Kapitel 11 - Matteo

788 Worte
Kapitel 11 – Matteo Nach den zähen Verhandlungen auf Sizilien und dem völligen Versagen dieser überheblichen Anwälte war Massimo kaum wiederzuerkennen. Während des Rückflugs aus dem Süden hat er so gut wie kein Wort gesprochen, was für ihn absolut untypisch ist. Normalerweise regelt er alles sofort, telefoniert pausenlos, delegiert, denkt drei Schritte voraus. Doch diesmal herrschte Stille. Und wenn mein großer Bruder still ist, dann brodelt es gewaltig. Wir machen uns schon länger Sorgen ums Weingut. Die Ernten waren zuletzt okay, aber die Bürokratie wird immer nerviger, der Druck auf unsere Geschäfte nimmt zu. Italien will sich modern zeigen, EU-konform und das bedeutet: weniger Toleranz für unser… Netzwerk. Deshalb bauen wir verstärkt auf saubere, legale Standbeine. Immobilien, Gastronomie, Mode, Wein – der ganze Katalog eben. Seit dem Tod unseres Vaters trägt Massimo die ganze Last auf seinen Schultern. Und ich bin seine rechte Hand. Das passt mir auch so. Ich bin kein geborener Anführer. Ich handle lieber im Hintergrund. Koordiniere, organisiere, entscheide schnell, aber ohne Blitzlicht. Ein paar Tage waren vergangen seit dem Sizilien-Trip und Massimo war immer noch gedanklich irgendwo anders. Besonders seit er dieses Armband mit den Initialen P.M. gefunden hatte. Ich hab ihn selten so… auf etwas fixiert gesehen. Ich konnte nur die Augen verdrehen. Als ob er gerade Zeit hätte, durch Rom zu laufen und nach einem hübschen Mädchen im roten Kleid zu suchen. Aber na gut, jeder braucht sein Mysterium. Ich war an dem Nachmittag mit Gio und der Truppe unterwegs, wir sollten uns um einen älteren Typen kümmern, der seit Monaten nicht zahlt. Familienbetrieb, kleines Einrichtungshaus in Campo Marzio. Einer von denen, die bei uns Geld brauchen, um die Fassade zu wahren, aber dann ihre Raten vergessen, sobald es läuft. Der Laden war leer, als wir ankamen. Nur der ältere Mann stand hinterm Tresen. Er war sichtlich nervös und sagte er könne nicht zahlen. Das war das Codewort, dass wir den Laden zertrümmern und anzünden. Da kam von hinten ein junger Mann gestürmt. Er sah gut aus, war aber eindeutig nervös, als er uns ansah. Verständlich. Ich hab mich vorgestellt, klar gemacht, worum’s geht. Und dann haut er raus, dass er gerade seinen Master in Wirtschaftsrecht gemacht hat. Ich war kurz still. Wirtschaftsrecht, echt jetzt? Mut hatte der Junge. Hätte auch einfach abhauen können. Stattdessen bleibt er da und redet mit uns. Ohne zu stottern, ohne zu flüstern. Ich hab ihn mir gemerkt. Massimo wollte eh gerade einen neuen Juristen, einen, der nicht nur Paragraphen runterrattert, sondern auch mitdenkt. Und der Typ… der hatte was. „Komm mit“, hab ich gesagt. „Mein Bruder will dich sehen.“ Als er ein paar Minuten später bei meinem Auto auftauchte, war ich ehrlich überrascht, wie gelassen er blieb. Normalerweise sind die Leute, die zu uns kommen, blass wie Kreide, mit zitternden Händen und viel zu vielen „Dottore, bitte…“-Floskeln. Aber er? Er stieg einfach ein. Fragte, wo’s hingeht. Und machte Smalltalk über den Verkehr in Rom. Ganz locker. Ich dachte nur: Hut ab. Vielleicht war der wirklich das, was wir grad brauchen. Als ich den Jungen schließlich zu Massimo brachte, merkte ich sofort: auch mein Bruder sah in ihm etwas. Nicht nur einen Juristen mit Noten, sondern jemanden mit Rückgrat. Und vielleicht – wenn er klug genug war – mit genug Verstand, um zu überleben. Massimo verlor keine Zeit. Er bedeutete ihm mit einem knappen Nicken, ihm zu folgen, ging direkt zum alten Mahagoni-Schrank in seinem Büro und zog drei schwere, dunkelgrüne Ordner hervor. Das Herzstück unseres Weinguts – Finanzen, Eigentumsverhältnisse, Lieferketten, und natürlich: die Schattenseiten des Geschäfts. „Nimm sie“, sagte Massimo knapp. „Lies alles. Und in drei Tagen will ich wissen, was du verstanden hast.. Dann ist auch der Termin mit der Gemeinde auf Sizilien.“ Eine Aufgabe, ein Test – und eine Warnung zugleich. Wir gaben ihm damit nicht nur einen Vertrauensvorschuss. Wir gaben ihm genug Material, um uns zu ruinieren, wenn er auf der falschen Seite stehen sollte. Aber wir taten das mit Absicht. Wer bei uns rein will, der muss Feuer abkönnen. Giovanni brachte ihn nach Hause. Das war uns wichtig. Nicht nur aus Höflichkeit – sondern, um zu wissen, wo er wohnt. Ob bei den Morettis? Oder hat er eine eigene Wohnung? Giovanni meldete später: eine Altbauwohnung in Sallustiano, gutbürgerlich, leicht zu beobachten. Perfekt. Ich zückte mein Handy und schickte eine Nachricht an Sergio. Einer unserer besten. Unauffällig, loyal, eiskalt wenn’s sein muss. „Behalte ihn im Auge. Diskret. Alles melden, was nicht passt.“ Es war wie Schach. Jeder Zug musste sitzen. Vielleicht war dieser Junge ein Bauer, vielleicht ein Springer. Oder ein Feind in Verkleidung. Aber wenn er die Prüfung bestand, dann hatten wir vielleicht genau den Richtigen gefunden.
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