Kapitel 6 - Die Deadline

1386 Worte
Kapitel 6 - Die Deadline Patrizia verabschiedete sich herzlich von Magda und Rudolfo. Magda drückte ihr noch ein Papiertütchen mit selbstgebackenen Cantuccini in die Hand – „für zwischendurch, wenn du in der Stadt Hunger bekommst“ und Rudolfo zwinkerte ihr zum Abschied zu, während er sich wieder seinem Zitronenbaum widmete. Mit einem warmen Gefühl im Bauch und einem leichten Grummeln im Kopf, irgendwas stimmte einfach nicht mit der Geschichte ihrer Eltern, machte sich Patrizia auf den Weg zurück Richtung Innenstadt. Sie hatte noch eine Verabredung. Toni. Ein Glas Wein. Und Pizza. Ein kleiner Lichtblick nach all den Fragen, die sich langsam in ihrem Kopf sammelten. Sie fuhr mit dem Bus bis zur Piazza Navona, stieg aus und ging zu Fuß weiter. Die Sonne war schon milder geworden, der Himmel färbte sich leicht rosa, und Rom zeigte sich wieder einmal von seiner schönsten Seite. Sie schlenderte durch eine der kleinen verwinkelten Gassen, als sie plötzlich etwas eiskalt traf. Ein dumpfes „Platsch!“ Dann Nässe. Viel Nässe. Und etwas, das unangenehm nach Seife, alten Lappen und Schmutzwasser roch. Ihr blieb fast das Herz stehen. Ein ganzer Eimer Putzwasser war ihr über den Kopf geschüttet worden. Sie stand da, wie aus einem kitschigen italienischen Film, klatschnass, das Wasser tropfte aus ihren Haaren, die Wimperntusche lief ihr schwarz über die Wangen und ihr schöner Seidenblazer klebte wie eine zweite Haut an ihrem Körper. „Oh Madonna, ich hab dich nicht gesehen!“ rief eine ältere Frau aus dem dritten Stock, die sich jetzt aus dem Fenster lehnte, das Putztuch noch in der Hand. „Ja, es ist schon zu spät…“ murmelte Patrizia fassungslos. Und das war es tatsächlich. Sie warf einen schnellen Blick auf ihr Spiegelbild im Schaufenster, Panda-Augen, ein verwischter Lippenstift, Haare wie ein nasser Vogel und stöhnte. „Perfekt. Einfach perfekt.“ Wütend und gleichzeitig den Tränen nah, drehte sie sich um und lief los. Richtung Laden ihres Vaters. Als sie dort klitschnass ankam, bimmelte die kleine Türglocke, und ihr Vater sah sofort von seinem Arbeitstisch auf. „Santo cielo, was ist denn mit dir passiert, mein Kind?“ „Papa, du wirst es nicht glauben: Eine Frau hat mir einfach einen Putzeimer über den Kopf geschüttet, aus dem dritten Stock!“ „Ach, Patrizia… du weißt doch, man geht nicht so nah an der Hauswand. Geh mittig! Das passiert hier ständig.“ „Ach, schön… jetzt gibst du auch noch der Tochter die Schuld.“ Sie lachte halb – halb wollte sie weinen. „Hast du noch was zum Anziehen für mich? Ich hab gleich eine Verabredung und sehe aus wie ein durchtränkter Waschlappen.“ Er überlegte kurz. „Hinten an der Stange, ganz in der Ecke, hängt ein Anzug. Wurde nie abgeholt. War für einen kleinen, dürren Mann, könnte dir passen.“ „Na, vielen Dank auch, Papa.“ Hinten im kleinen Umkleideraum, direkt neben der Schneiderpuppe mit Maßband um den Hals, schloss Patrizia leise die Tür hinter sich. Sie tropfte noch immer, der feine Seidenstoff klebte an ihrem Körper und der BH… „Oh Mann…“ murmelte sie, als sie das klamme Ding von ihrer Haut zog. Eiskalt, durchweicht und irgendwie auch ein bisschen eklig. Sie schälte sich vorsichtig aus den nassen Klamotten, wickelte sie in ein Handtuch, das sie in einer Ecke fand, und stand dann einen Moment da, fröstelnd, halb nackt und ziemlich genervt. Unterwäsche? Keine Chance. Auch die war komplett durchnässt. Sie zögerte kurz, dann zuckte sie mit den Schultern. „Na gut. Geht eben mal ohne.“ Sie schlüpfte in das Outfit, das ihr Vater vorgeschlagen hatte: ein schmal geschnittener Anzug in dunklem Anthrazit, ursprünglich für einen kleinen, dünnen Herrn gefertigt, aber erstaunlich gut geschnitten. Die Hose saß fast perfekt, nur ein wenig hoch an den Knöcheln, und das Sakko war lässig weit, fast schon cool. Sie band sich einen Gürtel um die Taille, krempelte die Ärmel etwas hoch und trat vor den großen Spiegel. „Super. Ich seh aus wie ein junger Mann auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch.“ Sie seufzte und musste dann doch lachen. Sie griff in ihre Tasche nach den Abschminktüchern, rieb sich über die Augen, dann die Lippen alles musste runter. Der Mascara war eh verlaufen, der Lippenstift nur noch ein Schatten. Weg damit. Jetzt stand da plötzlich eine völlig andere Version von ihr im Spiegel. Kurzhaarig, schmucklos, in einem Männeranzug, fast androgyn, fast schon ein anderer Mensch. Ein Hauch von Frechheit, von Freiheit lag in diesem Look. „Nicht hübsch. Aber irgendwie… interessant.“ Und genau in diesem Moment, als sie noch einmal über ihre Lippen fuhr und sich fragte, ob Toni sie so überhaupt erkennen würde, da klingelte die Tür. Ein leiser Gong, der durch den Laden hallte. Sie zuckte zusammen. War das Toni? Oder ein Kunde? Oder… jemand anderes? Ein Splitter klirrte. Dann ein dumpfer Knall. Etwas Schweres fiel um. Patrizia hielt den Atem an. Sie hörte Stimmen. Laut. Wütend. „Du kannst nicht mal pünktlich sein, alter Mann!“ „Wir haben dir Geld geliehen!“ „Du bist längst über der Deadline!“ Dann das Schlimmste: „Wir zünden dir den Laden an, wenigstens zahlt die Versicherung!“ Patrizia fror. Für einen Moment war sie einfach nur reglos. Dann schaltete sich ihr Verstand ein. Papa. Sie riss die Tür der kleinen Umkleide auf und rannte barfuß über den Flur. Als sie in den Verkaufsraum stürmte, sah sie das Chaos. Umgeworfene Puppen, Glassplitter am Boden, Stoffballen, die zerrissen in den Ecken lagen. Vitrinen waren zertrümmert, Meterware lag im Staub. Und mittendrin: ihr Vater – bleich, aber aufrecht. Eine Gruppe Männer stand vor ihm, einer hatte bereits einen Benzinkanister entleert, der süßliche, scharfe Geruch brannte in Patrizias Nase. „Halt!“ rief sie. Die Männer drehten sich überrascht um. Ein kurzer Moment der Stille. „Was fällt euch ein?! Das ist Hausfriedensbruch! Sachbeschädigung! Brandstiftung!“ Einer der Männer grinste nur dreckig. „Was willst du uns erzählen, kleiner Mann? Von Recht etwa?“ Er lachte spöttisch. Ein anderer schüttete nochmal Benzin auf den Boden. Patrizia hob das Kinn, ihre Augen funkelten. „Doch, genau davon. Ich habe Jura studiert. Ich kenne mich aus und glaubt mir, ich bin kein Anfänger.“ Ein murmelndes Raunen ging durch die Männer. Dann trat jemand aus dem Schatten, groß, gut gekleidet, schwarzes T-Sirt, schwarze Haare, stechender Blick. Er wirkte wie derjenige, der nicht redete, sondern entschied. „Vielleicht bist du ja doch noch nützlich“, sagte er ruhig. „Unser Boss sucht… Leute mit Verstand. Steig ein. Wir sehen uns das mal an.“ Er lachte leise. „Sei froh, dass du ein Kerl bist. Frauen hätten bei uns ganz andere Aufgaben.“ Seine Worte brannten wie Feuer. Ihr Vater ging einen Schritt auf sie zu. „Das könnt ihr nicht machen!“ „Wie heißt du überhaupt?“ fragte der gutaussehende Mann. Patrizia schluckte. Dann sagte sie: „Patrizio.“ Kurz. Fest. Sie sah ihrem Vater tief in die Augen. Beide wussten, was das bedeutete. „Gib mir fünf Minuten.“ Die Männer gingen nach draußen, die Motoren liefen schon heiß. Patrizia eilte zur Toilette, schnappte sich das Erste-Hilfe-Set, schnürte sich mit Mullbinden eng die Brust. Sie hatte noch nie viel Brust. Es war zwar unbequem, aber effektiv. Dann zog sie sich ein Unterhemd ihres Vaters über, dann ein weißes Hemd, das sie im Nacken zuknöpfte. Sie sah in den Spiegel. Kurzhaarig. Ungeschminkt. Der zarte Schatten ihrer Gesichtszüge war noch da, aber das hier war jetzt Patrizio. Sie trat zurück in den Laden. Ihr Vater wartete an der Tür, seine Augen glänzten. „Ich hätte mir mehr Ehrlichkeit gewünscht“, sagte sie leise. „Mich in London leben lassen, als wäre alles in Ordnung… Ich hätte gearbeitet, Papa. Ich hätte helfen können.“ „Ich weiß“, flüsterte er. „Es tut mir leid, mein Kind.“ „Ich melde mich, wenn ich kann. Sag Mama nur, ich bin bei Lucia. Sie soll sich keine Sorgen machen.“ Sie umarmten sich fest. Viel zu fest. Viel zu kurz. Dann schnappte sie sich ihr Handy, rief Toni an, sagte das Treffen ab, mit einer kurzen, nichtssagenden Ausrede und trat vor den Laden. Und da stand er. Schwarzer Wagen. Schwarze Sonnenbrille. Schwarze Aura. „Hi“, sagte er ruhig. „Ich bin Matteo. Steig ein. Unser Boss wartet schon.“
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