Die Tochter des Wärters
Kapitel 1
Scarletts Sicht
In der Nacht, als sich die Arbeitsstätte meines Vaters endlich wieder für mich öffnete, fühlte sich die Luft seltsam an.
Nicht kalt. Nicht windig. Einfach … seltsam.
Als ob mich etwas in der Luft beobachtete.
Meine Stiefel knirschten auf Glasscherben, als ich auf das alte Archivgebäude zuging, den Ort, an dem mein Vater vor seinem Tod fast gelebt hatte. Die Stadt hatte es Monate nach dem „Vorfall“ versiegelt, aber heute hing die Kette an der Tür gebrochen, als hätte jemand sie mit bloßen Händen aufgebrochen.
Toll.
Genau das Willkommenszeichen, das sich eine trauernde Tochter wünscht.
Ich zog meine Jacke enger um mich und trat ein.
Der Geruch schlug mir sofort entgegen: Schimmel, Staub und darunter etwas Scharfes. Etwas Metallisches. Mir schnürte es die Kehle zu. Ich redete mir ein, es sei Rost. Es musste Rost sein.
Meine Taschenlampe durchschnitt die Dunkelheit und erhellte alte Regale, umgestürzte Stühle und überall verstreute Papiere. Papa sagte immer, dieses Zimmer sei „der sicherste Ort der Stadt“.
Ja. Nun ja. Nicht mehr.
Ich ging tiefer hinein und zwang mich, langsam zu atmen. Fast mein ganzes Leben lang hatte ich so getan, als hätte ich vor nichts Angst. Heute Abend drohte die Fassade zu bröckeln.
Das Gebäude ächzte um mich herum – altes Holz gab nach, oder etwas anderes verschob sich. Schwer zu sagen.
„Papa?“
Meine Stimme klang selbst mir zu schwach.
Ich wusste, ich würde keine Antwort bekommen. Er ist seit drei Monaten tot, und ich habe den geschlossenen Sarg mit eigenen Augen gesehen. Ich habe gesehen, wie erschüttert die Polizisten waren, als sie mir die Nachricht überbrachten. Ich habe gesehen, wie mir niemand klare Antworten darauf gab, was wirklich passiert war.
Aber trotzdem …
Ein dummer Teil von mir hoffte.
Meine Taschenlampe fiel auf Papas alten Schreibtisch.
Und mir stockte der Atem.
Alles um das Gebäude herum war verwüstet – umgeworfen, kaputt, zerrissen – nur sein Schreibtisch nicht. Es lag unberührt da. Sauber. Fast wartend.
Nicht normal.
Ich näherte mich langsam. Obenauf lag ein dicker Ordner, markiert mit einem roten Kreissymbol, das ich noch nie gesehen hatte. Es sah aus, als wäre es ins Papier eingraviert, nicht gedruckt.
Meine Finger streiften den Ordner.
Und etwas Kälteres als Eis lief mir über den Rücken.
„Nicht“, sagte eine raue Stimme hinter mir.
Ich wirbelte herum, mein Herz hämmerte mir gegen die Rippen.
Ein Mann stand im Türrahmen, halb Schatten, halb Mondlicht. Groß. Breit gebaut. Dunkler, schwerer Mantel. Die Statur eines Jägers, nicht die eines Stadtarbeiters. Sein Haar fiel ihm wirr über die Stirn, und seine Augen …
Für einen kurzen Augenblick glaubte ich, sie würden golden aufblitzen.
Doch als er ins Licht trat, waren sie normal. Braun. Ruhig. Zu ruhig.
„Du solltest hier nicht sein“, sagte er.
Ich wich einen Schritt zurück. „Und wer zum Teufel sind Sie? Sicherheitsmann?“
Sein Kiefer verkrampfte sich. „Fast richtig.“
„Ja? Wo waren Sie dann, als eingebrochen wurde?“ Ich deutete auf das verwüstete Zimmer. „Oder haben Sie das alles selbst gemacht?“
Er antwortete nicht.
Er starrte mich nur an, nicht auf eine unheimliche Art, sondern so, als hätte er mich erwartet. Als hätte er gewusst, dass ich heute Abend kommen würde.
Und das machte mir mehr Angst als alles andere.
„Scarlett Ward“, sagte er leise.
Ich erstarrte. „Woher kennen Sie meinen Namen?“
Er blinzelte nicht. „Weil Ihr Vater mir vertraut hat.“
Mir stockte der Atem. Ich hätte beinahe die Taschenlampe fallen lassen.
Niemand hatte diese Worte in den letzten drei Monaten ausgesprochen.
Niemand sagte, er kenne ihn.
Niemand sagte, er vertraue ihnen.
Niemand sagte etwas anderes als „Unfall“, „Fall abgeschlossen“ und „Unser Beileid“.
Ich schluckte. „Du kanntest meinen Vater?“
Er nickte einmal.
„Dann erzähl mir, was mit ihm passiert ist.“
Sein Blick flackerte – etwas Schweres, fast Schmerzhaftes.
„Das kann ich dir nicht sagen“, sagte er. „Noch nicht.“
Falsche Antwort.
Ich trat einen Schritt zurück. „Dann sind wir hier fertig.“
„Du bist nicht sicher.“ Seine Stimme wurde schärfer, eindringlich. „Wenn du in diesem Gebäude bleibst, wirst du sterben.“
Ich lachte nervös auf. „Wow. Subtil.“
„Ich meine es ernst, Scarlett.“
„Echt? Und was genau soll mich umbringen?“
Er blickte an mir vorbei in die Schatten hinter den Regalen.
„Nicht was“, sagte er leise. „Wer.“
Mir lief ein Schauer über den Rücken.
Ich wollte ihm gerade sagen, er solle nicht so geheimnisvoll sein, als –
Meine Taschenlampe flackerte.
Einmal.
Zweimal.
Dann wurde alles stockfinster.
Der Luftdruck im Raum veränderte sich schlagartig – als hielten die Wände den Atem an. Ich hörte meinen eigenen Herzschlag nicht mehr, nur noch das Klingeln in meinen Ohren und das langsame, schwere Geräusch von etwas, das sich in der Dunkelheit bewegte.
Ich erstarrte.
Der Mann nicht.
Er packte meinen Arm. „Geh weg.“
„Ich – hey!“, riss ich mich los. „Lass mich los!“
„Keine Chance.“
Er zog mich in den gegenüberliegenden Gang, gerade als etwas Riesiges hinter uns streifte. Ich sah es nicht – ich spürte es. Die Luft veränderte sich, als wäre ein großer Körper lautlos wie Rauch vorbeigeglitten.
„Schau nicht hin“, flüsterte er.
Also schaute ich natürlich hin.
Eine große Gestalt stand zwischen den Regalen. Falsche Proportionen. Falsche Bewegung. Alles falsch. Mein Gehirn versuchte, sich einen Reim darauf zu machen, und scheiterte.
Dann sah ich die Augen.
Zwei glühende Goldlichter starrten mich an.
Mir stockte der Atem.
„Was ist das?“, flüsterte ich.
„Etwas, das hier nicht sein sollte“, sagte er. „Etwas, das dein Vater in diesen Mauern eingesperrt hielt.“
Es kam näher. Meine Haut kribbelte. Meine Lungen schienen zu atmen.
Der Mann zog mich abrupt hinter einen Metallschrank. „Bleib unten. Lauf nicht weg, bis ich es dir sage.“
„Warum zum Teufel sollte ich auf dein Signal hin rennen?“, zischte ich.
Seine Kiefermuskeln spannten sich an. „Weil es dich packt, wenn du zu früh rennst. Wenn du zu spät rennst, tötet es dich.“
„Oh. Toll.“
Die Klauen des Wesens schabten über den Boden – langsam, bedächtig, als würde es die Luft nach uns absuchen.
Mein Herz hämmerte so laut, dass ich schwören konnte, es würde es hören.
Der Mann beugte sich näher, den Blick fest auf den Gang gerichtet. „Wenn ich bis drei zähle, gehen wir zur Hintertür. Folgen Sie meinen Anweisungen genau.“
Ich schüttelte den Kopf, meine Stimme zitterte. „Ich weiß nicht einmal, wer Sie sind.“
„Mein Name ist Crowe“, sagte er. „Der letzte Partner Ihres Vaters.“
Mir wurde eiskalt.
Partner?
Dad hat nie von einem Partner gesprochen. Niemals.
„Warum hat die Abteilung Sie nicht erwähnt?“, flüsterte ich.
„Weil ich nicht auf ihrer Gehaltsliste stand.“
Ich blinzelte. „Na und? Sie waren Freiberufler?“
„Nein“, sagte er leise. „Ich war etwas anderes.“
Das Wesen knurrte leise – ein tiefes Grollen, das durch das Metall vor uns vibrierte.
Crowes Griff um mein Handgelenk verstärkte sich.
„Drei“, flüsterte er.
„Warte –“
„Zwei.“
„Crowe –!“
„Eins.“
Er stieß mich nach vorn.
Wir rannten los.
Mein Puls hämmerte in meinen Ohren. Crowe blieb vor mir, sein Mantel knallte hinter ihm her, als er umgestürzten Regalen und Papierstapeln auswich, als hätte er das schon hundertmal gemacht.
Das Wesen stürzte sich auf mich.
Sein Gebrüll erschütterte den ganzen Gang.
Ich schrie auf und duckte mich, als seine Klaue neben mir gegen die Wand schlug und Staub und Zementbrocken aufwirbelte.
Crowe zerrte mich um eine Ecke. „Schneller!“
„Verdammt!“
Der hintere Flur war nur noch drei Meter entfernt, als etwas von der Decke krachte und uns den Weg versperrte. Ich bremste abrupt ab und prallte beinahe gegen Crowes Rücken.
„Was jetzt?“, keuchte ich.
Crowe zog etwas aus seiner Tasche – keine Pistole.
Einen Stein.
Mit einem leuchtend blauen Symbol verziert.
Dasselbe Symbol auf den Ordnern in Dads Büro. Dasselbe Symbol, in die Wand eingebrannt, ein Relikt eines längst vergessenen Albtraums.
Mir stockte der Atem.
Crowe drückte den Stein gegen die Runenmarkierung an der Wand. Das Symbol pulsierte.
Die Wand öffnete sich.
Dahinter tat sich ein dunkler Gang auf.
Alles in mir schrie: Geh nicht hinein!
Crowe zögerte nicht. Er packte wieder meine Hand. „Rein. Sofort.“
„Warum sollte ich dir vertrauen?!“
„Weil dieses Ding –“ er deutete hinter uns – „sich nicht darum schert, was du glaubst.“
Die goldenen Augen leuchteten am Ende des Ganges heller.
Mir stockte der Atem.
Das reichte.
Ich rannte in die Dunkelheit.
Crowe folgte mir und schlug die verborgene Tür zu, gerade als die Kreatur dagegen krachte und so laut brüllte, dass der Boden unter unseren Füßen erzitterte.
Ich taumelte von der Wand zurück, meine Brust hob und senkte sich heftig. Meine Beine fühlten sich an, als würden sie unter mir zerschmelzen.
Crowe sah mich nicht an. Er presste die Hand gegen die wackelnde Steintür, die Augen zusammengekniffen, der Körper angespannt.
Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass er prüfte, ob die Barriere standhielt.
Als er sich schließlich zu mir umdrehte, war sein Kiefer angespannt.
„Scarlett“, sagte er leise.
„Wir haben nicht viel Zeit.“
Ich schluckte schwer. „Wofür denn?“
Crowe trat näher. Seine Stimme war ernst, tief, voller etwas, das ich nicht benennen konnte.
„Für die Wahrheit“, sagte er.
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.
„Dein Vater starb nicht bei einem Unfall“, fuhr Crowe fort. „Er wurde ermordet.“
Mein Puls setzte aus.
„Und wer auch immer ihn getötet hat …“ Crowes Blick huschte zu der berstenden Wand.
„… ist noch nicht fertig.“
Mein Mund wurde trocken. „Fertig womit?“
Er zögerte nur eine Sekunde.
„Ich bin fertig mit dir.“