Kapitel 7 - Der Boss

1459 Worte
Kapitel 7 – Der Boss Patrizia saß stocksteif im Beifahrersitz des mattschwarzen Sportwagens. Der Motor schnurrte fast lautlos, während sie durch die Straßen Roms glitten, hinaus aus dem Trubel, weg von der Piazza, hinein in eine andere Welt. Sie warf einen Seitenblick auf Matteo. Er sah aus wie aus einem Gemälde. Kantige Wangenknochen, sonnengebräunte Haut, dunkel glänzendes Haar, lässig zurückgestrichen. Und dann diese Augen – tiefblau, wie das Meer an einem klaren Tag. Er war ruhig, konzentriert, fast schon charmant. Aber unter der Oberfläche spürte sie es – da war Kontrolle. Kalkül. Stärke. Einer, der gewohnt war, zu bekommen, was er wollte. „Also, Patrizio…“, begann er, ohne den Blick von der Straße zu nehmen, „wo hast du studiert?“ „Hier in Rom erst. Jura.“ Sie hielt kurz inne, überlegte, wie viel sie sagen konnte. „Dann später ein Aufbaustudium in London – Wirtschaftsrecht, Unternehmensstrukturierung, Buchhaltung… das volle Paket.“ Sie versuchte selbstsicher zu klingen. „Ich wollte mein Wissen vertiefen.“ „Klingt beeindruckend“, sagte Matteo mit einem kurzen Nicken. „Und wo arbeitest du jetzt?“ „Ich… hatte heute ein Bewerbungsgespräch.“ Technisch gesehen war es keine Lüge. Sie hielten Smalltalk, sprachen über Unis, Unterschiede zwischen Rom und London, den besten Espresso der Stadt, als wäre dies ein normales Gespräch zwischen zwei Menschen auf dem Weg zu einem Meeting. Doch Patrizia spürte, wie sich ihr Magen langsam zusammenzog. Je weiter sie fuhren, desto mehr veränderte sich die Umgebung. Die Häuser wurden größer, nobler und stiller. Keine Touristen, keine Motorroller, nur Privatsphäre. Sie passierten schwere Tore, von Kletterpflanzen überwuchert, steinerne Löwen auf Mauern, vergoldete Klingelschilder. Parioli. Das Viertel der Eliten. Dann, weiter stadtauswärts, wurde es noch exklusiver. Hohe Mauern, fensterlos. Wachtürme. Kameras. Bewegungsmelder. Sie fuhren an einer Mauer entlang, so lang, dass man das Ende nicht sah. Patrizia konnte gerade noch ein Dach erahnen. Moderne Architektur, doch dahinter nichts – nur Stille. „Bei wem genau hast du dir bitte Geld geliehen, Papa?“, schoss es ihr durch den Kopf. Ein kalter Schauer lief ihr den Rücken hinunter. Sie hatte Recht gehabt. Das hier war keine Bank. Kein privater Investor. Keine noble Leihgesellschaft. Ihr Vater hatte sich Geld geliehen bei der Familie, deren Namen man in Rom flüsterte. Und nun saß sie in deren Auto. Verkleidet. In Männerkleidung. Patrizio. Nicht Patrizia. Es war ironisch. Sie hatte Jura studiert, weil sie verstanden hatte, wie sehr das Gesetz sich verbog, wenn es auf bestimmte Namen traf. Und nun war sie selbst auf dem Weg in diese Welt. Als Werkzeug. Als Einsatz. Matteo bog in eine versteckte Einfahrt. Das große Tor öffnete sich wie von Geisterhand. Patrizia schluckte. Sie hörte das Knirschen der Reifen auf Kies. Dann fiel das Tor lautlos hinter ihnen zu. Sie war drin. Die Fahrt endete zehn Minuten später, aber es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Matteo fuhr die Auffahrt hinauf, die sich in großzügigen Kurven durch ein riesiges, parkähnliches Gelände schlängelte. Und dann stand es vor ihr. Was war das bitte? Ein Haus? Eine Villa? Ein privater Palast? In der Mitte des gepflasterten Rondells plätscherte ein großer, kunstvoll verzierter Springbrunnen, aus dessen Mitte eine marmorne Frauenfigur Wasser in die Luft spuckte. Das Gebäude dahinter, eher ein Anwesen, war so imposant, dass es auch dem Kensington Palace Konkurrenz gemacht hätte. Hohe Fenster, Balkone mit Schmiedeeisen, hellsandiger Stein. Und alles, wirklich alles, war perfekt gepflegt. Der Rasen wie mit der Nagelschere geschnitten, die Bäume kunstvoll getrimmt, kein einziges Blatt lag herum. Nicht ein einziges. Matteo schaltete gelassen den Motor aus, warf die Schlüssel lässig einem Mann im schwarzen Anzug zu, der wie aus dem Boden gewachsen war und jetzt an der breiten Steintreppe stand. Patrizia stieg langsamer aus. Ihre Beine fühlten sich plötzlich schwer an. Was zum Teufel tat sie hier? Sie folgte Matteo die Treppe hinauf, Schritt für Schritt. Marmor. Messinggeländer. Goldene Türklinken. Sie atmete tief durch. Drinnen schlug ihr die Pracht entgegen. Das Foyer war aus feinstem weißen Marmor, so rein, dass man sein Spiegelbild darin sehen konnte. In der Mitte ein gigantischer Kronleuchter, funkelnd wie ein gläserner Sternenhimmel. Es roch nach Leder, Zitrus und Macht. „Hier lang“, pfiff Matteo beiläufig und ging durch einen der Seitengänge, direkt auf eine riesige dunkle Flügeltür zu. Massives Holz. Eingerahmt von zwei Säulen. Matteo klopfte dreimal und wartete keine Sekunde, sondern drückte einfach die Tür auf. Patrizia trat über die Schwelle und ihr blieb der Atem weg. Der Raum war groß, aber nicht überladen. Dunkle Holzböden, schwere Regale voller Bücher, in der Ecke ein offener Kamin. Und in der Mitte – Er. Der Mann hinter dem Schreibtisch war der Inbegriff von gefährlich attraktiv. Dunkle Jeans, schwarzes, eng anliegendes T-Shirt, das nichts verbarg. Lederjacke über die Stuhllehne gehängt, an den Armen sah man die feinen Linien eines Tattoos unter dem Ärmel hervorschauen, nur angedeutet, aber gerade das machte es noch reizvoller. Seine Haare dunkel, leicht zerzaust. Die Haut gebräunt. Der Blick? Blaugrau. Eisklar. Genervt. Unverschämt schön. „Wer ist das?“, knurrte er, ohne aufzusehen. Patrizia wurde nach vorne geschoben, landete halb auf einer Ledercouch, die viel zu weich war, um in dieser Situation hilfreich zu sein. „Von dem Moretti-Laden der Sohn“, sagte Matteo locker. „Der Alte konnte das Geld nicht auftreiben, also hab ich seinen Sohn mitgenommen. Ich dachte, ein Anwalt kann nie schaden.“ Der Blick des Mannes hob sich nun. Seine Augen fixierten Patrizia, als würde er sie durchleuchten. Sie spürte, wie sie rot wurde. Schau nicht weg, Patrizia. Nicht. Weg. Doch ihre Augen wanderten zum Boden. Verdammt. „Wie heißt du?“, fragte er schließlich. Die Stimme tief und ruhig. Ein Befehl, kein Gespräch. „Patrizio aber alle sagen Pat“, presste sie hervor und versuchte, dabei nicht ganz so verlegen zu wirken wie sie sich fühlte. Er lehnte sich zurück, seine Finger tippten aneinander. „Hübscher Name für einen Anwalt.“ Lass dich nicht einschüchtern, redete sie sich innerlich zu. Du bist Patrizia. Du hast verdammt nochmal Wirtschaftsrecht in London studiert. Du hast Klausuren überlebt, von denen dieser Typ wahrscheinlich Albträume bekäme. „Ich hab mein Studium abgeschlossen, ich kann mit Zahlen, Gesetzen und Lügen umgehen“, sagte sie, jetzt etwas fester. Ein Hauch eines Lächelns zuckte um seinen Mund. „Das wird sich zeigen.“ Der Boss – der sich nun als Oberhaupt der Bianchi-Familie entpuppte – stand auf. Seine Bewegungen waren ruhig, kontrolliert, fast schon elegant, aber unter der Oberfläche lag eine spürbare Spannung. Er ging zu einem der großen, deckenhohen Regale an der Wand, öffnete eine verschlossene Glastür und griff gezielt nach drei dicken, staubfreien Ordnern. Kein Zögern, kein Suchen. Er wusste genau, wo alles war. Mit einem dumpfen Wumm legte er die Ordner auf dem massiven Tisch vor Patrizia ab. Sie zuckte innerlich zusammen, versuchte sich aber nichts anmerken zu lassen. „Das“, begann er mit ruhiger, aber eindringlicher Stimme, „sind die Unterlagen von unserem Weingut in Sizilien. Eine alte Geschichte. Ein ziemliches Durcheinander, ehrlich gesagt.“ Er sah sie an – direkt, ohne Blinzeln. „Mein Vater war ein guter Mann. Aber… Verträge gehörten nicht zu seinen Stärken. Alles ging damals über Handschlag, Vertrauen, Ehre. Und genau das fällt uns jetzt auf die Füße.“ Patrizia senkte kurz den Blick und legte die Hand auf den obersten Ordner. Sie spürte, wie schwer er war, nicht nur physisch. „In drei Tagen findet ein Treffen mit der Stadtverwaltung auf Sizilien statt. Ich brauche eine klare Einschätzung bis dahin. Fakten. Risiken. Möglichkeiten. Ich hoffe… du enttäuschst mich nicht.“ Sein Ton veränderte sich kaum, aber es lag ein unausgesprochener Druck darin. Nicht aggressiv. Eher wie ein unsichtbares Messer, das ganz leicht an der Kehle ruhte. Patrizia schluckte. Ihr Hals fühlte sich plötzlich trocken an. „Ich… verstehe. Ich kümmere mich darum“, sagte sie leise, aber bestimmt. Er nickte nur, keine Anerkennung, kein Dank. „Damit bist du entlassen.“ Matteo trat aus dem Schatten an der Tür, in den er sich zurückgezogen hatte und warf ihr einen Blick zu, den sie nicht ganz deuten konnte. „Giovanni fährt dich nach Hause. Ich geb ihm Bescheid.“ Damit verließ sie das Büro. Allein. Der Gang war lang und still, nur ihre Schritte hallten auf dem blank polierten Boden. Die Tür fiel leise, aber bestimmt hinter ihr zu. Patrizia atmete tief durch. Sie hatte es gerade noch in der Magengegend gespürt – dieses Gefühl, wenn sich die Realität wie ein Vorhang hebt und etwas Neues beginnt. Nicht geplant. Nicht gewollt. Aber unausweichlich. Sie trat hinaus auf die große Eingangstreppe. Die Luft war mild, fast süß vom Duft der Zypressen, doch sie roch auch… Bedrohung. Verantwortung. Und eine Entscheidung, die sie nicht bewusst getroffen hatte. Aber jetzt mittendrin steckte.
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