Kapitel 2 VERTRETEN

1271 Worte
DESDEMONA Ich erwachte vom Knarren der sich öffnenden Tür. Ich lag noch immer nackt auf dem Boden, und die Magd lief über mich hinweg, als wäre ich gar nicht da. Ich nahm das frische Kleidungsstück neben mir und zog es an. „Hier ist dein Essen“, sagte Celeste und stellte es auf den Boden. Sie war eine meiner Magdinnen, aber ich selbst war eher wie eine Magd, weshalb sie auf mich herabsah. „Danke“, sagte ich schwach, nahm das Essen und begann zu essen. Ich starrte schon vor mich hin, und mein Körper schmerzte von den gestrigen Schlägen. Der Brei war kalt und geschmacklos. Er schmeckte noch schrecklicher als der, den ich sonst gegessen hatte. Ich war mir sicher, dass es das Essen von gestern war. Trotzdem zwang ich mich, ihn hinunterzuschlucken. Mein Magen knurrte vor Hunger, also hatte ich kein Recht zu klagen und schlang alles gierig hinunter. Jeder Bissen machte es schlimmer, nicht einmal Hunde sollten so etwas zu essen bekommen. Celeste schnaubte verächtlich und verschränkte die Arme, während sie sich an die Wand lehnte. „Du glaubst wohl wirklich, du gehörst hierher, was? Du tust so, als wärst du eine Tochter dieses Hauses. Sei froh, dass sie dich überhaupt essen lassen.“ Ihre Worte trafen mich tiefer als die blauen Flecken auf meiner Haut. Ich senkte den Kopf und schluckte Essen und Scham zusammen hinunter. Vielleicht hatte sie ja recht, ich war nichts weiter als ihre Sklavin, selbst eine Sklavin wurde besser behandelt als ich, wenigstens bekam sie gutes Essen und frische Seidenkleidung. Ich berührte sanft meine geschwollene Lippe. Meine Rippen schmerzten, als ich mich ein wenig von meiner vorherigen Position entfernte. „Ahh…“, stöhnte ich, aß aber weiter. Ich würde vor Tagesende ohnmächtig werden, wenn ich nichts aß. Ich bin ohnehin schon schwach, da kann ich es mir nicht leisten, noch einmal ohnmächtig zu werden. Ich spürte immer noch den Schmerz von gestern, wie die Diener mich an den Haaren zerrten und fast totprügelten, während Selene mit einem zufriedenen Lächeln zusah. Sie machte keinen Hehl daraus. Sie nannten mich eine Diebin, eine Lügnerin und eine Schande, aber niemand hörte mir zu. Warum auch? Ich war die Unerwünschte. Als ich fertig war, stellte ich die leere Schüssel vorsichtig neben die Tür, wie immer. Meine Hände zitterten, als ich meine Knie umarmte und mir wünschte, der Boden würde mich verschlucken. Draußen hörte ich Stimmen, lautes, raues Geflüster. Sie redeten über mich. Ich weiß, ich hätte mich daran gewöhnen sollen, aber niemand kann sich daran gewöhnen, schlecht über mich geredet zu werden. „Sie werfen sie heute hinaus.“ „Ja … sie wird uns alle verfluchen, wenn sie nicht bald verbannt wird.“ „Der Alpha wird sie mitnehmen. Vielleicht befreit uns das endlich von dem Unheil, das sie bringt.“ Mir schnürte es die Kehle zu. Meine Hände wurden eiskalt. Verbannen. Opfern. Die Worte wirbelten wie Messer um mich herum. Es stimmte also. Selene hatte mich gestern nicht nur verspottet. Sie hatte mich gewarnt, aber mit perverser Freude. Heute … heute werde ich fort sein. Celeste verdrehte die Augen und nahm die Schüssel. „Du solltest heute auf Lady Selenes Hochzeit mitarbeiten, wenigstens bei den Aufgaben helfen, aber zeig dich nicht, arbeite in der Ecke“, warnte sie, bevor sie wegging. Ich wusste, was sie mit „in der Ecke arbeiten“ meinte. Ich durfte nicht gesehen werden. Ich war ein Unheil, ein Fluch. Sie hielten mich nur als Sklavin, ich durfte nicht gesehen werden. Besonders nicht an Tagen wie diesem, an Selenes Hochzeitstag. Wenn mich jemand erblickte, wie ich dem Festsaal zu nahe kam, weiß Gott, was mir dann wieder zustoßen würde. Mein Körper schmerzte noch immer, aber ich wusste, ich hatte keine Wahl. Wenn ich nicht zur Arbeit erschien, würden sie mich an den Haaren herauszerren und mich noch härter arbeiten lassen. Ich senkte den Kopf, wie immer, und flüsterte mir zu: „Halt durch, Desdemona … halt einfach durch.“ Ja, genau das tat ich. Durchhalten. Der Festsaal war erfüllt von Lachen und dem süßen Duft von Braten. Selene sah aus wie die wunderschöne Göttin, für die sie alle gehalten hatten. Ihr seidenweißes Kleid und die Perlenkette ließen sie erstrahlen, ihr Lächeln strahlte heller denn je. Die Leute jubelten und klatschten ihr zu. Sie sah perfekt aus, makellos, alles, was ich niemals sein könnte. Ich stand weit weg in der Ecke, wo ich hingehörte, halb hinter der Säule verborgen, ein Tablett in der Hand. Ich senkte den Kopf, den Blick auf den Boden gerichtet. Ich wagte es nicht, sie zu lange anzusehen, ich wollte ihr kein Unglück bringen. Ich wusste, ich gehörte nicht hierher, ich hatte noch nie irgendwo dazugehört, und ich wollte verschwinden, bevor sich irgendjemand an meine Existenz erinnerte. Selbst im Lärm vernahm ich das Geflüster der anwesenden Gäste. „Dieses verfluchte Mädchen sollte nicht hier sein.“ „Sie bringt Unglück. Wenn sie gesehen wird, wird sie Selenes Hochzeit verderben.“ Ich schluckte schwer, drückte mich tiefer in die Ecke und betete, ich könnte verschwinden. Die Feier zog sich hin, bis der Mond hoch am Himmel stand und die Sonne in die Nacht versank. Und als sie vorbei war, als Selene zu ihrem neuen Ehemann getragen wurde, löste sich mein Herz vor Erleichterung. Ich dachte, ich wäre vielleicht unbemerkt geblieben. Vielleicht würde ich diesmal verschont bleiben. Ich irrte mich. Eine raue Hand packte mich von hinten an den Armen. Ich keuchte auf und ließ das leere Tablett fallen, als ich ins Freie gezerrt wurde. Die Musik war bereits verklungen, doch die Stimmen der Dorfbewohner erhoben sich erneut – diesmal schärfer, grausamer. „Da ist sie ja!“ „Sie schleppt ihr Unglück in eine heilige Verbindung!“ „Bringt sie weg, bevor sie uns alle verflucht!“ Die Seherin trat vor. „Sie muss heute verbannt werden, um all das Unheil abzuwenden.“ „Bitte …“, meine Stimme brach und klang fast wie ein Flüstern. „Das Fluchmal auf Desdemona ist erwacht, und das Schicksal verlangt, dass sie dem Alpha der Nordwölfe als Friedensangebot übergeben wird“, sagte die Seherin, ohne auf mein Flehen zu hören. Sie zerrten mich an den Haaren, die Steine schrammten mir die Knie auf, als ich stürzte. Meine Augen suchten nach meiner Mutter; sie war in der Menge und grinste höhnisch, als hätte sie mein ganzes Leben auf diesen Tag gewartet. Ich weiß, dass sie es getan hat. Celeste versuchte, mich zu schützen, aber sie stießen sie beiseite und zerrten mich mit sich. Meine Tränen vermischten sich mit Staub, mein Körper war geschwächt von den Schlägen des Vortages. Fackeln erhellten den Weg, während die Menge tobte, spuckte und Beschimpfungen rief. „Bringt sie den Wölfen zum Fraß vor! Lasst die Bestien ihr Blut trinken! Dort gehört ein Fluch hin!“ „Bringt sie fort!“ Ich warf meiner Mutter einen letzten Blick zu, als ich von der Menge weggezerrt wurde. „Bitte … hört auf!“ Celeste schützte mich mit ihrem kleinen Körper. Sie schrie auf und flehte sie an, aufzuhören, aber niemand hörte zu. Die Tore des Dorfes öffneten sich langsam zum dunklen Wald, dem Territorium des Werwolfsrudels. Niemand wagte es, dorthin zu gehen, es war ein verbotener Ort, und doch wurde ich dorthin verbannt. Sie warfen mich in die Dunkelheit, als wäre ich nichts als Abfall. Celeste eilte zu mir und hielt mich fest. „Jemand wie sie darf hier nicht bleiben, verbannt sie!“ „Ja, schickt sie fort, sie gehört nicht hierher“, hörte ich eine andere knurrende Stimme aus der Menge. „Halt!“ Ein Hoffnungsschimmer flackerte in meinen Augen auf.
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