Kapitel 2
Der Rogue trat ins Sichtfeld — groß, schlank, sein dunkles Haar rau und ungepflegt. Seine Kleidung war zerlumpt, aber er wirkte entspannt, als hätte er mich schon eine Weile beobachtet.
„Hätte nicht gedacht, dass eine Luna eine Nacht allein hier draußen überlebt,“ sagte er, seine Stimme war tief und rau.
Ich fragte mich, woher er von meiner Identität wusste, und genau in dem Moment, als hätte er meine Gedanken gelesen, grinste er. „Habe gehört, dass eine Luna allein im Wald herumstreift, also dachte ich, ich schau mal nach.“
Ich versteifte mich, Erinnerungen an jenen Tag spielten sich in meinem Kopf ab. „Ich bin keine Luna mehr.“
Sein Blick glitt zu meinen Handgelenken, wo die schwachen Verbrennungen vom Silber noch zu sehen waren.
Als Werwolf bleibt ein Mal zurück, um die Verbannten zu kennzeichnen.
Er nickte verstehend. „Ah. Verbannt.“ Er neigte den Kopf. „Was war das Verbrechen?“
Ich antwortete nicht. Ich schulde ihm nichts.
Er lachte leise. „Schon gut. Ich heiße Riven.“
Ich zögerte. Meinen Namen zu nennen fühlte sich gefährlich an, aber es wäre sinnlos, ihn zu verbergen.
„Selene.“
Riven nickte und trat näher. „Du siehst halbtot aus, Selene.“
Ich hob mein Kinn. „Mir geht’s gut.“
Seine Lippen zuckten. „Na klar. Aber hier draußen? Du wirst keine Woche überleben.“
Bevor ich antworten konnte, tauchte eine weitere Gestalt aus den Bäumen auf — eine Frau.
Sie war kleiner als Riven, hatte aber einen kalten Blick und eine abweisende Haltung.
„Riven, wer ist das?“
„Sie ist verbannt“, antwortete Riven. „Das heißt, sie hat keinen Ort, an den sie gehen kann.“
Der Blick der Frau glitt über mich hinweg. Dann seufzte sie. „Wir nehmen keine Streuner auf.“
„Ich habe nicht um Hilfe gebeten“, fauchte ich, selbst überrascht von meinem Ton.
Die Frau grinste spöttisch. „Gut. Dann sehen wir mal, wie lange du allein durchhältst.“
Sie drehte sich um und verschwand wieder im Wald. Riven blieb einen Moment stehen, zuckte dann mit den Schultern. „Versuch nicht zu sterben, Selene.“ Und damit folgte er ihr.
Ich starrte ihnen nach und fragte mich, ob es klug gewesen war, seine Hilfe abzulehnen.
Es war klar, dass er ein Rogue war, aber nicht alle Rogues waren wilde Bestien. Zumindest hatte ich das gehört. Aber ich konnte niemandem mehr trauen.
Die nächsten Tage vergingen mit Hunger und Erschöpfung. Ich musste lernen, essbare Pflanzen zu finden und mich leise durch den Wald zu bewegen.
Dann, an einem schicksalhaften Tag, machte ich einen Fehler. Ich aß etwas, das mich eine ganze Nacht lang krank machte.
An einem anderen Tag suchte ich nach Holz zum Feuermachen und fiel in eine flache Schlucht, riss mir das Bein an einem scharfen Felsen auf. Die Wunde brannte, aber ich riss Stoff von meinem Kleid und verband sie so gut ich konnte.
Jede Nacht kauerte ich mich in irgendeinen Unterschlupf und hoffte, dass mein Körper schneller heilte. Meine Wölfin war schwach, verletzt, das spürte ich. Das verlangsamte meinen Heilungsprozess.
Killian hatte mich so leicht verstoßen. Er hatte nicht gezögert. Kein Zweifel.
Ich spielte es immer wieder durch — wie er mich ohne einen zweiten Gedanken verbannt hatte.
Der Drang, weiterzumachen und zu überleben, wuchs jedes Mal, wenn ich an Killians Verrat dachte.
Es hätte mich brechen sollen.
Stattdessen machte es mich härter.
Als ich die Rogues wieder sah, war ich zu schwach, um zu kämpfen.
Ich hatte tagelang nichts außer Beeren gegessen, mein Körper wurde träge und schwach. Der Hunger machte mich unvorsichtig, machte mich langsam. Ich hörte sie erst, als es zu spät war.
Riven stand an der Spitze der Gruppe und sah mich grinsend an.
„Lebst also immer noch,“ meinte er.
Ich zwang mich aufzustehen und ignorierte das Schwanken meines Blickfelds. „Was wollt ihr?“
„Witzig. Ich wollte dir dieselbe Frage stellen“, sagte Riven.
Die Frau mit dem kalten Blick verschränkte die Arme. „Du verhungerst“, sagte sie.
Ich hasste es, wie leicht sie mich durchschaute.
Diesmal waren noch andere Rogues dabei.
Ein Rogue, dessen Namen ich später als Silas kennenlernte, warf etwas in meine Richtung. Ein kleines, in Stoff gewickeltes Bündel landete zu meinen Füßen. Ich sah es misstrauisch an, bevor ich mich bückte, um es zu öffnen.
Fleisch. Getrocknet und gesalzen.
Ich zögerte. „Warum?“
Silas zuckte mit den Schultern. „Weil du es brauchst.“
Riven grinste. „Und weil wir keine Monster sind. Anders, als Rudelwölfe gern denken, töten wir nicht nur zum Spaß.“
Ich schluckte schwer.
Dann machte ich mich über das Essen her.
Sie verschwanden nicht wieder.
Tage lang tauchten Riven, die Frau — Dara — und Silas immer wieder auf, brachten manchmal Essen, manchmal beobachteten sie mich nur. Sie versuchten nie, mir weh zu tun, mich zu etwas zu zwingen.
Und ich wusste nicht, warum.
Schließlich, nach einer Woche dieses seltsamen Hin und Hers, seufzte Riven dramatisch und verschränkte die Arme.
„Okay, mir ist langweilig“, erklärte er. „Du stirbst offensichtlich nicht so bald, und du hast noch etwas Kampfgeist in dir. Also sag, Luna — was kommt jetzt?“
Ich hasste es, so genannt zu werden.
„Ich weiß es nicht“, antwortete ich. Die Worte schmeckten bitter auf meiner Zunge.
Riven zog eine Augenbraue hoch. „Kein besonders guter Plan, oder?“
Ich ballte die Fäuste. „Ich hatte keine Wahl.“
„Dann triff eine.“ sagte Dara von hinten.
Ich drehte mich um und runzelte die Stirn. „Was?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Triff eine Entscheidung. Du bist nicht tot. Du hast hier draußen länger durchgehalten als die meisten Rudelwölfe. Aber wenn du weiter ziellos herumirrst, wird dich irgendwann etwas umbringen. Also entscheide – willst du sterben oder überleben?“
Es war eine so einfache Frage.
Ich wollte überleben.
Ich würde überleben.
Und ich konnte nicht leugnen, dass ich Hilfe brauchen würde, um das zu schaffen.
Also, zum ersten Mal seit meiner Verbannung, schluckte ich meinen Stolz.
„Was wollt ihr von mir?“ fragte ich.
Dara und Silas tauschten einen Blick, dann sahen sie mich an.
„Wir wurden alle ausgestoßen“, sagte Silas. „Jeder von uns hat ein Rudel verloren, genau wie du. Aber wir sind nicht gestorben. Wir haben uns angepasst.“
„Du könntest dasselbe tun“, fügte Dara hinzu.
Riven beugte sich leicht vor. „Schließ dich uns an.“
Ich runzelte die Stirn, verwirrt. „Euch anschließen?“
„Kein Rudel“, stellte er klar. „Nicht im traditionellen Sinne. Sondern eine Einheit. Eine Gruppe Wölfe, die aufeinander aufpassen. Du wärst nicht mehr allein.“
Allein.
Das Wort stach in mir, wickelte sich wie Ranken um mein Herz.
Ich war allein, seit dem Moment, in dem Killian sich gegen mich gewandt hatte. Ich war allein, seit mein Rudel mich verstoßen hatte, mein Gefährte eine andere gewählt hatte.
Der Gedanke, wieder etwas zu haben, selbst wenn es nur etwas Kleines war, war verlockend.
Aber Vertrauen war etwas, das ich nicht so leicht geben konnte.
„Woher weiß ich, dass ihr mich nicht auch verratet?“ fragte ich. Irgendwie waren Rogues der Grund für mein Schicksal. Also fiel es mir schwer, einem Rogue zu vertrauen.
Riven zuckte mit den Schultern. „Weißt du nicht.“ und er grinste. „Aber du wirst es lernen.“
Ich betrachtete ihre Gesichter, ihre Ausdrücke. Es lag keine Täuschung in ihnen, nicht wie bei den anderen Rogues, die mich in diese Lage gebracht hatten.
„Gut“, sagte ich. „Ich bleibe.“