Kapitel 5 – Ein erster Verdacht
Patrizia streckte sich genüsslich in ihrem weichen Bett. Endlich mal wieder zu Hause. Kein Straßenlärm, keine kreischenden Möwen über der Themse, keine quietschenden Rohre in ihrer Altbauwohnung in London, stattdessen: der beruhigende Duft von frischer Bettwäsche, das Zwitschern der Spatzen vorm Fenster und der vertraute, leicht süßliche Geruch, den nur ihr Kinderzimmer hatte.
Sie zog ihren alten fliederfarbenen Morgenmantel über, schlüpfte barfuß in die Latschen und tappte verschlafen die knarzende Holztreppe hinunter in die Küche.
Die Kaffeemaschine blinkte ihr vertraut entgegen. Patrizia schmunzelte. Ihre Mutter hatte das alte Ding nie gegen eine moderne Maschine eingetauscht.
Während sie auf das vertraute Brumm-Brumm-Pschhhhh wartete, wanderte ihr Blick durch den Raum und dann fiel es ihr auf:
Keine Spur von Magda.
„Komisch“, murmelte sie.
Normalerweise hätte Magda schon längst den Frühstückstisch gedeckt, in ihrer Schürze gewuselt, leise mit sich selbst gemurmelt und ihre Mutter angewiesen, die Marmeladengläser nicht zu verwechseln.
Aber nichts. Nicht gestern Abend, nicht jetzt.
Und auch Rodolfo, der alte, leicht grummelige Gärtner mit dem Hut, war gestern auch nicht zu sehen gewesen.
Mit ihrer Kaffeetasse in der Hand öffnete sie die Terrassentür und trat hinaus in den Garten. Die Morgensonne glitzerte sanft über dem noch feuchten Rasen, der tatsächlich gemäht war, aber als sie sich umsah, fielen ihr die ungewohnt wilden Sträucher auf.
Die Hecken waren nicht geschnitten, der Lavendel wucherte ungeordnet in alle Richtungen und selbst der Zitronenbaum, der sonst so akkurat in Form gebracht war, reckte seine Zweige wild in den Himmel.
„Also Rodolfo hätte das nie so gelassen…“
Gerade in diesem Moment hörte sie das Klappern von Geschirr. Ihre Mutter kam aus dem Haus, bereits zurechtgemacht, mit Lippenstift und Hochsteckfrisur, als wäre es ein Sonntag mit Besuch.
„Buongiorno, Schatz. Gut geschlafen?“
„Ja, herrlich“, antwortete Patrizia und hob die Tasse. „Aber sag mal… wo ist Magda eigentlich? Und Rodolfo? Ich hab beide seit meiner Ankunft noch nicht gesehen.“
Ihre Mutter zuckte nur kurz mit den Schultern und lächelte, zu schnell, zu gezwungen.
„Ach ja, die beiden sind im Urlaub. Lange geplant. Sie… sie kommen in ein paar Wochen zurück.“
Patrizias Augen verengten sich leicht.
Ihre Mutter blickte auf den Boden, streichelte wie zur Ablenkung über das Geländer und nahm dann einen Schluck von ihrem Espresso.
Sie log.
Patrizia kannte dieses Zucken in ihrer rechten Augenbraue, dieses leichte Herunterziehen der Mundwinkel, ihre Mutter konnte Lügen nicht besonders gut verstecken.
„Aha… na dann sollen sie es genießen.“ Patrizia nippte an ihrem Kaffee, sagte nichts weiter.
Aber innerlich arbeitete es.
Was war hier los?
Warum würde ihre Mutter sie anlügen – vor allem wegen etwas so Banalem wie Magda und Rodolfo?
Während sie noch darüber nachdachte, drehte sie die Tasse langsam in den Händen.
Morgen würde ihr Vorstellungsgespräch bei der Kanzlei sein – das hatte sie bereits in London organisiert. Und auf dem Rückweg… da würde sie einfach mal bei Magda und Rodolfo vorbeischauen.
Wenn sie wirklich im Urlaub waren, würde sie es ja sehen. Und wenn nicht… Tja. Dann stimmte etwas ganz und gar nicht.
Am nächsten Morgen
Die Sonne schlich sich zaghaft durch die weißen Gardinen und kitzelte Patrizia an der Nase. Heute war ein besonderer Tag, ihr Vorstellungsgespräch bei der Kanzlei stand an. Auch wenn sie noch nicht genau wusste, ob sie wirklich zurück in die römische Arbeitswelt wollte, so fühlte sich dieser Schritt doch richtig an.
Sie öffnete ihren Kleiderschrank und griff zu dem Hosenanzug, den sie sich noch in London gegönnt hatte – petrolfarben, elegant geschnitten, mit schmaler Taille und leicht ausgestelltem Bein. Dazu kombinierte sie ein schlichtes, aber edles Seidentop in Cremeweiß, das wie flüssiges Licht über ihre Haut floss.
Vor dem Spiegel schminkte sie sich dezent: ein wenig Concealer, ein Hauch Mascara, ein sanfter Bronzer und zum Schluss ihr Lieblingslippenstift – ein warmes Braun mit goldenen Schimmerpartikeln, der ihre grünen Augen strahlen ließ.
Dann war der Pixie dran. Sie föhnte ihre dunklen Haare kurz an, zupfte ein paar Strähnchen frech nach oben und fixierte sie mit etwas Haarspray. Elegant, aber mit einem Augenzwinkern. So mochte sie sich.
Als sie die Treppe hinunterging, hörte sie schon das Klirren von Geschirr. Ihre Mutter stand in der Küche, eine Espressotasse in der Hand, und sah auf, als Patrizia eintrat.
„Wow…“, sagte sie nur.
Dann legte sie die Tasse ab, kam näher und musterte sie mit einer Mischung aus Stolz und Wehmut.
„Toll siehst du aus, mein Schatz. Aber… deine Haare… ich trauere ihnen wirklich hinterher.“
Patrizia schmunzelte und strich sich spielerisch durch den kurzen Schnitt.
„Ich auch, Mama. Ein bisschen zumindest. Vielleicht sollte ich Tante Maria mal nach einer Perücke fragen, so eine mit wallenden Locken, weißt du?“
Ihre Mutter prustete los.
„Ach hör auf. Du würdest selbst in einem Kartoffelsack gut aussehen. Aber ja, frag sie ruhig – ich glaube, sie hat noch ein paar Exemplare im Schrank.“
Patrizia lachte und griff nach ihrer Handtasche.
„Ich melde mich nach dem Gespräch, ja? Drück mir die Daumen.“
„Immer. Und denk dran: Du bist eine Moretti – wir fallen vielleicht mal hin, aber wir stehen immer mit Stil wieder auf.“
Mit einem Augenzwinkern verließ Patrizia das Haus. Bereit, sich ihrer neuen alten Heimat zu stellen, mit Stil, Charme und einer Prise italienischem Trotz.
Patrizia war pünktlich. Kein Wunder, sie hatte sich heute zur Abwechslung für den Bus entschieden, obwohl sie ihre geliebte Vespa sonst jedem Verkehrsmittel vorzog. Doch heute durfte nichts schiefgehen. Die Frisur saß und sollte auch bitte bis zum Ende des Vorstellungsgesprächs sitzen bleiben.
Der Termin verlief überraschend angenehm. Die Räumlichkeiten waren modern, der Empfang herzlich und das Gespräch… lief wie am Schnürchen. Patrizia spürte beim Rausgehen dieses seltene, wohlige Gefühl:
Das könnte etwas werden.
Mit einem erleichterten Lächeln trat sie wieder hinaus in die römische Sonne. Sie atmete tief durch, zog ihre Sonnenbrille aus der Tasche und machte sich auf den Weg – ein paar Straßen weiter, Richtung Roma San Pietro.
Diese Ecke war schon immer etwas Besonderes für sie gewesen. Zwischen den antiken Mauern und den gepflegten Gärten konnte man die Dächer vom Vatikan sehen, majestätisch und still. Die Straßen waren in den letzten Jahren touristischer geworden, klar – doch für Patrizia war das hier einfach Rom pur. Grün, lebendig, ein bisschen chaotisch aber voller Herz.
Als sie um die Ecke bog, entdeckte sie sofort die vertraute gelbe Fassade des Hauses, in dem Magda und Rodolfo wohnten. Auf der Terrasse stand Magda, die gerade in aller Ruhe weiße Laken aufhängte, die im Wind flatterten.
Patrizias Magen zog sich zusammen.
„Hab ich’s doch gewusst…“, murmelte sie.
Sie trat an die schwere Holztür und klopfte. Magda schaute zunächst irritiert, brauchte einen Moment, doch dann hellte sich ihr Gesicht auf.
„Oh, mein Gott! Patrizia! Meine Kleine!“
Schon war sie herangestürmt und nahm sie mit ihren kräftigen Armen in eine herzliche Umarmung.
„Bist du’s wirklich? Was für eine Überraschung! Und wie hübsch du aussiehst – dreh dich mal um, lass mich dich anschauen!“
Patrizia lachte – sie konnte nicht anders.
„Immer noch die gleiche Magda!“
Hinter ihr hörte sie Schritte und ein fröhliches Brummen.
„Na, was haben wir denn da für eine elegante junge Frau?“ Rudolfo trat um die Ecke, in der Hand eine Gartenschere, die Augen leuchtend. Auch er schloss sie in eine Umarmung, die nach Lavendel und Erde roch.
„Komm, mein Schatz, wir setzen uns erst mal, ich mach dir einen richtig guten Kaffee.“
Kurze Zeit später saßen sie zu dritt unter dem großen Olivenbaum auf der Terrasse. Der Mosaiktisch glänzte in der Sonne, auf dem Tablett dampften kleine Espressotassen.
Rudolfos Garten war ein Traum. Alles blühte, nichts war dem Zufall überlassen. Man sah, wie sehr er sich um jeden Zweig kümmerte.
Kaum hatte Patrizia den ersten Schluck getrunken, platzte es aus ihr heraus.
„Magda… meine Mutter hat gesagt, ihr wärt im Urlaub. Noch drei Wochen. Aber offensichtlich… seid ihr das nicht. Was ist hier los?“
Magda legte ihre Hand auf Patrizias.
„Ach, mein Kind… das soll dir deine Mutter oder dein Vater selber erzählen.“
Ein flüchtiger Blick zu Rudolfo, der still nickte.
„Uns geht es gut. Wir machen uns keine Sorgen. Und das solltest du auch nicht.“
Patrizia zog skeptisch die Augenbrauen hoch – doch sie wusste, sie würde jetzt nichts weiter erfahren.
Stattdessen wechselte Magda abrupt das Thema:
„Und? Hast du denn schon einen Mann kennengelernt? So hübsch wie du bist – du kannst doch nicht alleine durch Rom spazieren!“
Patrizia prustete los und verdrehte die Augen.
„Magda! Du bist genauso schlimm wie Mama. Ihr denkt auch nur an Enkelkinder! Nein, ich habe niemanden. Ich will erst mal beruflich Fuß fassen. Nicht umsonst habe ich studiert!“
Magda lachte schallend, während Rudolfo augenzwinkernd nach dem Kuchen griff.
„Na gut, na gut, aber wenn der Richtige kommt, dann will ich der Erste sein, der’s erfährt!“
Patrizia lehnte sich zurück, genoss die Sonne, den Kaffee, die Vertrautheit, aber irgendwo tief in ihr rumorte es.
Etwas stimmte hier nicht. Und sie war fest entschlossen, herauszufinden, was es war.