Shadow 2/2

1398 Worte
Drei Tage später „Verzeihen Sie, Miss...äh... Die Brautsch...“ Das fettige Kinn des Mannes wabbelte lustig umher, als er bei der Aussprache ihres Namens den Kiefer vorschob. „Aber ich kann Ihnen keine Stellung anbieten.“ Ungläubig starrte Clara den dicken Mann vor sich an. „Sir, ich bewerbe mich bei Ihnen auf eine Putzstelle...“ „Sie sind überqualifiziert.“ „Als Putzfrau?“, argwöhnisch verzog sie das Gesicht. „Ja!“ Und mit einem Ruck wurde ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen. „Ich fasse es einfach nicht...“ Sie hob verloren die Hände hoch und ließ sie wieder fallen. Das durfte doch alles nicht wahr sein. Nicht einmal als Putzfrau bekam sie einen Job! BOSS: Fordern Sie mich nicht heraus. Ich bin mächtig. Diese kurze Textnachricht schwebte wie ein Damoklesschwert über ihr und etwas, von dem sie nicht gedacht hatte das ihr das je passieren würde, trat ein. Ich bin am Boden... Kein Job, kein Geld, kein Haus, kein Mann. Es war schlimmer als James‘ Betrug und die Scheidung zusammen. Hier im Zentrum von Chicago kannte sie niemanden. Außer den Anwaltskollegen ihres Exmannes. Und die waren alle auf Habachtstellung, was sie betraf. Dafür hatte er gut gesorgt. Eddy konnte sie ebenfalls nicht anrufen. Er war in derselben Kanzlei wie ihr Exmann und irgendwie hatte sie es völlig vergessen, sich eigene Freunde zu machen. Ich habe mich selbst vergessen... All die Jahre war sie nur auf James, seine Karriere und seine Träume fixiert. Für sie selbst blieb da kaum Zeit. Clara schlenderte ziellos umher. Versuchte ihre Gedanken zu ordnen und einen neuen Ausweg zu finden. Dabei bemerkte sie gar nicht wie es langsam dunkler wurde und schließlich die Nacht hereinbrach. Zu allem Überfluss fing es auch noch an zu regnen. „Na großartig...“, schnaufte sie und rannte los. Sie bog gerade in ihre Straßenecke, als sie von drei Männern überrascht wurde. „Hey, Süße...“, leckte sich einer von ihnen über die Lippen und trat bedrohlich auf sie zu. In seiner tätowierten Hand, ein immerzu aufklappendes Messer. Es regnete stärker und in der dunklen Gasse gab es nur das flackernde Licht einer schiefen Straßenlampe. Claras Brille war tropfnass und sie sah so gut wie nichts mehr. Nun kamen die anderen beiden langsam hinter dem ersten Mann hervor. Ebenfalls von oben bis unten tätowiert. Sie kicherten und fühlten sich stark. Stark einer einzelnen Frau gegenüber. Und es geht eben doch noch tiefer, gab Clara in Gedanken kapitulierend zu. Dieses furchtbare Mantra, dass ihr, seit der Scheidung, dem Verlust des Hauses und der ewigen Jobsuche, Kopfschmerzen bereitete, wollte einfach nicht verschwinden. Bevor ihre Beine in dieser brenzligen Situation reagieren konnten, packte sie der Mann grob am Arm und das Messer blitzte vor ihr auf. „Halt! Nein!“, rief sie und versuchte sich aus dem eisernen Griff zu befreien. „Lass mich los!“ Der Mann warf sie zu Boden und schleifte sie in die dunkle Gasse. Gelächter hallte um sie herum und mit vollem Gewicht beugte er sich über sie. Raue Hände zerrten an ihrer Jeanshose. „Oh Gott, Nein! Bitte nicht!“ Panik machte sich in ihr breit. Das hier war völlig anders als im Hinterhof von Dunkin Donuts. Da wusste Clara das jemand in der Nähe war. Doch jetzt... Sie strampelte, kratzte und schrie. Aber sie war zu schwach, ausgehungert und erschöpft von den letzten drei Tagen. Ununterbrochen hatte sie telefoniert, Bewerbungsgespräche vereinbart, sich von billigem Fastfood ernährt, dass sie sich nur einmal am Tag leisten konnte. Und nicht zu vergessen die zermürbende Hitze in ihrer Dachgeschosswohnung. Kalt und bedrohlich spürte sie nun die Klinge an ihrer Kehle. Gleichzeitig riss er ihr den Arm zur Seite und drückte ihn mit seinem Knie auf den nassen Asphalt. „Mit schönen Grüßen von José...“ Sie spürte einen groben Stich in ihren Arm. Clara war schwummerig vor Augen und wimmerte. „Nochmal ein Wort zur Polizei und du sagst nie wieder was, klar?“ „KLAR!“, donnerte plötzlich eine dunkle und vertraute Stimme hervor. Das Gewicht wurde von ihr gerissen und im Hintergrund hörte sie Carlos‘ gackerndes Gelächter und wie er gleichzeitig ein paar seiner Kumpels anfeuerte. Durch den Regen und die Dunkelheit erkannte Clara nur schemenhaft, wie ein große Mann auf ihren Angreifer einschlug. Zitternd stand sie auf, zog sich die Nadel geistesgegenwärtig aus dem Arm und sah gerade noch wie Carlos und seine Jungs den zwei fliehenden Angreifern hinterherjagten. „VERPISS DICH!“, knurrte ihr zurückgebliebener Beschützer, der in einem schwarzen Anzug steckte und die Ärmel hochgekrempelt hatte. Zögerlich stand der Kerl mit dem Messer vor ihm und zuckte. Unschlüssig ob er fliehen oder angreifen sollte. „Scheiße, Mann!“, zischte er verbissen und stahl sich dann ebenfalls davon. Clara trat ein paar Schritte torkelnd vor. Ihr ganzer Körper bebte, die Kleidung klebte feucht an ihrer Haut und ihre Brille war irgendwo auf dem Boden verschwunden. In ihrem Arm spürte sie noch den Stich und ein irritierendes Kribbeln. Und auf einmal legten sich zwei warme Hände um ihr Gesicht. „Bist du verletzt?“, fragte sie der dunkle Schatten, der aufgeregt über ihr schwebte. Dicke Regentropfen fielen weiterhin vom Himmel und sie erkannte fast nichts, außer zwei stahlblaue Augen und den Duft von herzhaftem Zigarillo Kraut, erdigem Waldboden, feuchtem Moos und... Er ist es… Dumpf klopfte ihr Herz auf. Prasselte mit jedem Tropfen, der vom Himmel fiel durch ihre Adern hindurch. Auf der linken Seite angefangen, huschte ihr Puls durch sämtliche Gliedmaßen, zurück zu ihrem Herzen, dass vor lauter Aufregung wie eine Buschtrommel umherhüpfte. Dieser Schatten, welcher manifestiert vor ihr stand, sie berührte und mit ihr sprach, war gewaltig! Seine plötzliche Gegenwart ließ sie geradezu erstarren. „Clara, bist du irgendwo verletzt?“, hörte sie ihn wiederholte fragen. Ein gewispertes „Non...“ war alles, was sie in ihrem taumeligen Zustand herausbrachte. Unerwartet nahm er sie in den Arm. „Was für ein Glück...“, flüsterte er außer Atem. War er etwa hergerannt? Ohne weiter darüber nachdenken zu können, bugsierte sie der dunkle Schatten aus der schmutzigen Gasse heraus. Wie sie nach Hause kam, wusste Clara nicht mehr. Der Schock saß zu tief. An was sie sich aber noch gut erinnerte war ein großer Mann mit breitem Rücken, der in ihrer kleinen Küche umher werkelte. Der genüssliche Duft von Suppe stieg ihr dabei in die Nase. Dann telefonierte der Mann und verschwand. Clara schlief daraufhin tief und fest ein. Sie war unendlich erschöpft. Am nächsten Morgen klopfte es an ihrer Tür und Byron stand davor. Er lächelte sie auf seine eigene, freundliche Art und Weise an und überreichte ihr lässig das Geschäftshandy. „Ich warte unten, Boss“, zwinkerte er ihr zu und schob seine Sonnenbrille wieder hoch. Schwankend wie eine massige Eiche, schlurfte Byron die Treppen wieder hinunter. Sie war also wieder beim Schatten angestellt. Clara schloss resigniert die Tür und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Dennoch legte sich ein dankbares Lächeln auf ihr Gesicht. Sie musste also doch nicht unter der Brücke schlafen und ihren Körper verkaufen. Ich Glückspilz! Schnell rannte sie unter die Dusche und zog sich wenig später an. Mit dem Handtuch auf dem Kopf, packte sie ihre Sachen für den Tag zusammen. Auf dem Herd entdeckte sie plötzlich die Suppe und hob den Deckel an. Es roch wundervoll und sie stellte überrascht fest das sie noch warm war. Schnell trocknete sie ihre Haare und aß direkt aus dem Topf heraus. „Mmm... délicieux!“, schwelgte sie und war sich kaum mehr der Tatsache bewusst, das ihr Boss womöglich die ganze Nacht hier verbracht hatte. Wo auch immer er geschlafen haben mochte... Voller Elan sprang sie die Treppen hinunter und stieg neben Byron in den schwarzen Chevrolet Pickup ein. Als sie angeschnallt war, tauchte vor ihren Augen ein riesiger Becher heißer Kaffee auf. „Schwarz. Ohne Zucker, Sahne oder sonstiges Zeug.“ Clara schielte zu dem kahlköpfigen Türsteher rüber. Wie immer trug er seine Sonnenbrille und die schwarze Bomberjacke. Schmunzelnd und leicht schüchtern nahm sie den Becher entgegen. „Danke dir Byron. Ich habe nicht damit gerechnet, dass du dir das Merken würdest.“ Er lachte herzlich und ein süßes kleines Grinsen stahl sich auf sein rundes Gesicht. „Ich glaube es gibt vieles, mit was Sie nicht gerechnet haben, Boss.“ Da stimmte sie ihm zu tausend Prozent zu!
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