Kapitel 15 - Die Verhandlung

1074 Worte
Kapitel 15 – Die Verhandlung Patrizia trat aus der Herrentoilette, zog sich das Sakko zurecht und straffte die Schultern. In wenigen Minuten würde sie vor einem Raum voller Augenpaare stehen, die nur darauf warteten, einen Fehler zu finden. Kurz bevor sie den Konferenzraum des Hotels erreichten, blieb sie stehen, machte unauffällig das Kreuzzeichen und murmelte in Gedanken ein Stoßgebet an Justitia die römische Göttin der Gerechtigkeit. Massimo und Matteo warfen sich einen Blick zu und hoben synchron die Augenbrauen. „Was?“ fauchte Patrizia leise. „Jeder braucht ein Ritual.“ Dann schritt sie an den beiden vorbei, ohne sich noch einmal umzudrehen. Der Konferenzraum roch nach frisch gebrühtem Kaffee und poliertem Holz. Am Tisch saß der Vertreter der Stadt – jung, glatt rasiert, keine dreißig. Natürlich, dachte Patrizia. Junge Leute wie sie, wollen immer die Welt umkrempeln. Sie ließ sich nicht beirren, legte ihre Mappe auf den Tisch und schlug sie ohne Umschweife auf. Der Vorwurf war schnell wiedergegeben: Die Stadt beanspruchte das Land zurück, das seit Generationen im Besitz von Massimos Familie war. Es war eine Güteverhandlung, der eigentliche Gerichtstermin stand erst für morgen an. Aber Patrizia wusste: Heute konnte man schon die Weichen stellen. Sie holte tief Luft und begann mit fester Stimme. „Ich habe zwei Urteile gefunden, die unseren Fall stützen. Eins davon stammt sogar aus Sizilien und wissen Sie was? Die Stadt hat verloren.“ Während sie sprach, konnte man förmlich sehen, wie Antonio Russo, der junge Vertreter, Farbe verlor. Ein feiner Schweißfilm glänzte auf seiner Stirn. Er räusperte sich, blätterte nervös in seinen Unterlagen, als könnten dort Argumente auftauchen, die sie ihm eben nicht schon aus der Hand geschlagen hatte. Dann trat Patrizia ihren letzten Schritt nach vorn. Sie beugte sich leicht über den Tisch, sodass ihre Augen genau auf seiner Höhe waren, und senkte die Stimme. „Bis heute Abend, 19 Uhr, haben Sie Zeit, sich zu entscheiden. Wir können uns vorher einigen – Sie geben uns unser Land zurück, zahlen ein paar Unkosten, und die Sache ist erledigt. Oder…“ Sie ließ die Pause hängen, „…wir sehen uns morgen vor Gericht, und glauben Sie mir, ich bin nicht billig.“ Sie schob ihm eine vorbereitete Mappe zu, der Vertrag lag sauber obenauf, nur noch seine Unterschrift fehlte. „Unterschreiben, und die Klage ist vom Tisch. Keine große Sache.“ Dann richtete sie sich auf, griff ihre Unterlagen und sagte beiläufig zu Massimo und Matteo: „Meine Herren, wir können gehen.“ Die beiden brauchten einen Moment, um hinterherzukommen – so verdattert waren sie. Mit diesem Auftritt hatten sie nicht gerechnet. Während sie den Konferenzraum verließen, warf Massimo Matteo einen vielsagenden Blick zu – halb ungläubig, halb amüsiert. Patrizia bemerkte das sofort, auch wenn sie so tat, als wäre ihr Blick nur stur nach vorne gerichtet. „Merkt euch eins,“ sagte sie, kaum dass sie die Hotellobby hinter sich gelassen hatten. „Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit sind die halbe Miete. Wer das ausstrahlt, schüchtert den anderen schon ein, bevor er den Mund aufmacht.“ Massimo konnte sich ein unterdrücktes Lachen nicht verkneifen. „Dieser kleine, zierliche Kerl erzählt uns was von Einschüchtern?“ Er lachte jetzt offen, stieß Matteo mit dem Ellbogen an und wiederholte den Satz, als wäre es der Witz des Tages. Matteo grinste breit, sagte aber nichts. Draußen fuhr der schwarze Wagen schon vor. Der Fahrer öffnete ihnen diskret die Türen und kurz darauf saßen sie im angenehm kühlen Innenraum. Kaum hatten sie sich angeschnallt, fragte Matteo neugierig: „Und… was genau war das jetzt für ein Vertrag?“ Patrizia setzte sich etwas aufrechter, legte die Mappe neben sich und antwortete so sachlich, als würde sie eine Einkaufsliste vorlesen. „Eine Aufhebung der Klage. Rückgabe des Landes, Erstattung unserer Kosten. Sollte er bis heute Abend nicht unterschreiben, gehen wir vor Gericht. Dann kommen höhere Gerichtskosten dazu – plus mein Honorar.“ Sie hob den Blick, ein kaum merkliches Lächeln in den Mundwinkeln. „Und glauben Sie mir, das ist nicht günstig.“ Matteo pfiff leise durch die Zähne, Massimo lehnte sich wortlos zurück. Der Wagen rollte hinaus aus der Stadt, die Straßen wurden breiter, und bald zeigte sich in der Ferne der mächtige Ätna. Patrizia blickte aus dem Fenster, und einen Moment lang schien sie ihre Gedanken weit weg zu verlieren. Wie lange war es her, dass sie hier gewesen war? Bestimmt zehn Jahre. Damals, auf dieser Klassenfahrt, hatte sie in einem viel zu engen Bus gesessen, umgeben von kichernden Mädchen und dem Geruch nach Sonnencreme. Jetzt saß sie in einem klimatisierten Luxuswagen, auf dem Weg zu einem Weingut und zu einem ganz anderen Kapitel ihres Lebens. Irgendwann tauchte zwischen den sanft geschwungenen Weinhügeln das Weingut auf. Ein schönes, großes Gebäude in warmen Terrakotta-Tönen, die Ziegel leicht vom Wind und der Sonne gealtert – wie ein Postkartenmotiv, nur echter. Der Wagen rollte die Allee hinauf, flankiert von Reben, die sich in der Spätnachmittagssonne golden färbten. Sie stiegen aus, und sofort kam ein Mann mittleren Alters auf sie zu. Fester Händedruck, offenes Lächeln. „Francesco“, stellte er sich vor. „Ich kümmere mich hier um alles. Ich bin der Winzer – herzlich willkommen. Schön, mal ein neues Gesicht zu sehen.“ „Hi, ich bin Patrizio, der Anwalt für dieses gute Stück Land“, witzelte Patrizia trocken, und er lachte. Matteo, leicht genervt von ihrem kleinen Auftritt, schob sie sanft vorwärts. „Komm, ich zeig dir unser Zimmer.“ Drinnen roch es nach Holz, Wein und einem Hauch Lavendel. Massimo war schon längst wieder um irgendeine Ecke verschwunden, wahrscheinlich, um sich einen Überblick über das Weingut zu verschaffen. Patrizia betrat ihr Zimmer, großzügig, hell, mit eigenem Bad. Aber der Ausblick… vom Hang hinunter über die weite, grüne Landschaft bis hin zum schimmernden Blau des Meeres. Sie öffnete das Fenster, und ein warmer, leicht salziger Wind strich ihr durchs Haar. Ganz anders als Rom, hier war die Luft weicher, fast süß. „Schön, mal wieder hier zu sein…“ murmelte sie leise, ohne zu merken, dass sie es ausgesprochen hatte. Auf einer Bank am Fenster stand schon ihr kleiner Koffer, offenbar hatte man ihr Gepäck hergebracht. Sie ließ sich kurz aufs Bett sinken, stand dann auf, um sich frisch zu machen. Kaltes Wasser ins Gesicht, ein tiefer Atemzug – und der Blick in den Spiegel, der ihr sagte, dass der Abend noch nicht zu Ende war. Mal sehen, was er heute bringen würde. Vor allem… ob sich Antonio Russo melden würde.
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