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1062 Worte
MORITZ Ich war mir sicher, dass ich mit Alina Adrien von Dunkelfeld abgeschlossen hatte. Ich war überzeugt, dass die Frauen, die ich in meinen Erinnerungen trug, keine Macht mehr über mich hatten. Also warum, zum Teufel, tat es so weh zu erfahren, dass sie heiraten würde? Ich nippte an meinem Scotch und starrte an diesem Abend auf den Bildschirm meines Computers. Ich wollte nicht sofort nach Hause. Der Tag hätte nicht schlimmer sein können—vor allem nicht, nachdem Alina heute Morgen bei mir gewesen war—bevor alles von da an weiter auseinanderfiel. Mein Telefon vibrierte, und ich nahm ab. „Hallo.“ „Ich wollte Sie nur über Fräulein von Dunkelfeld informieren.“ Mein Gott, nicht sie. „Ja,“ seufzte ich schwer. „Was?“ „Wissen Sie, dass sie das Land morgen verlässt?“ Ich zog die Stirn kraus. „Was meinen Sie?“ „Kavish hat gerade bestätigt, dass sie ihren Flug nach Nizza für morgen gebucht hat.“ „Nizza?“ Ich lehnte mich auf meinem Stuhl nach vorne. „Für wie lange?“ „Zwei Wochen. Am Donnerstagabend fliegt sie zurück nach Bordeaux.“ „Warum nach Nizza?“ „Anscheinend wegen der Arbeit, sie wird in den kommenden Monaten immer wieder dort sein.“ „Das geht nicht.“ Ich richtete mich auf. „Wir stecken mitten in diesem verdammten Konflikt in Nizza. Es ist nicht sicher für sie.“ Vor sechs Monaten hatten wir die Unterstützung der örtlichen Polizei nach der Ermordung des Kommissars verloren. Ich hatte beschlossen, unsere Operationen in Nizza einzustellen, um Risiken zu begrenzen und unsere Kräfte auf internationale Märkte zu konzentrieren. Seitdem war die Stadt ins Chaos gefallen. Zwei rivalisierende Familien—die Bellini und die Girardi—stritten nun um die Kontrolle über den lokalen Drogenhandel. Wenn eine von beiden mich oder meine Männer in Nizza sähe, würden sie annehmen, dass wir zurück sind und mit dem Feind verbündet. Dann würde der Krieg gegen uns in voller Stärke ausbrechen. „Nein.“ Ich lehnte mich zurück. „Sie dürfen sie nicht gehen lassen.“ „Ja, Herr.“ „Bringen Sie sie sofort zurück nach Bordeaux.“ „In Ordnung, Herr.“ Das Telefon wurde still, als er auflegte. Ich stand auf, goss mir ein weiteres Glas Scotch ein. Ich trat ans Fenster und blickte auf die Stadt hinab. Die Worte von diesem Morgen hallten in meinem Kopf nach: „Verpiss dich nach Frankreich und heirate jemanden, Alina. Ich will dich nie wiedersehen. Niemals. Dein glattes Leben ist langweilig, und ich will nichts von dir hören.“ Ich atmete langsam aus, leerte mein Glas in einem Zug. Die Flüssigkeit in meiner Hand hallte wie ein Echo all der schlechten Entscheidungen, die mich hierhergebracht hatten. Ich lehnte mich aus dem Fenster, sah die Stadt an, die Lichter wie verstreute Versprechen, die ich nie erreichen konnte. „Ich versuche nur, dich zu beschützen, Alina.“ „Seit wann kümmert sich der unbezähmbare Adrien von Dunkelfeld um solche Treffen?“ Ich hob langsam den Kopf, meine Augen wanderten von meinem vollen Glas zu Julien auf der anderen Seite des Tisches, seine Stirn leicht zusammengezogen, sein Blick trug ein Wissen, das mir zeigte, dass er mich schon länger beobachtete, als ich gedacht hatte. Der Tisch war noch vor kurzem laut gewesen, gefüllt mit Lachen und Stimmen, die sich überlagerten, doch das Geräusch war verstummt, als die Frauen sich entschuldigten, ihre Stühle sanft über den Boden schoben, und ein schweres Schweigen zurückblieb. „Mir geht es gut,“ sagte ich, obwohl die Worte gezwungen klangen. „Du siehst nicht gut aus,“ antwortete Julien ruhig. „Warum bist du an einem Arbeitstagabend hier, anstatt zu Hause zu sein?“ Ich hielt seinem Blick stand, genervt, weil er Recht hatte und ich es nicht zugeben wollte. „Du hast kaum ein Wort gesagt,“ fügte Léo hinzu. „Denkst du immer noch an deine Schwester?“ Meine Augen glitten zu Amber, bevor ich leiser wurde. „Lass es.“ Léo hob die Hände in einem Zeichen der Kapitulation, nahm dann einen langsamen Schluck von seinem Bier. „Hast du Jossie gesehen?“ „Was ist mit ihr?“ „Ich dachte, ich könnte es noch einmal versuchen. Etwas wieder entfachen.“ „Dafür hattest du Jahre.“ „Das Timing war nie richtig,“ murmelte er und sah sich um. „Ein bisschen wie du und Alina.“ Julien schnaufte. „Zumindest steht Jossie nicht kurz vor der Heirat. Alinas Verlobter muss heutzutage sehr aufmerksam sein.“ Das Bild formte sich, bevor ich es aufhalten konnte, klar und unerwünscht. Mein Stuhl rutschte zurück, während ich mich erhob, meine Hand schlug auf den Tisch, das Knacken hallte laut genug, um den ganzen Raum zum Schweigen zu bringen. „Halt die Klappe,“ sagte ich, leise und gefährlich. Julien wich nicht aus. „Sie berührt dich immer noch.“ „Nein.“ Die Worte von diesem Morgen hallten in meinem Kopf: „Verpiss dich und heirate jemand anderen, Alina. Ich will dich nie wiedersehen. Niemals. Dein glatt gestriegeltes Leben aus dem Katalog langweilt mich, und ich will nicht hören, was du zu sagen hast.“ Ich atmete schwer aus, den Blick ins Leere gerichtet. Der Scotch in meinem Glas war bitter, schmeckte nach all den Reuegefühlen, die ich je verschluckt hatte. Mein Telefon vibrierte auf dem Schreibtisch. Jossie. Ihr Name leuchtete auf dem Bildschirm. Ich lehnte den Kopf zurück und trank mein Glas in einem Zug aus, grimassierend über das Brennen, das bis in den Bauch zog. „Hallo,“ antwortete ich. „Wo bist du?“ fragte sie. „Ich dachte, das Abendessen sei um sieben,“ murmelte ich und merkte, dass ich es völlig vergessen hatte. „Entschuldige, ich hatte eine Verzögerung,“ sagte sie. „Ich habe nicht auf die Uhr geachtet.“ „Ah…“ antwortete ich. „Ich komme gleich.“ Ich legte auf. Ein weiteres Glas. Ein weiterer Moment, ins Leere zu starren. Und dann, zum hundertsten Mal an diesem Tag, sah ich sie wieder—Alina. Ihr Gesicht. Die Tränen in ihren Augen. Der Schmerz, der in ihrer Stimme zitterte. Ich stand da, Glas in der Hand, und die Realität traf mich härter als erwartet. Ich redete mir ein, dass es zum Besten sei. Und doch… ein Teil von mir konnte nicht weitergehen. Warum tat es nur so weh?
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