Kapitel 10 - Massimo

1198 Worte
Kapitel 10– Massimo Ich war müde. Der Flug von Sizilien hatte sich gezogen, obwohl es unser Privatjet war. Aber nicht, weil er langsam war, sondern weil mein Kopf einfach nicht abschalten konnte. Die letzte Woche war chaotisch gewesen. Streitigkeiten auf dem Weingut, unklare Besitzverhältnisse, Behörden, die auf Zeit spielten, und ein Notar, der mir am liebsten ein Messer in den Rücken gerammt hätte, wenn er sich sicher gewesen wäre, ungestraft davonzukommen. Kaum war der Jet auf dem Rollfeld in Ciampino aufgesetzt, schnappte ich mir meine Tasche und stieg als Erster aus. Ich brauchte Luft. Und eine Zigarette. Matteo redete ununterbrochen. Irgendwas von einem neuen Buchhalter, der nichts auf die Reihe bekam, von verlegten Verträgen und dass „die Neuen Anwälte“ bisher kaum was gesagt hätten. Ich winkte ab. Ich wollte fünf Minuten Ruhe. Wir hatten den Wagen unten in der Tiefgarage geparkt, in einer der diskreteren Ecken. Keine Kameras, kein Security-Gelaber. Ich ließ Matteo vorausgehen, zog mir die Sonnenbrille über die Augen und blieb vor dem Terminal kurz stehen. Ich zündete mir eine Zigarette an, lehnte mich an einen Betonpfeiler. Dann passierte es. Zwei Koffer ratterten auf mich zu. Ich roch sie, bevor ich sie sah – Vanille und Moschus, weich und doch fordernd. Und dann war sie da. Eine Frau. Ein rotes Sommerkleid, leicht zerzauste Locken, Lippen wie gemalt und diese salbeigrünen Augen, die mich für einen Moment die Welt vergessen ließen. Sie sah nicht hoch, lief direkt in mich hinein. „Excuse me,“ murmelte sie, und dieses Lächeln… mein Gott, dieses Lächeln. Warm. Echtes Licht in all der Kälte da draußen. Ich lächelte zurück. Warte lächle ich gerade? Ich stand da wie ein Vollidiot. Sprachlos. Und das will bei mir was heißen. Ich wollte etwas sagen – etwas Schlagfertiges, Charmantes. Aber da war sie auch schon weitergezogen, in der Menge verschwunden. Und dann sah ich es. Auf dem Boden, direkt vor meinen Füßen: ein schmales silbernes Armband. Schlicht, aber edel. Mit den Initialen: P. M. Ich hob es auf, hielt es in der Hand. Es war warm von ihrer Haut. „Massimo! Alter, ich steh hier nicht zum Spaß rum!“ Matteo hupte von unten. Ich hörte, wie er gegen das Lenkrad schlug. „Bist du eingeschlafen oder was?!“ Ich drehte mich langsam um, das Armband noch immer in der Hand. Steckte es schließlich ein. „Ich komm ja schon“, murmelte ich. Aber meine Gedanken waren längst woanders. Wer war diese Frau? Und warum hatte ich das Gefühl, dass mein Leben sich gerade in genau dem Moment leise gedreht hatte? Ich stieg in den Wagen, lehnte mich in den Ledersitz zurück. Der Motor schnurrte wie ein Panther. Ich war wie immer am Handy, redete, fluchte, organisierte. Wir fuhren in Richtung Innenstadt, wir hatten einen Termin mit den neuen Anwälten wegen unseres Weinguts. Zwei Stunden saßen wir in diesen marmornen Konferenzräumen, mit zu viel Klimaanlage und zu wenig Verstand. Die Anwälte? Steif wie ein Maßanzug von der Stange. Kein Humor, kein Gespür. Nur Paragrafen, Paragraphen, Paragraphen. Ich hörte irgendwann gar nicht mehr richtig zu. Es war, als ob sie redeten, aber nichts sagten. Nur heiße Luft. Als wir endlich das Gebäude verließen, knallte ich die Tür so zu, dass sogar Matteo mich schief ansah. „Du warst aber auch schon mal besser drauf“, murmelte er, während er wieder ans Handy ging. Wir liefen rüber zur Sciccheria, unserer Kaffeebar zwischen zwei der feinsten Modehäuser. Außen stylish, innen diskret und nebenbei unsere perfekte kleine Geldwaschmaschine. Ich blieb draußen stehen, an einem der Stehtische. Bestellte mir einen doppelten Espresso, zündete mir eine Zigarette an. Der Nachmittag hatte mich ausgelaugt. Ich spielte mit dem Armband in meiner Jackentasche. P. M. - diese Initialen brannten sich langsam in mein Hirn. Ich konnte ihr Gesicht nicht vergessen. Das Lächeln. Die Augen. Wie sie einfach in mich hineingelaufen war. Ich hasste es, wenn mir jemand den Kopf verdrehte. Aber sie hatte es geschafft. Mühelos. Matteo stand ein paar Meter weiter, telefonierte wieder mit Gio. Ich hörte nur Fetzen. „…der hat nicht bezahlt… räum das Geschäft aus… keine Zeugen.“ Ich verdrehte die Augen. Der übliche Wahnsinn. „Du kannst den Sportwagen nehmen und nach Hause fahren“, sagte Matteo zwischen zwei Telefonaten. „Ich klär das mit Gio.“ Gut. Ich hatte eh die Schnauze voll und noch einiges im Büro an Arbeit. Das klang wie Musik in meinen Ohren. Ich stand da, Espresso in der einen, Zigarette in der anderen Hand, träumte vor mich hin – als plötzlich ein wildes Hupen mich aus meinen Gedanken riss. Rufe, Geschrei, Reifenquietschen. Ich drehte den Kopf. Und da war sie. In diesem Kleid. Rot, wehend, wie gemacht für Sünde. Sie rannte über die Straße, zwischen hupende Autos, wild gestikulierende Rollerfahrer und einer brüllte sie an: „Wollen Sie heute noch sterben, Signorina?!“ Aber sie drehte sich nur um, lächelte und warf ihm einen Kussmund zu. Mir stach es ins Herz. Kurz. Hart. Wie konnte jemand gleichzeitig so schön und so gefährlich wirken? Meine Hand zuckte, ich ließ die Espressotasse fallen. Die Tasse zersprang in Splitter. Ich merkte es kaum. Ich lief los. „Signorina!“ rief ich. Aber sie war zu schnell. Zwischen Menschen, Straßen, hupende Autos – verschwunden. Ich stand wie ein Idiot da. Wieder. Ohne sie. Nur mit ihrem verdammten Armband in der Tasche. „Verdammt!“ fluchte ich laut. Matteo kam zu mir, blickte mich an, als wäre ich verrückt. Ich sah ihn ernst an. „Ruf am Flughafen an. Lass dir die Passagierliste vom letzten Flug aus England geben. Alle weiblichen Namen. Ich will jede einzelne, die die Initialen P. M. trägt.“ Er runzelte die Stirn. „Bist du sicher, dass sie überhaupt aus England kam?“ Ich nickte. Keine Ahnung warum – aber mein Instinkt lag selten daneben. „Fang an zu suchen. Ich will sie finden. Und ich will wissen, wer sie ist.“ Ein paar Tage vergingen. Ich war ungeduldig wie selten. Mein Kopf war voll mit Zahlen, Terminen und den ständigen Problemen im Süden, aber sie ließ mich nicht los. Das rote Kleid, das Lächeln, das Armband in meiner Jackentasche, das ich seitdem jeden Tag mindestens dreimal in die Hand nahm. Matteo brauchte länger als versprochen, aber er lieferte. „Ich hab die Liste“, sagte er eines Abends, als er in mein Büro trat und mir einen Ausdruck auf den Schreibtisch legte. „Fünf Frauen. Mit den Initialen P. M. Zwei aus England: Penelope und Pamela Miller. Dann eine Pia Moretti – klingt fast zu offensichtlich. Und…“ Er machte eine Pause, sah mich vielsagend an. „Zwei mal Patrizia. Eine Patrizia Monet. Und Patrizia Moretti.“ Ich starrte auf die Namen. Patrizia Moretti. Patrizia Monet. Ich sprach es leise aus, als würde es besser klingen, wenn ich es laut hörte. Und es tat es. Es passte. Viel zu gut. „Der Sache muss ich auf den Grund gehen“, murmelte ich, mehr zu mir selbst als zu ihm. Ich lehnte mich zurück, schob den Zettel etwas von mir weg und schloss die Augen. Patrizia. Wenn du das wirklich bist, bella… …dann werde ich dich finden. Und nie wieder aus den Augen lassen.
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