Kapitel 18 - Der Anfang

1496 Worte
Kapitel 18 - Der Anfang Patrizia wachte auf, als hätte jemand mit einem Hammer in ihrem Kopf gearbeitet. Alles pochte, jeder Herzschlag vibrierte wie ein kleiner Schlag gegen die Schläfen. Sie drehte sich mühsam zur Seite und kniff die Augen zusammen, der Raum war von der Morgensonne erfüllt, viel zu hell, viel zu laut, selbst die Vögel draußen zwitscherten gefühlt absichtlich gegen ihren Schädel. Mit einem leisen Stöhnen schob sie die Bettdecke beiseite, schleppte sich ins Bad. Der kühle Boden unter den Füßen tat gut. Sie spritzte sich Wasser ins Gesicht, putzte sich die Zähne und verzog das Gesicht. Boah, die Kehle brennt ja immer noch, als hätte ich Feuer geschluckt. Ein leises Schnauben entkam ihr. „Nie wieder Hartes“, murmelte sie, auch wenn sie wusste, dass sie genau das schon hundert Mal nach langen Abenden gesagt hatte. Sie zog eine gemütliche Jogginghose über, dazu ein T-Shirt, das eindeutig nach Lorenzo roch. Patrizia hielt kurz inne, vergrub die Nase im Stoff. Na toll… als hätte ich nicht schon genug Theater, jetzt spukt mir der auch noch im Kopf herum. Noch immer leicht benommen wühlte sie in ihrer Kulturtasche herum, auf der verzweifelten Suche nach einer Kopfschmerztablette. Nichts. Nur ein paar lose Haargummis, Lippenpflege und das kleine Parfumfläschchen. Mit einem leisen Seufzer gab sie auf, schlüpfte aus ihrem Zimmer und schlurfte barfuß über den Flur. Im Wintergarten saßen schon Massimo und Matteo, beide frisch und munter, als hätten sie gestern Abend höchstens Kamillentee getrunken. Matteo trug ein helles T-Shirt und eine beige Leinenhose, lässig wie aus einem Katalog gefallen. Massimo dagegen in dunkler Jeans und schwarzem Shirt – schlicht, aber an ihm wirkte es wie eine Rüstung. Patrizia hob eine Hand vor die Augen, weil das grelle Licht, das durch die offenen Fenster strömte, in ihrem Kopf wie ein Presslufthammer hämmerte. „Habt ihr vielleicht eine Kopfschmerztablette?“ fragte sie gequält. Matteo sprang sofort auf, beinahe zu eifrig, und rief Richtung Küche: „Roberta, hast du was für unseren Gast?“ Eine ältere Frau, die dort zwischen dampfenden Töpfen hantierte, drehte sich um, lächelte warm und nickte. „Subito.“ Wenig später kam sie mit einem Tablett zurück, darauf ein Glas Wasser, ein dampfender Kaffee und die ersehnte Tablette. „Hier, ragazza,“ sagte sie mit einem Augenzwinkern, als wüsste sie ganz genau, wie der Abend zuvor gelaufen war. Patrizia ließ sich in den Bambusstuhl im Wintergarten fallen, nahm die Tablette mit einem kräftigen Schluck Wasser und griff dann gleich nach dem Kaffee. Der Wind, der durch die weit geöffneten Fenster zog, brachte eine kühle Brise mit sich, die ihre erhitzte Haut sofort beruhigte. Sie schloss kurz die Augen, lauschte dem Summen der Insekten draußen, und atmete tief durch. Draußen war es bereits so heiß, dass die Luft über den Steinen flimmerte – hier drinnen aber fühlte sich alles fast friedlich an. Als sie die Augen wieder öffnete, traf sie Matteos Blick. Er beobachtete sie still, ohne ein Wort. Irgendetwas in seiner Miene lag zwischen Skepsis und Neugier, fast so, als wollte er herausfinden, wie lange Patrizio dieses Spiel noch durchhielt. Massimos Blick war hart und unbeweglich, als er den letzten Schluck aus seiner Espressotasse nahm. Keine Regung, keine Mimik, als hätte jemand sein Gesicht in Stein gemeißelt. „Nach dem Kaffee fahren wir los,“ sagte er schlicht, die Stimme ruhig, aber voller Schwere. „Zurück zum Hafen von Catania. Dort wartet eine Lagerhalle. Patrizio, du machst die Verträge fertig. Alles Weitere erfährst du vor Ort.“ Patrizia hob langsam den Kopf, blinzelte gegen das Licht, das von draußen hereinfiel. „Und… um was geht es?“ fragte sie, bemüht, dass ihre Stimme nicht zu sehr zitterte. Massimos Augen verengten sich kaum merklich. „Waffenhandel.“ Ein einziges Wort, fallen gelassen wie ein Stein in kaltes Wasser. Patrizia stockte der Atem. „Waffen? Handeln wir… in Europa?“ „Ja.“ Massimo lehnte sich zurück, die Finger ineinander verschränkt. „Das Schiff kommt aus Afrika, legt hier in Europa an. Im Hafen bekommt es einen neuen Namen, einen sauberen Start, und fährt dann weiter. Richtung Wladiwostok. Von dort gehen die Waren nach Nordkorea und Russland.“ Sie schluckte schwer, so sehr, dass sie den Kloß in ihrem Hals spürte. Das spielt sich alles vor meiner eigenen Haustür ab, dachte sie benommen. Während ich sonst naiv durch die Hafenstraßen spaziert bin und den Fischern beim Entladen zugesehen habe… lief das hier ab. Direkt unter meinen Augen. Ihr wurde regelrecht übel bei dem Gedanken. „Und was soll ich machen?“ Ihre Stimme war leiser, fast ein Hauch. „Du bereitest alles vor,“ erwiderte Massimo knapp. „Die Verträge, die Papiere. Alles muss sauber aussehen, so unauffällig, dass es bei der Hafenmeisterei problemlos durchgeht. Keine Fehler.“ Patrizia nickte langsam, obwohl sich ihr Magen zusammenzog wie ein nasser Schwamm. Ich wollte Abenteuer. Aber das hier… ist mehr, als ich jemals gedacht habe. Matteo hatte das Ganze schweigend verfolgt, und Patrizia meinte, einen Hauch von Besorgnis in seinen Augen zu sehen. Aber er schwieg, wie immer, wenn Massimo sprach. Keine weiteren Worte fielen. Massimo erhob sich, griff nach seiner Jacke. Matteo tat es ihm nach. Patrizia folgte automatisch, als wäre sie plötzlich nur noch eine Schachfigur, die jemand über ein Brett bewegte. Sie gingen hinaus, die Sonne stach grell vom Himmel, der Kies knirschte unter den Schuhen. Der Motor des Wagens sprang an, ein tiefes Grollen, das in Patrizias Brust nachhallte. Sie setzte sich hinten hinein, spürte das Leder kühl unter ihren Fingern. Die Fahrt führte sie zurück, hinaus aus den Hügeln des Weinguts, hinein in den Lärm und Staub der Stadt. Als die Silhouette von Catania mit ihren alten Fassaden und engen Gassen auftauchte, wurde der Verkehr dichter. Und irgendwann, nach einer scharfen Abbiegung, öffnete sich der Blick: der Industriehafen. Krane ragten wie eiserne Skelette in den Himmel, Container stapelten sich wie bunte Bauklötze, überall hörte man Rufe, das Heulen von Sirenen, das Kreischen von Stahl auf Stahl. Patrizia legte unwillkürlich die Hand auf den Bauch, als müsse sie das mulmige Gefühl in sich selbst festhalten. Hier also. Hier beginnt mein Spiel und wenn ich nicht aufpasse, kann es mich schneller verschlucken, als mir lieb ist. Die Fahrt endete abrupt vor einem unscheinbaren, grauen Gebäude direkt am Kai. Eine Lagerhalle, alt, mit rostigen Scharnieren und halb verblasster Nummerierung am Tor. Von außen wirkte sie wie jede andere, aber Patrizia spürte sofort, dass hier mehr dahintersteckte. Massimo stieg als Erster aus, seine Bewegungen ruhig, kontrolliert. Matteo öffnete ihr die Tür, fast zu beiläufig, als sei es Routine. Für ihn vielleicht auch, für Patrizia jedoch fühlte sich jeder Schritt, den sie aus dem Auto setzte, an wie der Eintritt in eine andere Welt. Ein dumpfes Dröhnen hallte durch den Hafen, Kräne setzten Container ab, Gabelstapler ratterten über das Pflaster. Männer mit ölverschmierten Westen und Zigaretten im Mundwinkel standen in kleinen Gruppen herum. Manche nickten Massimo respektvoll zu, andere wichen seinem Blick aus. „Komm,“ murmelte Matteo knapp, während er neben ihr ging. Das Tor der Halle quietschte, als es aufgeschoben wurde. Drinnen war es schummrig, die Luft schwer von Metall, Staub und einer Mischung aus Öl und Meer. Stapel von Kisten reihten sich entlang der Wände, jede sorgfältig nummeriert. Patrizia blieb unwillkürlich stehen, als sie einen Blick auf eine der geöffneten Kisten erhaschte: darin lagen Waffen, ordentlich verpackt in Schaumstoff, jede glänzte kalt im gedämpften Licht. Sie schluckte, der Kloß in ihrem Hals wurde dicker. Massimo ging geradewegs zu einem alten Holztisch, auf dem schon Unterlagen bereitlagen – sauber gestapelt, mit Markierungen versehen. „Hier, Patrizio,“ sagte er tonlos. „Deine Aufgabe.“ Sie trat zögerlich näher. Auf dem Papier standen Zahlen, Namen, Schiffsrouten, Umschläge mit Stempeln der Hafenbehörde. Alles sah… offiziell aus. Und doch wusste sie genau, dass hinter diesen Zahlen etwas ganz anderes steckte. Ihre Hände zitterten leicht, als sie nach einem Stift griff. Reiß dich zusammen. Du bist Patrizio. Du darfst dir keine Blöße geben. Während sie die ersten Dokumente durchging, hörte sie hinter sich das Knacken einer Streichholzschachtel. Massimo hatte sich eine Zigarette angezündet. Der Rauch zog in dünnen Schlieren durch die Halle, und seine Augen lagen unbewegt auf ihr. Beobachtend. Prüfend. „Mach keine Fehler,“ sagte er ruhig, fast beiläufig. „Die Hafenmeisterei mag keine Fehler.“ Patrizia nickte, spürte, wie ihr Puls in den Schläfen hämmerte. Jeder Strich ihrer Feder kam ihr vor wie ein Tanz am Abgrund. Matteo beugte sich zu ihr, murmelte leise, sodass nur sie es hören konnte: „Atme. Es ist nur Papier. Nichts anderes.“ Doch sie sah die Waffen in den Kisten, hörte das dumpfe Schlagen der Kräne draußen, und sie wusste – das hier war kein „nur Papier“. Als sie die letzte Unterschrift setzte, schob Massimo die Akte wortlos an sich. Er musterte sie, dann nickte er knapp, fast unmerklich. „Gut.“ Patrizia atmete aus, ohne es zu merken. Ihr Herz pochte noch immer wie wild. Und tief in ihr wusste sie: Dies war erst der Anfang.
Kostenloses Lesen für neue Anwender
Scannen, um App herunterzuladen
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Schriftsteller
  • chap_listInhaltsverzeichnis
  • likeHINZUFÜGEN