Kapitel 4
Ich hätte nie gedacht, dass mir die Welt, die ich zurückgelassen hatte, noch etwas bedeuten würde.
Wochenlang hatte ich mich nur auf das Überleben konzentriert. Ich hatte meine Vergangenheit begraben, mich gezwungen, das Rudel zu vergessen, das mich verraten hatte, den Gefährten, der mich weggeworfen hatte, als wäre ich nichts.
Doch jetzt, als ich mitten in unserem Lager stand und auf einen gebrochenen, blutigen Späher aus meinem ehemaligen Rudel starrte, wurde mir klar, dass ich nicht alles zurückgelassen hatte.
Denn Killian war noch nicht fertig.
Es begann mit dem Geruch eines Fremden.
In dem Moment, als er uns erreichte, sprang Riven auf die Beine, er wirkte angespannt, während er die Bäume absuchte. Dara hatte bereits ein Messer in der Hand, und Silas verschmolz mit den Schatten, bereit zuzuschlagen, wenn nötig.
Ich reagierte nicht sofort. Ich hatte Geduld gelernt, gelernt, erst zu beobachten, bevor ich handelte.
Der Geruch war vertraut. Und als die Gestalt ins Sichtfeld taumelte, das Gesicht bleich vor Erschöpfung, ballte ich die Faust.
Caleb.
Er war jünger als ich, kaum erwachsen, aber ich hatte ihn Aufträge für Killians oberste Krieger erledigen sehen. Er war einer von ihnen.
Ich war bei ihm, bevor er reagieren konnte, drückte ihn gegen einen Baum. Meine Krallen lagen an seiner Kehle, seine weit aufgerissenen Augen waren voller Panik.
„Gib mir einen Grund, warum ich dich nicht töten sollte“, knurrte ich.
Caleb japste nach Luft und kämpfte gegen meinen Griff. „Selene – warte –“
Ich fletschte die Zähne. „Du hast nicht das Recht, meinen Namen auszusprechen. Nicht nach dem, was dein Rudel mir angetan hat.“
Riven und Dara blieben still hinter mir und beobachteten. Das war mein Kampf.
Calebs Atem wurde unregelmäßig, sein Puls flatterte unter meinem Griff. Doch in seinen Augen war keine Gegenwehr. Nur Angst.
„Ich – ich bin geflohen“, stotterte er. „Ich bin weggelaufen.“
Ich zögerte, verwirrt. „Weggelaufen wovor?“
Seine Hände zitterten, als er sich an meinem Handgelenk festklammerte. „Vor ihm.“
Ich lockerte meinen Griff gerade so weit, dass er sprechen konnte. „Alpha Killian“, keuchte Caleb. „Er – er plant etwas. Er wird angreifen.“
Ich trat zurück, mein Herz pochte wild. „Was hast du gerade gesagt?“
Caleb hustete und rieb sich die Kehle. „Er schmiedet Allianzen. Rekrutiert Söldner. Es geht ihm nicht mehr nur um das Territorium des Blue Moon Rudels – er will alles. Er plant, die östlichen Rudel eines nach dem anderen zu vernichten.“
Dara tauschte einen Blick mit Riven. Silas trat wieder aus den Schatten und beobachtete Caleb wie ein Raubtier vor dem Sprung.
Meine Hände ballten sich zu Fäusten. Ich hatte gewusst, dass Killian rücksichtslos war, aber das? Krieg?
„Du lügst“, sagte ich kühl.
„Nein“, antwortete Caleb sofort. „Er hat bereits den ersten Schritt getan. Er hat mich geschickt, um Schwachstellen an den Grenzen auszukundschaften. Aber ich –“ Er schluckte hart. „Ich konnte es nicht tun.“
Ich verengte die Augen. „Warum nicht?“
Er zögerte. „Weil das, was er dir angetan hat, falsch war.“
Einen Moment lang war das einzige Geräusch zwischen uns das leise Lodern des Feuers in meinem Inneren.
Riven trat vor. „Verdammt. Hätte nicht gedacht, dass ein Blue Moon Köter mal ein Gewissen entwickelt.“
Caleb zuckte zusammen, widersprach aber nicht.
Er konnte lügen. Das hier könnte eine Falle sein.
Aber tief in mir wusste ich, dass es das nicht war.
Killian war nie mit dem zufrieden, was er hatte. Er hatte mich für mehr Macht verraten. Es war logisch, dass er auch andere verraten würde.
Und das bedeutete, dass unschuldige Wölfe leiden würden.
Ich wandte mich ab und starrte in die dunklen Baumwipfel über uns.
„Selene“, sagte Dara vorsichtig.
Ich atmete scharf aus. „Wo ist er jetzt?“
Caleb antwortete: „Noch in der Festung, vorerst. Aber er plant bald einen Angriff. In ein paar Wochen, vielleicht sogar früher.“
Riven verschränkte die Arme. „Was ist also der Plan, Selene?“
Ich dachte eine Weile schweigend nach.
Ich hatte zwei Möglichkeiten.
Ich konnte mich abwenden, Killian die Rudel niederbrennen lassen wie ein Lauffeuer, ihn alles nehmen lassen, so wie er mir alles genommen hatte.
Oder ich konnte kämpfen.
Ich wandte mich wieder Caleb zu. „Du bist weggelaufen. Aber hast du den Mut, gegen sie zu kämpfen?“
Caleb schluckte, dann nickte er. „Ja.“
„Gut“, sagte ich. „Denn wir werden Killian aufhalten, bevor er überhaupt die Chance bekommt, diesen Krieg zu beginnen.“
Riven grinste und knackte mit den Knöcheln. „Das ist meine Luna.“
Caleb: „Da ist noch mehr.“
„Raus damit.“
Er warf den anderen einen Blick zu, bevor er seine Stimme senkte. „Alpha Killian… er sucht nach dir.“
Silas bewegte sich, bevor ich reagieren konnte. Im Bruchteil einer Sekunde hatte er Calebs Arm hinter dessen Rücken verdreht, ein Messer an die Rippen gepresst.
Caleb sog scharf die Luft ein, doch er leistete keinen Widerstand.
„Was meinst du mit ‚er sucht nach ihr‘?“ Silas’ Stimme war ruhig.
Caleb verzog das Gesicht. „Er hat ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt.“
Mein Herzschlag beschleunigte sich.
Rivens Miene verdunkelte sich. „Wie viel?“
„Genug, dass jeder Rogue und Söldner zwischen hier und der Westgrenze auf sie Jagd machen wird.“
Stille. Niemand sagte ein Wort.
Dann seufzte Dara. „Das macht die Sache komplizierter.“
Mein Kiefer spannte sich vor Wut an. Killian hatte mich nicht nur verstoßen, er wollte mich auslöschen.
Gut.
Dann soll er kommen.
Ich sah Caleb in die Augen. „Warum sagst du mir das? Warum riskierst du dein Leben, um hierher zu kommen?“
Caleb zögerte, dann leise: „Weil, wenn er gewinnt, nichts mehr übrig bleibt. Weder für mich. Noch für irgendwen.“
Silas ließ ihn abrupt los und stieß ihn vorwärts.
Riven seufzte. „Sieht so aus, als hätten wir jetzt eine Uhr im Nacken.“
Dara betrachtete mich aufmerksam. „Das ändert alles, Selene.“
Sie hatte recht.
Es ging nicht mehr nur darum, Killians Krieg zu verhindern.
Es ging ums Überleben.
Und wenn Killian mich so sehr tot sehen wollte...
Dann würde ich ihn eben zuerst töten.