sich gleich wieder über einen seidigen, nachtblauen Stoff beugte, als wäre sie nie da gewesen. Sie trat hinaus in die warm flirrende Mittagssonne Roms, atmete tief ein und ließ sich treiben, vorbei an alten Steinfassaden, kleinen Boutiquen mit goldener Schrift über der Tür und knatternden Vespas, die wie eh und je durch die schmalen Gassen rasten. Rom duftete nach gebackener Hefe, nach geröstetem Kaffee und warmem Stein. Sie hatte sich mit Lucia auf einem kleinen Marktplatz verabredet, nicht weit vom alten Kino, das sie früher so oft gemeinsam besucht hatten. Dort war es ruhiger, nur ein paar Einheimische saßen unter Olivenbäumen und lasen Zeitung. Die Touristen verirrten sich selten hierher, und genau das war das Schöne daran. Auf dem Weg blieb Patrizia noch kurz an einem winzigen Café stehen – ein unscheinbarer Tresen, zwei Hocker, Espresso wie flüssiges Gold und knusprige, mit Pistaziencreme gefüllte Cornetti. Der Besitzer nickte ihr freundlich zu. Sie lächelte zurück, nahm den Duft mit wie ein Stück Erinnerung und ging weiter. Als sie das Restaurant erreichte, saß Lucia schon dort. Sie winkte ihr aufgeregt zu, die Sonne spiegelte sich in den Gläsern, und Lucia strahlte wie immer mit dem ganzen Gesicht. Der Tisch war gedeckt mit den typischen rot-weiß karierten Tischdecken, die Sonne warf helle Flecken durch die Lamellen des Sonnenschirms. Schon kam der Kellner mit einem kleinen Brotkorb, Olivenöl und zwei perlenden Gläsern Sekt. „Auf uns. Und auf das Leben“, sagte Lucia. „Salut!“, erwiderte Patrizia und hob das Glas. Sie stießen an, die Gläser klangen hell, fast wie Glocken. Patrizia nahm einen Schluck und schloss für einen Moment die Augen. Der erste Schluck Sekt in Italien, der schmeckte einfach anders. Nach Freiheit. Nach Möglichkeiten. Nach Sommer. Sie lachten, redeten durcheinander, versanken sofort wieder in diesen vertrauten Rhythmus, den nur echte Freundschaften kennen. Zwischen Gabeln voller Pasta, nach Brot duftenden Händen und kleinen Anekdoten vergaßen sie kurz alles um sich herum. Doch während Lucia mit leuchtenden Augen von einem Ausgrabungsprojekt erzählte, schlich sich ein Gedanke in Patrizias Herz: Was war das gestern mit Lorenzo gewesen? Warum hallte dieser Satz noch immer in ihr nach? Sie schob den Gedanken weg, lächelte und schenkte sich noch einen Schluck nach. Heute war ein Tag für Sonne, Sekt und das süße Leben. Zum krönenden Abschluss bestellten sich die beiden noch ein Tiramisu, hausgemacht, wie es auf der kleinen Tafel neben dem Eingang stand und dazu einen wunderbar cremigen Cappuccino mit einem Herz aus Milchschaum. Ein Gedicht, dachte Patrizia, als der Löffel durch die fluffige Mascarpone glitt. Doch der Moment der Ruhe war schnell dahin, als sich eine Familie direkt hinter ihnen an den Tisch setzte. Ein quirliges, freches kleines Mädchen schob sich ungeduldig zwischen den Stühlen hindurch und rempelte Patrizia mehrmals an, trat ihr sogar versehentlich gegen die Stuhllehne. Sie bemühte sich, es zu ignorieren, trank einen weiteren Schluck Cappuccino und schob sich demonstrativ ein großes Stück Tiramisu in den Mund. Lucia beugte sich vor, ein schelmisches Grinsen auf den Lippen. „Und? Wie geht’s eigentlich meinem kleinen Bruder in London?“ Bumm. Ein Volltreffer. Patrizia verschluckte sich beinahe an ihrem Kaffee, setzte die Tasse vorsichtig ab und sah Lucia an. Ihre Wangen liefen rot an. Dann seufzte sie und sagte ganz leise: „Er hat mich gestern geküsst.“ Lucia spuckte fast ihr Wasser über den Tisch. „Was?!“ rief sie, nicht unbedingt leise. Einige Gäste sahen rüber. Das Kind hinter Patrizia stieß wieder gegen den Stuhl. „Er hat mich einfach geküsst“, wiederholte sie, „nachdem er mich nach Hause gebracht hat. Und dann hat er gesagt: Warte, bis ich nach Hause komme. Dann will ich der Mann sein, den du dir immer erträumt hast.“ Lucia starrte sie an – mit offenem Mund. „Ich glaub’s nicht … Und du erzählst mir das einfach so beim Cappuccino? Weißt du eigentlich, wie oft er in den letzten Monaten von dir gesprochen hat? Dass du ihm die besten Cafés gezeigt hast, die Stadt erklärt hast, dass du ihm das Gefühl gegeben hast, angekommen zu sein … Ich dachte schon, ich bild mir das alles ein.“ Patrizia runzelte die Stirn. „Du hast das gemerkt?“ Lucia nickte. „Er hat dich immer schon anders angeschaut. Keine Freundin war gut genug. Und bei deinen Freunden wurde er seltsam ruhig oder giftig. Eifersüchtig. Ich glaube, er hat dich schon viel länger ins Herz geschlossen. Nur … naja … du warst eben Patrizia seine große Schwesterfreundin.“ Patrizia senkte den Blick. „Ich weiß nicht, was ich fühlen soll. Es hat mich total aus dem Gleichgewicht gebracht. Vielleicht ist der Abstand jetzt wirklich gut. Ich muss sortieren, was das mit mir macht …“ BAM. Wieder ein Stoß gegen die Stuhllehne. Dieses Mal rutschte sogar ihre Tasche beinahe vom Haken. Patrizia drehte sich schlagartig um, atmete tief durch und sah die Mutter des Kindes direkt an. „Könnten Sie bitte ein wenig besser auf Ihre Tochter achten?“ fragte sie freundlich, aber bestimmt – mit diesem typisch römischen Unterton, der zwischen Charme und Ärger balanciert. Lucia schnaubte leise. „Komm, lass uns zahlen und zu mir gehen. Mein Bruder ist gerade genug Aufregung für heute.“ Patrizia grinste, legte ein paar Scheine auf den Teller und stand auf. „Ja, ich ruf gleich meinen Papa an. Wenn wir gemütlich bei dir sind, holt er mich ab. Und du erzählst mir dann, was bei dir eigentlich los ist. Denn ich bin nicht die Einzige, die was zu verbergen hat, Signorina.“ Sie lachten – und ließen das laute Kind und das klebrige Tiramisu einfach hinter sich. Kaum hatten sie den kleinen Marktplatz verlassen und waren ein paar Schritte durch die Gassen geschlendert, blieb Lucia plötzlich stehen und zog Patrizia leicht am Ärmel. „Warte mal … was hast du denn da?!“ Patrizia drehte sich verdutzt zu ihr. „Wo?“ Lucia trat einen Schritt näher, musterte ihre Haare und verzog das Gesicht. „Am Hinterkopf … boah, das riecht nach Kaugummi … nach Melone! Oh nein, das ist ein riesen Klumpen!“ „Was?!“ Patrizia riss die Augen auf, versuchte mit den Fingern ihren Hinterkopf zu ertasten. „Wie bitte kommt ein Melonen-Kaugummi in meine Haare?!“ Lucia schüttelte den Kopf. „Ich wette, das war dieses wilde Kind im Restaurant. Das hat dich ja ständig angerempelt …“ Patrizia stöhnte. „Super. Mein erstes Tiramisu seit Monaten und dann sowas. Ich sag’s dir, Lucia … langsam glaub ich, ich rutsch in eine Pechsträhne.“ Oben in Lucias Wohnung angekommen, zog Lucia sich sofort Gummihandschuhe an, ganz die praktische Römerin und holte eine kleine Schere. „Ich versuch’s mal vorsichtig rauszuschneiden“, murmelte sie. Nach ein paar Minuten Stille und etlichen Autsch–Momenten, hielt Lucia inne. „Das wird nix. Ich mach hier ein richtiges Loch rein … das sieht dann aus wie ein missglückter Unfall.“ Patrizia seufzte. „Na toll. Mein erster Tag in Rom, und ich lauf rum wie ’ne Baustelle.“ Dann lachte sie plötzlich. „Ach weißt du was, lass gut sein. Ich ruf meinen Papa an, er soll mich abholen. Und wie ich meine Mutter kenne, hat sie sowieso schon das halbe Familienessen organisiert, samt Tante Maria, die bestimmt ihre Friseurscheren dabei hat. Dann macht die’s gleich richtig.“ Lucia war sichtlich geknickt. „Süße, es tut mir echt leid … das war nicht der Nachmittag, den ich dir gewünscht hab. Oder der erste Tag zurück in Rom …“ Patrizia winkte ab und umarmte sie fest. „Ach Quatsch. Es ist chaotisch, es ist laut, es klebt – es ist Rom. Genau das hab ich vermisst.“ Etwa eine halbe Stunde später hupte es unten auf der Straße dreimal. Patrizia schnappte sich ihre Jacke. „Das ist mein Papa. Ich lass nur die Koffer mit dem Fahrstuhl runter und geh zu Fuß. Ich muss mich eh abregen.“ Lucia lachte. „Na dann … Buona fortuna mit Tante Marias Haarschneidekünsten!“ Patrizia zwinkerte. „Wenn ich morgen mit Glatze auftauche, sag bitte, es war ein modisches Statement.“ Mit beiden Koffer im Aufzug, trappelte sie alleine die Treppen runter – stilecht mit halb zerzaustem Haar, zerknittertem Herz und einem Lächeln im Gesicht. Draußen wartete ihr Vater schon im Wagen, öffnete die Tür und sagte: „Na, Principessa – ein aufregender erster Tag?“ Patrizia grinste und stieg ein. „Du hast ja keine Ahnung …“ Und so fuhren sie durch den dichten Feierabendverkehr am Stadtrand entlang, Richtung Zuhause. Eine kleine Villa mit Olivenbaum im Garten, bellendem Hund vor dem Tor und der sicheren Aussicht auf gutes Essen und zu viel Familie. Kaum war der Wagen im kleinen Innenhof geparkt, sprang Patrizia aus dem Auto, ihr Vater rief ihr noch etwas nach, aber sie war schon mit ihren Koffern in der Auffahrt verschwunden. Die vertraute weiße Villa mit den grünen Fensterläden, dem knirschenden Kiesweg und dem wackeligen Windspiel an der Terrassentür stand da wie immer und doch fühlte es sich für sie wie das erste Mal an. Kaum hatte sie die Tür geöffnet, ertönte das helle, vertraute Klingeln über der Eingangstür und da stand auch schon ihre Mutter, mit Küchenschürze und Tränen in den Augen. „Patrizia!“ Noch bevor Patrizia überhaupt etwas sagen konnte, wurde sie in einen dieser festen, duftenden „Mamma-Umarmungen“ gedrückt, mit ein bisschen Mehl an der Schulter und einem leichten Zittern in der Stimme. „Oh Schatz, du bist wirklich da. Ich hab den Sonntag im Kopf gehabt, du weißt ja, ich und mein Kalender …“ Dann aber wich ihre Mutter mit einem plötzlichen Ruck zurück, starrte auf Patrizias Hinterkopf und sog scharf die Luft ein. „Heilige Maria – was ist DAS?!“ Patrizia stöhnte nur. „Melonen-Kaugummi. Vom Restaurant. Lange Geschichte.“ Ihre Mutter machte sofort kehrt, lief Richtung Wohnzimmer und zückte dabei das Handy. „Maria! Bring die Scheren mit! Ja, ALLE! Sofort! Es ist ein Notfall. Und zieh dir was Ordentliches an, wir essen gleich!“ Patrizia seufzte. „Na toll … ich bin noch keine halbe Stunde Zuhause und schon ist meine Frisur ein Fall für die Familienversammlung.“ Keine zwanzig Minuten später standen Tante Maria und ihre berühmte Haarschneidekiste mitten im Wohnzimmer. Sie trug ihre Friseurschürze mit Stolz, als ginge es auf die Mailänder Fashion Week. „So, wir machen das jetzt ordentlich. Nicht weinen, Patrizia – du bist wunderschön. Auch mit weniger Haar!“ Vor dem Essen wurde geschnippelt, gekämmt, gezupft und geföhnt, als ginge es um Leben und Tod. Patrizia hielt tapfer still – naja, fast. Dann sah sie sich im Spiegel. „Oh mein Gott … jetzt seh ich ja aus wie ein Junge!“ Stille. Und dann: lautes Gelächter. Erst ihr Vater, dann ihre Mutter, Tante Maria prustete los, sogar Nonna, die aus der Küche hereinschaute, kicherte und rief: „Ein hübscher Junge! Aber ein Junge!“ Patrizia verzog das Gesicht, doch dann lachte sie selbst mit. „Na gut, nennen wir’s französischen Chic.“ Der Abend wurde gemütlich und laut – wie es nur italienische Familienessen sein können. Am Tisch wurde diskutiert, gelacht, gegessen, nachgelegt, gestritten, wieder versöhnt. Es gab hausgemachte Lasagne, Zitronenhähnchen, frisches Brot mit Rosmarinöl und den berühmten Tiramisù von Nonna, den eigentlich niemand schlagen konnte. Zwischendurch erzählte Patrizia von London, vom Studium, von Lucia, Toni, von einem fast überfahrenen Vespa-Moment – und ließ Lorenzo nur am Rande fallen. Ihre Mutter beobachtete sie dabei ganz genau. Zum Schluss saßen sie noch bei einem Espresso und einem Glas Limoncello, während der Hund am Tisch döste. Patrizia lehnte sich zurück, fuhr sich durch ihre kurzen Haare – und lächelte. „Weißt du was? Vielleicht ist es gar nicht so schlecht mit dem Pixie Cut.“ Tante Maria prostete ihr mit dem Glas zu. „Sag ich doch. Du siehst jetzt aus wie eine italienische Audrey Hepburn.“ Und so endete ihr erster Tag in Rom – mit vollem Bauch, kürzerem Haar, aber einem noch wärmeren Herzen.
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