„Na da schau einer an...“ Ihr Exmann kam ihr auf der Treppe entgegen und beäugte sie von oben bis unten. In seinem Arm, seine neue Freundin. Oh, seine Verlobte, korrigierte sie sich selbst, als sie den Diamantring an dem manikürten Finger sah.
Die wilden Clublichter flimmerten über sie hinweg und der Bass prallte an den glatten Wänden direkt in Claras müden Körper.
„Versuchst du hier etwa alte Beziehungen aufleben zu lassen? Womöglich für einen Job?“ spottete er. Seine Verlobte lachte dabei wie ein gackerndes Huhn. „Tut mir leid, Baby, aber mehr als zur Putzfrau bist du nicht zu gebrauchen.“ James lachte gehässig und tauschte mit seinem charmanten Kollegen, einen Fist Bump aus. Das Gelächter war beschämend. Trotzdem streckte Clara ihren Rücken durch und konterte.
„Oh, James... Dein vorgetäuschtes Interesse an meinem Leben, schmeichelt mir sehr“, lächelte sie ihn nun an, „aber lass mich nicht unhöflich sein und ebenfalls nach deinem Fragen: Wie geht es Mister Prize aus der Kanzlei und wann wird das Haus wieder renoviert?“ Sein Grinsen verschwand.
Clara wusste schon länger, dass seine Partnerschaft auf wackeligen Beinen stand. Und was das Haus anging... nun ja, dafür hatte sie selbst gesorgt, als sie an ihrem letzten Abend eine doppelte Portion Shrimps bestellte und die Reste davon in der Lüftung versteckte. Ob er sie endlich gefunden hatte?
„Es geht mir bestens!“, murrte James nun gereizt und stieß sie beiseite. Über seine Schultern hinweg rief er seinem Kollegen zu: „Lass die Finger von dem spröden Weib! Sie ist es nicht wert.“ Seine Verlobte kicherte wieder auf und flüstere ihm irgendwas ins Ohr bei dem er kopfnickend zustimmte, als er Clara dabei anstarrte.
Sie hatte genug und stieg die Stufen vollends hinunter.
Draußen legte sie kurz ihr Hand auf Byrons Schulter und er drehte sich zu ihr um. „Ich geh nach Hause. Sieh zu das die anderen keinen Mist anstellen.“
Der kahlköpfige Riese mit der Sonnenbrille nickte ihr zu. „Geht klar, Boss.“ Dann pfiff er durch die Finger und zwei Sekunden später fuhr ein Taxi vor das Clara nach Hause brachte. Sie musste sich dringlichst baden. Hoffentlich bekomme ich all den Dreck von mir wieder runter...
Müde sank sie wenig später in ihre Badewanne. „Tiefer geht nicht...“, wisperte sie zu sich selbst. Als sie fertig war, schielte sie in die Küche auf eine Flasche Rotwein. Sie hatte sie von ihrem Boss zusammen mit den Verträgen, einem Geschäftshandy und Schlüssel für den Nachtclub bekommen. Wer ihr neuer Boss nun wirklich war, wusste sie immer noch nicht. Lediglich das er ein ignoranter Egomane war und sich anscheinend einen Spaß daraus machte, sie im Dunkeln umhertapsen zu lassen. Angestellt war sie nämlich über die Vermittlungsfirma. Clara schielte auf das Weinetikett. Nun ja… Geschmack hat er das muss ich ihm lassen.
Sie schenkte sich ein Glas Wein ein, während sie über alles bisherige so nachdachte. Oh, guter Jahrgang... stellte sie überrascht fest. Es muss ein Jahr voller Sonne und fruchtbarem Regen in Frankreich gewesen sein. Ein Jahr Frankreich... Das wäre genau das Richtige mich, träumte sie vor sich hin. Oder zurück nach Québec… Eines von beidem jedenfalls.
Allerdings war das nicht so einfach. Das Haus und die Umzüge hatten all ihre Ersparnisse aufgefressen. Sie konnte froh sein, wenn sie sich am Ende des Monats eine extra Packung Toastbrot leisten konnte.
Ihr Handy summte plötzlich los. „Hallo?“
„Bonsoir, Clara“, hörte sie es beinah verführerisch auf der anderen Seite. „Wie war Ihr Abend?“
Clara schluckte und vertrieb die lüsternen Fantasien, die seine Stimme in ihrem Kopf heraufwirbelte. Schnell schüttelte sie sich wieder zurecht und rief sich in Erinnerung das dieser Mann ihr Boss war und nicht das Objekt ihrer unbefriedigten Begierde.
„Oh, der unbekannte Boss“, trällerte sie nun überspitzt und es gluckste auf der anderen Seite. „Bonsoir, Monsieur.“
Offensichtlich sprach er gerne mit ihr auf Französisch. Und zugegebenermaßen schmeichelte es ihr sogar. „Hören Sie, Boss, ich habe bis zum Wochenende alle wichtigen Punkte für den Nachtclub zusammengesammelt und kann Ihnen gleich am Montag ein Konzept vorlegen. Wenn Sie wollen, dann-“
„Non“, unterbrach er sie, „machen Sie, was Sie für richtig halten. Und Clara…“
„Oui, Monsieur?“
„Das nächste Mal, wenn Sie in einen Nachtclub gehen, kleiden Sie sich dem entsprechenden Ambiente.“ Sie hörte wie er an seiner Zigarillo zog und scheinbar grinsend den Rauch ausblies. „Sie fallen zu sehr auf.“
Klick!