Kapitel 14 – Cantania
Der Wecker klingelte gnadenlos. Viel zu früh. Patrizia blinzelte ins Dämmerlicht ihres vorübergehendes Zimmers und verfluchte kurz den gestrigen Abend. Gut – der Koffer war gepackt. Immerhin. Aber dieser verdammte Ordner… Hastig stopfte sie ihn samt den kopierten Seiten in einen schlichten Einkaufsbeutel. Nicht schön, aber praktisch. Die Mappe, die sie gestern noch vorbereitet hatte, lag ordentlich neben dem Bett. Zumindest die war vorzeigbar. Der Abend mit Lucia war eben etwas… ausgeartet. Nach dem Essen hatten sie noch „ganz kurz“ in einer Bar vorbeigeschaut, nur um den Aperol zu testen. Oder zwei. Vielleicht auch drei. Patrizia lächelte kurz bei der Erinnerung, bevor sie sich in Bewegung setzte.
Das Outfit musste sitzen.
Der Beigefarbener Anzug von Lorenzo, elegant, aber nicht zu auffällig. Darunter ein makelloses, weißes Hemd, frisch gebügelt. Die italienischen Lederslipper, gestern erst gekauft, glänzten wie aus dem Schaufenster. Hosenträger, ein passendes Sakko.
Vor dem Spiegel strich sie mit etwas Haarwachs die kurzen Strähnen glatt, bis sie perfekt lagen. Ein flüchtiger Blick zu Lucia: Die lag quer über dem Bett, schnarchte tief und fest, ein Arm hing schlaff über die Bettkante. Patrizia grinste, schrieb schnell einen Zettel:
Bin schon zum Flughafen – Ciao!
Sie legte ihn neben Lucias Handy und schlich sich hinaus.
Sie ging zum Shuttle-Service; pünktlich stand er am Bahnsteig. Patrizia war extra früher los, sie hatte noch etwas vor: das Lost and Found-Büro am Flughafen. Vielleicht – nur vielleicht – war ihr Armband dort abgegeben worden. Das Stück war zwar wertvoll, aber nicht unbedingt für jeden. Für die meisten nur ein hübsches Armband. Für sie jedoch… mehr.
Der Flughafen war um diese Uhrzeit erstaunlich ruhig. Nur ein paar vereinzelte Frühflieger huschten mit Coffee-to-go-Bechern durch die Halle. Beim Schalter standen gerade mal zwei Leute vor ihr. Sie wartete geduldig, sah den Angestellten bei ihrem morgendlichen Papier- und Computerchaos zu.
„Name?“ fragte schließlich eine Frau hinter der Plexiglasscheibe, mit dieser routinierten Freundlichkeit, die nach tausend Wiederholungen etwas stumpf klang. Patrizia diktierte die Beschreibung: Silber, schmal, kleine Gravur am Anhänger innen. Die Frau tippte langsam, schüttelte dann den Kopf.
„Leider nichts in dieser Art gefunden. Aber ich kann eine Vermisstenanzeige aufnehmen.“
Patrizia nickte, füllte das Formular aus und unterschrieb schwungvoll.
„Falls es auftaucht, melden wir uns.“
Sie verstaute die Quittung sorgfältig in der Mappe und atmete tief durch. Keine Zeit für Ärger. Der Tag hatte gerade erst begonnen – und Sizilien wartete nicht.
Am Gate war noch nicht viel los. Patrizia stand seitlich am großen Fenster, blickte auf das Rollfeld und tat so, als würde sie die startenden Maschinen studieren. Eigentlich lauschte sie nur dem leisen Summen der Stimmen um sich herum, als plötzlich ein Schatten in ihrem Blickfeld auftauchte.
Und dann kamen sie.
Matteo und Massimo, beide in dunklen, perfekt sitzenden Anzügen, dazu weiße Hemden, als wären sie direkt aus einem Modemagazin marschiert. Die Krawatten locker gebunden, der Gang selbstbewusst. Für einen kurzen Moment blieb ihr innerlich der Atem weg.
„Wie kann man so unverschämt gut aussehen?“ , schoss es ihr durch den Kopf.
Schnell senkte sie den Blick und fixierte demonstrativ ihre Schuhe. Nichts anmerken lassen, Patrizia. Du bist Patrizio, ein junger Mann. Keine verlegten Blicke. Keine rosa Wölkchen. Als die beiden vor ihr stehenblieben, zwang sie ihre Stimme in einen neutralen, fast gelangweilten Ton. „Hallo.“ Massimo nickte knapp zurück, Matteo lächelte wie immer ein kleines Stück zu viel.
Sie gingen Schnellen Schrittes zum privaten Bereich des Flughafens. Bevor man durch eine große Glastür Richtung Rollfeld gelangen konnte, gab es noch eine Gepäckkontrolle. Ihre Tüte mit dem Ordner und den kopierten Seiten glitt durch das Röntgengerät, und schon hörte sie Massimos genervtes Knurren.
„Was schleppst du da für ein Chaos mit dir rum?“
Patrizia hob die Augenbraue, bemühte sich um Gelassenheit. „Nennen wir es… ein kreatives Ablagesystem.“
„Aha. So viel dazu.“ Er schüttelte den Kopf und schob seinen Koffer wortlos weiter.
Ansonsten gab es keine weiteren Kontrollen, und ehe sie sich versah, wurden sie bereits von einem Mitarbeiter zum Einstieg in den Privatjet geleitet.
Der Innenraum war luxuriös, alles in warmen Cremetönen und dunklem Holz. Patrizia nahm schräg gegenüber von Massimo Platz, der sofort den Blick aus dem Fenster richtete, als gäbe es dort draußen mehr zu sehen als ein paar Tankwagen. Sie räusperte sich, versuchte das Gespräch in eine sachliche Richtung zu lenken. „Also… der Termin heute, wie läuft das genau ab?“ Keine Reaktion. Kein Blick.
Das kann ja anstrengend werden, dachte sie und verschränkte die Arme.
Matteo kam mit einem Tablett herein, drei Espressi darauf. „Hier, das weckt Tote auf.“
Patrizia nutzte den Moment, um ihn regelrecht auszufragen: „Wann genau ist der Termin? Wer wird anwesend sein? Wo genau findet er statt? Wie lange ist angesetzt? Gibt es nur einen Verhandlungstag? Und… in welcher Instanz sind wir eigentlich?“
Man konnte fast sehen, wie Matteos Stirn sich unter dem Anzugdruck aufheizte.
„Langsam, Patrizio… mein Kopf raucht schon.“
Sie lehnte sich zurück, schüttelte leicht den Kopf. „Komisch… darüber habe ich in den Ordnern leider nichts gefunden.“
Massimo schnaubte leise und starrte weiter in die Wolken.
Der Jet setzte butterweich in Catania auf, die Triebwerke brummten leiser, während draußen die Sonne wie flüssiges Gold über das Rollfeld rann. Patrizia fühlte, wie ihr Herz ein kleines bisschen schneller schlug, nicht nur wegen des Termins, sondern auch, weil sie wusste, dass jede ihrer Gesten sitzen musste. Locker bleiben, Patrizia. Atmen. Keine verräterischen Blicke.
Das Gepäck wurde gleich vom Bodenpersonal entgegengenommen. Matteo erklärte knapp: „Deine Sachen gehen direkt aufs Weingut, du brauchst heute nur deine Unterlagen.“
„Klingt vernünftig,“ antwortete sie und tat so, als würde sie den Ledergriff ihrer Tüte prüfend zurechtrücken, während sie innerlich schon mal den Ablauf durchging.
Sie stiegen in einen schwarzen Wagen mit getönten Scheiben, Massimo wie immer regungslos neben ihr, Matteo vorne beim Fahrer. Der Wagen glitt durch die Straßen von Catania, vorbei an pastellfarbenen Häuserfassaden, deren Fensterläden in der morgendlichen Brise klapperten. Patrizia ließ den Blick aus dem Fenster schweifen, damit niemand sah, wie sich ihre Finger an der Tüte verkrampften. Hoffentlich sieht man mir nicht an, dass ich aufgeregt bin.
Nach einer halbstündigen Fahrt durch Catania kamen sie an einem modernen Komplex an. Das Gebäude war modern, großflächige Glasfronten, spiegelnd wie Wasser. Eine Drehtür, in der sich die Reflexionen der Passanten mischten. Sie marschierten durch die Lobby, deren glänzender Marmorboden das Klacken ihrer neuen italienischen Slipper fast wie ein Metronom widerhallen ließ.
„Ich muss kurz…“, setzte Patrizia an und deutete vage in Richtung der Schilder, auf denen Toilette stand.
„Mach schnell, wir sind knapp dran,“ brummte Massimo.
Sie folgte den Schildern und blieb abrupt vor zwei Türen stehen. Links: Damen. Rechts: Herren. Verdammt. Für einen Herzschlag stand sie wie angewurzelt da, die Hand schon in der Luft, als würde sie gleich eine unsichtbare Mauer berühren. Wo gehe ich jetzt rein, ohne dass es auffällt?
„Patrizio?“ Matteo stand plötzlich hinter ihr, ein spitzbübisches Lächeln im Gesicht. „Ich dachte, du musst so dringend. Warum stehst du denn hier wie ein Tourist vor der Sixtinischen Kapelle?“
„Ist… äh… alles voll,“ murmelte sie und deutete irgendwie in beide Richtungen.
Matteo zog nur eine Braue hoch. „Aha.“ Sie schob sich an ihm vorbei, riss die Herrentür auf und verschwand in einer der Kabinen, bevor er noch irgendwas sagen konnte. Die kühle Fliese an der Wand drückte sie kurz in die Realität zurück. Durchatmen, Patrizio. Gleich wieder rausgehen, als wäre nichts gewesen.