Kapitel 17 - Die Maske
Patrizia hatte sich nach dem Frischmachen auf leisen Sohlen aus dem Zimmer geschlichen. Das Weingut war einfach zu schön, um drinnen zu bleiben. Sie schlenderte über den Innenhof, vorbei an großen Terrakottatöpfen, in denen Rosmarin und Thymian wuchsen. Dazwischen rankte Bougainvillea in kräftigem Pink die Mauern hinauf. Die Luft war erfüllt vom Summen der Bienen und dem warmen, fruchtigen Aroma reifer Zitronen und Orangen.
Ein alter Orangenbaum, dessen Krone großzügigen Schatten spendete, zog sie an. Darunter stand eine abgenutzte Holzbank, deren Holz von Sonne und Regen gegerbt war. Sie setzte sich, lehnte sich zurück und ließ den Blick hinunter ins Tal schweifen – endlose Reihen von Weinreben, dazwischen silbrig glänzende Olivenhaine, und in der Ferne das Meer, das in der Sonne glitzerte wie ein stilles Versprechen.
Für einen Augenblick vergaß sie, wer sie war – Patrizio, der Anwalt – und war einfach nur Patrizia, das Mädchen, das einmal eine Klassenfahrt hierher gemacht hatte und dachte, die Welt läge ihr zu Füßen.
Als sie schließlich zurück in ihr Zimmer kam, hörte sie Schritte auf dem Flur. Matteo näherte sich mit diesem typischen federnden Gang und einem Lachen, das schon vor ihm um die Ecke bog. Die Sonnenstrahlen tanzten auf seinem weißen Hemd, und Patrizia konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
„Da bist du ja,“ sagte er grinsend. „Ich habe gute Neuigkeiten für dich.“
„Na, dann überrasche mich,“ erwiderte sie und verschränkte spielerisch die Arme.
„Wir fahren heute Abend essen und treffen Antonio Russo. Er wird den Vertrag unterzeichnen. Massimo hat gerade mit ihm telefoniert.“ Matteo zog eine Augenbraue hoch, ließ die Spannung einen Moment in der Luft hängen und fügte dann neckisch hinzu: „Nicht schlecht… die teuren Anwälte müssen sich gar nicht erst aus Rom bemühen.“
Noch bevor sie kontern konnte, wuschelte er ihr frech durchs Haar.
„Hey!“, rief sie empört und boxte ihm lachend in die Seite. „Ich hab mich gerade erst frisch gemacht!“
„Keine Sorge, Patrizio,“ grinste er, „ein paar zerzauste Strähnen stehen dir… männlich.“
Sie verdrehte nur die Augen, während Matteo sich sein Grinsen kaum verkneifen konnte.
Irgendwo in der Ferne läutete eine Glocke, und für Patrizia war es, als würde sie das Zeichen zum Aufbruch geben. Der Abend versprach, interessant zu werden und sie wusste, dass es heute nicht nur ums Geschäft gehen würde.
Sie begleitete Matteo auf die Terrasse, wo Massimo und Francesco bereits warteten. Der Tisch war reich gedeckt mit kleinen Schälchen Oliven, Pecorino und knusprigem Brot. Massimo hielt eine schwere, staubige Flasche in der Hand.
„Das hier,“ erklärte er mit einem fast feierlichen Tonfall, „ist unser bester Jahrgang. 1997.“
Patrizia musste schmunzeln. Von Wein verstand sie so gut wie nichts. Hauptsache, er schmeckte. Doch als Francesco die Gläser einschenkte und Massimo die Hand hob, stießen sie gemeinsam an.
„Cin cin.“
Der Wein war kräftig, rund, ein bisschen schwer, aber zu ihrer Überraschung gefiel er ihr. Sie nahm einen weiteren Schluck, und während sie das Glas leicht drehte, fiel ihr Blick zu Massimo. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft lächelte er – kein kaltes, kontrolliertes Lächeln, sondern ein ehrliches. Dabei zeigten sich kleine Grübchen in seinen Wangen.
Patrizia ertappte sich dabei, wie sie einen Moment zu lange hinsah. Für diesen winzigen Augenblick schien die Fassade des strengen Geschäftsmannes zu bröckeln. Ein Mann mit Grübchen war schwerer zu durchschauen und sie wusste nicht, ob ihr das gefallen oder gefährlich werden würde.
Patrizia stand noch mit dem Glas in der Hand auf der Terrasse, das Licht der untergehenden Sonne tauchte den Himmel in weiche Gold und Rosatöne. Francesco war schon wieder in Richtung Küche verschwunden, Matteo telefonierte etwas abseits und für einen Augenblick blieb nur sie mit Massimo zurück.
Er sah sie an, das Glas in der Hand, aber diesmal ohne seine übliche Härte in den Augen. „Gefällt dir der Wein?“ fragte er, fast beiläufig.
„Mehr, als ich gedacht hätte,“ gab sie zu und drehte das Glas leicht zwischen den Fingern. „Ich hätte nie geglaubt, dass ein ’97er so… lebendig schmeckt.“
Massimo lachte leise. „Lebendig? Das ist das erste Mal, dass jemand unseren Wein so beschrieben hat.“ Seine Stimme war tief, fast samtig, und sie spürte, wie ihr der Atem für einen Moment stockte.
„Na, ich bin halt kein Experte.“
„Manchmal ist das besser,“ entgegnete er und trat näher. „Du redest nicht wie jemand, der verkosten will, um Fehler zu finden. Du redest wie jemand, der genießt.“
Sie hob den Blick und traf auf seine Augen. Dunkel, aufmerksam, fast zu durchdringend. Es war, als wollte er mehr aus ihr herauslesen, als sie preisgeben konnte. Einen Moment lang fühlte sie sich ertappt, beinahe durchschaut.
„Vielleicht solltest du mir das öfter beibringen,“ murmelte sie, um die Spannung zu brechen.
Seine Mundwinkel zuckten. „Das könnte ich. Aber Vorsicht, Patrizio – am Ende gewöhnst du dich an mehr, als nur den Wein.“
Ihr Herz machte einen kleinen Sprung. Schnell senkte sie den Blick und stellte ihr Glas auf den Tisch. „Dann sollten wir los, oder?“
Massimo nickte, doch sein Blick ruhte noch einen Atemzug zu lange auf ihr, als wollte er etwas sagen, es sich aber im letzten Moment verkniff. Matteo kam lachend zurück, klopfte Patrizia auf die Schulter und rief: „Alles klar, wir fahren! Massimo hat ein Restaurant ausgesucht, mitten in der Altstadt von Catania. Enge Gassen, kleine Tische, aber der beste Fisch weit und breit.“
„Perfekt,“ erwiderte Patrizia knapp, während sie sich die Jacke überwarf. Doch als Massimo an ihr vorbeiging, streifte seine Hand beiläufig ihren Rücken – kaum merklich, fast wie ein Zufall.
Und doch brannte die Stelle noch, als sie gemeinsam die Treppen hinuntergingen, hinaus in den warmen sizilianischen Abend.
Das Restaurant lag versteckt in einer kleinen Seitengasse, Kopfsteinpflaster unter den Füßen, Wäscheleinen hoch über den Dächern. Der Duft von gegrilltem Fisch und frischem Basilikum hing schwer in der Luft, als sie eintraten. Russo saß schon am Tisch, eine breite Geste, die Mappe mit den vorbereiteten Unterlagen lag wie eine stille Einladung neben seinem Teller.
„Patrizio,“ begrüßte er sie mit einem überfreundlichen Lächeln, „ich muss sagen, deine Recherche hat mich beeindruckt. Präzise, klar, keine Spielräume für Missverständnisse. Genau so etwas braucht die Stadt.“ Er lehnte sich zurück, ließ die Worte wirken und fügte dann fast beiläufig hinzu: „Hast du schon mal überlegt, für uns zu arbeiten? Ein Platz in der Verwaltung wäre dir sicher. Leute wie dich brauchen wir.“
Patrizia spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte. Ihr Blick huschte zu Massimo, der den Mann mit einem finsteren Ausdruck fixierte, als hätte Russo gerade eine offene Kampfansage gemacht. Ein Muskel zuckte in seinem Kiefer. Matteo aber war schneller.
„Leider unmöglich,“ sagte er mit gespielter Lockerheit und nahm einen Schluck von seinem Wein. „Patrizio ist bei uns stark eingespannt. Viel zu schade, um ihn an die Stadt zu verlieren.“
Russo hob die Hände, als wolle er sagen: Schon gut. Doch die Anspannung blieb im Raum wie ein unsichtbarer Nebel. Das Essen verlief daraufhin beinahe schweigsam, nur das Klirren von Besteck und das gelegentliche Murmeln der anderen Gäste füllten die Pausen. Patrizia versuchte, gelassen zu wirken, doch sie fühlte, wie ihr Nacken steif wurde und ihre Hände zu oft nach dem Glas griffen.
Nach dem letzten Gang schlug Russo vor, in den Innenhof zu gehen, wo die Luft nach Jasmin duftete und eine alte Laterne warmes Licht über den Tisch warf. Der Kellner brachte eine Zigarrenkiste, legte sie demonstrativ auf den Tisch. Russo griff sofort zu, auch Matteo zögerte nicht lange. Massimo zündete seine Zigarre an, zog tief daran und blies den Rauch langsam in den Nachthimmel, während er Russo nicht aus den Augen ließ.
Als auch Patrizia die Kiste hingeschoben bekam, hob sie abwehrend die Hand. „Nein danke… Zigarren sind nicht so mein Ding.“
„Aber beim Whisky sagst du doch nicht nein?“ Russo grinste, schon halb im Rausch guter Laune.
Patrizia zwang ein Lächeln und nickte. Ein Glas wurde eingeschenkt, das bernsteinfarbene Licht darin flackerte im Schein der Laterne. Sie hob es an, roch kurz daran, und als die ersten Tropfen ihre Kehle hinabbrannten, musste sie alle Kraft zusammennehmen, um nicht zu husten. Es fühlte sich an, als würde Feuer durch sie hindurchlaufen. Doch sie verzog keine Miene, nur ein knappes „Salute“ über die Lippen.
Russo wirkte trotz der Niederlage zufrieden, die Unterschriften folgten rasch, Federstriche auf dickem Papier. Jeder Zug an der Zigarre, jeder Schluck Whisky machte die Atmosphäre schwerer, fast wie ein stilles Kräftemessen.
Patrizia hielt durch. Sie wusste, hier durfte sie sich keinen Moment Schwäche erlauben, auch wenn ihre Kehle brannte und ihr Herz raste, als sie die Mappe zuschlug.
Die Fahrt zurück zog sich wie ein zähes Band durch die Nacht. Die Straßen von Catania glitzerten noch vom Regen, Laternen spiegelten sich in den nassen Steinen. Im Wagen war es stiller als sonst. Massimo saß vorne als Beifahrer, den Blick stur nach draußen gerichtet, Matteo hinter ihm schien erstaunlich gelöst, als hätte der Whisky bei ihm nur für ein leises Lächeln gesorgt.
Patrizia hingegen kämpfte. Der Alkohol rauschte in ihren Adern, jeder Atemzug fühlte sich zu schwer an und doch durfte sie es sich nicht anmerken lassen. Sie hielt die Schultern gerade, die Hände locker auf den Knien, als wäre alles selbstverständlich. In Wahrheit pochte ihr Herz viel zu schnell und das Brennen in der Kehle erinnerte sie an jede Sekunde, in der sie versucht hatte, den Mann am Tisch nicht durch ein Husten zu verraten.
Sie wagte keinen Blick nach rechts oder links, redete sich ein, dass Schweigen ihr bester Schutz war. Matteo warf ihr einmal einen Seitenblick zu, fast zu lang, als hätte er bemerkt, wie verkrampft ihre Finger sich ins Hosenbein krallten. Doch er schwieg.
Das Tor zum Weingut öffnete sich knarrend, die Wagenlichter glitten über das Pflaster des Innenhofs. Patrizia spürte eine Welle der Erleichterung, als sie endlich aussteigen konnte. Noch immer trug sie die Maske des unerschütterlichen Patrizio, nickte beiläufig, als Massimo etwas murmelte und ging mit festen Schritten durch das alte Gemäuer zu ihrem Zimmer.
Erst als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel und sie den Schlüssel drehte, brach die Anspannung aus ihr heraus. Sie ließ sich langsam, fast taumelnd, an der Tür hinuntergleiten, bis sie mit dem Rücken gegen das Holz saß, die Knie angezogen. Ihr Atem kam stoßweise, die Stirn lehnte sie auf die Arme.
„Wie soll ich das nur überstehen…?“ flüsterte sie heiser ins Halbdunkel.
Die Stille antwortete ihr nicht, nur das ferne Zirpen der Grillen und das gelegentliche Knarren des alten Hauses. Patrizia schloss die Augen, atmete tief durch und spürte, wie die Maske des kühlen Patrizio für einen Moment abfiel. Nur hier, allein in der Dunkelheit, konnte sie Patrizia sein – verletzlich, müde, überfordert. Doch sie wusste, morgen früh würde sie die Fassade wieder anlegen müssen.
Und so saß sie dort, auf dem kalten Steinboden, während draußen der Wind durch die Reben fuhr und schwor sich, durchzuhalten, egal, was es sie kostete.