Kapitel 16 - Männersachen
Rom, später Nachmittag. Massimo hatte ihn kurzerhand in sein Büro beordert, kaum dass Matteo den Kaffee abgestellt hatte.
„Du fährst zu Patrizio, gibst ihm die Flugzeiten für morgen. Und mach ihm klar, dass er auch bei der Güteverhandlung in Sizilien antanzen muss. Gerichtstermin ist gleich am nächsten Tag.“ So, als wäre das ein Befehl aus Stein gemeißelt, wie Massimo eben war.
Matteo nickte, doch kaum war er draußen, griff er zum Handy und wählte eine Nummer, die er schon zu gut kannte. Sergio.
„Beobachtest du ihn noch?“
„Seit Tagen,“ kam die lakonische Antwort.
„Gut. Schick mir seinen Standort.“
Kurze Zeit später hatte er nicht nur den Standort, sondern auch eine dicke Akte auf seinem Schreibtisch liegen. Eine Akte, die er – zugegeben – aus reiner Neugier geöffnet hatte.
Was er dort sah, ließ ihn stutzen. Geburtsurkunde: Female. Name: Patrizia.
Matteo lehnte sich zurück, starrte einen Moment auf das Papier, dann musste er lachen.
„Na, und ich bin tatsächlich drauf reingefallen…“ murmelte er zu sich selbst.
Er schloss die Mappe, schnappte sich seine Sonnenbrille und fuhr los. Der Palazzo lag wie immer ehrwürdig in der römischen Sonne.
Draußen an der Straße entdeckte er sie – ihn. Patrizia saß an einem kleinen runden Tisch im Schatten, ein großes Pils vor sich. Der Blick war konzentriert auf ein paar lose Blätter gerichtet.
„Na, tüftelst du an der Rettung der Welt?“ fragte Matteo, als er sich einfach zu ihr setzte.
Sie hob den Kopf, lächelte und hielt ihm wortlos ein Blatt hin. „Die Lösung. Ich hab sie.“
Dieses Selbstbewusstsein beeindruckte ihn. Keine Scheu, keine Unsicherheit – nur diese Art, den Raum sofort für sich einzunehmen.
Er erklärte ihr die Daten für den nächsten Tag: Uhrzeit, Ablauf, die Sache mit der Güteverhandlung. Als er das Wort „Flughafen“ erwähnte, zuckte sie sofort zusammen.
„Keine Panik,“ winkte er ab, „bei einem Inlandsflug im Privatjet wird niemand nach deinem Ausweis fragen.“
„Der ist nämlich… äh… verloren gegangen,“ meinte sie verlegen, mit diesem schelmischen Funkeln in den Augen.
Immer eine Ausrede parat, immer eine Antwort und meistens frech. Matteo konnte nicht anders, als zu grinsen.
Sie verabschiedeten sich, und als er zurück zum Wagen ging, war er besser gelaunt als den ganzen Tag zuvor. Er würde Massimo nicht erzählen, was er herausgefunden hatte. Nein. Das hier war sein kleines Geheimnis und es brachte gerade genug Pfeffer in sein sonst so langweiliges Leben
Am nächsten Morgen trafen wir uns am Flughafen. Ich war schon vor Ort, als Patrizio auftauchte, Haare etwas zerzaust, die Ordner in einer großen Einkaufstasche unter dem Arm.
Massimos Blick sagte alles. Er hasste Unordnung. Und man merkte, wie er sich zusammenriss, nicht gleich loszupoltern. Normalerweise ließ er so etwas keine fünf Sekunden durchgehen. Das wird noch interessant, dachte ich mir schmunzelnd.
Der Flug verlief ruhig, und als wir in Sizilien landeten, war die Stimmung sogar recht gelassen. Bis Patrizio vor den Toilettenschranken im Hotel stehen blieb. Er tat so, als hätte er die falsche Tür erwischt, und blieb etwas unschlüssig stehen.
Ich wusste sofort, was das Spiel war. Also ging ich selbst scheinbar seelenruhig hinein – natürlich nur zum Schein – und er kam nach. Ein Blick reichte, wir verstanden uns.
Dann begann die Güteverhandlung. Und was soll ich sagen? Selbst ich, der sie mittlerweile schon ein bisschen kannte, war überrascht. Patrizia – oder eben Patrizio – ging rein wie ein erfahrener Spitzenanwalt. Keine Spur von Nervosität, nur klare Worte und scharfe Argumente. Dieser Antonio Russo, der sonst vermutlich jeden mit seiner charmanten Selbstsicherheit kleinmacht, wurde von Minute zu Minute blasser. Ich schwöre, man konnte sehen, wie ihm der Schweiß den Nacken runterlief.
Wir hatten eigentlich geplant, noch ein paar Tage zu bleiben – die Gerichtsverhandlung war ja erst am nächsten Tag. Doch keine zwei Stunden, nachdem wir auf dem Weingut angekommen waren, klingelte das Telefon. Francesco reichte es Massimo weiter.
„Signore Russo“, sagte er nur.
Massimo hörte zu, nickte und dann kam dieser ungläubige Blick.
„Er will sich heute Abend mit uns treffen… und die Unterlagen unterschreiben. Das Land geht offiziell an uns – mit allen Papieren. Wie, zum Teufel, hat der kleine Kerl das nur angestellt?“ murmelte er zu mir.
Ich grinste nur und machte mich auf den Weg zu Patrizios Zimmer.
„Na, mein Lieber, es hat geklappt. Heute Abend treffen wir uns zum Essen mit Russo.“ „Ich hab’s dir doch gesagt – er wird sich melden.“ lachte sie.
Gemeinsam gingen wir auf die Terrasse. Massimo hatte zur Feier des Tages den besten Jahrgang aus dem Keller geholt – unseren 1997er. Francesco kam mit den Gläsern, und Massimo verteilte den tiefroten Wein.
„Cin cin“, sagte er, und das helle Klingen der Gläser mischte sich mit dem leisen Zirpen der Grillen in der Abendsonne.
Wir fuhren zurück nach Catania, hinein in die Altstadt, wo die Lampen warmes Licht auf das Kopfsteinpflaster warfen. Massimo hatte ein kleines, aber feines Restaurant ausgesucht, das für seine diskrete Atmosphäre bekannt war – perfekt für ein Gespräch wie dieses.
Herr Russo saß schon am Tisch, leger, aber mit dieser übertriebenen Selbstsicherheit, die Männer wie er immer ausstrahlen. Vor ihm lag die Mappe, die Patrizio am Nachmittag so ordentlich vorbereitet hatte. Das rote Siegel glänzte im Kerzenschein.
„Ah, meine Herren,“ begrüßte er uns mit einem knappen Nicken. Kaum saßen wir, bestellte er für jeden einen Grappa – noch bevor die Speisekarte überhaupt auf dem Tisch lag.
Das Essen verlief erstaunlich schweigsam. Nur das Klirren von Besteck und leises Murmeln aus den anderen Tischen füllte den Raum. Russo sah Patrizio immer wieder an, als würde er nach einer Schwäche suchen, und dann wieder zu Massimo, dessen Blick so finster war, dass er wahrscheinlich selbst eine brennende Kerze hätte erlöschen lassen.
Zwischendurch lehnte sich Russo leicht nach vorn. „Patrizio… haben Sie schon mal darüber nachgedacht, für die Stadt zu arbeiten? Ihr Talent wäre hier sehr gefragt.“
Ich merkte, wie Massimo bei diesen Worten noch eine Spur kälter wurde. Ehe Patrizio etwas sagen konnte, übernahm ich: „Patrizio ist bei uns mehr als eingespannt. Wir wissen sein Können sehr zu schätzen und behalten es gern im Haus.“
Russo nickte nur, doch sein Blick verriet, dass er es bedauerte.
Nach dem Essen führte er uns in den kleinen Innenhof des Restaurants. Der Mond stand tief, und der Duft von Jasmin hing schwer in der warmen Nachtluft. Ein Kellner brachte eine Schachtel Zigarren und einen schweren Kristallkrug mit bernsteinfarbenem Whisky.
„Auf gute Jahrgänge“, sagte Russo, zündete sich eine Zigarre an und schob die Mappe zu Massimo. Patrizio lehnte dankend ab, als man ihm eine anbot, und hielt das Whiskyglas, als wäre es ein fremdes, gefährliches Tier. Einen kleinen Schluck nahm er, verzog unmerklich das Gesicht, und nickte dann so, als würde er ihn genießen.
Der Vertrag wurde in aller Ruhe durchgesehen, jede Seite, jede Unterschrift – bis endlich das letzte Blatt signiert war.
Massimo legte den Füller beiseite, stieß mit Russo an, und ich sah, wie sich ein kleiner, aber zufriedener Triumph in seinem Blick spiegelte.