Am nächsten Morgen kam in den Lokalnachrichten die Festnahme einer Drogenbande und das eine der Chicagoer Kleinganoven Gangs hopsgenommen wurde. Josés verzerrtes Gesicht war groß in der Kamera zu sehen, genauso seine billig imitierten Silberkronen auf den Zähnen.
Clara schüttelte es und sie schlürfte ihren morgendlichen Espresso hinunter.
Der Reporter im Fernsehen sprach von einem zuckersüßen Drogendeal der schief gelaufen war und das sich die Gang von einer Hausfrau hatte reinlegen lassen. Sie schmunzelte bei seinen Worten und erinnerte sich wie sie kurz nach dem Anruf von ihrem Boss mit JJ einen Plan aus ihren grauen Gehirnzellen herausgepresst hatte.
Mit getönten Haaren, farbigen Kontaktlinsen, einer fürchterlichen Brille mit dickem roten Rand und dem Outfit einer alten Jungfer stiefelte sie aufgeregt zur Polizei. JJ, der einzig eingeweihte, verbarg seine Tätowierungen, nahm sämtliche Piercings heraus und verkleidete sich als langweiliger Student und Nerd. Dabei gab er sich als genervten Neffen von ihr aus. Der arme Polizist der ihre Geschichte und Gebettel mit anhören musste, war nach etlichen Stunden mit seiner Geduld am Ende und nickte letztlich dem Hirngespinst zu, dass sie ihm auftischte.
Sie sprach von einer göttlichen Zustellung, ohne Lieferschein und Rechnungen. Also entschloss sie sich mit all dem Zucker Kuchen zu backen und der Gemeinde spenden zu wollen. Doch schon der erste davon war ein kläglicher Abklatsch ihrer sonst so prächtigen Exemplare! Also prüfte sie die Qualität, nur um festzustellen das es eben kein Zucker war, sondern womöglich Drogen! Ihr Neffe hatte die ganze Zeit mit dem Kopf geschüttelt und dem Polizisten erklärt das seine Tante keine Geschmacksnerven mehr hätte. In diesem Moment hätte Clara schwören können das sie und JJ dazu geboren waren ein Komiker Duo zu sein!
Als sie dann noch einen unbekannten Anrufer erwähnte, der nach seinen Fünfzig Kilo Zucker verlangte und sie bei Dunkin Donuts erwarten würde, war der Polizist einem unterdrücktem Aufschrei nahe. Dennoch gab er ihrem Gequengel nach und sagte ihr bei der Übergabe polizeilichen Schutz zu.
Fünfzig Kilo Zucker falsch geliefert und ohne Belege, kamen selbst ihm etwas merkwürdig vor...
José hatte sie ähnlich geködert und sich damit Zeit verschafft. Clara war seitdem in einem Adrenalinrausch und versuchte mit aller Mühe ihre Nerven zu behalten, denn ihr Boss tat NICHTS! Niente! Nada!
Nun hörte sie wieder den Reporter sprechen und Stück für Stück fiel ihr die schwere Bürde der letzten Stunden von den Schultern ab. Er klärte seine Zuschauer darüber auf das noch in den frühen Morgenstunden eines der Müllfahrzeuge eine interessante Entdeckung machten. Insgesamt zehn markierte Müllsäcke wurden gefunden, in denen sich Zuckertüten mit Kokain befanden. Im selben Atemzug erwähnte er auch, dass die Hausfrau wie vom Erdboden verschluckt war. Jegliche Hinweise wären willkommen.
Clara kicherte. Ich hätte Schmugglerin werden sollen!
Ihr Handy klingelte. „Alles erledigt, Boss. Die Polizei hat den Doppelgänger geschluckt!“, jubelte JJ am anderen Ende.
„Perfekt! Sag Tina meinen Dank. Sie hat sich einen Tag extra Urlaub verdient.“ Clara legte auf und seufzte nun erleichtert aus. Nun war auch das überstanden.
Das José der Polizei etwas vom Club erzählen würde war klar und voraussichtlich auch das Clara eigentlich blonde Haare hätte. Da Tina ungefähr dieselbe Figur wie sie hatte, genauso blond war und ebenfalls groß gewachsen, schlüpfte sie für eine Stunde in die Rolle der Club Managerin. Es hatte nur wenig Überredungskunst gebraucht, ihr die Haare zu glätten, eine dicke Brille aufzusetzen und in graue Kleidung zu stecken. Denn der einzige der Clara in ihrer Verkleidung hätte enttarnen können, wäre der Polizist gewesen, dem sie zusammen mit JJ einen Bären aufgebunden hatte.
Somit mussten die Polizei und Josés Anwalt ohne jegliches Beweismaterial wieder gehen und der zuckersüße Drogendeal um José und die Hausfrau wurde zum aberwitzigen Geläster der Szene!
Alles war gut gegangen und doch war Claras Herz mit jeder Sekunde tiefer in die Hose gerutscht und ihr war als hätte sie zehn Jahre ihres Lebens verloren. Plötzlich schellte es an der Haustür und sie trippelte die Stufen hinunter. Als Clara öffnete, stand ein Bote von FedEx vor der Tür. Er war groß, trug eine sandfarbene Uniform und eine gigantische Sonnenbrille. Sein Hut hing tief in seinem Gesicht und der überlange Schnauzer ließ ihn wie den Polzisten von den Village People aussehen. Gruselig…
Er sagte nichts, sondern drückte ihr lediglich ein Paket in die Hand und hielt den Block zum Unterschreiben hin. Clara erledigte alles und schaute auf den Absender. Darauf stand nur BOSS. Ihre Pupillen weiteten sich und als sie aufblickte zwinkerte ihr der FedEx Bote zu und er verschwand. Moment, das war doch…! Großer Mann. Schnauzer. Und die beiden prägnanten Düfte!
„Halt! Warten Sie!“
Doch er war bereits verschwunden. Sie schloss irritiert die Tür hinter sich und stieg die Treppen wieder hinauf. Hatte der Schatten damals auch einen Schnauzer? Sie überlegte scharf und sämtliche erotischen Vorstellungen ihres Bosses zerbröselten wie trocken Brot. Augenblicklich!
Oben in ihrer brühwarmen Dachwohnung machte sie das Paket auf. Heraus kam eine Flasche edlen Roséweines. Auf dem Kärtchen las sie nur zwei Worte: Chapeau!
Blöder Idiot…
Clara nahm ihr Handy und wählte die Videokamera aus. Sogleich öffnete sie ihr Fenster und filmte, wie die teure Flasche hinunterfiel und auf dem Boden zerbarst. Prompt schickte sie das Video ihrem Boss. Seine Antwort kam prompt.
BOSS: Autsch.
Clara: Gern geschehen.