Wir trafen uns gegen 19.00 Uhr im "Wilka" in der Innenstadt. Das Ambiente des Lokals war modern und das Interior wirkte sehr hochwertig. Es schien beliebt zu sein, da jeder Tisch besetzt war. Meine zwei Kolleginnen und mein Kollege waren bereits dort und warteten auf mich. Darja, Alexandra und Peter schienen sich öfter privat zu treffen, da sie sehr freundschaftlich miteinander wirkten und sich auch viel zu erzählen hatten. Wir unterhielten uns alle prächtig, aber hauptsächlich auf Englisch, da es recht schwierig für mich war, mich auf russisch zu verständigen. Der hohe Lärmpegel im Lokal tat sein Übriges. Ich erzählte von meiner Heimat, meinem Studium und wie ich mich entschieden hatte, nach Moskau zu reisen. Darja, war nur zwei Jahre älter als ich und erwartete ihr erstes Kind. Sie erzählte mir, wie sie ihren Mann kennengelernt hatte und dass sie ihn vor drei Wochen geheiratet hätte. Bald flögen sie auch auf Flitterwochen nach Mauritius. Peter war ebenfalls etwas älter als ich und erzählte mir einiges über die Stadt. Er nannte mir unzählige Orte und Gebäude in Moskau, die ich unbedingt in meinen freien Wochen besichtigen sollte. Er schrieb mir Geschäfte zum Shoppen auf und nannte mir aber auch Viertel in Moskau, von denen ich mich besser fern halten sollte. Er erzählte mir, dass sich die offensichtliche Kriminalität der Stadt zwar sehr in Grenzen hielt, da sie fest in der Hand der Mafia war, man aber trotzdem vorsichtig sein sollte. Angeblich heiße der Kopf des organisierten Verbrechens Grigorjew. "Psst leise! Sag den Namen nicht so laut!," ermahnte ihn Darja nervös." Er sagte den Namen bereits leise und hinter vorgehaltener Hand. Es nahm den Anschein, als wäre dieser Mann sehr bekannt und gefüchtet. Er habe kein Gewissen und sei ein Sadist, der seine Gefangenen grausam foltere. Es würde ihm sogar gefallen. Er habe dutzende Menschen die ihm im Wege standen kaltblütig ermordet. Es seien auch Haufenweise junge Frauen von der Straße verschwunden. Angeblich ginge alles auf sein Konto. Alles sei in seiner Hand. Drogengeschäfte, Waffenhandel, die Politik, Wirtschaft, Prostitution und so weiter. Die Liste sei lang. Wer sich mit ihm anlegte, würde sein Todesurteil unterschreiben. Als Peter so erzählte konnte man meinen, er berichtete aus eigener Erfahrung. "Kennst du ihn? Ähm ich meine, ich dachte nur, wenn man dich so erzählen hört, könnte man das glauben.", sagte ich vorsichtig. "Nein zum Glück nicht persönlich. Aber mein Cousin kam in die falschen Kreise. In seine Kreise. Er hatte mir einiges erzählt, was ihm bestimmt nicht erlaubt war. Jedenfalls muss irgendwas vorgefallen sein, denn mein Cousin wurde grauenvoll gefoltert und ermordet. Aber bitte Emma, ich will dir keinen Schrecken einjagen. In solche Gesellschaft wirst du ja nie kommen." Ich war entsetzt und bekundete natürlich mein aufrichtiges Beileid. Solche Horrorgeschichten waren alle fern meiner Realität, da ich das Glück hatte, in einer relativ heilen Welt aufzuwachsen. Die Stimmung war plötzlich betrübt und wir beschlossen von etwas anderem zu sprechen. Ich fragte Darja genauer über ihre Hochzeit und ihre Schwangerschaft aus und konnte so das Thema wieder auf etwas erfreuliches lenken. Der Abend verging viel zu schnell und gegen dreiundzwanzig Uhr beschlossen wir zu bezahlen und uns auf den Heimweg zu machen.
Alexandra bot an, mich nach Hause zu bringen, doch da sie eigentlich in die andere Richtung musste und es für sie ein größerer Umweg wäre, lehnte ich dankend ab. Die Bushaltestelle war nicht weit von meiner Wohnung entfernt, weshalb ich keinen großen Fußweg hatte. Der Bus kam prompt und ehe ich mich versah, war ich angekommen. Ich stieg aus und ging schnellen Schrittes heim. Es war stockdunkel und die Straße schlecht beleuchtet. Ein wenig unheimlich war es ja schon. Als ich bei meinem Block ankam, nahm ich die Treppen in den 4. Stock. Ich war ganz schön außer Atem, als ich oben ankam. Ich steckte den Schlüssel in das Schlüsselloch und wollte aufsperren, doch es war bereits offen. Hatte ich vergessen die Wohnungstüre zuzusperren? Ich konnte mich nicht erinnern. Ich drückte die Klinke hinunter und ging einen Schritt in meine Wohnung. Als ich den Lichtschalter betätigen wollte, blieb es jedoch dunkel. Auch das noch! Die Sicherung war bestimmt gefallen. Mein Vermieter erzählte mir, dass das manchmal vorkäme, weil die Stromleitungen schon ziemlich alt wären. Na hoffentlich würde ich das mit meinen zwei linken Händen wieder hinbekommen. Der Stromkasten war am anderen Ende des Flurs. Ich nahm also mein Handy aus der Tasche und leuchtete mir den Weg. Aber als ich dort ankam, hörte ich plötzlich ein leises Geräusch hinter mir im Gang.
Und dann fiel es mir wie Schuppen von dem Augen. Scheiße! Ich war nicht allein! Es war jemand in meiner Wohnung. Ein Schauer überkam mich und mein Herz begann wie verrückt zu schlagen. Ich musste hier raus, aber sofort! Panisch drehte ich mich um und wollte Richtung Wohnungstüre flüchten, aber versteinerte augenblicklich. Ein erschreckter Laut entwich meine Mund. Da stand jemand im Flur! Oh mein Gott! Ich konnte es schemenhaft erkennen. Ich begann hektisch zu atmen und der Schweiß brach mir aus! Das musste ein verfluchter Alptraum sein! Und dann roch ich dieses eine Parfum! Als sich der Schatten langsam auf mich zubewegte, wich ich nach hinten zurück und rannte in die Küche. Denk nach Emma, denk nach! Mein Handy würde mir auch nichts nutzen, da so schnell wie ich sie bräuchte, keine Hilfe eintreffen würde. Ich musste mir also schleunigst ein Messer oder irgendetwas anderes suchen, womit ich mich verteidigen konnte! Oder sollte ich versuchen aus dem Fenster zu springen? Das würde ich vermutlich nicht überleben! Scheiße! Scheiße! Scheiße! So oder so, war ich so gut wie tot. Nun stand ich also in der dunklen Küche und griff nach dem ersten Gegenstand, den ich in der Schublade fand. Plötzlichen ging das Licht an und ich kniff meine Augen zusammen, da mich die Helligkeit blendete. Ich erkannte ihn sofort. Es war der unheimliche Russe vom Flughafen. Er trug die schwarze Lederjacke, eine schwarze Jeans und schwarze Stiefel. Seine Hände waren bis zu den Fingern tattowiert. Seine Haare trug er länger, was ihn noch gefährlicher wirken ließ! Er erfüllte voll und ganz das Klischee eines Verbrechers. Meine Vermutung hatte mich also nicht getäuscht! "Verschwinden Sie aus meiner Wohnung! Lassen Sie mich in Ruhe!", schrie ich ihn an. Er betrat langsam und bedrohlich die Küche und visierte mich mit einem Blick, den ich nicht deuten konnte. Er war das pure Böse, der Teufel in Person! Er schaute mir in die Augen, als er mich fragte: "Weshalb so unhöflich Miss Green? Freust du dich nicht, mich wieder zu sehen?" Die Frage war natürlich rein rhetorisch. Er kam langsam auf mich zu. Ich warf einen Blick auf meine 'Waffe' die ich aus der Schublade entnommen hatte - ein Buttermesser - bevor ich es verteidigend von meinen Körper streckte und auf ihn richtete. Ein stumpfes Buttermesser?! f**k Emma, es geht um dein Leben und du krallst dir ausgerechnet ein Buttermesser? Ich hätte genau so gut einen Löffel wählen können! Er dürfte meine Gedanken gelesen haben, denn es entlockte ihm ein schwaches Grinsen. Ich konnte das Messer kaum ruhig halten so sehr zitterte ich. "Du solltest mir besser das Messer geben, bevor du noch jemanden damit verletzt.", machte er sich über mich lustig. "Ich, ich, ich habe nicht viel Geld bei mir, aber ich kann welches besorgen ... " stotterte ich, als er mich unterbrach. "Emma, ich bin nicht des Geldes wegen hier.", sagte er ruhig. Woher kannte er eigentlich meinen Namen? Er hatte bestimmt schon meine Sachen durchsucht. "Aber was wollen Sie dann? Was habe ich Ihnen denn getan?" Es war mehr ein ängstliches Wimmern. Als er mir darauf keine Antwort gab, kullerten die ersten Tränen über mein Gesicht. Ich war erledigt, ich wusste es, es war vorbei! Er kam näher und als ich weiter nach hinten auswich, spürte ich plötzlich die Wand in meinem Rücken. Ich ließ vor Schreck meine 'Waffe' fallen. Sie hätte mir ja sowieso nichts gebracht. Ein Kampf mit diesem Berg von einem Mann, wäre aussichtslos gewesen. Das wars, jetzt würde er mich töten. Meine Atmung ging über in eine hektische Schnappatmung. Ich bekam kaum noch Luft und mir wurde schwindlig. Meine Beine hielten mich nicht mehr und ich rutschte langsam, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, nach unten auf den Boden. Dort saß ich nun hyperventilierend, wie ein Häufchen Elend. Ich starrte diesen riesigen Mann an, der nun vor mir kniete, und wartete auf mein Todesurteil. So hatte ich mir mein Ende nicht vorgestellt.