Carmen drehte sich im Kreis. Sie stand in einer Art langem Flur. Durch die bodenlangen Fenster drang das strahlende Licht des Planeten. Nachdem sie dem Mann, der versucht hatte, sie festzuhalten, endlich entkommen war, wollte sie einfach nur einen Ort finden, an dem sie sich verstecken und ihre Gedanken ordnen konnte. Sie war aus dem Raum gestürmt, als ob ein Rudel Höllenhunde hinter ihr her gewesen wäre. Irgendwie fühlte sie sich immer noch so. Als der Mann sie berührt hatte, hatte irgendetwas in ihrem Inneren auf ihn reagiert. Es … es machte ihr Angst. Carmen fluchte leise. Das war dumm. Sie hatte keinen Platz mehr für andere Gefühle als Rachsucht.
Sie ging den Korridor entlang, bis sie an einer weiteren schmalen Treppe angelangte, die nach oben führte. Sie blickte sich kurz um, um sicherzugehen, dass ihr niemand folgte, bevor sie sich wieder zur Treppe umwandte und einen zögerlichen Schritt nach vorne machte. Dann stieg sie die Treppe hinauf und betrachtete staunend die Malereien und Gravuren an den Wänden. Sie fuhr mit ihrer Hand über den weißen Stein, in dem winzige Kristalle glitzerten und funkelten.
Oben angelangt bog Carmen um die Ecke und blieb stehen. Ungläubig bewunderte sie das prächtige Atrium im obersten Stockwerk. Die Decke war aus durchsichtigem Glas und an die neun Meter hoch. Pflanzen in allen Größen, Formen und Farben wuchsen wild durcheinander. Carmen drehte sich um und versuchte, alles auf einmal in sich aufzunehmen, doch es gab zu viel zu sehen. Leuchtende, hängende Blumen und Rankengewächse mit pulsierenden grünen, rosa und lila Zweigen wanden sich um die großen Statuen, die die Formen von Drachen und anderen Kreaturen hatten, die Carmen noch nie gesehen hatte.
Sie ging die schmalen Wege entlang, schlüpfte unter den Rankengewächsen hindurch, berührte Blumen und keuchte, als sie sich plötzlich schlossen. In der Mitte des Atriums befand sich eine Erhebung mit einem Becken. Aus kleinen Springbrunnen, welche die Form von Vögeln hatten, floss Wasser in das Becken. Am Ende befand sich die Statue eines großen Drachen, der auf dem Rücken lag. Aus seinem Mund lief Wasser, das über seinem Bauch einen Wasserfall bildete.
Carmen ging zu dem Becken und betrachtete ihr Spiegelbild auf der Wasseroberfläche. Trauer stieg in ihr auf, als sie in die Augen blickte, die einst so freudig gestrahlt hatten. Nun sah sie nur noch Trostlosigkeit und Schmerz darin. Sie streckte ihre Hand aus und wirbelte die Wasseroberfläche auf, bis sie ihr Spiegelbild nicht mehr sehen konnte. Dann setzte sie sich an den Rand des Beckens und blickte zur Decke hoch, da sie nicht noch einmal in ihre eigenen Augen sehen wollte. Durch das klare Glas konnte sie echte Drachen sehen, die draußen über den Himmel flogen.
Sie schlang ihre Arme um ihre Taille und wiegte vor und zurück. „Ach Scott, ich wünschte, du könntest mich wieder im Arm halten“, flüsterte sie. Obwohl sie so leise gesprochen hatte, übertönte das Echo das Plätschern des Wassers. „Ich habe solche Angst. Ich weiß nicht, was ich tun soll.“
Sie saß lange so da und ging in Gedanken einen Plan nach dem anderen durch, um herauszufinden, wie sie nach Hause kommen konnte. Sie verwarf jedoch einen nach dem anderen wieder, als ihr klar wurde, dass sie keine Ahnung hatte, wo sie war und schon gar nicht wusste, wie man ein Raumschiff flog.
Ihre Hand wanderte zu dem Messer, das sie immer bei sich trug. Es war Scotts Jagdmesser gewesen. Mit diesem Messer würde sie Cuello töten, wenn sie ihn fand. Sie strich über den Griff, bevor sie ihn umfasste und es hervorzog.
Sie achtete darauf, dass die Klinge immer so scharf wie ein Skalpell war. Sie hob ihre Hand und ritzte ihre Handfläche gerade tief genug, damit etwas Blut heraustropfte. Sie musste sich nur kurz in Erinnerung rufen, dass sie noch am Leben war, dass sie immer noch die Chance hatte, diese letzte Aufgabe auszuführen, die sie sich in den Kopf gesetzt hatte.
Carmen zuckte zusammen, als sie das Geräusch von kratzenden Klauen auf Stein hörte. Langsam stand sie auf, befestigte das Messer wieder an ihrer Hüfte und blickte sich um. Links von ihr bewegten sich Pflanzen, also ging sie nach rechts und achtete darauf, dass stets der Beckenrand zwischen ihr und dem, was auf sie zukam, war. Sie taumelte nach hinten, als ein massiger goldener Drache auftauchte. Farben wirbelten über den goldenen Körper, der das Licht von oben reflektierte.
„Raus hier“, sagte Carmen mit leiser, fester Stimme. „Geh weiter! Raus hier“, wiederholte sie.
Sie konnte nicht so gut mit Tieren umgehen wie ihre Schwester. Ariel musste einen Berglöwen nur ansehen und das verdammte Ding schnurrte und wurde zahm wie ein Kätzchen. Carmen war für dieses verdammte Ding wahrscheinlich eher ein leckeres Mittagessen. An Bord des Kriegsschiffs hatte sie ähnliche Kreaturen gesehen. Die Männer bezeichneten sie als ihre Symbionten. Sie schienen eine Art symbiotische Beziehung mit den lebendigen Kreaturen zu haben. Sie interessierte im Moment jedoch nur, dass die Anwesenheit dieses Dings hier bedeutete, dass seine bessere Hälfte möglicherweise auch nicht weit weg war. Und das bedeutete, dass sie in Schwierigkeiten steckte.
„Weg da. Verschwinde!“, sagte Carmen, die langsam etwas nervös wurde, da die Kreatur noch einen Schritt auf sie zumachte.
Sie hob ihren riesigen Kopf und sah aus, als ob sie etwas wittern würde. Carmen sah zu, wie sie ihren Kopf wieder senkte und schließlich neben ihr stehen blieb. Sie folgte dem Blick der goldenen Kreatur und fluchte als sie sah, dass er auf ihre Hand gerichtet war. Der Schnitt, den sie sich selbst zugefügt hatte, blutete noch immer und das Blut sammelte sich an ihren Fingerkuppen. Carmen ballte ihre Hand zu einer Faust, um die Blutung zu stoppen, doch es war zu spät. Ein kleiner Tropfen blieb erst hartnäckig hängen, bevor er auf den makellosen weißen Steinboden tropfte.
Carmen hob ruckartig den Kopf, als sie merkte, wie sich etwas veränderte, als die Kreatur auf das Blut reagierte. Sie zuckte überrascht zusammen, als ein Goldstrahl aus dem Wesen hervorschoss und sich um ihre verletzte Hand legte. Sofort versuchte sie, sich aus dem Griff zu befreien.
Doch je vehementer sie sich wehrte, desto mehr Gold wirbelte um sie herum und umschloss sie mit seinen Tentakeln, bis sie sich nicht mehr bewegen konnte. Doch sie wollte nicht nachgeben. Wenn es ihr Schicksal war, so zu sterben, dann sollte es eben so sein. Ihre Augen funkelten kurz erbittert, bevor sie sie schloss und sich Scott vor ihrem geistigen Auge vorstellte.
Sie dachte an sein hellbraunes Haar, das sich an den Enden leicht lockte, wenn er aus der Dusche kam. Carmen hielt die Erinnerung fest und schwelgte darin, bis sie wieder in seine Wärme und Liebe eingehüllt war.
Sie dachte daran, wie seine grünen Augen gefunkelt hatten, wenn er sie geneckt hatte und daran, wie sie sich in dem kleinen Haus, das sie in ihrer Heimatstadt gekauft hatten, vor dem Kamin geliebt hatten. Sie dachte daran, wie er sie festgehalten hatte, als ob er sie nie wieder loslassen würde, als sie erfahren hatte, dass ihre Eltern bei einem Autounfall gestorben waren. Und sie dachte an seinen erstaunten Blick, als sie ihm gesagt hatte… Plötzlich überkam sie ein so starkes Gefühl von Schmerz und Trauer, dass sie sich fragte, ob die Kreatur sich überhaupt die Mühe machen musste, sie zu töten. Sie hatte das Gefühl, als ob sie gleich hier und jetzt sterben würde.
Ein leiser klagender Laut entfuhr ihr, als der Kummer so stark wurde, dass sie ihn nicht mehr zurückhalten konnte. Sie öffnete die Augen und blickte in die dunkelgoldenen Flammen, die in den Augen der Kreatur loderten. Carmen bat die Kreatur mit ihrem Blick stumm um Gnade.
„Bitte“, flüsterte Carmen. „Bitte. Ich will nicht mehr leben. Es tut zu weh. Bitte, gib mir Frieden“, flehte sie die Kreatur leise an.