Kapitel 15.1

2229 Worte
„Schau mal, wie viele Hasen dort hinten sind", flüsterte Sera aufgeregt und zeigte auf die Stelle, an der sie die Tiere sah. Astarot und sie spazierten bereits seit dem Frühstück durch den Wald. Das Bewegen gefiel Sera sehr und sie war völlig entspannt. Astarot erzählte ihr hin und wieder etwas über die Insel und die Wege, die sie entlangliefen. Dann schwiegen sie wieder eine Weile, in der Sera die Natur genoss. „Eine Hasenfamilie", bemerkte er ebenso leise und schien sie genau wie Sera zu beobachten. „Wie süß", erwiderte Sera liebevoll und ihr Blick war weich. Es war so schön, die Tiere hier zu sehen. In Los Angeles konnte sie das nicht. Solange die Tiere zu sehen waren, blieben sie stehen und gingen dann weiter. Astarot bog einen Weg ab, der tiefer in den Wald führte und Sera fand einige Sträucher, die Beeren trugen. Einige pflückte sie und reichte ihrem Chef ein paar davon. „Danke", lachte er und nahm sie sofort in den Mund. Er schien beschwingt und völlig entspannt. Genau wie Sera, die gesprächiger als sonst war. Sie hatte bereits am Vorabend bewiesen, dass die Ruhe ihr guttat und sie auch an etwas anderes denken konnte. „Fühlst du dich hier wohl?", wollte Astarot wissen und hob ein schönes Blatt vom Boden auf. Mit den Händen hinter dem Rücken verschränkt, nickte Sera und betrachtete das Blatt, welches eine ungewöhnliche Form hatte. „Sehr", gab sie zu und lächelte. „Die Ruhe hat mir gefehlt. Es war in letzter Zeit ziemlich stressig und es tut gut, ein bisschen Abstand zu haben." Gleichzeitig machte sie sich aber auch Sorgen, denn sollte Sienna wieder Mist bauen, konnte sie nicht einfach nach Hause fliegen. „Das freut mich sehr", meinte er und nahm das Blatt einfach mit. Es war sicherlich ein hübsches Andenken für Astarot. Hier und da pflückte Sera Beeren, die sie dann gemeinsam aßen. „Machen wir gerade eigentlich einen Rundgang? Ich habe das Gefühl, dass wir schon einmal hier waren. Oder nehmen wir jetzt den Weg zum See?", fragte sie neugierig. „Wir sind gerade auf dem Rückweg", stimmte er zu. „Ich dachte heute ist es so schön, dass wir vielleicht im See baden könnten." Glücklicherweise hatte Sera vorsichtshalber einen Badeanzug eingepackt, deshalb nickte sie zustimmend. „Gute Idee. Es ist ziemlich warm", meinte sie und fächelte sich Luft zu. „Ich würde trotzdem gerne eine Weile einfach am See sitzen." „Das kannst du ja tun", stimmte er zu. „Ich werde ins Wasser gehen. Es ist einfach zu warm." „Ich komme natürlich mit", behauptete Sera lachend. Sich abzukühlen und dann einfach dazusitzen, hatte sicher etwas Schönes. Astarot schmunzelte und führte sie zurück zum Häuschen wo sie ihre Sachen holen konnten. Nicht einmal eine halbe Stunde später stand Sera vor dem glitzernden Wasser und sah auf die fast spiegelglatte Fläche. Noch war sie angezogen, doch sie musste lediglich ihr Kleid ablegen, da sie ihren Badeanzug darunter angezogen hatte. Astarot schien es genau so zu machen. Allerdings breitete er im Moment die Decke und die Handtücher aus, damit sie sich darauf niederlassen konnten. Damit sie schneller ins Wasser konnten, half Sera ungefragt mit. Dann zog sie ihr Kleid einfach über den Kopf und warf es auf die Decke. Ihr schwarzer, ganz normaler Badeanzug stand ihr sehr gut und gab nicht so viel preis wie ein Bikini. Sie spürte dennoch Astarots musternden Blick auf sich, als sie in Richtung Wasser ging. Was er wohl gerade dachte? Es war schwer zu sagen, denn seine Blicke zu deuten, war nicht einfach. Gemächlich ging Sera Schritt für Schritt ins kühle Wasser und seufzte wohlig. Je mehr sie hineinging, desto wohler fühlte sie sich und schließlich stand sie so tief, dass sie schwimmen konnte. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, dass Astarot ihr folgte. Er war oberkörperfrei und stellte seine ganzen Muskeln förmlich zur Schau, als er sich langsam zu ihr ins Wasser bewegte. Sekundenlang starrte sie ihn an und wandte sich dann leicht errötet ab, als sie an den Mann im Club dachte. Sein Oberkörper war genauso muskulös gewesen. Verdammt, sie sollte nicht mehr daran denken. Sie mochte diese Szene nicht! Aber warum dachte sie dann immer wieder darüber nach, wie entspannt sie sich danach gefühlt hatte? „Gibt es ein Problem?", fragte Astarot, der neben sie geschwommen kam. Hastig schüttelte Sera ihren Kopf und setzte ihre gemächlichen Schwimmbewegungen fort. Sie war eine gute Schwimmerin und ließ sich nicht hetzen. Auch Astarot schien es zu genießen, während er langsam neben ihr herschwamm und sie dabei scheinbar beobachtete. Davon ließ sich Sera nicht verunsichern, hielt jedoch einen Abstand zu ihm ein. Schließlich wollte sie ihn nicht treffen. Als sie ungefähr in der Mitte des Sees waren, hielt sie inne und tauchte plötzlich ab. Sie wollte die Kühle des Wassers genießen und für einen Moment einfach nichts mehr hören. So ließ sie sich einen Moment treiben und genoss das Rauschen in den Ohren. Da sie keine Probleme hatte, ihre Augen unter Wasser offen zu halten, konnte sie sogar ein paar Fische entdecken. An manchen Stellen war der See nicht so tief. Dort erkannte Sera sogar Unterwasserpflanzen. Es war so beruhigend und führte dazu, dass ihr Gesicht wieder eine normale Farbe bekam. Schließlich tauchte sie wieder auf und schnappte nach Luft. „Ich dachte schon, du willst dich ertränken", meinte Astarot nüchtern. Prustend wischte sich Sera ihre klebenden Haare aus dem Gesicht. „Nein. Soweit bin ich noch nicht", erwiderte sie und lehnte sich nach hinten, um sich treiben zu lassen. „Das ist sehr beruhigend", sagte er erleichtert und ließ sich ebenfalls treiben. Mit geschlossenen Augen meinte Sera, dass sie es einfach mochte, die Unterwasserwelt zu sehen. Das Wasser in den Ohren rauschen zu hören und einfach in einer anderen Welt zu sein. „Dann solltest du vielleicht einmal mitkommen, wenn ich tauchen gehe", schlug er vor. Leicht drehte Sera ihren Kopf zu ihm und öffnete ein Auge, um ihn zu betrachten. „Du gehst tauchen?", fragte sie erstaunt. Damit hatte sie nicht gerechnet, doch eigentlich wunderte es sie nicht. „Manchmal. Wenn ich Zeit finde", sagte er und schien tiefenentspannt, während er in den Himmel blickte. „Ein schönes Hobby", kommentierte Sera, drehte sich auf den Bauch und begann, sich auf das Ufer zuzubewegen. „Es ist wirklich sehr interessant. Auch Haie füttern", stimmte er zu, bewegte sich aber nicht. „Perfekt. Ich hätte jemanden, den ich gern verfüttern würde", grummelte Sera leise vor sich hin und zog sich aus dem Wasser, um zur Decke zu gehen und sich das Handtuch umzulegen. „Ach, wer hat dich denn so verärgert?", fragte Astarot und schwamm nun ebenfalls auf den Rand zu. Sera biss sich auf die Lippen. Ihre Worte waren gar nicht für seine Ohren bestimmt gewesen! Was sollte sie jetzt tun? Erst einmal lehnte sie sich gegen den Baum, der ihnen Schatten spendete, zog dann ihre Beine zu sich heran und seufzte. „Ist nicht so wichtig", winkte sie ab. „Es belastet dich, also ist es wichtig", meinte er und kam aus dem Wasser, um zu ihr zu kommen und nach dem Handtuch zu greifen. Musternd warf Sera ihm einen Blick zu und wandte dann ihren Kopf zum See. „Meine Schwester." „Du hast eine Schwester?", fragte er überrascht, während er sich niederließ. „Geschwister können wirklich Nervensägen sein." „Mir wäre es lieber, eine Nervensäge zu haben anstatt sie", grummelte Sera, denn sie wollte eigentlich nicht darüber sprechen. „Wirklich? Ist sie keine?", fragte Astarot überrascht. Sera fuhr sich mit der Hand über das nasse Haar und begann dann, es mit den Fingern zu bürsten. „Nicht in dieser Art. Sie macht nichts als Ärger, den mein Bruder und ich ausbügeln, damit sie eine Zukunft hat", seufzte sie. „Das klingt nach viel Stress", meinte Astarot. „Sie kann froh sein, dich zu haben. Das ist nicht selbstverständlich." Verbittert schnaubte Sera und schüttelte den Kopf. „Wenn es nur so wäre. Wir haben unser ganzes Geld ausgegeben, um sie freizukaufen. Und das nicht nur einmal", erklärte sie, während sie ihre Knoten mit den Fingern lockerte. „Sie wird immer wieder rückfällig und schert sich nicht darum, dass Davis und ich kein Geld haben." „Sie hat Probleme mit der Polizei?", fragte Astarot überrascht. „Was tut sie denn? Nimmt sie Drogen?" „Sie stiehlt", erwiderte Sera kurz angebunden. „Hat sie keine Arbeit und kann sich nicht anders über Wasser halten?", fragte er und schien sich wirklich dafür zu interessieren. Worauf hatte Sera sich bloß eingelassen? Sie hasste es, diese Fragen zu beantworten. Obwohl es ihr schwerfiel, erklärte Sera, dass es nicht wegen des Geldes war. Sienna hatte einen Job im Supermarkt, doch das Stehlen war eine Art Sucht. Ein Kick, den Seras Schwester brauchte. Dabei war es Sienna völlig egal, was sie stahl. „Den Job hat sie nur, weil ich den Besitzer überredet habe, nachdem kein anderer sie einstellen wollte. Ohne Schulabschluss, Universität und so hat sie kaum Chancen, etwas anderes zu tun." „Ein Supermarkt scheint mir nicht gerade der passende Ort für sie", meinte Astarot nachdenklich. „Hat sie vielleicht Lust hier zu arbeiten? Ich bräuchte noch jemanden für Botengänge und Aktensortieren. Im Moment beauftrage ich immer Leute, die gerade nichts zu tun haben, aber es bleibt viel liegen. Ist nicht sonderlich anspruchsvoll und wohl auch nur auf Zeit." Sera hielt im Auskämmen ihrer Haare inne und warf Astarot einen zweifelnden Blick zu. „Du willst sie anstellen?", fragte sie fassungslos. „Ist dir bewusst, dass sie trotzdem Unfug treibt? Ich habe ihr das letzte Mal gedroht, dass ich sie nicht mehr freikaufen werde, nachdem ich völlig pleite war." Ihre Stimme klang recht verärgert, wenn sie an den Vorfall dachte. Astarot zuckte die Schultern. „Ich könnte sie einstellen und ein Teil ihres Lohnes gleich an dich auszahlen. Ich gehe doch davon aus, dass sie dir die Kaution zurückzahlen muss, oder?" Daraufhin nickte Sera. „Es ist mittlerweile ein kleines Vermögen, was Davis und ich aufgebracht haben. Die letzte Kaution war ... die teuerste. Eines Tages muss sie mir das Geld zurückzahlen. Es ist mir egal, wie lange sie dafür braucht, aber ich will, dass sie endlich mit dem Mist aufhört!", sagte sie erbost. Sienna verbaute sich ihre gesamte Zukunft und hatte keine Einsicht. „Kann ich verstehen. Wenn sie hier arbeitet, könntest du sie überwachen und ich bin mir sicher, dass ich einen ... guten Einfluss auf sie haben kann", schlug Astarot vor. Er schien wirklich helfen zu wollen. Mit ihrer Antwort ließ sich Sera einige Minuten Zeit, denn sie dachte wirklich darüber nach. Astarot hatte Recht: Sie könnte auf Sienna aufpassen. Vielleicht würde sein Einfluss ausreichen, sie zu ändern. Schließlich willigte Sera ein. Sie würde Sienna anrufen, sobald sie wieder zurück in Los Angeles waren. „Danke, dass du ihr eine Chance geben willst. Ich hoffe, du bereust es nicht." „Außer Dokumente gibt es hier nicht viel zu klauen", versicherte er. „Zumindest nichts von Wert." Darum ging es Sera gar nicht. Sie erklärte, dass Sienna einfach in einen Laden ging und stahl. Manchmal waren es Kleider, dann wieder teure Technik. „Sie macht mich wahnsinnig", seufzte sie niedergeschlagen. Dabei mochte sie ihre Schwester eigentlich sehr gerne. „Verstehe", seufzte Astarot und blickte in den Himmel. „Ich würde ihr trotzdem eine Chance geben." „Dann werde ich sie anrufen", sagte Sera bestimmt und seufzte ebenfalls. Es war nett von Astarot, ihrer Schwester helfen zu wollen. Doch würde es erfolgreich sein? Das bezweifelte Sera noch. „Wo wird sie wohnen? Sie hat einen Ordnungssinn wie ein Kleinkind." „Sehr gute Frage. Willst du, dass sie bei dir wohnt?", fragte er und streckte sich etwas. „Wenn es dir recht ist", meinte sie unschlüssig. Im Sommer würde Sera sowieso nur studieren und nicht arbeiten gehen. Daher konnte sie auch mehr zuhause sein. „Es ist deine Entscheidung. Du wohnst dort. Zumindest bald wieder", sagte er und legte sich schließlich hin. So, wie er lag, konnte Sera seine Muskeln noch besser sehen. Vor allem, da er seine Arme hinter dem Kopf verschränkte. „Mir ist es Recht", erklärte sie und ließ den Blick in den Himmel schweifen. „Sienna ist die Jüngste von uns und da nur Davis Medizin studiert, lag auf ihr ein großer Druck, nachdem ich mich geweigert habe." „Sollte sie ebenfalls studieren?", fragte Astarot, der ihr wohl nicht ganz folgen konnte. Um ihm das zu erklären, musste Sera weiter ausholen, als ihr eigentlich lieb war. „Meine Eltern sind erfolgreiche, hoch angesehene Ärzte. Streng und auf Erfolg gedrillt. Ich hätte in ihre Fußstapfen treten sollen, aber ich wollte nicht. Also studiert Davis meinen Eltern zuliebe Medizin. Mittlerweile gefällt es ihm auch. Aber Sienna hat schon von klein auf stets auf stur geschaltet, wenn es ums Lernen ging", erzählte Sera ihrem Chef, während sie ein Gänseblümchen in ihre Einzelteile zerlegte. „Kinder sollten die Chance haben, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen", seufzte er und schloss die Augen. „Ich kann ihr nicht verübeln, dass sie sich quergestellt hat." „Es hat im Kindesalter angefangen, als es hieß, sie sollte das Sandkastenspielzeug teilen. Sie hat die Nachbarstochter mit der Schaufel geschlagen", bemerkte Sera nüchtern. „Bei Sienna gibt es nur sie. Die anderen sind egal, solange sie das Beste hat, verstehst du?" „Ich denke schon. Wir hoffen einfach mal, dass sich das mit der Zeit auswächst", meinte er zuversichtlich.
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