Die Umbau Arbeiten am Club waren in vollem Gange und die verdreckte Bruchbude bekam plötzlich ein Gesicht. Clara ließ alles, was nicht Niet- und Nagelfest war, herausreißen und war stets im Austausch mit ihrem schemenhaften Boss. Wobei es ihr wie ein klägliches Arbeitsprotokoll vorkam. Dieser Mensch hatte nämlich keinerlei Einwände, geschweige denn großartiges Interesse an der Sache.
Das kommt wohl erst, wenn die Kasse klingelt... oder auch nicht…
Also machte sie nach besten Wissen und Gewissen weiter. Die Ecken wurden wieder gerichtet, Strom ordentlich verkabelt, Löcher gestopft, Neonröhren und LED-Lichter bekamen ihre Plätze und eine Infinity Spiegelfläche wurde zur Tanzfläche und somit zum Highlight des Clubs.
Claras durchzechte Nächte hatten offensichtlich auch woanders Früchte getragen und ihr Team dazu inspiriert, sich mehr für die ganze Sache zu interessieren. Durch JJs Beziehungen stand bald ein weiterer Barkeeper hinter der Theke und drei DJs waren bereit, die ersten paar Wochen aufzulegen. Außerdem wollte JJ zur Arbeit ein weißes Button Down Hemd tragen!
Sogar die drei Tänzerinnen wollten ihre eigene Show und überzeugten Clara mit einer Performance, die sie an den Film Coyote Ugly erinnerte. Byron warb indes drei seiner Türsteher Kollegen ab und holte sie in den Club. Sicherheit war ihr in diesem Viertel mehr als notwendig, wie sie es vor wenigen Tagen selbst miterlebt hatte.
Eine Gang hatte sich vor der Tür breitgemacht. Lauerte den Tänzerinnen auf und belästigte sie. Auch wenn die Mädchen taff waren, gegen aufdringliche Männer konnten sich die jungen Damen dennoch kaum wehren. Als die Gang tagtäglich näher rückte und sich schließlich auf dem Grundstück breit machte, warf Clara ihnen, mutig wie sie war, die Müllsäcke regelrecht ins Gesicht.
Ein „Oh Sorry, ich dachte hier lungert wie gestern, nur der Müll herum!“ konnte sie sich dabei nicht verkneifen.
Den Denkzettel dafür bekam sie direkt am nächsten Tag zu spüren.
Sprachlos stand sie am helllichten Morgen in der Mitte der ramponierten und mit Graffiti verunstalteten Tanzfläche, nur um kurz darauf von tätowierten und Nikotin stinkenden Händen umklammert zu werden. „Ein kleiner Willkommensgruß, b***h!“, schnaufte es zornig neben ihrem Gesicht. „Pass auf mit wem du dich hier anlegst, sonst hängt der Nachbarschaftsfrieden gleich ganz schief!“ Dann ließ der Mann sie barsch los und stapfte breitbeinig mit drei anderen aus dem Club.
Mit pochendem Herzen stand Clara da. Geschockt. Irritiert. Wütend. Aber bei Gott nicht verängstigt!
Sie raffte sich schneller zusammen als gedacht, bimmelte die Handwerker aus dem Schlaf und gab zackig ihre Anweisungen zur Reparatur. Nach wenigen Tagen war alles wieder in Ordnung und der Zeitplan zur Eröffnung wurde nicht verzögert. Doch der Puffer dafür entsprechend aufgebraucht. Genauso wie ein Großteil des Budgets. Dafür waren aber die herumlungernden Gangmitglieder verschwunden.
Wenigstens ein kleiner Trost…
Ihrem Boss hatte sie alles gemeldet. Zurück kam bisher nichts. Weder bekam sie eine Antwort auf ihre Nachfrage der Versicherung bezüglich des Einbruches und der Beschädigungen, noch reagierte er auf die Tatsache, das sich eine Gang seines Clubs und dessen Angestellten bemächtigen wollte! Und aktuell war der Club in Sachen Personenschutz ein Witz! Also rief sie ihren Boss kurzerhand an.
Bitte, bitte kein sarkastischer Schlagabtausch oder irgendwelche Sticheleien, flehte sie still in sich hinein und wählte die Schnellwahltaste. „Parlez-vous“, meldete sich die dunkle Stimme kurz angebunden und forderte sie auf zu sprechen.
„Ich brauche mehr Sicherheitspersonal“, verlangte sie mit fester Stimme.
„Bon.“ Es klickte und das Gespräch war beendet.
Clara blinzelte ungläubig und stand leicht verloren in der Mitte des Clubs. Eigentlich hatte sie sich auf eine quälende Diskussion vorbereitet und darauf, seine nach wie vor unerwartet intensive Stimme zu hören, die sie mittlerweile bis in ihre Träume verfolgte! Aber das er, ohne zu zögern zusagte und keinerlei Fragen stellte, stimmte sie dann doch etwas fröhlicher.
Sie schaute nach oben an die Decke. Der Nachtclub, der noch keinen Namen besaß, war ein altes, aber charmantes Herrenhaus das knapp an der Grenze zum Gang Viertel lag. Drei Stockwerke umfasste das Gebäude und war in der Mitte komplett offen. Das Dach wurde wohl vor etlichen Jahren mit einer Glaskuppel bestückt und brachte wundervolles Licht herein.
Die Wendeltreppen, die zu beiden Seiten im Foyer nach oben führten, waren nahezu königlich erbaut. Clara sah vor ihrem inneren Auge bereits einen roten Teppich darauf. Das sollte doch noch im Budget drin sein! Vom Stuck war leider nur noch wenig vorhanden. Doch in der Nacht wenig relevant. Da zählte nur die Lichtshow. Alles in allem mochte es ein aufregendes Projekt sein, doch Clara selbst, fühlte sich fehl am Platz.
Die Frustration über ihre Gesamtlage machte sie unempfänglich für jedes noch so lobende Wort ihrer Mitarbeiter. Außerdem musste sie unnahbar bleiben. Sie war die Managerin. In diesem Job musste man funktionieren! Und Clara konnte es sich einfach nicht leisten zu versagen. Die Rechnungen in ihrem Briefkasten stapelten sich weiter an und das Aufeinandertreffen mit James drückte ebenfalls auf ihre Laune.
Ehrlicherweise war es genau das, was ihr zurzeit am meisten zusetzte. Weniger die Begegnung mit der Gang. Denn offensichtlich war sie noch nicht ganz über ihren Exmann und seinen Betrug hinweg. Dabei war die Scheidung und alles andere schon fast ein Jahr her.
Tiefer geht nicht... wisperte sie in sich hinein.
Gleich darauf holte sie tief Luft und schüttelte die trüben Gedanken von sich ab. Keine zwei Sekunden später wurde die Seitentür aufgestoßen und eine riesige Palette mit weißen, prallgefüllten Tüten hereingeschoben. Dahinter lugte ein hagerer Chinese in seinen Sechzigern hervor. Er starrte sie leicht verängstigt an und rief: „Lieferung für Mister José!“
Irritiert verzog sie die Augenbrauen. „Es gibt hier keinen José. Sie sind falsch, Sir!“
„Nein, nein! Adresse richtig!“, winkte er abweisend, drehte sich bereits um und flüchtete. Clara versuchte ihn aufzuhalten, doch der Mann war flinker als gedacht. Bevor sie auf den Hinterhof trat, war er verschwunden. Mit den Händen in die Hüften gestemmt, schaute sie sich um und schüttelte letztlich den Kopf.
Zurück im Club betrachtete sie konzentriert die große Palette voller weißer Zuckertüten. „Bei aller Liebe, Sweetheart, so viel verbrauchen wir in zehn Jahren nicht!“, rief ihr JJ lachend entgegen und trat spielerisch mit dem Fuß dagegen. Clara schnaubte durch die Nase aus und suchte nach dem Lieferschein oder einer Rechnung.
Nichts. Nicht mal eine Adressplakette.
Just in diesem Augenblick klingelte ihr Handy. „Ich sagte keine Drogen!“, kam es erzürnt am anderen Ende hervorgedonnert und sämtliche Sinnlichkeit, die sie sonst heraushörte, war verpufft. „Regeln Sie das umgehend!“
„Boss, von was reden Sie?!“ Doch eine Antwort blieb aus. Lediglich ein Piepen pfiff in ihrem Ohr als er aufgelegt hatte.
Erbost stieß Clara einen frustrierten Schrei aus und JJ zuckte überrascht zusammen. Sie war fassungslos. Ruckartig zerrte sie eine der Zuckertüten hervor, riss sie auf und steckte den Finger hinein. Mit der Zungenspitze tippte sie auf ihre Fingerkuppel und spukte sogleich das weiße Zeug wieder aus.
„Fuck!“, zischte sie und ließ sich auf den Boden plumpsen.
Kokain. In rauen Mengen.