Zwei

2193 Worte
Gabriel Odette verschränkt die Arme und schmollt, weigert sich, ihr Essen anzurühren. „Ma chérie, Penelope hat hart gearbeitet, um das Frühstück für dich zu machen", sage ich geduldig zu meiner Tochter. „Sie hat sogar dein Lieblingsessen gemacht: Haferbrei mit Zimtzucker." Mein kleines Mädchen rückt in ihrem Stuhl hin und her und bewegt ihren Kiefer. Ihre Augen huschen zwischen Penelope, unserer Haushälterin, und mir hin und her, aber sie sagt nichts. Tatsächlich hat sie seit fast zwei Jahren nichts gesagt. Nicht seit dem Unfall. Wir sitzen um den Küchentisch versammelt. Alles in allem entwickelt sich der Freitagmorgen wunderbar. Es ist friedlich hier draußen, genau so, wie ich es geplant habe. Odette wurde kurz vor September fünf Jahre alt, aber angesichts ihres Zustands fühlte ich mich nicht wohl dabei, sie in die Maternelle einzuschreiben — der französischen Version des Kindergartens. Die Spezialisten, mit denen ich gesprochen habe, versichern mir, dass der Kontakt zu anderen Kindern in ihrem Alter ihrer Erkrankung helfen könnte, aber ich bin seit Mariannes Tod außerordentlich vorsichtig. Was, wenn Odette einen Lehrer um Hilfe bitten muss? Ihre Unfähigkeit, sich richtig mitzuteilen, wird sie nur weiter belasten. Zum Teufel, es wird auch mich weiter belasten. Als ihr Vater ist es meine Pflicht, sie zu beschützen. Sie sicher zu halten. Und wenn das bedeutet, sie bei mir zu Hause zu behalten und sie persönlich zu unterrichten, dann soll es so sein. „Möchtest du etwas anderes, meine Liebe?", fragt Penelope sanft. Sie ist eine kleine Frau, die auf die siebzig zugeht. Ihr dünner silbergrauer Haar ist in einem straffen, strengen Knoten auf dem Kopf hochgesteckt. Trotz ihres ansonsten hochnäsigen Äußeren ist Penelope nichts als herzlich und freundlich. Sie steht seit etwas mehr als fünf Jahren in meinen Diensten und hilft mir, ein Auge auf Odette zu haben, während sie die Haushaltsarbeiten im Griff behält. Odette schielt zu den Lebkuchenhausbausätzen, die auf der Küchentheke warten und darauf warten, geöffnet zu werden. Da ist ein schelmischer Glanz in ihren Augen, der mir alles sagt, was ich wissen muss. „Es ist erst der erste November", neckt die Haushälterin. „Wenn wir sie zu früh essen, haben die Lebkuchenmänner keinen Ort, den sie ihr Zuhause nennen können." Meine Tochter sieht mich erwartungsvoll an. Sie ist süß wie ein Knopf, aber ich gebe nicht nach. Ich mag sie über alles lieben, aber ich ziehe die Grenze bei schlechter Ernährung. „Iss deinen Haferbrei, chérie, und dann denke ich darüber nach." Ihr Mund öffnet sich leicht. Ich halte den Atem an und hoffe, dass dies der Moment ist, in dem sie sich endlich entschließt zu sprechen. Stattdessen schnappt Odette ihren Mund zu und greift nach ihrem Löffel. So nah dran. „Vielleicht können wir nach dem Frühstück das Wohnzimmer dekorieren?", schlägt Penelope vor. „Ich weiß, dass wir noch keinen Baum ausgesucht haben, aber wir können den Kaminsims trotzdem mit Ornamenten schmücken. Was meinst du, meine Liebe?" Odette nickt und schaukelt fröhlich die Beine unter dem Tisch hin und her. Sie reicht nicht einmal bis zum Boden. Penelope sieht mich als nächstes an. „Kommen Sie auch dazu, Monsieur Rochefort?" „Ich habe etwas Arbeit im Büro zu erledigen, aber in einer Stunde bin ich frei." „Oh, wunderbar. Ich nehme an, Ihre Kunden halten Sie beschäftigt?" Ich nicke. „Alle versuchen, ihre Unterlagen vor der Steuersaison in Ordnung zu bringen. Langweiliges Zeug. Ich sollte in der Lage sein, die Zahlen zu knacken und—" Das donnernde Geräusch von etwas, das durch unser Eingangstor kracht, unterbricht mich. Während Odette und Penelope auf ihren Stühlen zusammenzucken, springe ich bereits in Aktion. Mein neues Leben ist das der ruhigen Häuslichkeit, aber es gibt immer einen kleinen Teil von mir, der nicht loslassen konnte, was ich einmal war. Die Notwendigkeit, vorbereitet zu sein, ist mir eingebrannt, ähnlich wie Atmen oder Blinzeln — automatisch. „Bleibt hier", befehle ich und mache mich schnell auf den Weg zur Haustür, um nach draußen zu schauen. Ich spähe aus dem Fenster, aber ich sehe niemanden. Ich senke meine Wachsamkeit nicht. Könnte es Favreaux sein? Selbst nach zwanzig Jahren verfolgt mich dieser Mann noch immer. Er ist mein ganz persönlicher Geist. Ich habe alles aufgegeben, was ich hatte, um sicherzustellen, dass er den Rest seiner Tage hinter Gittern verbringen würde, aber ich weiß genauso gut wie jeder andere, dass nichts dieses Biest dauerhaft einsperren kann. Nicht für immer, jedenfalls. Ist heute der Tag, an dem meine Vergangenheit mich endlich einholt? „Was ist es?", fragt Penelope, ihre Stimme zittert. „Es fühlte sich wie ein Erdbeben an." Drei scharfe Klopfgeräusche ertönen an der Haustür, die geisterhafte Silhouette einer Person verweilt auf der anderen Seite des dicken Milchglases. Ich zögere, nach der Schrotflinte zu greifen, die im obersten Regal des Vorraums aufbewahrt wird. Wenn es wirklich Favreaux ist, wäre er sicher schlauer, als an meiner Haustür aufzutauchen. „H-hallo?" Die Stimme gehört einer Frau. Neugierig und gegen meinen besseren Instinkt öffne ich die Tür. Ich bin sprachlos. Auf der anderen Seite steht eine junge Frau Anfang zwanzig. Sie hat langes schwarzes Haar und tiefbraune Augen. Sie ist etwa einen Kopf kleiner als ich selbst, ihre schlanken Beine und langen Arme verleihen ihr eine unbeschreibliche Anmut. Sie ist auffallend schön, aber ich bin zu sehr damit beschäftigt, das bräunliche Rot auf ihren Kleidern zu bemerken, um sie zu bewundern. „Gabriel Lacroix?", krächzt sie. Mein Herz krampft sich zusammen. Ich habe meinen richtigen Namen seit über zwanzig Jahren nicht benutzt. Sorge durchbohrt mich. Wer zum Teufel ist diese Frau und warum blutet sie auf meiner Fußmatte? „Mein Gott!", keucht Penelope hinter mir. Sie hält Odettes Hand, ihre andere Hand vor dem Mund vor Schock. „Braucht sie Hilfe? Pierre, wir müssen sie ins Krankenhaus bringen!" „Kein Krankenhaus!", schnappt die Frau auf Englisch. Manche Wörter brauchen keine Übersetzung. Ich runzle die Stirn. „Eine Amerikanerin?" Bevor sie antworten kann, rollen ihre Augen nach hinten. Ihr ganzer Körper neigt sich zu mir hin, ihre Beine geben nach wie nasse Streichhölzer. Ich fange sie auf, halte ihren weichen Körper in den Armen, als ich sie vorsichtig auf den Boden sinken lasse. Ihre Augen flattern, während sie darum kämpft, das Bewusstsein zu behalten. „Wie heißen Sie?", frage ich sie in ihrer Sprache. Englisch fühlt sich seltsam auf meiner Zunge an, nachdem ich es so lange nicht benutzt habe, aber ich bin mir sicher, dass ich klar genug zu verstehen bin. Sie verzieht das Gesicht und klammert sich mit den Fingern am Vorderteil meines Hemdes fest. „Chester McHale… Er hat mir gesagt, ich soll kommen und Sie suchen. Er sagte, Sie würden mich sicher halten." Mir dreht sich der Kopf. Das ist ein Name, von dem ich nie gedacht hätte, ihn noch einmal zu hören. „Chet?", murmle ich ungläubig. „Wer zum Teufel sind Sie?" „Es regnet in der Sahara", krächzt sie, bevor sie schlaff wird, bewusstlos. Die Luft rauscht mir aus den Lungen. Es ist ein Code. Ich verdanke Chet McHale mein Leben, und es scheint, dass er diesen Gefallen endlich einfordert. Es sieht so aus, als hätte meine Vergangenheit mich wirklich eingeholt, nur nicht so, wie ich erwartet hatte. Ein vernünftiger Mann würde diese Frau abweisen. Die Polizei rufen, sie ins Krankenhaus bringen — alles außer sie die Treppe hinauf in mein Zimmer zu tragen. Genau das tue ich jedoch, denn ich bin kein vernünftiger Mann. Ich habe Chet damals mein Wort gegeben, und ich bin, wenn nichts anderes, ein Mann meines Wortes. Ich weiß vielleicht nicht, wer diese Frau ist oder in welchen Schwierigkeiten sie steckt, aber die Tatsache, dass sie den Notfallsatz meines ehemaligen besten Freundes kennt, muss etwas bedeuten. „Penelope", sage ich hastig, während ich die Stufen hinaufstürme. „Ich brauche den Erste-Hilfe-Kasten." „R-richtig", stammelt die Haushälterin. „Bring ihn sofort. Und halte Odette unten." „Ja, natürlich." Ich trage die Frau den Flur entlang und trete praktisch meine Schlafzimmertür aus den Angeln. Sie wiegt gar nichts. Ich verschwende keine Zeit damit, sie auf mein Bett zu legen, und arbeite schnell daran, ihre Verletzungen zu untersuchen. Sie stöhnt leise, als ich ihr helfe, Jacke und Hemd auszuziehen. Die Haut über ihren linken Rippen ist lila und rot. Es gibt mehrere Schnitte an ihren Händen und im Gesicht, eine tiefe Wunde direkt über ihrer Schläfe. Die arme Frau hat dunkle Ringe unter den Augen, ihre Wangen sind hohl und ihre gesamte Gesichtsfarbe beunruhigend blass. Am auffälligsten ist das kunstvolle Blumentattoo, das sich ihren rechten Arm bis zum Handgelenk hinunterschlängelt, und das auf ihrem Schulterblatt: ein Rabe mit roten Federn und einem Pfeil im Schnabel. Es fühlt sich seltsam an, das Motiv auf jemand anderem zu sehen. Es ist sauberer, die Linienführung sorgfältiger als früher, aber sein Zweck ist immer noch derselbe. Sie ist Teil von Chets Crew. Penelope kommt mit dem Erste-Hilfe-Kasten ins Zimmer gestürmt. Ich reiße ihn auf und mache mich an die Arbeit, säubere die schlimmsten ihrer Wunden, bevor ich Verbände anlege. „Durchsuchen Sie ihre Taschen", weise ich die Haushälterin an. „Sehen Sie, ob Sie einen Ausweis finden können." „Ich habe ein schlechtes Gefühl bei dieser Sache", murmelt Penelope, während sie die Besitztümer der Frau durchsucht. Sie zieht ein schwarzes Klapptelefon heraus — ein Wegwerfhandy — gefolgt von einem kleinen schwarzen Etui. Penelope öffnet den Reißverschluss und enthüllt eine Auswahl von Dietrichen. „Ich habe ein sehr schlechtes Gefühl bei dieser Sache." „Irgendwas?", frage ich und lege einen Eisbeutel auf ihre Rippen. „Nichts. Soll ich das Auto draußen überprüfen? Sie ist direkt durch das Eingangstor gefahren." Ich schüttele den Kopf und streiche das Haar der Frau aus ihrem Gesicht. Es ist mit getrocknetem Blut und Staub verkrustet. „Nein, lassen Sie das. Stellen Sie nur sicher, dass Odette vom Wrack ferngehalten wird. Ich will nicht, dass es irgendetwas auslöst." „I-in Ordnung. Sind Sie sicher, dass wir die Polizei nicht rufen sollten?" Penelope weiß nichts von meiner Vergangenheit. Meine Tochter auch nicht. Wenn sie es wüssten, würden sie wissen, dass die Polizei um Hilfe zu bitten das Schlimmste ist, was man tun kann. Ich mache mir keine besonderen Sorgen darum, dass einer unserer Nachbarn die Polizei ruft, da wir etwas außerhalb der Stadtgrenzen wohnen. Wir haben auf allen Seiten des Grundstücks einen guten Handvoll Hektar zur Privatsphäre, daher bezweifle ich, dass wir uns mit irgendwelchen neugierigen Zeugen auseinandersetzen müssen. „Nein", sage ich bestimmt. „Bleiben Sie mit Odette unten und lenken Sie sie ab. Ich kümmere mich darum." „Ablenken? Womit?" Ich beiße die Zähne zusammen, meine Geduld wird dünn. „Lass sie verdammt nochmal den Lebkuchen essen. Schalte Zeichentrickfilme ein. Es ist mir egal. Was auch immer Sie tun, lassen Sie sie nicht hier herauf." Penelope nickt steif, bevor sie auf den Hacken kehrtmacht und wie eine Maus davonhuscht. Ich verstehe, dass sie verängstigt ist, aber ich habe jetzt keine Zeit, sie zu bemuttern. Wenn Chet diese Frau wirklich zu mir geschickt hat, muss etwas Ernstes im Gange sein. Es war meine Entscheidung, diese Welt hinter mir zu lassen — und meinen alten Freund gleich mit —, also muss es bedeuten, dass etwas ernsthaft Gefährliches passiert, wenn er mich nach all dieser Zeit absichtlich hineinzieht. Ich bin gerade dabei, sie fertig zu verarzten, als ihre Augen aufschlagen. Sie keucht auf, ihr Körper zuckt zusammen. „Wer sind Sie?", kreischt sie und verzieht das Gesicht vor Schmerz. „Wo bin ich?" Ich hebe die Hände, ein Dompteur, der seinen Löwen beruhigt. „Entspannen Sie sich. Sie sind sicher." Sie schaut sich im Zimmer um, verloren in Verwirrung. Sie stützt sich auf die Ellbogen und kämpft darum, sich aufzusetzen. „Ich muss zurück zu ihm. Er braucht mich!" „Legen Sie sich hin", schnauze ich. „Bevor Sie sich weiter verletzen." „Ich muss Gabriel Lacroix finden." „Sie haben ihn gefunden." Sie blinzelt mich an. Die arme Frau erinnert mich an einen kleinen Vogel, verloren und gebrochen und der Welt ausgeliefert. „Sie?" Ich nicke. „Können Sie mir Ihren Namen sagen?" „Raquel", flüstert sie. „Raquel McHale." Mein Hals wird trocken. „Raquel", echo ich, gleichermaßen erstaunt und verwirrt. Es passt zu ihr, ein schöner Name für eine schöne Frau. Ein Gedanke reißt mich aus meinen Gedanken heraus. „Warten Sie mal, Sie sind Chets Tochter?" Sie verliert das Bewusstsein erneut, bevor ich eine Antwort bekomme, aber ich brauche keine. Jetzt, da ich das meiste getrocknete Blut von ihrem Gesicht gewischt habe, kann ich die Ähnlichkeit erkennen. Sie hat Chets gerade Nase und hohe Wangenknochen. Ich bin fasziniert von ihren vollen Lippen, ihren langen Wimpern und dem leichten Pfirsichduft unter dem salzigen Blutgeruch in der Luft. Jetzt, da ich einen ruhigen Moment habe, lässt sich ihre Schönheit schwer leugnen. Raquel ist… Wow. Atemberaubend ist wohl die beste Beschreibung. Ich muss meinen Blick abwenden, als ich die Decke hochziehe, um ihren Körper zu bedecken, und die Anspannung in meiner Hose ignoriere. Nur weil sie bewusstlos ist, gibt mir das nicht das Recht, sie anzustarren. Ich bin kein verdammter Creep, und wenn sie wirklich Chets Tochter ist, macht sie das doppelt tabu. Ich setze mich auf die Bettkante und atme schwer aus. Na toll. So viel zu unserem friedlichen Freitagmorgen.
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