Zitternd stand Clara auf dem schmutzigen Hinterhof von Dunkin Donuts und trat von einem auf den anderen Fuß. Die letzten vierundzwanzig Stunden waren ein zermürbender Kraftakt gewesen. Mental wie körperlich.
Denn José, wie sie nun wusste wie der tätowierte Mann hieß, der sie vor wenigen Tagen bedroht und den Club ramponiert hatte, verlangte nach seiner Lieferung. Unfreiwillig wollte diese Gang Clara in ihre Drogendeals hineinziehen und ihr Boss saß ihr mit wedelnder Kündigung ebenfalls im Nacken.
Stur wie ein Ochse versuchte sie die Nerven zu behalten. Und es kristallisierten sich in jenem Moment nur zwei Lösungswege heraus: Entweder machte sie sich ihren eigenen Boss zum Feind und wurde gefeuert oder sie begab sich in die gefährlichen Hände dieser Gang, die weiß Gott was mit ihr anstellen würden, wenn sie nicht sputete, wie diese wollten!
Clara entschied sich für den dritten Weg.
Nun leuchtete ihr scharf ein Scheinwerferlicht entgegen und aus dem alten kantigen Ford stiegen vier Männer aus. José erkannte sie sofort. „Vernünftig…“, säuselte er grinsend und trat auf sie zu. Fest packte er sie an ihrem Kinn und gurrte ein „Du siehst besser aus als letztens...“, dann drückte er ihr einen schmalzigen Kuss auf.
Die Galle kam ihr sogleich hochgesprudelt! Sie schmeckte Alkohol, Zigaretten, fettiges Fleisch und dazu roch sie billiges Deodorant. Obwohl Clara sich heftig wehrte ließ er nicht los. Also biss sie ihn! José stieß sie von sich und spukte Blut aus. Sofort kam sein Kumpel heran und zog Claras Kopf an ihren Haaren nach hinten. Sie schrie auf und spürte einen kalten Pistolenlauf unter ihrem Kinn.
José lachte plötzlich auf und beschwichtigte seinen Kumpel. „Ich mag’s, wenn sie sich wehren...“ Clara wurde grob beiseite gestoßen und freigelassen. Nun sah sie sich den vier Männern gegenüberstehen.
„Wo ist meine Lieferung, b***h?“
„Hier“, gestikulierte Clara auf den kleinen pinken Smart mit dem Dunkin Donut Aufdruck, dessen Hinterteil gefährlich weit nach unten drückte. Einer der Männer ging auf den Wagen zu und griff an den Kofferraum.
Klick! Klick!
Clara hielt den Schlüssel auf das Auto gerichtet und hatte zugeschlossen. Ein Knurren kam aus dem Mann heraus und er trat gegen das Auto. „Was genau ist in den Packungen drin?“, verlangte sie von José zu wissen. Der lachte nur und pfiff seinen Mann zurück. „Mach' den Wagen auf und stell keine dummen Fragen.“
Mutig reckte sie ihr Kinn vor. „Ich vermute du willst damit keinen Kuchen backen, oder?“
José stürmte auf sie zu und sie wich augenblicklich zurück. „Steh mir und meinem Geschäft nicht im Weg, b***h!“, zischte er und griff nach dem Schlüssel in ihrer Hand. Ein unausweichliches Gerangel loderte zwischen ihnen auf und zwei Sekunden später öffnete sich der Wagen. Clara pustete sich erbost die brünette Haarlocke aus dem Gesicht und atmete aufgeregt ein und aus. Mit verschränkten Armen beobachtete sie nun, wie eine Packung aufgerissen und geprüft wurde.
„SHIT!“
Plötzlich flog der Zucker durch die Luft. Eine weitere Packung wurde zur Hand genommen. Dann noch eine. Zornig wurde der Prozess wie beim ersten Mal wiederholt. Doch das Ergebnis war immer dasselbe und José bekam genau das, was draufstand: Zucker.
Puderzucker, um genau zu sein.
Ein zorniger Schrei hallte über den Hinterhof. Clara schluckte heftig und machte sich bereit, José zum reden zu bringen. Dabei durfte sie absolut keinen Fehler machen!
„Wo ist mein verdammtes Zeug?!“ Er wirbelte herum und schüttelte sie an ihren Schultern.
„Welches Zeug?!“, blaffte sie ihm entgegen, während sie sich aus seinem festen Griff zu winden versuchte.
„Stell dich nicht dümmer als du bist, b***h!“
„Dann klär mich gefälligst auf!“
Wieder rangelten sie miteinander, doch der Mann war stärker und drückte sie mit dem Rücken an den kleinen Smart. Seine Hände griffen unter ihren Rock und drängelten sich zwischen ihre Beine. Clara schrie auf. „Wenn du mir nicht auf der Stelle sagst, wo meine Lieferung ist, pump ich dich hier und jetzt mit was anderem voll, als den fünfzig Kilo Kokain die du mir gestohlen hast!“
„Ich weiß von keinem Kokain!“, beharrte sie wimmernd.
„Oh doch!“, spie er feucht aus. „Alle fünfzig Päckchen feinstes und reinstes Kokain, welche ich zu dir schicken ließ und die du mir als gute Nachbarin hättest aushändigen sollen!“ Er keuchte schwer und seine Finger wanderten gefährlich weiter nach oben und ergriffen ihren Slip. „NA LOS!“ Clara zitterte und schaute angewidert zur Seite, doch kein Wort kam über ihre zusammengepressten Lippen.
Auf einmal heulte eine Polizei Sirene auf und im Nu standen gefühlt ein Dutzend Polizisten um sie herum. Waffen klickten und richteten sich gefährlich auf Clara und die vier Männer, die um den pinken Smart herumstanden. Hände flogen nach oben, es wurde geflucht und José schlug zornig mit den flachen Händen auf den Smart drauf. Clara zuckte zusammen.
„Das wirst du mir büßen, b***h!“, drohte er und wurde sofort von zwei Polizisten festgenommen.
Ehe sie reagieren konnte wurde Clara mit einem Ruck zur Seite gezogen und von einem großen Polizisten nach hinten in JJs Arme geschubst. Sie war dem Mann so nah gekommen das sie an ihm einen herben Zigarillo Rauch wahrnahm und gleichzeitig duftete er nach… Wald?
Ruckartig drehte sie sich um. „Alles Okay, Sweetheart?“ Sie nickte JJ mit klopfendem Herzen zu und starrte auf das blinkende Chaos vor ihr. Dann auf den großen Streifenpolizisten, der mitten in der Nacht eine riesige Sonnenbrille trug und einen furchtbaren Schnauzer über den Lippen hängen hatte.
„Lass uns von hier verschwinden...“, flüsterte ihr JJ zu und zusammen flüchteten sie in die Nacht hinein.