Ich wusste nur, dass ich schnell eine Entscheidung treffen musste. Schliesslich lagen gerade etwa 10 Millionen, oder mehr, Augenpaare auf mir und sahen mich erwartungsvoll an.
„Nunja.. Er ist mein fester Freund", entschied ich mich dann doch für die Wahrheit. Ausserdem witterte ich eine Chance Jason noch zu sagen, dass ich ihn liebe.
„Das tut mir wirklich leid, Lucy", das Publikum gab ein trauriges 'Oh' von sich und Caesar fuhr weiter:„Aber weisst du was? Du gewinnst jetzt diese Spiele und dann kehrst du nach Hause zurück zu deinem Jason!", versuchte Caesar mich aufzuheitern.
Ich lachte bitter auf:„Natürlich! Ich gewinne diese Spiele ganz sicher nicht! Sehen Sie mich an! Ich bin klein, schwach, ängstlich und total verloren. Und jetzt sehen Sie die anderen Tribute, vor allem die Karrieros an. Sie sind stark, mutig, intelligent, kampferfahren und ausserdem die geborenen Sieger. Ganz im ernst, ich mache mir keine grossen Hoffnungen." Den letzten Teil sagte ich etwas leiser mit einer Spur von aufrichtiger Trauer in der Stimme.
„Ich verstehe. Aber du hast einen ausgezeichneten und starken Verbündeten!"
„Ja er ist stark aber auch er wird mich nicht die ganzen Spiele beschützen können. Das ist völlig ausgeschlossen", erklärte ich Caesar und dem Publikum,„Bevor die Zeit um ist, darf ich noch eine Nachricht nach Hause schicken?"
Der Moderator nickte und fügte ein „Natürlich" hinzu. Das Publikum hielt gespannt den Atem an, um ja nicht zu verpassen, was ich zu sagen hatte.
„Also. Ähm.. Jason, wenn du das gerade sehen solltest, dann will ich dass du weisst, dass ich dich von ganzem Herzen liebe! Wenn ich sterbe, wirst du mein letzter Gedanke sein!", dann fügte ich hinzu: „Und Megan, Kleine, Kopf hoch, sonst fällt dir deine Krone runter!"
Beim zweiten Teil lächelte ich sogar etwas.
„Vielen Dank für dieses rührende Interview!", beendete der zu gut gelaunte Moderator,„Liebes Publikum, Lucy Ocean!"
Die Leute brachen in einen tosenden Applaus aus und dann ging ich von der Bühne und atmete erleichtert aus.
„Das war grossartig! Mit Ausnahme von dem Teil, als du dich selbst in den Schatten gestellt hast", begann Sephie mich zu loben, oder auch nicht.
„Komm her, Lu, Hektor ist gerade dran mit seinem Interview!", Ashley winkte mich zu sich zu einem Bildschirm.
„Und Hektor, denkst du, wenn in deinem Nachnamen das Wort 'King' versteckt ist gewinnst du die Spiele?", wollte Caesar wissen.
„Ich habe nicht vor zu gewinnen. Ich will, dass Lucy da lebendig wieder rauskommt und dass sie die Siegerin der 73. Hungerspiele wird. Sie soll meinen Bruder glücklich machen und unseren Distrikt mit Stolz erfüllen, so wie sie es bis jetzt auch immer ohne den Sieg der Spiele getan hat", antwortete Hektor.
„Ist das auch der Grund, weshalb du dich an der Ernte für deinen Bruder freiwillig gemeldet hast?"
„Ja das ist einer der Gründe. Ich wollte, dass Lucy und Jason noch eine Chance haben, für immer zusammen zu sein. Auch wenn diese Chance nur gering ist, so ist sie trotzdem da. Ausserdem ist Lucy für mich wie eine kleine Schwester. Ich kenne sie schon seit Jahren und ich könnte nicht zulassen, dass ihr etwas geschieht oder dass ihr jemand weh tut."
„Das hast du schön gesagt und wir alle wünschen Lucy natürlich viel Glück in den Spielen.
Sag mal, gibt es in deinem Distrikt ein bestimmtes Mädchen?"
„Ja. Also nein. Es gab einmal jemand. Ich liebe sie immer noch, aber sie mich leider nicht mehr", antwortete Hektor gekränkt.
„Wie schade! Weisst du warum?"
„Ich... Wir haben uns auseinandergelebt. Das ist alles."
„Na schön. Dann wünschen wir dir in den Spielen viel Glück. Oder eben beim Lucy beschützen.
Meine Damen und Herren: Hektor Kingston!", beendete Caesar Hektors Interview.
Sobald Hektor zu uns gekommen war, schmiss ich mich in seine Arme und drückte ihn an mich.
„Das hast du so schön gesagt! Du bist der gegorene Interview-Geber", schwärmte ich wie ein kleines Kind.
„Die Kleine hat recht", stimmte mir der sonst so ruhige und zurückhaltende Alfredo zu,„Das Interview war wirklich gut. Man hat dir deine Überzeugung, dass du Lucy um jeden Preis beschützen willst, auf jeden Fall abgenommen."
„Da hat er Recht! Das war nicht schlecht. Aber jetzt hoch in unser Appartement. Morgen ist der grosse Tag und dafür müsst ihr fit sein!", befahl uns Sephie, während sie uns bereits zum Aufzug scheuchte.
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Ich lag emotionslos in meinem gemütlichen Himmelbett. Ich wusste nicht genau warum, aber aus irgendeinem Grund fühlte ich nichts. Ich sollte doch Angst haben! Ich sollte traurig sein! Ich sollte wütend auf das Kapitol sein, weil es mich überhaupt in die Spiele steckte!
Doch ich war nichts von all dem.
Es war schon spät in der Nacht, doch ich konnte einfach nicht einschlafen. Es schien mir unmöglich. Deshalb entschied ich mich aufzustehen und zu schauen, ob ich in der Küche etwas zu essen finden konnte.
Gerade als ich in die Küche gehen wollte, vernahm ich von dem riesigen Fenster direkt neben dem Esstisch einen Schluchzer.
Langsam und auf Zehenspitzen ging ich in Richtung, aus der das Geräusch kam. Und tatsächlich: direkt am Fenster sass mein Fast-Grosserbruder Hektor und schluchzte vor sich hin.
„Hey, Hektor, was ist denn los mit dir?", Wollte ich wissen, als ich mich zu ihm gesetzt hatte.
„Kann... Kann ich dir etwas erzählen? Ich meine, ohne dass du es jemals jemandem weitersagst?" Er wartete auf eine Antwort.
Ich nickte und sagte:„Natürlich. Du kannst mir immer alles sagen, was du willst. Meine Lippen sind verschlossen."
Er seufzte. Dann gab er sich einen Ruck.
„Okay. Also... Ich habe bei meinem Interview vorher ein Mädchen erwähnt, das ich noch liebe. Sie mich aber nicht mehr. Sie war nicht nur meine Geliebte und meine Freundin. Sie ist die Mutter meines Kindes. Von meinem Sohn. Michael. Wir waren glücklich zusammen. Ich bin zu Hause ausgezogen, um bei ihr sein zu können. Ich habe für beide gesorgt. Ich wurde bereits letztes Jahr Vater. Mit siebzehn und sie. Sie war schon achtzehn. Doch Michael wurde sehr krank. Ich konnte ihm nicht helfen, da ich kein Geld für Medizin hatte und ich wollte auch nicht meine Eltern fragen. Wegen dieser Kleinigkeit, dass ich meine Eltern nicht um Hilfe bitten wollte, musste mein Sohn sterben! Weisst du eigentlich was für Schuldgefühle ich jetzt habe?! Dank meiner Sturheit verlor ich nicht nur meinen Sohn, sondern auch noch mein Mädchen. Sie hat mir das niemals verziehen. Sie konnte einfach nicht. Also hatte sie mich verlassen. Und ich stehe jetzt allein da. Ohne jemanden, den mich liebt", beendete er seine Erklärung.
Völlig perplex starrte ich ihn an. Zu geschockt war ich davon, was er erleben musste.
„Hektor, nein! Das stimmt nicht! Ich habe dich lieb, wie mein grosser Bruder. Mir bedeutest du so viel! Sag nicht, dass dich niemand liebt und dass du alleine bist! Denn das stimmt nicht. Du bist nicht alleine. Ich bin da und auch deine Familie steht hinter dir. Auch wenn du das Gegenteil behauptest, weiss ich, dass es so ist."
Hektor lächelte mich schwach an,„Danke ,Lu. Ich habe dich auch lieb. Mehr als nur ein bisschen! Gehen wir schlafen? Wir müssen morgen fit sein."
Ich nickte und zusammen gingen wir zurück in unsere Zimmer, wo wir uns in unsere Betten legten.
Ich schlief nach wenigen Minuten in einen ruhigen traumlosen Schlaf.
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„Lucy aufstehen! Du musst frühstücken und dann gehts los!", schrie eine aufgeregte Sephie in mein Zimmer.
Leise grummelnd stand ich auf und zog die Kleidung an, die auf einem Stuhl bereit liegt.
Es waren dicke Kleider. Eine dicke Hose und ein T-Shirt, über dem T-Shirt einen Pullover, den ich noch nicht anzog und gute warme Wanderschuhe.
'Was für eine Arena erwartet mich wohl? Berge? Wald? Es wird wahrscheinlich kalt werden aber mehr kann ich aus der Kleidung nicht lesen. Vielleicht weiss es ja Ashley'
Ich ging an den Frühstückstisch, wo bereits alle auf mich warteten. Ich setzte mich auf einen freien Stuhl zwischen Ashley und Hektor.
„Weisst du was für eine Arena uns erwartet?", fragte ich meine Schwester. Diese musterte meine Kleidung und vermutete:„Nunja, so wie ich das betrachte entweder Berge oder Wald."
Toll. Das half mir nicht wirklich weiter. So wie es aussah, musste ich mich wohl überraschen lassen.
Nach dem Frühstück machten Hektor, Alexis und ich uns auf den Weg zu dem Hovercraft, das uns zu der Arena führen sollte.
Wir stiegen zusammen ein und setzten uns auf einen freien Platz, der uns zugeteilt wurde.
„Gib mir deinen Arm!", befahl mir eine strengaussehende Frau und ich gehorchte ohne zu fragen, was es war. Denn ich wusste es bereits. Sie gaben uns gerade unsere Aufspürer. Damit konnten die Spielemacher während den Spielen sehen, wo sich die einzelnen Tribute gerade befanden.
Die Fahrt ging nicht lange und schon waren wir wieder auf dem Boden.
Alle Tribute wurden jeweils in einen kleinen Raum geschoben und da erblickte ich Ashley. Ich rannte auf sie zu und schloss sie in meine Arme. Ich konnte einfach nicht anders, als zu weinen.
„Scht... Alles wird gut. Hörst du? Ich glaube an dich und Megie tut das auch! Sie wartet zu Hause auf uns. Hör mir zu", sagte sie und schob mich etwas nach hinten, damit ich ihr in die Augen schauen konnte,„Du schaffst das! Nur weil du 13 Jahre alt bist, klein und schwach wirkst, hast eine genau gleichgrosse Chance wie alle anderen auch." Ich nickte.
„Noch 60 Sekunden!", verkündete eine gruselige Computerstimme.
Ashley legte mir eine Regenjacke über den dicken Pullover und zog den Reissverschluss nach oben. Sie sah mich an und versuchte ein aufmunterndes Lächeln zustande zu bringen, was ihr nicht so ganz gelang.
„Noch 30 Sekunden!"
Jetzt bekam ich es mit der Angst zu tun und ich begann zu zittern. Ashley nahm mich noch einmal in den Arm und strich mir ein letztes Mal beruhigend über den Rücken.
„Noch 10 Sekunden!"
Zitternd löste ich mich von meiner Schwester und stellte mich die grosse Röhre, die in einer Ecke des Raumes stand.
„Steig nicht zu früh von dem Sockel. Sonst sprengen sie dich in die Luft, Süsse! Ich hab dich lieb! Wir sehen uns nach den Spielen", informierte Ashley mich noch bevor sich die Tür der Röhre schloss.
Ich hielt meine Hand an die kühle Scheibe und formte mit einem Mund die Worte:„Ich dich auch!"
Dann bewegte ich mich plötzlich nach oben. Ich zuckte zusammen und sah mich um. Kaum war ich an der frischen Luft oben, wurde ich von einem hellem Licht geblendet.
Ich sah mich um und das erste, was ich erblickte, waren das grosse Füllhorn und alle anderen Tribute, die auf ihren Sockeln um das Füllhorn bereit standen.
'Jetzt beginnen also die 73. Hungerspiele'