Kapitel 12 - Eine wie keine

1513 Worte
Kapitel 12 - Eine wie keine Ihr Vater bestand darauf, wenigstens den Koffer zu Lucia zu bringen. „Das Ding wiegt doch mehr als du, figliola,“ hatte er gemurmelt, während er den schweren Trolley ins Auto wuchtete. Patrizia nickte nur müde. Sie hatte keine Kraft mehr für Diskussionen. Nicht nach dem Abendessen, nicht nach dem Gespräch, nicht nach den ganzen Lügen. Die Vespa stand schon startklar in der Einfahrt, in ihrem geliebten Türkiston, mit beigen Ledersitz und einem kleinen, runden Rückspiegel, der schon bessere Zeiten gesehen hatte. Sie liebte dieses Ding. Es war wie ein Stück Freiheit auf zwei Rädern. Mit wehenden Haaren zumindest in Gedanken und einem Hauch Benzin in der Nase knatterte sie durch das abendliche Rom. Der Fahrtwind kühlte ihre überhitzten Gedanken. Lichter flimmerten, die Stadt rauschte vorbei – hektisch, lebendig, wunderschön. Sie bog in eine schmale Gasse, vorbei an kleinen Bars, in denen schon die ersten Stimmen lauter wurden, und parkte vor Lucias Wohnung. Oben angekommen, stand ihr Koffer schon ordentlich in der Ecke des Flurs. Ihr Papa war wie immer leise gewesen. Wahrscheinlich wollte er sie nicht stören oder er konnte ihrer Entschlossenheit einfach nichts mehr entgegensetzen. „Grazie, Papà. Bin gut angekommen.“ Tippte sie ihm schnell aufs Handy, bevor sie das Gerät in den Flugmodus versetzte. Lucia war nicht da – sie hatte eine Nachricht hinterlassen, dass sie mit ein paar Kommilitonen unterwegs war. „Ich glaub, der Blonde aus dem Völkerrecht-Seminar will sich heute beweisen. Viel Spaß beim Aktenwälzen. Baci“ Patrizia lächelte kurz, schlüpfte aus ihren Schuhen und ließ sich seufzend auf Lorenzos Bett fallen. Es roch nach Waschmittel und einer leichten Note von seinem Aftershave – beruhigend und irgendwie nach Zuhause. Sie zog die Decke über sich, streckte sich aus und atmete tief durch. Morgen war ein neuer Tag. Und sie brauchte ihren klaren Kopf mehr denn je. Noch bevor sie die Augen schloss, ging sie gedanklich ihre nächsten Schritte durch. Die Ordner über das Weingut waren komplex, aber ihr fiel ein, dass sie schon damals an der Uni einen ähnlichen Fall im Bodenrecht durchgenommen hatten. Also hatte sie kurzerhand Professor Zaccaria geschrieben. Er war einer der wenigen, bei denen sie sich wirklich etwas traute. Alt, verschroben, brillant und leider nicht käuflich. Seine Antwort war knapp gewesen, aber hilfreich: „Palazzetto Zuccari. Bibliothek im Obergeschoss. Sie finden dort, was Sie brauchen. Aber nicht verlieren, Fräulein Moretti.“ Sie schloss die Augen. Nicht verlieren? Sie war sich gar nicht sicher, was sie überhaupt gewinnen wollte. Aber eins wusste sie: Morgen früh stand sie als Erste vor diesem alten Palazzo. Und dann würde sie anfangen, all das zu entwirren – juristisch, emotional, vielleicht sogar menschlich. Patrizia wachte früh auf, ihr Kopf noch schwer vom vielen Denken, ihre Glieder irgendwie müde, aber der Tag wartete und der war eng getaktet. Morgen war Tag drei, und da ging’s schon nach Sizilien. Viel zu wenig Zeit, viel zu viele Fragen. Sie schlüpfte in ein Shirt von Lorenzo – leicht zerknittert, aber es roch nach frisch gewaschen und ein bisschen nach ihm. Drunter trug sie ihren eigenen Slip, dazu eine bequeme Hose. Sie musste heute unbedingt einkaufen, aber das war ein Problem für später. Jetzt hieß es: Bibliothek. Sie schnappte sich den Helm und fuhr los, ihre türkise Vespa war wie ein alter Freund, der nie fragte, warum man so still war. Auf halber Strecke hielt sie noch bei einem kleinen Caffè an, direkt an der Ecke, wo Nonna täglich ihre Zeitung las und der Barista mit der Stimme eines Opernsängers die Bestellungen aufrief. „Un espresso e un cornetto alla crema di pistacchio, per favore.“ Als sie den ersten Bissen nahm, schloss sie die Augen. Die Pistaziencreme war cremig, süß, ein Hauch von Salzigkeit – und einfach göttlich. Sie stöhnte leicht auf, ganz unbewusst. Und genau in dem Moment hob sich der Blick des Baristas, und ein paar Touristen kicherten. Sie grinste nur. Sollen sie doch kichern – in England kriegt man sowas halt nicht. Dann ging’s weiter zur Palazzetto Zuccari – dieser alte, fast schon mystische Palazzo mit seiner Tür in Form eines riesigen, aufgerissenen Mundes. Gruselig für manche, faszinierend für Patrizia. Innen war es kühl und ehrwürdig. Sie wurde kurz begrüßt, nickte nur knapp und sagte, dass sie in die Rechtsabteilung wolle. Dort saß sie nun, umgeben von Lederbänden, Staub und altem Wissen. Sie blätterte, notierte, murmelte vor sich hin – bis sie endlich fündig wurde. Zwei Fälle. Zwei echte Fälle zu alten Grundstücksrechten. Bingo. Mit klopfendem Herzen lief sie zur Bibliothekarin, ließ sich die Seiten kopieren und verließ den Palazzo mit einem kleinen, zufriedenen Triumphgefühl in der Brust. Das musste gefeiert werden. Ein paar Meter weiter waren die typischen Touristen-Restaurants – etwas überteuert, aber mit guter Lage. Sie setzte sich an einen kleinen Tisch mit Blick auf die Gasse, breitete ihre Kopien aus, schnippte mit dem Finger und bestellte. Sie überlegte. Aperol? Hm, sieht irgendwie falsch aus – als junger Mann mitten am Tag, allein, mit Gesetzestexten vorm Gesicht. Sie grinste schief. „Ein Pils, bitte.“ Als sie ihr Bier bekam und einen ersten Schluck nahm, starrte sie kurz auf die Blätter vor sich, dann wieder ins Leere – bis sich plötzlich jemand zu ihr setzte. Sie zuckte zusammen. Blick nach oben. Sonnenbrille. Charme. Matteo. Er nahm die Brille ab, als hätte er gerade einen Spionagefilm verlassen, und sah sie mit diesem halb-amüsierten Blick an. „Ich hoffe, du kommst gut voran?“ Sie lachte. „Aber klar doch. Ich feier hier grad meinen Triumph.“ Sie hob das Glas an, ließ es neckisch im Licht kreisen. Er hob eine Augenbraue. „Na, hoffentlich hast du recht. Noch sind wir nicht auf Sizilien.“ Er bestellte sich einen Espresso – natürlich schwarz, ohne Zucker – und begann, ihr das Briefing für morgen durchzugeben. „Wir treffen uns morgen, Punkt neun am Flughafen.“ Sie runzelte die Stirn. „Wir… fliegen?“ Ein kurzer Moment Panik. „Ich… ich glaub, ich hab mein Reisedokument verloren – also meinen Ausweis…“ Matteo winkte ab. „Macht nix. Wir fliegen mit unserem Jet. Privatflug, Inlandsverbindung. Kein Security-Check, kein Ausweis. Nur wir und ein paar Piloten.“ „Oh… das wusste ich nicht.“ Er lächelte nur. Dann zog er lässig eine 50-Euro-Note aus der Tasche, legte sie auf den Tisch. „Das Pils geht auf mich.“ Und dann stand er auf, drehte sich noch kurz zu ihr um, nickte ihr zu und verschwand in der Menge. Patrizia starrte ihm nach. Irgendetwas in seiner Haltung, in seiner Stimme, in seiner unaufgeregten Art, ließ ihr Herz einen kleinen Hüpfer machen. Unter anderen Umständen, dachte sie, wäre das vielleicht genau der richtige Mann gewesen. Nach dem Shoppen fühlte sich Patrizia irgendwie leichter. Sie war mit einem breiten Lächeln durch die kleinen Gassen Roms geschlendert, hatte sich durch Stoffe gefühlt, Schuhe anprobiert, Parfum getestet und dabei vergessen, wie sehr sie sich in den letzten Tagen beobachtet gefühlt hatte. Komisch eigentlich. Sie war irgendwie wieder sie selbst. Oder zumindest eine neue Version von sich selbst, mit der sie sich erstaunlich wohlfühlte. Zuhause angekommen, stapelte sie ihre Einkaufstüten auf dem Sessel, schlüpfte aus ihren Schuhen und fing an, ihre kleine Tasche für den Flug nach Sizilien zu packen. Praktisch. Unauffällig. Aber trotzdem mit Stil. Wenn man schon mit der Mafia fliegt, dann wenigstens mit gutem Schuhwerk, dachte sie trocken und grinste in sich hinein. Sie schrieb Lucia eine kurze Nachricht, was sie heute Abend vorhatte. Keine zwei Minuten später kam eine Sprachnachricht zurück: „Bevor du fährst, müssen wir uns sehen. Ich will wissen, wie es dir geht und wie es wird.“ Patrizia antwortete nur mit einem Herz-Emoji und einem Daumen hoch. Klar, das schaffte sie noch. Für Lucia immer. Dann ging sie ins Bad, stellte sich vor den Spiegel und atmete einmal tief durch. Jetzt oder nie. Sie holte die Perücke von Tante Maria aus der Schachtel – samt dem kleinen Video, das die Tante ihr geschickt hatte, wie man die Haube aufsetzt, das echte Haar drunter versteckt und alles richtig festklebt, ohne dass es verrutscht. „Ein kleines Wunderwerk, diese Perücke“, hatte Tante Maria gesagt. Und sie hatte recht. Nachdem alles saß – tadellos, fast wie echt – zog Patrizia ihr rotes Lieblingskleid an. Das mit dem schmalen Schnitt und dem offenen Rücken. Darin fühlte sie sich immer wie eine Mischung aus Sophia Loren und Agentin 007. So wird mich wenigstens niemand mehr beschatten, dachte sie, während sie sich noch ihre große Sonnenbrille auf die Nase setzte – die mit dem goldenen Rahmen, die ihr Lorenzo mal aus Mailand mitgebracht hatte. Als sie die Tür schloss und die Stufen hinunterging, war da tatsächlich… nichts. Kein Schatten, kein Gefühl beobachtet zu werden. Keine flüchtigen Blicke in Schaufenstern, keine nervösen Schritte hinter ihr. Sie war allein. Herrlich allein. Das war ja kinderleicht, dachte sie mit einem frechen Grinsen und einem kleinen Funken Stolz. Die Verkleidung hatte gewirkt. Und während ihre Vespa schon in der Sonne funkelte, freute sie sich auf den nächsten Stopp: ein hübsches Plätzchen mit Blick über die Stadt – und einen eiskalten Aperol Spritz.
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