Der Antrag

1105 Worte
Kapitel Vier Der Antrag Amelia saß an ihrem Schreibtisch, doch ihre Gedanken waren nicht bei der Arbeit. Sie kreisten um die Nachricht, die sie vor einer Stunde von ihrer Schwester erhalten hatte. Sie griff nach ihrem Handy, die Finger zitterten, als sie zur Nummer des Krankenhauses scrollte. Es klingelte zweimal, bevor eine ruhige männliche Stimme antwortete. „Dr. Lewis am Apparat“, sagte er. „Herr Doktor, hier ist Amelia Hart“, begann sie. Sie hielt kurz inne, versuchte ihre Stimme zu sammeln, doch sie klang trotzdem brüchig. „Ich weiß, dass wir mit den Zahlungen im Rückstand sind, aber bitte könnten Sie mir noch etwas Zeit geben, um die Mittel für die Behandlung meiner Mutter aufzubringen, bevor Sie sie auf die Allgemeinstation verlegen?“ Am anderen Ende war ein leises Seufzen zu hören. „Miss Hart, ich verstehe Ihre Situation wirklich, aber die Krankenhauspolitik erlaubt es uns nicht, eine spezialisierte Behandlung ohne die notwendigen Mittel fortzusetzen.“ „Ich bitte Sie nicht darum, sie kostenlos zu behandeln“, sagte Amelia hastig. „Ich brauche nur eine Woche, vielleicht weniger. Ich arbeite an etwas, das verspreche ich.“ „Ich wünschte, ich könnte für Sie eine Ausnahme machen“, unterbrach Dr. Lewis sanft, „aber es ist keine Frage der persönlichen Entscheidung. Ohne Zahlung können wir das derzeitige Versorgungsniveau nicht aufrechterhalten.“ Ihr Hals schnürte sich zu. „Aber Sie wissen, dass es ihr auf der Allgemeinstation nicht gut gehen wird. Ihr Zustand …“ „Ich weiß“, seine Stimme wurde weicher, „aber das Mindeste, was wir tun können, ist, sie dorthin zu verlegen, bis Sie in der Lage sind, den gesamten Betrag zu zahlen.“ „Verlegen?“ Das Wort traf sie wie ein Schlag. „Herr Doktor, bitte …“ „Miss Hart“, sagte er leise, aber bestimmt, „wenn ich die Macht hätte, eine Ausnahme zu machen, würde ich es tun. Doch mir sind die Hände gebunden. Die Verlegung wird für Freitag angesetzt, wenn bis dahin kein Zahlungseingang erfolgt. Andernfalls müsste das Krankenhaus Ihre Mutter entlassen, und Sie müssten sie mit nach Hause nehmen.“ Ihre Augen brannten. „Freitag? Das sind nur noch drei Tage“, flüsterte sie und lehnte sich kraftlos gegen die Wand. „Es tut mir leid“, sagte Dr. Lewis, und sie glaubte ihm, doch ein „Es tut mir leid“ würde ihre Mutter nicht auf der Privatstation halten. Als das Gespräch endete, saß Amelia wie erstarrt da, das Handy noch an ihr Ohr gepresst. Das Ticken der Wanduhr war plötzlich so laut, dass es alles andere übertönte. Das Klopfen an ihrer Tür war scharf und bestimmt. Noch bevor sie antworten konnte, öffnete sie sich, und Ken Roland trat ein. Die Luft veränderte sich. Das tat sie immer, wenn er in der Nähe war – als hätte jemand mitten im Winter ein Fenster geöffnet. Er trug einen dunklen Dreiteiler, die Krawatte perfekt gebunden, sein Haar noch leicht feucht vom Regen. „Sie arbeiten lange“, sagte er, sein Ton unlesbar. Sie richtete sich in ihrem Stuhl auf. „Die Deadline …“ „Vergessen Sie die Deadline für einen Moment.“ Er ging durch den Raum und schloss die Tür hinter sich mit einem leisen Klicken. „Ich habe etwas Unkonventionelles zu besprechen.“ Ihre Stirn legte sich in Falten. „Unkonventionell?“ Er griff in seine Aktentasche und schob einen schmalen Ordner auf ihren Schreibtisch. Amelia starrte ihn an. „Ist das irgendein Scherz?“ „Sehe ich aus, als würde ich scherzen?“ Seine Stimme blieb ruhig. Sie antwortete nicht. Ihr erster Impuls war, zur Tür zu laufen, doch er packte plötzlich ihr Handgelenk und drehte sie zu sich. „Heiraten Sie mich“, sagte er. „Im Gegenzug werde ich persönlich alle medizinischen Kosten Ihrer Mutter begleichen.“ „Lassen Sie mich!“ flüsterte sie, dann schrie sie hysterisch und versuchte, ihre Hand aus seinem Griff zu reißen. Ihre Brust zog sich zusammen. „Sie haben in meinem Privatleben herumgeschnüffelt?“ „Ich sehe mir alles an, was mich betrifft.“ Er zuckte nicht einmal. Ihr Kiefer spannte sich an. „Warum ich?“ Er zögerte, bevor er antwortete. „Weil ich auf dem Papier eine Ehefrau brauche. Keine komplizierten Gefühle, und jemanden ohne Skandale.“ „Es wird eine für beide Seiten vorteilhafte Vereinbarung. Das verspreche ich.“ „Und wenn ich Nein sage?“ fragte sie, obwohl sich die Antwort bereits schmerzhaft in ihrem Magen zusammenzog. Er beugte sich vor und stützte die Hände auf ihren Schreibtisch. „Dann werden Sie weiter in Schulden ertrinken, bis das Krankenhaus Ihre Mutter abweist.“ Die Worte trafen sie wie eine Ohrfeige. Das zerbrechliche Lächeln ihrer Mutter, der tropfende Infusionsbeutel neben dem Bett, die Rechnungen, die sich wie eine unüberwindbare Mauer auftürmten. Monatelang war sie stark gewesen, hatte so getan, als könne sie alles bewältigen. Doch das konnte sie nicht. „Ein Jahr“, brachte sie hervor, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch. „Ein Jahr“, bestätigte er. „Keine Bedingungen?“ „Keine Liebe“, sagte er nüchtern. „Keine Erwartungen über das hinaus, was hier steht. Und wenn es vorbei ist, gehen wir getrennte Wege.“ Ihr Hals fühlte sich eng an. „Und meine Mutter?“ „Sie wird die beste Versorgung bekommen, die Geld kaufen kann.“ Amelias ganzer Körper begann zu zittern, ihr Geist stand still, als sie die Papiere unterschrieb – ohne sie zu lesen. Sie war zu verzweifelt; der Gedanke, die Dokumente durchzusehen, kam ihr gar nicht erst in den Sinn. Die möglichen Konsequenzen waren ihr in diesem Moment egal. „Gut“, sagte er und steckte den Ordner zurück in seine Aktentasche. „Wir werden es nächste Woche bekannt geben.“ Und damit war er verschwunden und ließ sie allein zurück. Schwer atmend ließ sie den Kopf auf die Knie sinken und schloss die Augen, um sich zu beruhigen. Wenn sie sich selbst in diese Lage gebracht hatte, dann musste sie jetzt auch da durch. Und dafür brauchte sie Mut. Sehr viel Mut. Sie stand von ihrem Schreibtisch auf, ihre Beine waren taub, die Bürowände fühlten sich zu eng an, als würde der Raum auf sie einstürzen. Sie dachte an jedes Prinzip, an jede Grenze, die sie sich geschworen hatte, niemals zu überschreiten. Und dann dachte sie an die Hand ihrer Mutter in ihrer – warm, aber schwächer werdend. Keine Entschuldigung der Welt konnte rechtfertigen, was sie gerade getan hatte oder noch tun würde. Doch in diesem Moment war alles, was zählte, dass ihre Mutter leben würde.
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