Das Abendessen war wunderbar gewesen und voller Tatendrang und neugierig, was sie heute erwarten würde, machte sich Sera auf den Weg in den Fahrstuhl und fuhr hinauf in ihr neues Büro.
Wie immer wippte sie unruhig mit den Beinen und betrat dann erleichtert den hübsch eingerichteten Raum. Ihre Tasche stellte sie unter den Schreibtisch, damit sie nicht abgelenkt wurde und fuhr dann den Laptop hoch. Da sie mit der Technik gut vertraut war, hatte sie keine Probleme, sich schnell zurechtzufinden.
In ihrem Kalender fand sie zudem einige Dinge, die sie erledigen sollte, weshalb sie sich gleich daran machte.
Sera arbeitete schon eine ganze Weile, als Astarot sein Büro verließ. „Soll ich Ihnen einen Kaffee mitbringen?", fragte er leicht belustigt. Scheinbar, weil Sera so vertieft war oder weil sie den Kaffee nicht geholt hatte.
„Was? Nein, danke. Ich habe bereits einen getrunken", erwiderte sie, starrte aber auf den Bildschirm und tippte etwas ein. „Sie haben nichts gesagt, dass Sie einen wollen."
„Haben Sie schon gefrühstückt?", fragte er weiter und lehnte gegen seiner Tür.
„Auf dem Weg hierher", murmelte Sera vertieft.
„Verstehe. Haben Sie eine Wohnung gefunden?", wollte Astarot leicht belustigt wissen.
Sie schüttelte mit dem Kopf und erklärte, dass sie zwei Termine am späten Nachmittag hatte. Die anderen hatten sich noch nicht gemeldet, doch es war unwahrscheinlich, dass sie so schnell eine Wohnung finden konnte. Mit verschränkten Armen lehnte sich Sera zurück und starrte Astarot an. „Ich werde meine Arbeit erledigen und dann gehen, damit ich nicht zu spät komme", informierte sie ihn.
„In Ordnung. Sollten Sie die Wohnung nicht bekommen, melden Sie sich", sagte er und stieß sich von der Wand ab. „Sicher, dass sie keinen Kaffee wollen?"
„Erst, wenn ich müde werde", erwiderte Sera. „Sonst bin ich zu aufgeweckt. Trotzdem danke für das Angebot. Wenn Sie morgen früh einen wollen, bringe ich Ihnen einen", versprach sie und zog dann den Vertrag hervor, den sie unterschrieben und sich ausführlich durchgelesen hatte.
Astarot kam zu ihr. „Sind sie mit den Vertragsbedingungen einverstanden?"
Sie blätterte in dem Vertrag und zeigte dann auf eine Stelle. „Alles in allem bin ich zufrieden, aber die Bezahlung steht nicht im Verhältnis zu den Arbeitsstunden", bemerkte Sera. Sie war davon ausgegangen, viel mehr Stunden zu absolvieren.
„Das sind die reinen Arbeitsstunden im Büro", erklärte Astarot. „In dem anderen Punkt geht es um die Veranstaltungen, die wir regelmäßig besuchen. Sie gehören dazu."
Sera runzelte die Stirn. Für solche Veranstaltungen war sie nicht geboren. „Sie sollten Ihre Frau oder jemanden mitnehmen, der Ihnen ebenbürtig ist. Eine Sekretärin hat auf solchen Veranstaltungen nichts verloren", behauptete Sera ernst.
„Ich habe keine Frau. Zudem sind diese geschäftlicher Natur. Ein Klientenkreis ist wichtig", erklärte Astarot mit ruhiger Stimme.
Die junge Frau stand auf und verschränkte die Arme. „Das mag stimmen. Nur sehe ich es nicht ein, von einer noblen Veranstaltung zur nächsten geschleppt zu werden. Dabei fühle ich mich wie ein Vorzeigepüppchen", meinte sie und schob ihm den Vertrag hin. „Da es aber von Ihnen vertraglich festgelegt ist, bleibt mir nichts anderes übrig. Nehmen Sie ihn, bevor ich es mir doch anders überlege und weiter diskutiere."
Astarot grinste und nahm den Vertrag entgegen. „Sie sollten sich als Anwältin darauf einstellen, solchen Veranstaltungen beizuwohnen."
Daraufhin winkte Sera ab. „Lassen Sie das meine Sorge sein. Vielleicht habe ich auch gar nicht vor, so öffentlich wie Sie aufzutreten", bemerkte sie und widmete sich wieder ihrem Laptop.
„Das ist eines meiner Erfolgsrezepte", behauptete er belustigt.
Schulterzuckend erwiderte sie, dass es auch anders ginge. „Außerdem würde ich dann als Anwalt mit den Personen reden und nicht wie ein begossener Pudel daneben stehen und schweigen", fügte sie noch hinzu, bevor sie eine energische Handbewegung machte, die ihm bedeutete, dass er gehen sollte. Sie wollte mit der Arbeit fertig werden.
„Sie müssen ja nicht nur daneben stehen", lachte er und verließ den Raum.
Damit war sie wieder allein und konnte sich ihrer Arbeit widmen.
Nach der zweiten Wohnungsbesichtigung wusste Sera, dass es nicht einfach sein würde, ein Leben in Los Angeles aufzubauen. Nicht nur, dass sie einen Vorschuss zahlen sollte, sondern auch, dass die meisten jemanden wollten, der ein regelmäßiges Einkommen hatte. Das konnte Sera noch nicht vorweisen.
Zudem waren die Wohnungen schlicht nicht das gewesen, wie sie im Internet angepriesen worden waren. Am liebsten hätte Sera die Makler sogar zur Rechenschaft gezogen, eine völlig andere Wohnung zu präsentieren.
Frustriert kehrte sie in einer kleiner Bar ein, um sich eine Kleinigkeit zu gönnen. Zurück ins Hotel konnte sie nicht mehr, denn die Zeit war vorbei. Daher nahm sie ihr Smartphone zur Hand und googelte nach Hostels in der Nähe. Diese waren billig und würden ausreichen. So schnell ließ Sera sich nicht unterbringen lassen!
Ob sie vielleicht doch ihren Chef anrufen sollte? Er hatte es angeboten und dann konnte sie vielleicht Geld sparen.
Mit dem Blick auf die Uhr seufzte Sera und nahm einen Schluck ihres Cocktails. Es war schon reichlich spät, doch sie sah keinen anderen Ausweg. Deshalb wählte sie seine Nummer und wartete auf das Freizeichen.
Er nahm schneller ab, als sie erwartet hatte. Es war seine Büronummer. War er etwa noch arbeiten? „Astarot Diabolus. Wie kann ich helfen?"
„Ihr Angebot wahrmachen und mir Unterstützung bei der Wohnungssuche geben", antwortete Sera ohne Begrüßung, denn sie hatte das Gefühl, dass er durchaus wusste, wer anrief.
„Dann sollte ich Sie vielleicht abholen", bemerkte er. „Damit Sie heute Nacht noch eine Unterkunft bekommen."
Das lehnte Sera ab und grinste. Hatte sie es doch gewusst. „Ich bin in einer Bar ganz in der Nähe. Ich bin in zehn Minuten vor dem Büro", sagte sie und legte einfach auf, ohne auf seine Antwort zu warten. Lust auf Diskussionen hatte sie gerade nach der erfolglosen Wohnungssuche nicht. Und sie hatte das Gefühl, dass Astarot gerne seinen Willen aufzwang. Aber ein kleiner Spaziergang würde ihr jetzt guttun, um ihre Gedanken zu sammeln.
Schnell trank sie ihren Cocktail aus und rutschte dann den Barhocker hinunter, bevor sie sich auf den Weg machte. Vielleicht war sie ein wenig ruppig gewesen, doch Sera war schon lange nicht mehr die Frau, die zu alles Ja und Amen sagte, sondern ihren eigenen Weg ging.
Er wartete lässig an seinem Auto gelehnt vor dem Büro. Zudem wirkte er nicht mehr ganz so edel. Wie leger, wie sie ihn vom Abendessen kannte. „Ich dachte schon, Sie hätten sich verlaufen", meinte er schmunzelnd.
Sera grinste. „Kann durchaus vorkommen. Aber wozu hat man Navigation?", konterte sie geschickt und seufzte dann. „Ich wusste nicht, dass Sie noch im Büro waren." Hatte sie ihn vielleicht bei etwas gestört?
„Ich dachte mir schon, dass Sie keine Wohnung finden würden", meinte er ehrlich. „So schnell bekommt man hier nichts Annehmbares. Aber für den Übergang habe ich etwas für Sie. Steigen Sie ein."
Das ließ sich Sera nicht zweimal sagen und sie ließ sich seufzend auf dem Beifahrersitz nieder. „Danke. Sie sind meine Rettung", scherzte sie.
„Ich rette gerne holde Damen in Not", scherzte er zurück. „Aber ich glaube, dass Sie durchaus noch einen Plan gehabt hätten." Er stieg ein und fuhr los.
Amüsiert schüttelte sie den Kopf. Was für eine seltsame Ausdrucksweise ihr Chef hatte. Als würde er aus einem anderen Jahrhundert stammen. „Hostels", bemerkte Sera nüchtern. „Ich wollte das als letzte Möglichkeit lassen. Mein Gepäck ist noch im Hotel. Ich habe es dort einschließen lassen, damit ich es nicht überall mit hin schleppen muss."
„Brauchen Sie es jetzt, dann fahre ich vorbei", sagte er und bog tatsächlich in Richtung Hotel ab.
Es war auf jeden Fall günstiger. Sonst würden sie wieder zurück müssen. Aus irgendeinem unerklärlichen Grund hatte Sera das Gefühl, dass sie eine hübsche Wohnung bekommen würde. Sie glaubte nicht, dass Astarot seine Sekretärin in einem schäbigen Raum abstellen würde.
Er hielt, damit sie ihre Sachen holen konnte und als sie erneut saß, fuhr er wieder los. Dabei wirkte er irgendwie belustigt. „Sie müssen erst einmal auch nichts zahlen. Es reicht, wenn Sie sich darum kümmern, dass die Wohnung bewohnbar bleibt und vielleicht ab und an aufräumen", erklärte er und bog in eine Straße ein, die sie vom Büro wegführte.
Aufmerksam, um sich den Weg einzuprägen, sah die junge Frau aus dem Fenster. „Das ist ein außerordentlich großzügiges Angebot", erwiderte Sera erfreut. Aufräumen tat sie gerne, denn sie mochte es, wenn alles geordnet und schnell auffindbar war. Menschen, die im Chaos lebten, brachte sie nichts entgegen. Für Sera waren diese Leute einfach zu faul, ihr Leben zu organisieren.
„Um den Garten müssen Sie sich keine Sorgen machen", meinte Astarot und bog noch einmal ein. „Sie können Sauna und Pool nutzen. Dafür ist ebenfalls Personal angestellt."
Seine Aufzählung, was sie alles benutzen konnte, hörte sich fantastisch an, doch die Tatsache, dass Personal dort war, irritierte sie. Wenn die Wohnung im Moment leer stand, warum war dann dort Personal? Waren sie dazu da, die Bewohner zu bespitzeln?
„Die Wohnung wurde schon lange nicht genutzt, muss aber trotzdem gepflegt werden", erklärte er weiter und fuhr plötzlich in eine Auffahrt. „Die Dienstmädchen arbeiten allerdings schon lange nicht mehr im Haus. Es könnte also etwas staubig sein."
Die Auffahrt war nicht so pompös wie die des Schauspielers, doch das fand Sera sehr gut. Da sie den ganzen Tag sowieso unterwegs war, würde sie nicht viel Zeit hier verbringen. „Kein Problem. Ich mache sauber, bevor ich am Wochenende nach Hause fahre und meine Sachen packe", meinte Sera abwinkend. Ohne Bezahlung hier wohnen zu dürfen, war sehr gut. So konnte sie Geld sparen.
Das Haus, das vor ihr auftauchte war nicht so groß, wie sie erwartet hatte, aber für eine einzige Person schon fast zu groß.
Von außen konnte sie abschätzen, dass es sicherlich mehr als nur die normalen Zimmer gab. Wahrscheinlich waren neben Küche und Bad vier bis fünf Zimmer.
Viel zu viel, aber sie würde nur die Wichtigsten benutzen. Trotzdem würde sie ihren Teil der Vereinbarung halten und für Ordnung und Sauberkeit in den anderen Zimmern sorgen. „Ein sehr hübsches Haus", bemerkte sie ehrfürchtig. „Es hätte aber nur ein Zimmer gereicht."
„Habe ich leider nicht anzubieten", meinte er nüchtern und reichte ihr die Schlüssel für das Haus. „Soll ich Sie herumführen?"