16. Kapitel

1686 Worte
Der Schmerz machte es mir fast unmöglich noch weiter zu stehen, deshalb ging ich zu erst auf die Knie und dann liess ich mich auf den Rücken fallen. Sternchen tanzen vor meinen Augen, doch ich zwang mich wach zu bleiben. Dies gelang mir ausserordentlich gut, was seltsam war.  'Wenn das Messer wirklich mein Herz getroffen hat, müsste ich schon seit Sekunden tot sein!' Es gab nur eine logische Erklärung: Tyler hatte mein Herz verfehlt! „Warum erklingt dieser verdammte Kanonenschuss nicht?!", hörte ich Tyler fluchen, also schaute ich zu ihm. Dieser schaute auch zu mir und dann ging ihm ein Licht auf.  „Warum atmest du den noch?", fragte er mich und kam auf mich zu,„Vielleicht muss ich ja noch etwas nachhelfen." Er beugte sich über mich drüber, packte den Schaft des Messer, drückte mir das Teil von weiter in die Schulter und zum Schluss drehte er es noch um 180 Grad. Ich schrie vor Schmerz auf und hatte schon wieder einen neuen Plan. Das was er machte war Folter, aber noch nicht tödlich. Ich liess meinen Kopf nach hinten fallen und hielt den Atem an. Tyler beugte sich noch weiter über mich und flüsterte:„Du darfst mir gratulieren!" Langsam bewegte ich meine Hand zu meinem letzten Wurfmesser in meinem Gürtel, zog es raus und dann schob ich es mit aller Kraft, die mir noch übrig blieb in Tylers Bauch. Dieser sah mich - schon das zweite und wahrscheinlich auch letzte mal heute - fassungslos an. Ich riss das Messer in seinem Bauch nach oben in Richtung seiner Brust und dann drehte auch ich das Teil noch um 180 Grad. Dann flüsterte ich:„Bevor ich dir gratuliere, solltest du lernen zu zielen!"   Ich schob den fast-toten Tyler von mir, der anfing mir Blut ins Gesicht zu kotzen von mir.  Langsam und vorsichtig stand ich, die Sternchen ignorierend, auf und umfasste mit meiner rechten Hand den Schaft des Messers in meiner Schulter. Zeitgleich erklang der letzte Kanonenschuss in diesem Jahr. Ich zog das Messer aus mir heraus und stöhnte dabei vor Schmerzen. Bevor alles um mich herum schwarz wurde, ertönte noch eine Stimme die sagte:„Meine Damen und Herren! Hier steht die Gewinnerin der 73. Hungerspiele!" *-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-**-*-*-*-*-*-* Ich wachte in einem hellen Raum auf, in dem nichts anderes als ein Krankenbett mit mir drin stand. Ich blinzelte, dann kontrollierte ich meinen Körper. Ich konnte nichts erkennen. Nicht einmal eine kleine Narbe! Und weh tat mir auch nichts mehr. An Hand von einem Pflaster auf meiner Hand konnte ich schlussfolgern, dass ich bis vor kurzen noch an einer Infusion angeschlossen war.  Vor der Tür wurden plötzlich Stimmen laut.  „Sie ist jetzt schon seit einer Woche bewusstlos! Sie weint im Schlaf und Sie haben einfach so mal beschlossen, dass sie heute - HEUTE! - das Sieger-Interview haben soll?" Ich kannte diese Stimme. Sie war mir so vertraut und als ich sie hörte, ging es mir schon wieder etwas besser. Ich fühlte mich wie zu Hause.  „Die Leute aus dem Kapitol wollen die Siegerin der 73. Hungerspiele endlich feiern. Ich kann sie kaum noch länger hinhalten und das mit dem Weinen im Schlaf ist mit einem Psychiater auch wieder geklärt." Diese Stimme kam mir ebenfalls bekannt vor. Nur empfand ich jetzt Hass auf sie. Unverkennlich war das die Stimme des obersten Spielemachers.  „Sie denken doch nicht im Ernst, dass das helfen wird?! Sie ist jetzt für immer kaputt! Mit einem Psychiater ist es auch nicht geklärt!" Ashley.. Meine Schwester war da.  Langsam stand ich auf und lief auf wackeligen Beinen auf die Tür zu. Ich wollte meine grosse Schwester in die Arme schliessen! Als ich vor der Tür ankam, ging sie automatisch auf und ich sah die beiden Streithähne.  „Ash!", flüsterte ich mit heiserer Stimme und fiel ihr um den Hals.  „Lucy! Meine Kleine! Wie geht es dir?", flüsterte Ashley zurück.  „Mhm", war das Beste, was mir dazu einfiel.  „Verstehe." „Hören Sie, Miss Ocean", begann Seneca Crane,„Heute Abend findet das Sieger-Interview statt. Also in genau... Neun Stunden. Denken Sie, Sie kriegen das hin?" „Ich habe gerade die Hungerspiele gewonnen. Da kommt es auf ein kleines Interview wirklich auch nicht mehr darauf an, oder?", versuchte ich tapfer zu sagen und lächelte sogar noch dazu.  „Das nenne ich eine geborene Siegerin!", lachte Seneca und klatschte in die Hände.  „Na dann sollten Sie schleunigst zu ihrem Vorbereitungsteam gehen", fügte er noch hinzu und verschwand den langen weissen Flur entlang.  Ashley drehte mich zu ihr, sodass ich sie anschauen musste. „Du musst nicht das tapfere Mädchen spielen, Lucy", sagte sie ernst.  „Ash, das ich spiele nicht. So fühle ich mich." Sie seufzte und nahm mich noch einmal in den Arm.  „Also gut. Dann gehen wir jetzt ins Appartement 6, was?" Dann liefen wir in Richtung Aufzug und dann ins sechste Stockwerk hoch. Dort wurde ich, so wie es aussah, schon erwartet.  Alle meine Mentoren, Sephie und mein und Hektors Vorbereitungsteams waren da. Der einzige, der fehlte, war Hektor selber.  Alle nahmen mich in den Arm und gratulierten mir leise. Nur nicht Alexis. Sie entschuldigte sich bei mir. Weshalb wusste ich nicht so genau, deshalb nickte ich einfach nur.   „Also, dann machen wir dich mal perfekt für das Interview!", meinte Mika und versuchte aufmunternd zu klingen.  Wieder nickte ich und folgte meinem Stylisten in mein altes Zimmer. Ich wusste nicht was sie mit mir machten. Es war mir aber auch egal. Sollten sie machen, was sie wollten.  Ich wurde geschminkt, meine Haare wurden gemacht, mir wurde ein Kleid über den Kopf gezogen und daran herumgezupft und dann wurden meine Füsse noch in Ballerinas gesteckt. Als ich fertig war, wurde ich vor den Spiegel gestellt. „Und was sagst du?", fragte mich Mika.   Ich trug ein langes, hellgrünes, bodenlanges Kleid, das wirklich sehr schön aussah. In meinen Augen jedenfalls. Ab der Taille abwärts, war es seidenweicher Tüll und aufwärts war es eng und wurde mit wunderschönen Perlen bestückt. Meine rote Haarpracht hatte man hinten irgendwie zusammen geflochten, was sehr kunstvoll aussah. Ich war kaum geschminkt aber das machte mir nichts aus. Ich fand so konnte ich mich Panem als Siegerin der 73. Hungerspiele gut zeigen. Sephie kam plötzlich ins Zimmer gestürzt und fragte:„Ist sie schon fertig? Wir müssen in fünf Minuten unten sei-"  Und da erblickte sie mich.  „Oh.. Kindchen! Du siehst bezaubernd aus! Wunderschön! Panem wird begeistert sein!", fügte sie hinzu, als sie ihre Sprache wieder gefunden hatte.  „Sie werden begeistert sein?! Weil ich sechs Jugendliche getötet habe um zu überleben?", fragte ich fassungslos.  „Na, na, na. So reden wir hier nicht! Lass dich feiern! Du hast schliesslich die Hungerspiele gewonnen!" Ich schnaubte und preschte an ihr vorbei zum Aufzug.  Der Rest folgte mir ebenfalls und zusammen fuhren wir runter zur Bühne. Kaum stieg ich unten aus dem Teil wurde ich am Arm gepackt und hinter die Bühne verfrachtet.  'Gleich gehts los. Gleich werde ich wieder auf dieser Bühne stehen und danach gehe ich endlich wieder nach Hause!' „Begrüssen Sie mit mir die Siegerin der 73. Hungerspiele: Lucy Ocean!" Ich trat auf die Bühne und die Menge flippte aus. Alle standen plötzlich auf und schrien, klatschten und jubelten was das Zeug hielt. Wie ich diese Leute verabscheute! Sie bejubelten eine Mörderin! War das ihnen nicht bewusst?! Ceasear zeigte mir mit einer Handbewegung, dass ich mich setzten sollte und ich zwang mich mein gespieltes zuckersüsses Lächeln ins Gesicht zu zaubern.  „Wow! Du hast jetzt ganz offiziell Finnicks Platz als jüngste Siegerin aller Zeiten eingenommen. Was sagst du dazu?", fragte er mich.  „Äh... Hoffentlich ist er jetzt nicht böse?", es war eher eine Frage als eine Antwort, aber das Kapitol war begeistert und lachte, als hätte ich den Witz des Jahrhunderts gerissen.   „Ich denke er wird dir verzeihen", sagte Ceasear schmunzelnd,„Oder was denkt ihr?" Die Zuschauer brachen wieder in Jubel aus und klatschten Beifall. Ich zwang mich nicht nur zu lächeln sondern regelrecht zu strahlen.  „Dann kommen wir doch mal zum spannenden Teil! Sehen wir uns deine besten Momente in den Spielen an!" Und wieder fing das Publikum an zu jubeln und zu klatschen. Ich zwang mich den Film anzusehen. Es wurde alles gezeigt, was entweder die Erinnerung daran wehtat oder wo ich wieder ins zittern kam aus lauter Angst. Der Anfang der Spiele wurde gezeigt, wo ich als erstes am Füllhorn angelangte. Es wurde gezeigt, als herauskam wie gut ich kämpfen konnte und wo ich das Kaninchen mit einem meiner Wurfmesser erwischte. Es wurde gezeigt, als Deborah starb - und das in einer anderen Perspektive zu sehen, war so, als würde sie schon das zweite Mal sterben und ich kann nichts dagegen tun.  Mir liefen auch schon wieder Tränen über die Wangen.  Als der Teil kam, wo ich aus Hass auf das Kapitol die beiden Jungs aus den Distrikten drei und fünf umbrachte fühlte ich mich schrecklich, aber noch schrecklicher fühlte ich mich, als ich die Tode von Lucas und Hektor noch einmal sah. Das Finale wurde noch einmal KOMPLETT gezeigt. Wie krank war DAS denn?!  'Ist ja nicht so als hätte ich Todesangst gehabt, oder?! Jetzt mal ehrlich, wie hirngestört und hirnamputiert kann der Mensch bitte sein?! Und ich habe immer geglaubt der Mensch sei ein intelligentes Lebewesen. Da habe ich mich wohl getäuscht.' Nach dem Video stellte mir der zu gut gelaunte Moderator noch einige Fragen zu meinen Verbündeten, zu meiner Familie und zu dem wie ich mich im Finale fühlte. Alle diese Fragen beantwortete ich brav und zum Schluss gratulierte mir noch Präsident Snow höchstpersönlich. Im Stillen wünschte ich ihm, dass er zur Hölle fahren sollte.   Er gratulierte mir sogar noch zum Geburtstag, was mich zuerst verwirrte, doch dann fiel mir ein, dass meine Schwester sagte, dass ich eine ganze Woche ohne Bewusstsein war und schon gab es Sinn. Heute wurde ich 14 Jahre alt. Ich fragte mich, ob mein Schicksal mich verarschen wollte, aber da merkte ich, dass das nichts anderes als das Leben war.   Dann durfte ich endlich in den rettenden Zug einsteigen und nach Hause fahren.  
Kostenloses Lesen für neue Anwender
Scannen, um App herunterzuladen
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Schriftsteller
  • chap_listInhaltsverzeichnis
  • likeHINZUFÜGEN