Kapitel 13 - Sizilien
Matteo kam gut gelaunt aus dem Treffen mit dem neuen Anwalt zurück. Wie immer ließ er die Tür zu meinem Büro nicht einfach zufallen, sondern schob sie mit dem Fuß zu und streifte beim Vorbeigehen mit einem Grinsen mein Blickfeld. Ich hob den Kopf von meinen Unterlagen.
„Hat der Junge die Infos bekommen? Du weißt schon… Flug, Ablauf, was Sache ist?“
Matteo nickte locker. „Lief gut. Hab ihn in der in der Nähe der alten Palazzetto-Bibliothek getroffen. Der Typ saß da zwischen hundert Jahre alten Büchern, hat sich aufgeführt, als hätte er Rom erfunden. Hat sich schon mal selbst gefeiert, weil er zwei Urteile gefunden hat, die uns tatsächlich helfen könnten.“
Ich knurrte nur leise. „Hoffentlich ist er nicht so eingebildet wie die letzten Pfeifen.“
Matteo grinste. „Nee, der ist… anders. Ein bisschen zu smart vielleicht. Aber nicht auf die schleimige Art.“
Am nächsten Morgen war ich schon vor Sonnenaufgang wach. Konnte eh nicht mehr schlafen. Der Himmel über Rom war noch grau, als wir mit mehreren Fahrzeugen in Kolonne Richtung Flughafen rollten. Es war einer dieser seltenen ruhigen Momente, bevor der Sturm losbricht.
Als wir ankamen, stand Moretti tatsächlich schon am Gate. Kleiner Handkoffer, bräunlicher Anzug, weißes Hemd – klassisch, aber nicht billig. Gut. Er sollte auch nicht aussehen wie einer aus unserer Welt. Das war der Deal.
Er nickte mir höflich zu, als wär ich sein Professor, nicht der Typ, der mit einem Wort Karrieren beenden konnte. Matteo ging direkt mit ihm zum Gepäckcheck im Privatbereich, wo unsere Leute alles schon vorbereitet hatten. Keine Öffentlichkeit. Kein Risiko.
Ich blieb etwas zurück, beobachtete die Szene. Der Junge – ich nenn ihn innerlich immer noch „der Junge“, obwohl er sich ziemlich erwachsen gab – schleppte eine riesige Einkaufstasche mit sich rum. Da drin: meine Ordner. Meine. Dazu kopierte Zettel, wild durcheinander.
„Was ist das für ein Chaos?“ fragte ich, als ich dazu stieß.
Er kratzte sich leicht am Hinterkopf. „Tut mir leid. Ich hab’s gestern Abend nicht mehr geschafft, alles ordentlich abzuheften. Aber ich hab die relevanten Unterlagen hier.“
Er zog eine dünne Mappe raus, auf der ein schlichtes Etikett klebte.
„Hab die Unterlagen für die Verhandlung vorsortiert. Damit wir vor Ort nicht erst ewig kramen müssen.“
Ich zog eine Augenbraue hoch. Nicht schlecht gedacht – aber die Präsentation? Katastrophe.
„So eine Schludrigkeit hab ich lange nicht mehr gesehen.“
Er blieb ruhig. Kein Herumdrucksen, kein Gestammel. Nur ein leichtes, entschuldigendes Lächeln. Vielleicht hatte Matteo recht, vielleicht war er tatsächlich anders. Aber vertrauen würde ich ihm noch lange nicht.
Der Pilot winkte uns heran, und wir gingen zum Jet. Ich stieg ein, setzte mich auf meinen gewohnten Platz – vorne links, Fenster, beste Sicht. Matteo gegenüber, Moretti weiter hinten.
Der Junge holte seine Mappe raus, klappte sie auf und wartete darauf, dass ich etwas sage.
Ich sagte nichts. Noch nicht. Ich beobachtete. Es war Zeit, zu testen, ob er wirklich was kann.
Oder ob er einfach nur gut spielt.
Der Jet hob sanft vom Boden ab, und sobald wir über den römischen Dächern waren, breitete sich eine seltsame Ruhe aus. Nur das leichte Surren der Turbinen und das Klicken der Sicherheitsgurte, die einer nach dem anderen löste.
Ich blieb noch angeschnallt. Matteo hatte sich schon einen Espresso aus der Bordküche geholt und reichte mir wortlos einen. Der Moretti-Junge saß schräg gegenüber, die dünne Mappe auf dem Schoß, die Beine brav nebeneinander, als wäre er auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch.
„Setz dich bequem hin“, sagte ich trocken, „wir sind hier nicht im Gerichtssaal.“
Er zuckte kaum sichtbar mit den Schultern, lehnte sich dann aber zurück. „Ich mag keine Turbulenzen.“ Matteo grinste. „Wenn du in unserem Jet Turbulenzen spürst, ist was schiefgelaufen.“
Ich ließ meinen Blick auf ihm ruhen. Jung, aber nicht grün hinter den Ohren.
„Also, Moretti“, begann ich, „was denkst du über die Lage da unten? Das Weingut, die veralteten Verträge, die halblegale Grundstückssituation.“
Er richtete sich leicht auf. Keine Spur von Nervosität – eher ein Hauch von Vorfreude.
„Ehrlich? Ich glaube, das ist ein Albtraum. Aber auch eine Chance. Wer das heute clever angeht, der kann aus dem Chaos eine Struktur machen. Wenn man darf.“
Ich schnaubte leise. „Dürfen ist relativ. In Sizilien gilt das Gesetz nur für die, die sich’s leisten können.“
„Deshalb bin ich dabei“, sagte er ruhig. „Sie haben mich nicht geholt, um brav zu sein.“
Matteo hob anerkennend die Augenbraue. Ich trank meinen Espresso aus und ließ mich tiefer in den Sitz sinken. Vielleicht war der Junge wirklich keine schlechte Wahl.
Eine gute Stunde später – Landeanflug auf Catania. Die Sonne brannte uns schon durch die kleinen Fenster entgegen. Als wir ausstiegen, schlug uns die sizilianische Hitze wie ein Backofen entgegen.
Matteo streifte sich die Sonnenbrille über, Moretti hatte seinen Jackett über die Schulter geworfen. Unser Fahrer wartete schon mit zwei Wagen.
„Gepäck zum Weingut“, sagte ich knapp. „Wir fahren direkt zur Stadt.“
Der Chauffeur nickte, verlud die Taschen. Ich sah, wie der Junge noch mal prüfend seinen Koffer ansah, bevor er einstieg.
„Alles Wichtige hab ich hier“, sagte er und klopfte auf seine Mappe.
„Hoffen wir, dass du das auch brauchst“, erwiderte ich und stieg vorne ein.
Catania war wie immer laut, staubig und voller Gegensätze. Palmen neben alten Barockbauten, hupende Rollerfahrer und aufgemotzte Kleinwagen, die sich durch zu enge Gassen quetschten.
„Ist das hier immer so… lebendig?“ fragte Moretti, als er aus dem Fenster sah.
„Das hier ist Sizilien“, meinte Matteo grinsend. „Hier tanzt alles ein bisschen näher an der Sonne.“
Ich schaltete mich ein: „Und manchmal verbrennt man sich. Pass gut auf, was du sagst. Der Typ, mit dem wir gleich reden, ist seit Jahren ein Drahtzieher. Charmant, aber gefährlich.“
„Also wie ihr.“
Matteo lachte laut auf. Ich drehte leicht den Kopf und sah ihn an – den Jungen. Direkt in die grünen Augen. Keine Angst. Nur Interesse.
„Vielleicht bist du doch einer von uns“, sagte ich leise. Moretti lächelte nur und wandte den Blick wieder dem Fenster zu.
Draußen glitzerte das Meer in der Ferne. Vor uns: Catania. Und ein Termin, der mehr verändern würde, als uns in dem Moment bewusst war.