New Job
Wie zum Teufel, bin ich denn ausgerechnet hier gelandet?
Kopfschmerzen dröhnten in Claras Schädel umher und spielten mit ihrer linken und rechten Hirnhälfte Pingpong. Alles war schäbig. Angefangen bei dem wackeligen Plastikstuhl, auf dem sie saß, der grellen Neonröhre über ihr und den billigen Parfums, die in der stickigen Luft umher waberten.
Nur Frauen. Keine männlichen Bewerber. Das stand tatsächlich in der Stellenbeschreibung um einen Posten als Nachtclub Managerin. Organisation, Korrespondenzen, Genauigkeit und gerechte Aufgabenverteilung. Genau das waren Claras Stärken!
Das hatte ihr zumindest die Arbeitsvermittlung mitgeteilt.
Denn eigentlich war sie eine ziemlich perfekte Sekretärin. Zumindest die letzten sieben Jahre. Und eine kostenlose dazu! Immerhin arbeitete sie all die Jahre für ihren eigenen Ehemann. Exmann... korrigierte sie sich selbst. Dabei schlug sie scharf die nächste Seite ihres Buches um, dass sie sich vorsichtshalber mitgenommen hatte.
Seit über zwei Stunden saßen sie zu sechst in einem kleinen Vorraum und warteten nur darauf das die Erste von ihnen zum Vorstellungsgespräch gerufen wurde. Ihre Mitbewerberinnen klimperten Kaugummikauend auf ihren Handys umher oder stylten sich zum hundertsten Mal vor ihrem Handyspiegel. Ohne all der Schminke im Gesicht, würden die jungen Damen bestimmt hübscher aussehen! Oder zumindest ernstzunehmend…
„Miss Santos!“ rief es durch den Raum.
In der Ecke stand eine junge Brasilianerin auf, rückte ihren Minirock zurecht und stolzierte in das Büro hinein. Ein anerkennendes Pfeifen entfleuchte dem tätowierten Mann im weißen Rippenshirt der sie aufgerufen hatte. Bei Clara legte sich derweil ein weiteres Blatt ihres Buches um.
Endlich geht es voran...
Eine Stunde später kam die nächste dran. Und nach eineinhalb Stunden die übernächste. Wenn sie es richtig beobachtete, ging es nicht unbedingt nach dem Alphabet. Eher nach der Rocklänge! Somit würde sie definitiv die Letzte sein. Ihr gerippter grauer Schlauchrock ging ihr bis zu den Knöcheln und die weißen Rüschen an ihrer zugeknöpften Bluse, wie auch der übergroße Blazer, verdeckten ihren zu großen Busen und die breiten Hüften. Zum Glück war sie groß, was die ganze Sache wieder streckte. Clara räusperte sich und rückte ihre Silber umrahmte Brille zurecht.
„Miss Abigail Jefferson. Woohoo!“ gackerte es erneut durch den Raum. Der Mexikaner rieb sich die Hände aneinander und leckte sich mit der Zunge über seine Lippen. Brr! Clara schüttelte es innerlich. Kopfschüttelnd verkroch sie sich wieder hinter ihrem Buch. Eine weitere Stunde zog sich in die Länge und mit jedem Aufruf entsprang ein weiterer, ekelerregender Jubel aus dem Mund dieses... Männchens.
„Miss Loreley Jefferson... Yeah Baby!”
Eine Aschblonde Augenbraue hob sich über Claras Augen an. Denn eine zweite Brünette, im kurzen gelben Kleid und Jeansjacke, stakste im Victoria’s Secret Hüftschwung an ihr vorbei.
Offensichtlich Zwillinge…
Nach geschlagenen sieben Stunden (!) wurde endlich ihr Name aufgerufen. Falsch ausgesprochen. Wie immer. „Clara Die Brautsch--?“ Der kleine Mexikaner verzog dumm das Gesicht, als hätte er auf der Bewerberliste ein chinesisches Mittagsmenü entdeckt!
Clara seufzte bissig und klappte ihr Buch lautstark zusammen, verstaute es sogleich und trat an den leicht geschockten Mann heran, der die leidige Aufgabe hatte, sie ebenfalls in das Büro zu begleiten. „Oh Mann... geht´s noch ab-turnender, Lady?“ Er beäugte sie von oben bis unten. „Wenn Sie meinen Namen richtig aussprechen würden, wäre ich sogar dazu geneigt meinen Blazer zuzuknöpfen, damit ich Ihnen diesen ab-turnenden Anblick ersparen kann!“ Clara trat erhobenen Hauptes an ihm vorbei, klopfte an die Bürotür und verschwand direkt dahinter.
„Wowowow! Lady!“ - Zu spät! Clara stand bereits in dem dunklen Raum, dessen Jalousien heruntergezogen waren und legte ihre Unterlagen auf den Tisch.
„Oh Mann, Sorry Boss!“, rief es gehetzt hinter ihr her und mit einem Hechtsprung warf sich der Mexikaner zwischen Clara und den Tisch, „Aber die hier ist ein bisschen dreist!“ Vor lauter Unglaube fiel Clara der Kiefer herunter. Mit wütendem Blick starrte sie den Mann an. „Entschuldigung?!“ Ein dunkles und zugleich sinnliches Lachen ertönte hinter dem Schreibtisch und der schwarze Drehstuhl bewegte sich leicht. „Madame De Brouche, Oui?“ Clara blinzelte überrascht.
Offensichtlich ein Landsmann...
Sie räusperte sich. „Oui, Monsieur.“ Nun drehte sich der Stuhl um, doch der Mann blieb weiterhin im Schatten. Völlig unerkenntlich. Er saß zu weit von ihr weg und die Jalousien ließen nur wenig Sonnenlicht herein. Hinter ihm erkannte sie zwei Schrankgroße Bodyguards. Ebenfalls in völliger Dunkelheit. Als wenn ihm ein paar zierliche Frauen in Stöckelschuhen und Miniröcken gefährlich werden könnten...
Sein herber Zigarillo Geruch stieg Clara in die Nase. Angewidert wedelte sie den Rauch mit der Hand hinfort und sie hörte es erneut leise lachen. Sie verachtete Raucher. Sogleich erhellte sich die Glut und ein warmes Licht flimmerte hastig über seine scharfkantigen Gesichtszüge. Zwei stahlblaue Augen leuchteten ihr dabei entgegen. Dann verschwanden das Glimmen und die kalten Augen.
„Asseyez-vous“, bedeutete er ihr mit einer laschen Handbewegung sich auf den Stuhl hinzusetzen und wandte sich dem Mexikaner zu. „Carlos, du bist fertig für heute.“ Das Männchen trat von einem auf das andere Fuß, zögerte leicht und blickte verstohlen zu ihr rüber. Doch Clara setzte sich erhaben auf den Stuhl und reckte das Kinn nach vorn. „Okay... Sir“, nuschelte Carlos schließlich und verschwand.
Als die Tür ins Schloss fiel, wurde die Zigarillo vor Clara ausgedrückt. Qualm reizte ihre Augen und ihr Kopf wummerte erneut auf. Eine Stunde, rief sie sich ins Gedächtnis, mehr muss ich in diesem verrauchten Raum nicht aushalten.
„Erzählen Sie von sich“, befahl die dunkle Stimme im Schatten und Claras Körper war den vibrierenden Schwingen davon hilflos ausgeliefert. Konzentration, Clara! Ein Räuspern entsprang ihrer Kehle und sie rückte ihre Schultern zurecht. „Ich habe meinen Abschluss auf der-“
„Non!“, wurde sie scharf unterbrochen. „Ich kenne Ihren Lebenslauf. Ich will andere Details. Persönlicheres...“
Sie schnaubte und schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. „Gut, wie Sie wünschen. Ich bin geschieden, habe keinen Job und suche verzweifelt eine Arbeit, die mir meine Miete bezahlt und Essen auf den Tisch bringt!“ Er lachte leise und fand ihre Direktheit wohl recht amüsant. „Und wie stellen Sie sich das ohne jegliche Berufserfahrung vor, Mademoiselle De Brouche?“
Clara verdrehte die Augen und seufzte leidig. War das Mademoiselle etwa nötig? Ich bin Einunddreißig, keine dreizehn!
„Ihr Stellenangebot sucht nach einer Managerin, Monsieur“, fing sie an. „Ich habe nach meinem abgebrochenen Jura Studium, meinen damaligen Ehemann in jeglicher Hinsicht unterstützt und für ihn sämtliche Termine, Geschäftsreisen und Treffen organisiert. Ich war seine persönliche, und vor allem kostenlose, Sekretärin. Bis er sich dazu entschlossen hat, mich gegen ein jüngeres und weniger organisiertes Talent auszutauschen.“ Sie machte eine kurze Pause und räusperte sich erneut. „Nachdem er Kanzlei Partner wurde...“
Clara spürte es förmlich, wie es aus dem Schatten spöttisch heraus grinste. Sie sprach weiter. „Insofern bin ich davon überzeugt das ich mehr als dazu geeignet bin Ihren Nachtclub zu managen. Letztlich ist es beinahe dasselbe wie in einer Kanzlei. Lautes Chaos und nervöses Gezappel...“ Clara konnte sich diesen sarkastischen Vergleich nicht verkneifen, dabei war sie mehr denn je auf einen, wenn nicht sogar diesen Job angewiesen!
Ihr Gegenüber gluckste auf. „Details“, verlangte seine dunkle Stimme.
„In welcher Hinsicht?“
„Ihre Ehe und Scheidung.“
„Oh...“, überrascht lehnte sie sich nach hinten und verschränkte die Arme. „Und ich dachte meine Rocklänge oder Tanga Farbe wäre Ihnen wichtiger“, spottete sie erneut. Wieder hörte sie es aus dem Schatten hervor lachen. „Sie haben eine freche Zunge, Madame De Brouche. Allerdings ich bin kein sehr geduldiger Mensch.“
„Ach ja? Dabei haben Sie sich die letzten sieben Stunden mit meinen Mitbewerberinnen überaus sorgfältig Zeit gelassen.“
Stille trat ein. Fünf Sekunden. Zehn. Dann eine halbe Minute und mit jedem Ticken der Wanduhr wurde Clara nervöser.
„Langweilen Sie mich nicht mit Ihrem gekränkten Ego. Geben Sie mir die Details, die ich wissen will“, wiederholte er nun streng und Clara seufzte. Eine Chance gab sie der Sache noch, dann würde sie gehen. „Es war ein Rosenkrieg...“, begann sie. „Wir waren sehr ineinander verliebt und hatten früh geheiratet. Ich gab mein Studium für ihn auf und konzentrierte mich voll und ganz auf seine Karriere. Stand ihm zuliebe im Hintergrund und spielte die liebe Ehe- und Hausfrau“, ratterte Clara herunter. Wie so oft.
„Dabei merkte ich zu spät, dass er mich bereits vor Jahren fallengelassen hatte. Zum Glück hatte ich noch meine guten Beziehungen. Dachte ich zumindest. Mir wurde das Haus dennoch zugesprochen und dazu großzügige Unterhaltszahlungen. Er zahlte aber nicht und ich konnte das Haus mit meinem eigenen bisschen Ersparten nicht mehr halten. Also verkaufte ich es. An ihn.“
„Details, Madame. Sie scheinen mir keine Frau zu sein, die sich das so einfach gefallen lässt.“
Na wundervoll, ein emotionaler Striptease, für einen halbwegs gut bezahlten Job...
Mit zusammengepressten Lippen und einem weiteren verärgertem Schnauben erzählte sie weiter. „Sagen wir es einmal so... nachdem er mich bei unseren Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen schlecht gemacht hatte, wollte ich ihm ein unvergessliches Geschenk machen.“
Rauch wurde aus der neu angezündeten Zigarillo geblasen und er legte den Kopf schief. Clara erkannte ein freches Grinsen.
„Nur heraus damit, Madame De Brouche. Ich verrate es auch niemandem.“
„Alors… manchen Fischgestank bekommt man nicht aus den Wänden heraus. Egal wie oft man neu tapeziert oder die Wände streicht.“ Clara biss sich auf ihre Unterlippe und rollte unschuldig mit den Augen nach oben. „Wenn man sich nicht gerade um die Lüftung kümmert...“
Plötzlich prustete es laut los. Es war mehr ein Auslachen und es hörte eine Ewigkeit nicht auf. Frustriert und leicht gedemütigt schnappte sie sich ihre Unterlagen vom Tisch und sprang zur Tür. Ihre Hand lag bereits auf dem Henkel und drückte runter, als sie direkt hinter sich die tiefe und sinnliche Stimme aus dem Schatten vernahm. „Nicht so schnell... Clara.“
Sie hielt inne und es rasselte nahezu unverschämt, knisternd ihre Wirbelsäule hinunter. Direkt in das Lustzentrum zwischen ihre Schenkel. Das ist nun mehr als unpassend! Schallte sie sich selbst.
Allerdings hörte es dort bei weitem nicht auf. Clara spürte seinen warmen Atem an ihrer Wange und einen großen Schatten, der sich über sie warf und an der Tür einfing. Sie getraute sich kaum über die Schulter zu schauen. Völlig steif und gebannt stand sie da. Seine herber Zigarillo Duft drang ihr in die Nase und zugleich vernahm sie noch eine andere Note. Erde und eine angenehme Feuchtigkeit, wie Tau... Dann legten sich zwei starke Hände auf ihre Schultern. Sanft, aber bestimmend. „Zeigen Sie mir, was Sie können. In drei Monaten will ich Ergebnisse sehen.“
Ihr neuer Boss legte seine langen Finger über ihre die auf dem Türhenkel lagen. Verwebte die seinen mit ihren und sofort sprang ein Funke über, der Clara beinah in Flammen aufgehen ließ. Seine Hände waren warm, wenn nicht sogar heiß! Dieser Schatten umschloss sie regelrecht mit seiner dunklen Präsenz und Clara war der vollen Überzeugung, dass sie gerade einen Deal mit dem Teufel eingegangen war.
Dann stieß er gemeinsam mit ihr die Tür auf und Clara verschwand mit langen fokussierten Schritten aus dem Büro.