Kapitel 8 - Die Prüfung
Die schwere Tür des Anwesens fiel leise hinter ihr zu – ein Klick, das sich wie ein Siegel anfühlte. Patrizia atmete tief durch. Ihre Finger krallten sich kurz um den Träger der schweren Ordner, die sie nun wie eine unsichtbare Last begleiteten.
Am Fuße der Marmortreppe stand schon ein Wagen bereit, schwarz, glänzend, diskret.
Giovanni, der Fahrer, ein Mann in dunklem Anzug mit braunem Haar und zurückhaltendem Blick, öffnete wortlos die Tür zur Rückbank.
„Danke“, murmelte sie und stieg in den Wagen.
Sie gab leise Lucias Adresse durch.
Nach Hause konnte sie nicht. Ihre Mutter würde zerbrechen an der Schuld.
Patrizia zückte ihr Handy. Bist du zuhause?
Die Antwort kam prompt: Bin in etwa 30 Minuten da. Du glaubst nicht, was bei mir heute los war!
Du glaubst es nicht, dachte Patrizia und ließ das Handy sinken.
Giovanni fuhr ruhig, schweigsam, aber nicht kalt. Man merkte, er war einer, der mehr wusste, als er sagte. Nach ein paar Minuten sagte er leise:
„Massimo spricht selten persönlich mit jemandem. Wenn er dir was gibt… ist es ernst.“
Sie antwortete nicht direkt. Stattdessen sah sie hinaus auf die römischen Gassen, die an ihr vorbeizogen. Hinter den Fenstern der Wohnungen flackerte warmes Licht, eine Vespa zischte vorbei, ein paar Jugendliche lachten an einer Straßenecke.
Alles wirkte normal. Doch in ihr war es ein einziges Brodeln.
Sie sah auf die Ordner auf ihrem Schoß.
Sizilien. Ein Weingut. Ein Grundstücksstreit.
Oder war es nur die Oberfläche?
Sie starrte die Akten an, als würden sie ihr gleich ein Geheimnis ins Gesicht schreien.
Was hatte ihr Vater da nur angerichtet?
Als der Wagen vor Lucias Wohnung hielt, bedankte sie sich leise. Giovanni nickte, blickte sie einen Moment länger an, als nötig, vielleicht mit einem Hauch von Sorge und fuhr davon.
Patrizia warf einen Blick auf das Klingelschild. Lucia war natürlich noch nicht da.
Sie ging nicht hoch.
Sie setzte sich einfach auf die Treppenstufen, legte die Ordner neben sich, atmete einmal tief durch und klappte den obersten auf.
Verträge. Handskizzen. Alte Notarvermerke in wackeliger Handschrift. Sie versank in einem Meer aus Papier. Und mit jedem neuen Blatt wuchs das Gefühl, dass dieser Auftrag weit mehr war als nur eine Gefälligkeit.
Sie merkte gar nicht, wie die Zeit verflog, wie die Dunkelheit sich langsam über Rom legte.
Die Straßenlaternen warfen warmes Licht auf die alten Hausfassaden, eine Katze schlich vorbei, bis plötzlich eine Hand auf ihrer Schulter lag.
„Madonna mia! Was machst du denn da unten wie ein Straßenkind?!“, hörte sie Lucias Stimme.
Patrizia zuckte zusammen, riss den Kopf hoch. Ihre Augen waren müde, ihr Blick abwesend.
Lucia beugte sich zu ihr hinunter, runzelte die Stirn. „Was ist denn passiert? Du siehst ganz anders aus.“
Patrizia seufzte, klappte den Ordner zu und stand langsam auf.
„Ich glaub, ich brauche erstmal ein Glas Wein… und ich muss reden. Und zwar viel.“
Lucia hakte sich wortlos bei ihr unter, und gemeinsam verschwanden sie im Treppenhaus.
Sie lagen quer auf Lucias Couch, barfuß, in Jogger und einer Decke halb über die Beine geworfen. Die Gläser halb voll mit Wein, die Grissini lagen in einer Schale zwischen ihnen, von der sie ständig naschten, ohne es richtig zu merken.
Patrizia war leergeredet, und Lucia sah sie mit großen, mitfühlenden Augen an.
„Das klingt wie ein verdammter Krimi. Nur dass du mittendrin bist…“
Patrizia lehnte den Kopf an die Sofalehne und seufzte. „Ja. Und das scheint meine Prüfung zu sein. Ich glaub, die wollen sehen, ob ich überhaupt was tauge… als Anwältin, als Mensch. Ob ich’s wert bin.“
Lucia runzelte die Stirn. „Oh je, Schatz. Das tut mir echt leid. Und dass deine Eltern dich da so im Dunkeln gelassen haben… das ist mies. Weißt du wenigstens, wie viel sie sich geliehen haben?“
Patrizia schüttelte langsam den Kopf.
„Keine Ahnung. Aber es muss viel sein, wenn sie mich dafür quasi kaufen. Ich glaub, ich muss morgen mit meinem Vater sprechen. Richtig sprechen. Ehrlich.“
Es wurde still. Nur draußen hörte man ab und zu einen Roller vorbeirattern.
„Lucia…“, begann sie zögerlich und drehte sich leicht zur Seite, „kann ich vielleicht erstmal hierbleiben? Ich mein… bei mir im Viertel kennt mich jeder. Da werde ich sofort als Patrizia angesprochen. Und ich seh ja grad eher aus wie mein eigener kleiner Bruder, wenn ich einen hätte.“
Lucia grinste, nahm einen Schluck Wein und nickte sofort.
„Natürlich bleibst du hier. Ohne Wenn und Aber. Das Zimmer von meinem Bruder steht eh leer. Und der kommt so schnell auch nicht wieder aus London zurück.“
Patrizia lächelte zum ersten Mal seit Stunden etwas aufrichtiger.
„Danke.“
Lucia deutete mit dem Kopf Richtung Flur.
„Weißt du… nach dem Tod meiner Nonna wollte ich eigentlich gar nicht hier wohnen. Aber die Wohnung ist einfach perfekt gelegen – zentral, gemütlich… und mit der Nähe zu Zara und Sephora konnte ich eh nicht Nein sagen.“
Sie grinste verschmitzt.
Ihr Bruder war dann einfach mit eingezogen. Bis er sein Studienplatz bekommen hat, dann ist er nach London. Und ihre Eltern…, die wollten nach all dem Trubel auf’s Land. Ihr Papa arbeitet von dort aus. Irgendwas mit IT, was keiner versteht, aber alle satt macht.“
Patrizia zog sich die Decke ein Stück höher und schloss die Augen für einen Moment.
„Ich glaub, das hier ist das erste Mal heute, dass ich durchatmen kann.“
Lucia lehnte sich an sie und sagte leise:
„Dann atme. Ich pass auf dich auf.“
Und so saßen sie da – zwei Freundinnen, ein Glas Wein, und ein riesengroßes Durcheinander, das noch lange nicht vorbei war.
Aber für den Moment reichte es, zu wissen, dass man nicht allein war.
Am nächsten Morgen kam Patrizia frisch geduscht aus dem Bad. Ihre Haare klebten noch feucht am Nacken, und auf ihrer Haut lag der warme Duft von Vanille und einem Hauch Lavendel. Sie fühlte sich wie neu geboren, zumindest körperlich. Innerlich war alles noch ein einziges Durcheinander.
Mit einem Handtuch um den Kopf geschlungen, setzte sie sich aufs Bett im Gästezimmer, besser bekannt als Lorenzos Reich. Der Kleiderschrank stand offen, als würde er sie auffordern, sich zu bedienen. Sie starrte in die akkurat gefalteten Shirts, Hemden, und Hosen, als könnten sie ihr die Entscheidung abnehmen.
In diesem Moment steckte Lucia den Kopf durch die Tür, noch im Pyjama, ein Kaffeebecher in der Hand. Sie blieb stehen und zog eine Augenbraue hoch.
„Sag mal… überlegst du ernsthaft, was du anziehst, indem du meinen Bruder hypnotisierst, also seinen Kleiderschrank?“
Patrizia drehte sich halb zu ihr um, seufzte.
„Ich bin einfach überfragt. Gehe ich heute als Patrizia raus oder… bleibe ich inkognito? Als Patrizio.“ Sie hob eine Jogginghose hoch und ließ sie gleich wieder fallen.
„Ich meine, was ist wenn die mich beobachten…“
Lucia trat näher, stellte den Kaffeebecher auf dem Nachttisch ab und setzte sich neben sie.
„Ich denke, es ist besser, du bleibst vorerst undercover. Die wollen bestimmt mehr über dich rausfinden, wo du wohnst, wie du dich bewegst, was du mit den Unterlagen machst. Du bist denen bestimmt gerade wichtig, um unbeobachtet zu bleiben.“
Patrizia nickte langsam.
„Also gut. Patrizio it is.“
Lucia sprang auf und zog eine hellgraue Stoffhose aus dem Schrank, dann ein dunkelblaues Shirt. „Das hier sollte dir passen. Und wenn nicht, bring’s deinem Papa. Vielleicht kann er’s dir ein bisschen enger machen.“
Patrizia grinste und nahm die Sachen entgegen. „Dann geb ich ihm gleich drei Hosen mit. Wenn schon, denn schon. Ein bisschen schneiderlicher Feinschliff, wie er’s nennt.“
Lucia schüttelte lachend den Kopf.
„Oh Mann, Lorenzo wird durchdrehen, wenn er merkt, dass du seine Klamotten benutzt und sie einfach ändern lässt.“
„Erstens“, sagte Patrizia, während sie sich das Shirt schon mal über den Kopf zog, „ist er nicht da. Und zweitens – ich glaub nicht, dass er mir böse sein kann… nicht nach dem Kuss.“
Lucia hielt kurz inne, ihre Augen wurden groß.
„Stimmt. Der Kuss. Ich hab den fast verdrängt bei dem ganzen Drama.“
„Tja… ich nicht“, murmelte Patrizia und blickte in den Spiegel, während sie das Shirt glattstrich. „Er auch nicht, glaub ich. Ich wette, er denkt grad in London an mich.“
Lucia schnappte sich ihren Kaffee, trank einen Schluck und grinste verschmitzt.
„Dann lass ihn schön weiter träumen, Mister Patrizio.“
Und so stand Patrizia – pardon, Patrizio – kurze Zeit später in Lorenzos Klamotten, sah in den Spiegel und hob eine Augenbraue.
Nicht perfekt, aber überzeugend genug, um durch Rom zu laufen, ohne aufzufallen.
Jetzt musste sie nur noch durchhalten. Und irgendwie den Überblick behalten zwischen falschen Identitäten, echten Gefühlen und der verdammten Sache mit dem Weingut in Sizilien.