DESDEMONA
Mein Blick wanderte zurück zu der Stelle, von der die Stimme gekommen war. Meine Augen suchten eine Weile, bis sie schließlich auf dem Mann ruhten, der im Dunkeln stand. Er wirkte kalt und gleichgültig.
Wer ist er? Und warum ist er hier?
Ich hatte noch nie jemanden wie ihn gesehen. Er sah anders aus, gefährlich. Allein seine Anwesenheit strahlte Macht aus, und die Art, wie die Dorfbewohner zurückwichen, sagte mir alles. Ich wusste in diesem Moment, dass er ein Werwolf war.
Meine Brust schnürte sich zusammen. Die Angst, in einem solchen Moment einem Werwolf zu begegnen, war das Letzte, was ich mir je gewünscht hatte.
Mein Vater kam langsam näher. Seine Bewegungen waren vorsichtig, fast respektvoll, als hätte er auf diesen Moment gewartet. Ich hatte ihn vorher nirgends gesehen. Vielleicht hatte er sich wie meine Mutter in der Menge versteckt.
„Alpha Alaric, verzeiht mir die Umstände, dass ich euch aus dem nördlichen Rudel hierhergeführt habe.“ Vaters Stimme klang etwas höflicher und anders als der Hass, den ich sonst immer empfand, wenn er mit mir sprach. Fast … eifrig.
Nördliches Rudel? Mir stockte der Atem.
„Meine Tochter hier“, sein Blick huschte zu mir, ein kaum merkliches Lächeln umspielte seine Lippen, „ist mit euch verlobt.“
Der Name traf mich wie ein Blitz. Alpha Alaric.
Alpha Alaric musterte mich von oben herab. Sein Blick war durchdringend und unterschied sich nicht von dem der anderen Dorfbewohner.
Ich sah, dass auch er mich verachtete. Er kannte mich nicht einmal, aber ich spürte es schon bei einem kurzen Blick.
„Bringt sie weg!“, befahl er.
Sofort traten Männer hinter ihm hervor. Raue Hände packten mich, noch bevor ich atmen konnte. Sie zerrten mich über den Boden, Celeste neben mir gefesselt.
„Bitte … Vater!“, rief ich mit zitternder Stimme und streckte die Hand nach ihm aus. „Bitte, lasst mich gehen. Ich schwöre, ich werde gehorchen!“
Doch er stand nur da und sah zu. Sah zu, wie ich wie Müll weggezerrt wurde.
Hinter mir erhob sich ein leiser Jubel, triumphierend und grausam zugleich. Die Dorfbewohner feierten. Meine Beseitigung bedeutete ihre Freiheit. Ihre Last war von ihnen genommen.
„Eintreten“, durchschnitt Alpha Alarics Stimme die Luft, voller Autorität, die keinen Widerspruch zuließ.
Für einen kurzen Augenblick trafen sich unsere Blicke. Sein durchdringender Blick erdrückte mich und zwang mich, wegzusehen.
Ich kletterte in den Karren und drängte mich in die Ecke, um ihm genug Platz zu lassen. Meine Augen wichen nicht von Celeste, die barfuß stolperte, als man sie an uns fesselte.
Sie hatte mich beschützt. Mich, die von allen verachtete. Niemand hatte mich je zuvor verteidigt – nicht ein einziges Mal. Und doch tat sie es. Ein Funke Wärme stieg in mir auf. Meine Lippen zitterten zu einem kaum merklichen Lächeln. Vielleicht war ich doch nicht ganz allein.
Aber dann … spürte ich es. Ein durchdringender Blick.
Ich drehte mich um und sah Alpha Alarics Blick – nicht auf mein Gesicht gerichtet, sondern tiefer.
Mir stockte der Atem. Mein Gewand war im Kampf zerrissen, meine Brust teilweise entblößt. Hitze stieg mir ins Gesicht. Ich verschränkte die Arme vor der Brust, Scham brannte in mir.
Und immer noch starrte er mich an. Sein Blick wich nicht von mir.
„Wie heißt du?“, durchbrach seine Stimme die kalte Stille.
Ich zitterte und presste die Handfläche gegen meinen Körper. „Desdemona Blackwood“, flüsterte ich langsam.
„Desdemona“, wiederholte er flüsternd. Ich weiß, was er denkt: ein Fluchname.
Die Reise zum Werwolfsrudel war lang.
Als sich die Tore des Rudels öffneten, richteten sich tausend Augen auf mich. Die Leute hatten sich versammelt, als hätten sie auf mich gewartet. Ihre Gesichter waren kalt, und ihr Geflüster schmerzte umso mehr. Was ließ mich glauben, dass es hier anders sein würde?
„Ist sie es? Die Verfluchte?“
„Sie sieht schwach aus.“
„Wie kann sie es wagen zu glauben, sie könnte neben unserem Alpha bestehen?“
Ihr Geflüster schnitt tiefer als Blut. Ich hielt den Kopf gesenkt, aber das hielt sie nicht auf.
Sie zerrten mich zu Alpha Alaric – groß, stolz, sein Gesichtsausdruck undurchschaubar. Als sich unsere Blicke trafen, war da nichts. Keine Sanftmut, kein Mitleid. Nur kalte Befehle.
Er erhob sich von seinem goldenen Thron, und es wurde still im ganzen Saal. „Das ist Desdemona Blackwood. Sie wurde uns als Friedensangebot der Menschen übergeben“, hallte seine Stimme durch die große, stille Halle.
„Ein armseliges Sklavenopfer“, hörte ich selbst aus der Stillehalle flüstern.
„Nun werden wir eine Bindungszeremonie durchführen, um uns als meine vorherbestimmte Gefährtin zu vereinen“, verkündete er, bevor er vortrat.
Ich stand mit ihm in der Mitte, und das Ritual wurde rasch vollzogen. Ein Schnitt in seine Handfläche, ein Schnitt in meine, unser Blut vermischte sich und besiegelte ein Band, älter als die Zeit.
Mein Herz bebte, als das Feuer der Zeremonie durch meine Adern brannte. Für einen törichten Moment dachte ich, vielleicht würde sich etwas ändern. Dass diese Bindung mich vielleicht auf mehr als nur pflichtgemäße Weise mit ihm verbinden würde.
„Bringt sie vor das Sklavengericht.“
Erschrockene Laute gingen durch die Reihen, dann Gelächter. Das Rudel heulte vor boshafter Freude.
„Bitte tut das nicht, lasst uns gehen!“, schrie Celeste und flehte ihn an, es sich anders zu überlegen, doch ein Schlag mit der flachen Hand brachte sie zum Schweigen.
Sie zerrten mich erneut durch den Dreck, tiefer ins Land des Rudels hinein, bis mir der Gestank von Verwesung und Schmutz in die Nase stieg. Der Sklavenhof.
Als sie mich hineinwarfen, stolperte ich über den Steinboden, meine Knie rissen auf dem rauen Untergrund auf. Die Frauen dort blickten auf, manche mit hohlen Augen, manche mit höhnischen Blicken.
Ihr Blick brannte sich in meine Haut, und ich presste die Lippen zusammen, als ich mich in die Ecke zurückzog und in der stickigen Luft verschwinden wollte.
„Also, das ist die Braut des Alphas?“, spottete eine. „In der Hochzeitsnacht in den Dreck geworfen.“
Eine andere lachte bitter auf. „Blutsbande hin oder her, sie wird hier verrotten wie wir alle.“
Ich versuchte aufzustehen, doch die Scham war schwerer als das Klirren der Ketten um mich. Die Fessel brannte auf meiner Handfläche, eine grausame Erinnerung daran, dass ich einem Mann gehörte, der mich lieber in Lumpen als an seiner Seite sehen wollte.
In jener Nacht, als ich auf dem kalten Stein lag und meine Zofe still neben mir weinte, begriff ich die Wahrheit. Egal welches Band, egal welche Gelübde, egal welcher Titel – ich würde niemals Luna sein. Ich war nichts als ihre Gefangene.
Das Tor öffnete sich einen Spaltbreit, und Beta Theodore stand vor mir. Eine Hand steckte in der Tasche, in der anderen hielt er ein frisches, seidiges Gewand.
Sein Blick war voller Entsetzen und Hass, er unterschied sich nicht von dem Blick der anderen.
Er warf das Tuch zu Boden. „Zieh dich um und folge mir.“ Er blieb vor mir stehen, sein Blick brannte auf meiner Haut, und mir wurde übel. Ich wusste, ich musste mich vor ihm umziehen. Doch gerade als ich meine Kleider ablegen wollte, wandte er sich ab, sein Gesicht von Abscheu gezeichnet.
Ich biss mir auf die Lippe, bevor ich das neue Gewand anzog. „Ich bin bereit“, sagte ich, bevor er sich abwandte. Sein Blick war immer noch so scharf wie zuvor. Er warf einen Blick auf Celeste, die sich hinter mir versteckte.
„Ihr“, sagte er und deutete auf uns. „Folgt uns.“ Wir folgten ihm gehorsam und ohne zu fragen.
Wir gingen durch den dunklen Gang. Der Korridor war voller Sklaven, die uns alle anstarrten. Ihre Blicke waren gefährlich und von Wut durchdrungen.
Ich wurde in einen Raum geführt. Die beiden Wachen an der Tür packten mich und zerrten mich in den dunklen Raum. Mein Körper zitterte, als die Männer mich zu Boden rissen und zurückließen.
„Zündet die Kerze an“, befahl Alpha Alaric. Ich gehorchte. Ich wusste, was kommen würde, doch ich konnte es nicht verhindern. Entweder ich überlebe hier … oder ich werde dem Biest zum Fraß vorgeworfen.
Die Kerze erstrahlte im dunklen Raum. Er war nicht mehr der Mann, den ich geheiratet hatte. Er war oberkörperfrei. Ich konnte die sich verändernde Tätowierung auf seinem Körper sehen.
„Du wirst mein Sklave sein. Du wirst von nun an mein Bett wärmen“, knurrte Alpha Alaric mit tieferer Stimme, und seine Augen verdunkelten sich in dem nur halb erleuchteten Raum.
Mir stockte der Atem, und ich erstarrte.