Kapitel 3.2

2441 Worte
„Misses Dabalast", grüßte Astarot höflich, nahm ihre Hand und küsste sie. Danach sah er ihr für einen Moment in die Augen, was Sera ein ganz mulmiges Gefühl verursachte. „Sie sind also das Opfer des Anschlages", sagte er sanft. „Möchten Sie mir nicht erzählen, was vorgefallen ist?" Nervös fuhr sich die Angesprochene über ihre fein säuberlich hochgesteckten Haare und Sera sah, dass sie eine Menge Schmuck trug. Wahrscheinlich den teuersten. Sie zückte ihren Block und wartete darauf, dass Misses Dabalast anfing. Dennoch fragte Sera sich, was ihr Chef mit dieser Art von Verhalten bezweckte. Ob er seine Klienten verführte? Sollte das der Fall sein, würde sie kündigen. Für Sera war es wichtig, dass ihr Chef ein ehrlicher, distanzierter Mensch war. Auf die Bitte der Frau hin, ließ sich Sera auf einem Sessel nieder, da Astarot sich zu Misses Dabalast gesetzt hatte. Das war gut, so konnte Sera beobachten und in Ruhe mitschreiben, als die Frau zu erzählen anfing. Sie zählte die verschiedenen Anschläge auf, denen sie nur knapp entkommen war. „Verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich glaube, dass mein Mann mich loswerden möchte, nachdem ich ihm vor kurzem die Meinung gesagt habe." „Ich verstehe. Gab es denn schon vorher Streit?", fragte Mister Diabolus und Sera notierte, was die Frau erzählte. Auch ihr Mann hatte bereits davon erzählt. Die Frau erzählte nun aber einige andere Dinge. Unter anderem, dass ihr Mann ihr vorwerfen würde, fremdzugehen. Das war bei diesem nie zur Sprache gekommen. Es war seltsam, dass ihre Versionen teilweise übereinstimmten und in manchen Punkten völlig auseinander gingen. Wohl, weil sie einen anderen Blickwinkel auf die Dinge hatten. Misses Dabalasts Mann hatte gemeint, dass seine Frau ihm vorwerfen würde, eine Geliebte zu haben. Und genauso schien dieser das seiner Frau vorzuwerfen. Was war also wirklich an diesen Behauptungen dran? „Gab es jemals Ärger über eine Geliebte Ihres Mannes?", fragte ihr Chef und Misses Dabalast wirkte überrascht, schüttelte dann jedoch den Kopf. „Ich weiß es nicht genau. Ich denke, dass er eine hat, aber wer sie ist, weiß ich nicht", erklärte sie und fuhr sich erneut über ihre Haare. Nachdenklich notierte Sera das Gespräch. Sie hörte zu und konnte sehr schnell schreiben. Oft machte sie auch nur Notizen, die sie später richtig niederschreiben konnte. Doch sie fand, dass auch Astarots Fragen wichtig waren, sodass man einen Bezug darauf haben konnte. Sie unterhielten sich viel länger, als mit ihrem Mann, was Sera irgendwie verwunderte. Doch schließlich erhob sich ihr Chef. „Vielen Dank für Ihre Zeit", sagte er. „Ich danke Ihnen für Ihre Zeit", meinte die Frau schief lächelnd. „Sie werden nach draußen begleitet." Sera stand auf und nickte ihr freundlich zu, während sie ihre Notizen und den Stift in ihrer Umhängetasche verstaute. Der Butler, der sie hineingeleitet hat, führte sie nun auch wieder hinaus. Dabei bemerkte Sera, dass es wirklich schon spät war. Obwohl es lange hell blieb, war die Sonne bereits dabei, unterzugehen. „Es ist schon spät. Wollen Sie vielleicht mit mir zu Abend essen? Ich lade Sie ein", erklang Astarots Stimme, der sie zum Wagen führte. Wie auf Kommando knurrte Seras Magen los. Seit dem Morgen hatte sie nichts mehr gegessen und es machte sich darin bemerkbar, dass sie blass war. „Sie hören bereits die Antwort", bemerkte sie leicht lächelnd. Gegen ein ordentliches Abendessen hatte sie nichts. „Sehr gut. In der Regel haben Sie längere Mittagspausen", versicherte er. „Aber wenn wir Klienten besuchen, verschiebt es sich immer", erklärte er und öffnete Sera die Autotür, damit sie einsteigen konnte. Diese ließ sich nieder und holte sich ihr Smartphone heraus, um etwas zu tippen. Es machte nichts aus, wenn die Mittagspause verschoben wurde, solange sie ab und zu eine Kleinigkeit zum Essen hatte. Sera bekam häufiger einen Schwindelanfall, wenn sie lange Zeit nichts gegessen hatte. „An was für ein Restaurant haben Sie gedacht?", wollte sie wissen. „Das little Easy ist ein schöner, atmosphärischer Pub", erklärte ihr Chef und Sera war überrascht, dass es keine gehobenere Küche war. Allerdings gefiel ihr das besser, denn auf einen Drink hatte sie durchaus Lust. Zudem hatte sie keine Kleidung, die für ein gehobenes Restaurant geeignet wäre. Daher kam es ihr ganz gelegen, dass ihr neuer Chef einen Pub ausgesucht hatte. „Möchten Sie sich vorher umziehen?", fragte er. „Der Pub liegt in der Nähe des Hotels und der Arbeit." „Wirklich?", fragte Sera erstaunt und wandte sich ihrem Chef zu. Mit einem Blick auf ihren Anzug nickte sie. „Eine gute Idee. Und wenn es noch reicht, würde ich gerne schnell unter die Dusche springen." „Ich werde Sie in dreißig Minuten abholen?", fragte er, scheinbar, um zu wissen, ob ihr die Zeit reichte. Er schien sich selbst umziehen zu wollen. Zustimmend nickte Sera und stieg letztendlich an ihrem Hotel aus. „Ich warte hier", sagte sie zu Astarot. Sie brauchte eigentlich nie lange, um sich frisch zu machen. Nur selten gönnte sie sich ein heißes, langes Bad. „In Ordnung. Dann ziehe ich mich ebenfalls um und hole Sie ab", stimmte er zu, bevor sein Fahrer weiterfuhr und Sera zurückblieb. Innerhalb von zwanzig Minuten stand Sera frisch geduscht und mit einem sauberen Kleid unten vor dem Hotel. Ihre noch nassen Haare hatte sie mit einem Haarband zurück gemacht, damit sie beim Essen nicht störten. Das weiße Kleid mit den blauen Punkten stand ihr hervorragend und betonte ihre Figur. Genau wie der schwarze Gürtel mit der silbernen Schnalle. Ihre blauen Stilettos ließen sie größer erscheinen, als sie war. Da sie noch Zeit hatte, widmete Sera sich ihrem Handy und begann bereits mit der Wohnungssuche. Allerdings kam sie nicht weit, denn das bekannte Auto hielt und ihr Chef stieg aus. Seine Haare waren offen und wehten im leichten Wind. Zudem trug er ein weißes Hemd, was ihn irgendwie legerer wirken ließ. Die schwarze Hose war eng und edel, aber auch nicht sonderlich herausgeputzt. Eins musste Sera ihm lassen: Er hatte Geschmack. Auf den ersten Blick sah er sogar wie ein Model aus. Sein markantes Gesicht passte zu seiner Gestalt. „Sie sind zu früh", bemerkte Sera leicht lächelnd. Jetzt konnte sie nicht mehr nach einer Wohnung Ausschau halten. „Rechtzeitig, würde ich sagen", lächelte er und hielt ihr die Tür auf, damit sie einsteigen konnte. Erneut ließ sich Sera auf der Beifahrerseite nieder und nahm ihre Tasche auf den Schoß. „Ich habe nicht damit gerechnet, dass Sie früher ankommen. Ich wollte mich noch mit der Wohnungssuche beschäftigen", erklärte Sera, als Astarot den Wagen startete und sicher durch den Verkehr lenkte. „Dann hoffe ich, dass Sie Erfolg haben werden", meinte er und fuhr dieses Mal selbst. Er war ein sehr guter Fahrer und der Weg nicht sonderlich weit. Daher kamen sie schnell an dem Pub an. „The Little Easy" war auf den ersten Blick ein hübsches, aber unscheinbares Pub. Nur der Name über dem Eingang verriet, dass es hier war. Sera stieg aus, nachdem Astarot ihr die Tür geöffnet hatte und sie sah sich um. Einige Menschen waren auf den Straßen unterwegs und von irgendwo her hörte sie Musik. Entweder aus der Bar selbst oder von einem anderen Restaurant. Sie schulterte sich ihre Umhängetasche und nickte in die Richtung des Eingangs, denn sie war gespannt, wie es drinnen aussah. Gemeinsam mit Astarot ging sie darauf zu und schließlich hinein. Es war sehr gemütlich und viele bunte Lichter sorgten für eine Atmosphäre, die etwas sehr Idyllisches hatte. Der Geruch von allerlei Speisen lud dazu ein, zu verweilen, denn er war sehr angenehm. Bei dem Gedanken an Essen leckte sich Sera die Lippen. Es wurde Zeit, etwas in den Magen zu bekommen. Der Schokoladenriegel im Hotel war nur eine Notlösung gewesen. „Wo möchten Sie sitzen?", fragte Sera ihren Chef, weil sie nicht wusste, ob er die Bar bevorzugte oder richtige Stühle. „Ich habe einen Tisch reserviert", sagte er und führte Sera weiter und hinaus in eine Art Innenhof. Dieser war durch die Lichterketten beleuchtet und wirkte irgendwie tropisch. Überrascht sah Sera sich um. Dadurch, dass es bereits dunkler geworden war, sah es auch romantisch aus. Natürlich nur, wenn man auf so etwas stand. Allerdings musste Sera zugeben, dass die Atmosphäre wirklich sehr angenehm war und sie hier nicht gestört werden würden, da nicht sehr viele Menschen draußen saßen. Astarot zog ihr einen Stuhl zurück. Irgendwie war das altmodisch aber auch sehr zuvorkommend. Er schien solche Dinge zu mögen. „Danke", sagte Sera und ließ sich nieder. Dem Instinkt, sofort nach der Speisekarte zu greifen, unterdrückte sie erfolgreich, denn vor ihrem neuen Chef wollte sie sich nicht daneben benehmen. Deshalb wartete sie ab, bis er sich ihr gegenüber nieder gelassen hatte und nahm dann die Karte, um zu sehen, was alles angeboten wurde. Es gab eine sehr ausgefallene Speisekarte. Sowohl deftig, als auch extravagant. Man hatte also alles, was man sich wünschen konnte und auch die Auswahl an Cocktails und Weinen war atemberaubend. Es gab eine extra Karte dafür. Was für Sera ein Problem darstellte, denn durch das Angebot konnte sie sich nicht entscheiden, was sie essen und trinken sollte. „Sie leben und waren sicherlich schön öfters hier. Kommen Sie schon, spucken sie es aus: Was empfehlen Sie einer Fremden aus einer anderen Stadt?", fragte Sera mit neugierigen Blick auf ihren Chef. Astarot lachte. „Ich kann alles empfehlen", bemerkte er. „Wenn Sie großen Hunger haben würde ich die gemischte Grillplatte empfehlen. Die ist zum Teilen perfekt, aber einer allein schafft sie nicht." Sera legte ihren Kopf schief und dachte nach. „Ich bin ein Mensch, der gut und gerne zu jeder Tageszeit essen kann. Wenn Sie die Grillplatte empfehlen, sage ich nicht nein." „Dann würde ich Ihnen dazu einen Rotwein oder einen Cocktail empfehlen", bot er an. Gleichzeitig sagte er auch, dass er einen Dark Sunrise nehmen würde. „Rotwein und einen kleinen Cocktail für hinterher", entschied Sera sich und wartete, bis der Kellner kam und ihre Bestellungen aufnahm. Als dieser jedoch wieder gegangen war, trat eine für Sera unangenehme Stille ein. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Astarot war ein Fremder und gleichzeitig ihr Chef, weshalb sie kein unverfängliches Thema beginnen konnte. Schlicht und einfach, weil ihr nichts einfiel. „Sollten Sie bis zum Ende der Zeit im Hotel keine Wohnung finden, können Sie mich gern ansprechen, dann helfen ich Ihnen", bot er an, während er sich scheinbar interessiert umsah. Sera erklärte ihm, dass sie eigentlich morgen abreisen müsste. Ihre Zeit im Hotel war vorbei. Zwei Tage waren inklusive gewesen. „Ich hatte vor, mich in einem günstigen Hostel einzuquartieren, bis ich eine Wohnung gefunden und den Umzug gedeichselt habe", gestand sie ein wenig peinlich berührt. Astarot nickte. „Es war wohl alles doch sehr kurzfristig. Wenn Sie wollen kann ich Ihnen bis morgen eine Wohnung besorgen. Vorrübergehend", schlug er vor, als die Kellnerin kam und servierte. Sera wartete, bis ihre Getränke auf dem Tisch standen. Das Essen würde noch ein bisschen brauchen. „Wirklich?", fragte sie dann misstrauisch, denn es hörte sich komisch an, dass er so schnell eine Wohnung besorgen konnte. Astarot nickte. „Ich habe Kontakte", sagte er mit einem Lächeln. „In Ordnung", erwiderte Sera und hob ihr Glas Rotwein hoch, um ihm zuzuprosten. Es war keine gute Entscheidung, auf nüchternen Magen Alkohol zu trinken, aber sie würden bald ihr Essen bekommen, weshalb es keine Probleme geben sollte. Astarot, der ebenfalls einen Wein und einen Cocktail hatte, hob sein Glas und erwiderte ihren Prost. Sera nahm einen Schluck und nickte dann zufrieden. Schön fruchtig, so wie sie es mochte. „Eine Frage sollten Sie mir beantworten: Warum haben Sie sich so schnell entschieden? Ich meine, es gab noch mehr Bewerber", meinte Sera interessiert. Den Grund, warum er ausgerechnet sie eingestellt hatte, verstand sie nicht. „Es gab wirklich sehr viele Bewerber", meinte er und lehnte sich zurück. „Aber wenn man Anwalt werden will oder wenn man Sekretärin eines Anwalts ist, braucht man viel Schneid und Courage. Man muss mitdenken und selbst Entscheidungen treffen. Viele haben in einen dieser Dinge versagt." Sera sah ihm bei seiner Antwort in die Augen und sah sich dann ein wenig im Innenhof um. „Ich nehme an, die meisten waren sehr aufgeregt. Angst und Aufregung vernebeln einem oft die Sinne und man ist nicht in der Lage, richtig zu reagieren", sagte sie nachdenklich und landete mit ihren Augen wieder bei Astarots Gesicht. „Sie sagten, viele haben versagt, aber es gab sicherlich welche, die Ihre Anforderungen erfüllt haben." „Ja. Sie, darum habe ich Sie eingestellt", meinte Astarot scheinbar gelassen. „Ehrlich gesagt hatte ich schon aufgegeben, dieses Jahr jemanden zu finden. Sie waren die letzte Bewerberin." Verblüfft über seine Offenheit wusste Sera zuerst nicht, was sie erwidern sollte. „Dann hoffe ich, dass ich sehr viel von Ihnen lernen kann. Schließlich soll die Arbeitsbeziehung beidseitig Zufriedenheit verschaffen", fand die junge Frau und ihre Augen leuchteten, als die Kellnerin zusammen mit zwei weiteren die Grillplatte sowie Brotkörbe brachten. Astarot nickte. „Ich bin sicher, dass Sie auf alle Fälle einen guten Einblick in die Arbeit erhalten werden." Erfreut über die Aussichten, rieb sich Sera die Hände und sah auf das Angebot der Grillplatte. Rind- und Schweinefleisch, sowie Huhn und Fisch waren vorhanden und gaben einen köstlichen Geruch ab. „Ich habe nicht gedacht, dass das Essen gleich so viel ist." „Ich sagte ja, dass es sehr viel ist", meinte Astarot lachend, nahm sich Brot und auch Fleisch auf seinen Teller." Perfekt zum Teilen." Vorsichtig nahm Sera sich Fisch und Huhn, aber auch Kartoffeln und Karotten, die angeboten wurden. Sie sahen schön geschmort und gegrillt aus, sodass ihr das Wasser im Mund zusammenlief. „Sagen Sie mir nicht, es gibt in Los Angeles immer solche Portionen." „Nicht überall", versicherte er lachend. „Aber diese hier ist perfekt zum Teilen", meinte er noch einmal grinsend. „Zudem kann man von allem probieren." Damit nahm er sie den gegrillten Brokkoli. Sera nannte das Gemüse „Baum des Teufels". Schon immer hatte sie das Gemüse verabscheut und fand es immer noch widerlich. Umso besser, wenn Astarot es aß. Diesem schien es zu schmecken. Das Rind war sehr gut und auch der Fisch war vorzüglich. Der Koch musste wirklich talentiert sein. Es gab kleine Schälchen mit Soßen, die für das jeweilige Fleisch passend waren. Während des Essens beobachtete Sera ihren Chef ab und an aus den Augenwinkeln oder sie sah ihn von unten her an. Wenn sie ehrlich war, hatte sie sich so jemanden nicht als berühmtesten Anwalt vorgestellt. Dennoch war sie nun angestellt und würde einen Weg finden müssen, mit ihm klarzukommen. Er schien nicht so übel zu sein, obwohl sie sein erstes Verhalten nicht gutgeheißen hatte.
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