Kapitel 9 - Die Schuld

1743 Worte
Kapitel 9 – Die Schuld Patrizia setzte sich noch schnell ein Cap auf. Ein Versuch, ihren Look als Patrizio etwas zu vervollständigen und verabschiedete sich von Lucia, die mit Büchern unterm Arm zur Uni losmusste. „Viel Glück, Prinz Inkognito“, flüsterte Lucia noch, formte mit den Fingern einen Kussmund und war auch schon um die Ecke verschwunden. Patrizia grinste, hob die schwere Einkaufstüte mit den Ordnern und machte sich auf den Weg. Der Plan war klar: Lieblingscafé, Cappuccino, ein Croissant und stundenlanges Wühlen durch Weingut-Chaos und dann ein Mittagessen mit ihrem Vater. Sie bog gerade um die Ecke zur großen Kreuzung, als der Bus anrollte. Patrizia stellte die Tüte ab, um kurz durchzuatmen – da sah sie ihn: Toni. In voller Montur, im Bus, mit Sonnenbrille auf dem Kopf und einem dieser Stirnblicke, bei denen man nie genau wusste, ob er gerade tagträumte oder sich auf den Verkehr konzentrierte. Spontan klopfte sie ans Fenster. Er brauchte ein paar Sekunden. Schaute erst wie durch sie hindurch, dann wanderte sein Blick tiefer, prüfender. Schließlich weiteten sich seine Augen und öffnete die Tür, obwohl die Ampel noch rot war. „Meine Güte… Patrizia? Oder… warte, doch nicht? Was ist denn mit dir passiert?“ Sie stieg ein, schnappte sich ihre Tüte und ließ sich auf den Sitz fallen. „Hör bloß auf, ich bin gerade in einer Pechsträhne deluxe. Mein Leben hat eine Kurve genommen, die ich nicht mal mit GPS gefunden hätte.“ Er warf ihr einen fragenden Blick zu, schloss die Tür wieder, als es grün wurde und fuhr los. „Okay. Ich sag schon mal nichts. Aber… ich bin neugierig.“ Patrizia lehnte sich zurück, atmete tief durch. „Toni… es tut mir leid wegen gestern.“ Er lächelte leicht, sagte aber nichts. Nur ein Nicken. Und dann ein leises: „Schon okay. Ich hab mir Sorgen gemacht. Aber jetzt, wo du wie mein kleiner Cousin aussiehst, bin ich wenigstens ein bisschen beruhigt.“ Sie lachte, obwohl ihr nicht danach war. „Setz mich bitte beim Tivoli-Brunnen ab, ja? Ich muss… arbeiten. Eine Art Job-Prüfung.“ „Eine Prüfung? In so einem Outfit?“ Er musterte sie von der Seite, als der Bus sich durch den Vormittagsverkehr schob. „Ja. Es ist kompliziert. Und ich erklär dir alles, ehrlich. Aber erst, wenn ich selbst ganz durchblicke.“ Toni hielt wie gewünscht. „Okay, du geheimnisvoller Kerl. Viel Erfolg, Patrizia oder wer auch immer du heute bist.“ Patrizia stieg aus, winkte und lächelte ihm noch einmal zu, bevor sie sich die Tüte wieder schnappte. Der Wind wehte durch die Bäume, Wasser plätscherte leise am Brunnenrand, und das Café duftete schon von weitem nach frischen Cornetti. Sie setzte sich draußen auf die kleine Terrasse, holte die Ordner raus – und versuchte, sich zu konzentrieren. Aber in ihrem Kopf tobte alles: die Lügen ihrer Eltern, das Mandat von einem Mafiaboss… und Toni, der irgendwie immer wieder zur richtigen Zeit auftauchte. Sie war so tief in die Unterlagen vertieft, dass sie das Vibrieren ihres Handys überhaupt nicht bemerkte. Erst als der Kellner, ein junger Kerl mit schiefer Krawatte und neugierigem Blick, sich leicht räusperte und sagte: „Scusa, Signore… vielleicht solltest du mal rangehen, das Ding vibriert schon seit fünf Minuten.“ Erst da schreckte sie auf, blinzelte verwirrt und sah auf das Display. Papà. Sie nahm sofort ab. „Hey! Was ist los?“ „Was los ist? Ich warte seit zwanzig Minuten! Wir wollten doch zusammen essen, Principessa!“ „Oh verdammt! Ich… ich mach mich sofort auf den Weg. Ich bin gleich da!“ Sie stopfte die Ordner etwas hastig in die Tasche, klappte das letzte Dokument zu, sprang auf, zählte dem Kellner mit einem entschuldigenden Lächeln das Geld auf den Tisch und flitzte los. Als sie beim Laden ihres Vaters ankam, dem Maßatelier, in dem der Duft von frisch gebügeltem Stoff, Kaffee und ein Hauch Lavendel in der Luft lag, stand schon alles bereit. Zwei Teller mit Pasta al pesto, dampfend, vom Lieblingsrestaurant. Ein kleines Körbchen mit Ciabatta, Parmesan daneben, sogar zwei Gläser Wasser mit Zitrone. „Endlich mal wieder echte Pesto“, grinste sie, küsste ihn auf die Wange und ließ sich auf den Stuhl fallen. Er betrachtete sie prüfend. „Warum hast du denn heute kein Kleid an? Und was soll diese weite Hose?“ Patrizia schob sich eine Gabel Pasta in den Mund, kaute, schluckte und dann sah sie ihn direkt an. „Weil ich nicht weiß, ob ich beobachtet werde. Denk doch mal nach. Die haben mir drei dicke Ordner in die Hand gedrückt, mit internen Infos über ihren Weinhof, Verträge, Streitigkeiten. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass die das einfach so machen. Die haben bestimmt ein Auge auf mich. Vielleicht sogar zwei.“ Ihr Vater wurde plötzlich still. Kaute auf der Innenseite seiner Wange herum. Sie legte die Gabel ab. „Papà… jetzt sag mir endlich die Wahrheit. Was verheimlichst du mir? Wie viele Schulden hast du bei denen? Seit wann? Und läuft dein Laden etwa nicht mehr?“ Er seufzte tief, drehte den Teller leicht mit der Hand, als könne er so Zeit gewinnen. „Es war nie der Plan, dass es so weit kommt… Ich wollte euch da raushalten. Vor allem dich. Aber irgendwann… war ich zu tief drin.“ „Wieviel, Papà?“, fragte sie noch einmal. Leise. Er hob die Augen und sah sie an. „Genug, um sie nie ganz loszuwerden.“ Und plötzlich schmeckte die Pasta bitter in ihrem Mund. Nicht wegen des Basilikum, sondern wegen der Wahrheit, die sich wie ein Kloß in ihrem Magen absetzte. Patrizia hatte den letzten Bissen kaum geschluckt, da legte sie die Gabel beiseite, wischte sich mit der Serviette den Mund ab und sah ihrem Vater fest in die Augen. Kein Ausweichen mehr, kein drum herum. „Papa. Ich will, dass du mir bis morgen eine vollständige Auflistung machst. Alles. Jeder Cent. Wem du was schuldest, wann du es aufgenommen hast, was du dafür versprochen hast. Ohne Ausflüchte. Ich brauch Klarheit.“ Er nickte langsam, als hätte er es schon kommen sehen. „Okay, Principessa. Du bekommst alles. Ich verspreche es dir.“ „Keine halben Sachen mehr, Papa“, fügte sie noch leiser hinzu. Er presste die Lippen aufeinander und hob die Hand zum Schwur, typisch dramatisch italienisch, was ihr trotz allem ein schiefes Lächeln entlockte. Nach dem Essen räumte er die Teller weg, und Patrizia setzte sich nach hinten ins Atelier. Es war der Bereich mit dem großen Zuschneidetisch, den Schneiderpuppen in verschiedenen Größen, den meterlangen Stoffrollen und der antiken Registrierkasse, die nie so ganz funktionierte. Die Nachmittagssonne fiel schräg durch das große Fenster und warf ein warmes Licht auf den Boden. Patrizia zog die schweren Ordner aus der Tasche, legte sich ein Notizbuch und einen Stift bereit und begann zu lesen. Seite um Seite. Vertragsentwürfe, alte Skizzen von Grundstücksgrenzen, handschriftliche Notizen, Überweisungsbelege teils verblasst, teils kaum lesbar. Ihre Augen flogen über jedes Detail, ihr Verstand arbeitete wie ein Uhrwerk. Immer wieder biss sie sich auf die Unterlippe, strich sich die Haare aus der Stirn, kritzelte Anmerkungen in ihr Heft. Die Welt draußen schien still zu stehen, während sie versank in dieser Mischung aus juristischem Puzzle und familiärem Scherbenhaufen. Ihr Vater kam irgendwann leise herein, stellte ihr ein Glas Wasser auf den Tisch und sagte nichts. Nur ein kurzer Blick, stolz, schuldbewusst, erschöpft. Aber Patrizia war längst im Tunnel. Sie hatte eine Aufgabe. Eine Verantwortung. Und sie würde das durchziehen. Egal, wie tief sie graben musste. Als die Sonne sich langsam hinter die Dächer Roms schob und den Himmel in Gold und Rosa tauchte, packte ihr Vater schweigend die letzten Stoffe ein. Nur das leise Klacken der Kleiderbügel und das Rascheln von Seidenpapier waren zu hören. „Patrizia“, murmelte er schließlich und riss sie damit aus ihrem Tunnel. Sie hatte gar nicht bemerkt, wie sehr sie sich in die Unterlagen vergraben hatte. Sie blinzelte, atmete tief durch, als würde sie aus einer anderen Welt zurückkehren. „Ich komme mit. Ich muss noch ein paar Sachen packen. Ich… werde erstmal bei Lucia bleiben.“ Er nickte langsam. Schwer. „Das ist besser so. Deine Mutter… es würde ihr das Herz zerbrechen.“ Dann fügte er leise hinzu: „Es tut mir leid, dass du so stark sein musst, Tesoro.“ Zu Hause empfing sie der Duft von frischen Kräutern und Tomaten, ihre Mutter war wie immer schon am Kochen. „Ah, mein Schatz! Ich hab schon angefangen! Es gibt deine Lieblings-Pasta mit frischem Basilikum!“ rief sie freudestrahlend aus der Küche, während sie mit einem zerzausten Etwas herumwedelte. „Schau mal, was Tante Maria mir heute mitgebracht hat! Eine Perücke, echtes indisches Haar! Deine Farbe, und schau dir diese leichten Wellen an! Die steht dir bestimmt fantastisch!“ Ihre Mutter redete wie immer ohne Punkt und Komma, voller Liebe, voller Energie und für einen kurzen Moment vergaß Patrizia all die dunklen Gedanken. Sie lächelte sogar. „Mama… ich zieh für ein paar Tage zu Lucia“, begann sie vorsichtig, während ihr Vater den Blick senkte und so tat, als würde er sich für das Muster auf den Fliesen interessieren. „Ich hab von einer Kanzlei eine Prüfungsaufgabe bekommen. Wenn ich sie gut meistere, wollen sie mich vielleicht übernehmen.“ Nicht ganz gelogen. Aber eben auch nicht die ganze Wahrheit. Ihre Mutter klatschte begeistert in die Hände, zog sie sofort in eine Umarmung. „Brava! Meine Tochter, die Anwältin! Ich wusste immer, dass du groß rauskommst!“ Patrizia schmunzelte und drückte sie sanft zurück. „Noch ist es keine feste Stelle, Mama. Ich muss erst durch die Ordner durch in Ruhe. Deshalb bringt Papa mich später wieder zu Lucia. Ich wollte nur schnell hier essen und ein paar Sachen packen.“ Oben in ihrem Zimmer stand sie vor dem offenen Koffer und merkte, wie wenig sie eigentlich wirklich brauchte. Die Perücke wanderte zuerst hinein. Dann ein paar Kleider, Unterwäsche, Notizbücher. Sie warf einen Blick auf die Schublade mit ihrer Lingerie und murmelte: „Ich kann ja nicht ewig Lorenzos Unterhosen tragen…“ – ein schräger Gedanke, der sie kurz lachen ließ. Vielleicht sollte sie morgen früh wirklich shoppen gehen. Ein paar Basics, ein bisschen neutrale Kleidung für Patrizio. „Patriziaaa! Essen ist fertig!“ rief ihre Mutter liebevoll von unten. Sie schloss den Koffer und ging die Treppe hinunter – zurück an den gedeckten Esstisch, zurück in einen kurzen Moment Normalität, bevor es wieder ernst wurde.
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