Der Thronsaal von Silverfang wurde gebaut, um einzuschüchtern.
Die Mauern ragten hoch und ununterbrochen empor, aus schwarzem Berggestein gehauen, das das Fackellicht verschluckte, anstatt es zu reflektieren.
Von den Deckenbalken hingen Banner in Purpur und Silber herab, jedes mit dem Wappen der Blackthorne-Linie versehen – ein Wolf mit gefletschten Zähnen und weiß glühenden Augen.
Der Geruch von Rauch aus den eisernen Feuerschalen hing in der Luft und war so stark, dass er im Hals brannte.
Auf dem Thron aus behauenem Obsidian saß Alpha-König Darius Blackthorne. Seine Präsenz erfüllte den Raum, selbst wenn er schwieg. Die Schultern gerade, das Kinn aus Stein gemeißelt, die Augen dunkel wie ein Gewitterhorizont. Er brauchte nicht zu knurren, um Furcht zu gebieten. Sie haftete an ihm wie sein Schatten, eine ständige Erinnerung daran, dass sein Wort Gesetz war und sein Zorn blitzschnell.
Die Berater standen in zwei Reihen unter ihm, ihre Stimmen klangen wie eine Mischung aus Schmeichelei und Furcht.
Aus irgendeinem Grund wirkte der Raum heute Abend kleiner, als drückten die Wände enger um ihn herum. Alpha-König Darius versuchte, sich auf die Worte seiner Berater zu konzentrieren, doch seine Gedanken schweiften immer wieder zu einem Paar silbergrauer Augen ab, die vor Entsetzen geweitet waren. Zu dem Geruch der Angst, der seine Gemächer vor drei Tagen erfüllt hatte.
Der Sklave. Das kleine Omega, das ihn in seiner schwächsten Phase gesehen hatte.
„Mein König, die westlichen Grenzen sind weiterhin unruhig“, sagte einer und verbeugte sich so tief, dass seine Stirn beinahe den Boden berührte. „Späher berichten, dass das Rudel der Nachtfänge seine Patrouillen verdoppelt hat. Sie … sie stellen Eure Geduld auf die Probe.“
„Dann brecht sie“, sagte Darius mit tiefer Stimme, die durch den Raum hallte wie Stahl, der über Stein geschleift wird.
Seit jener Nacht hatten sich seine Anfälle verschlimmert. Die Erinnerungen quälten ihn immer häufiger, der Druck in seinem Kopf baute sich ohne Vorwarnung auf. Und stets lauerte darunter die Angst, dass sie sprechen würde. Dass seine Schwäche ans Licht käme.
Der Berater schluckte. „Wir haben Warnungen ausgesprochen –“
„Warnungen sind was für Feiglinge“, unterbrach ihn Darius. Er beugte sich leicht vor, seine Finger umklammerten die Armlehnen des Throns. „Glaubst du, die Nachtfänge flüstern Warnungen, bevor sie zuschlagen? Nein. Sie verbeißen sich in unser Land und lachen über jedes Zögern.“
Der Raum verstummte. Der Berater zitterte, als ihn die Angst durchfuhr und er seinen Wolfsgeruch wahrnahm.
Von der gegenüberliegenden Seite des Saals ertönte eine andere Stimme. Eine ältere, rauere. Eines der Mitglieder des Ältestenrats. „Vielleicht wäre Vorsicht angebracht …“
„Vorsicht?“, fragte Darius. Seine Lippen verzogen sich zu einem Ausdruck, der kein Lächeln war. Sein Blick fixierte den Älteren wie eine Beute. „Du vergisst dich. Ich bin Vorsicht und Zorn zugleich. Verwechsle das eine nicht mit dem anderen.“
Der Älteste schloss den Mund mit einem hörbaren Zähneknirschen. Die anderen Berater rutschten unruhig hin und her, ihre Roben raschelten auf dem Stein, als sie sich tiefer verbeugten.
Am Ende der Halle stand Kael schweigend und wachsam. Stets in seiner Nähe, stets loyal, obwohl sein Gesichtsausdruck von Zurückhaltung zeugte. Darius brauchte ihn nicht anzusehen, um zu wissen, dass er da war. Die Wolfsaura seines Betas summte im Einklang mit seiner eigenen und beruhigte ihn.
Und doch… irgendetwas in Darius war heute Abend nicht im Gleichgewicht.
Sein Wolf lief unruhig auf und ab. Rastlos. Gereizt. Das Tier drückte gegen seine Rippen wie ein eingesperrtes Tier, die Krallen schabten über die Knochen. Sein Kiefer spannte sich an, als er ihn zurückdrängte, doch ein leises Unbehagen huschte über sein Gesicht.
„Warum steht ihr alle da wie verängstigte Schafe?“, fragte er plötzlich und erhob sich in einer fließenden Bewegung vom Thron. Seine Stiefel hallten scharf auf dem Stein wider, als er die Stufen hinabstieg. Er schritt zwischen den Beratern hindurch, deren Köpfe gesenkt waren und deren Duft von Nervosität erfüllt war.
„Dient ihr einem König“, forderte er mit erhobener Stimme, „oder dient ihr der Angst selbst?“
Niemand antwortete. Stille lastete schwer auf der Haut. Die Kohlenbecken knisterten, und die Flammen loderten auf, als ob sie von der Unruhe seines Wolfes angefacht würden.
Er blieb vor dem zitternden Ältesten stehen. Langsam streckte er die Hand aus, fasste dessen Kinn zwischen die Finger und hob es an, bis sich ihre Blicke trafen. Dem Ältesten stockte der Atem, seine Pupillen weiteten sich.
„Sag mir noch einmal das Wort ‚Vorsicht‘“, flüsterte Darius mit so sanfter Stimme, dass sie beinahe freundlich klang. Beinahe. „Und ich lasse dir die Zunge an die Tore nageln.“
Er ließ ihn plötzlich los, woraufhin der Ältere zurücktaumelte und sich an die Kehle griff.
Kaels Stimme durchbrach die Stille. „Der Rat spricht aus Sorge um das Volk, mein König. Sie zweifeln nicht an Eurer Stärke.“
Darius drehte den Kopf, die Augen zusammengekniffen. „Du sprichst kühn, Kael.“
„Ich sage die Wahrheit“, erwiderte Kael und hielt seinem Blick stand.
Einen langen Moment lang herrschte wieder Stille im Thronsaal, die Spannung war greifbar wie eine Bogensehne. Dann, langsam, verzog sich Darius' Mund zu einem Lächeln, diesmal eher zu einem, doch seine Augen blieben gefühllos.
„Kühn“, sagte er noch einmal, bevor er sich abrupt umdrehte, wobei sein Umhang hinter ihm knallte, als er zurück zum Thron schritt.
Er setzte sich wieder hin, eine Hand fuhr sich durchs dunkle Haar, die Finger krallten sich kurz an seiner Schläfe fest. Das unruhige Kratzen seines Wolfes wurde nur noch stärker, ein Juckreiz unter der Haut, den er nicht kratzen konnte. Seine Berater rutschten wie nervöse Vögel hin und her und warteten auf Befehle, die nie kamen.
Dann begann es.
Es hatte heute Morgen früh ertönt. Das erste Anzeichen für den heutigen Tag. Nur dass dies die Ankündigung seines endgültigen Beginns war.
Das war nun das zweite für heute.
Genau wie am Morgen. Zuerst war der Ton leise, dann fern. Wie ein Pulsschlag durch Stein.
Darius hob den Kopf. Sein Wolf erstarrte völlig, die Ohren gespitzt und der Atem stockend.
Der Mond trommelt.
Bumm. Bumm. Bumm.
Ihr Rhythmus hallte durch die Berge, uralt, gebieterisch, älter als sein Geschlecht, älter als jeder König. Der Ruf zum Versammeln. Der Ruf des Schicksals.
Die Berater regten sich und flüsterten.
„Mein König, das Fest –“
„Ich höre es“, schnauzte Darius, doch seine Stimme war leiser als zuvor, sein Blick schweifte in die Ferne jenseits der Mauern. Sein Wolf drückte sich fest an ihn, nicht mehr wütend, sondern mit etwas, das er nicht deuten konnte. Ein Ruck. Eine Warnung.
Kael trat mit vorsichtiger Besorgnis vor. Er flüsterte, damit die anderen es nicht hörten.
"Darius, du bist seit Tagen total angespannt. Was ist los?"
Alles.
"Nichts, was Sie betrifft."
„Dein Wohlbefinden bereitet mir Sorgen.“ Kael trat näher und ignorierte das warnende Knurren in Darius’ Stimme. „Sprich mit mir.“
Einen Moment lang war Darius kurz davor, es zu tun. Fast hätte er seinem ältesten Freund von den Episoden, den Erinnerungen und der erdrückenden Last erzählt, seine Schwäche zu verbergen. Doch dann dachte er an das verängstigte Gesicht des Omegas und daran, wie leicht Geheimnisse über verängstigte Lippen kommen konnten.
„Lass mich einfach in Ruhe“, knurrte er.
Schmerz huschte über Kaels Gesicht, doch er nickte, gab den Beratern das Zeichen, vor ihm zu gehen, und wich zur Tür zurück. „Das Fest beginnt bald. Die Meute versammelt sich.“
Darius' Magen verkrampfte sich. Das Mondfest. Wo sich die Wölfe drängen würden, wo Gerüche und Geräusche seine ohnehin schon angeschlagene Selbstbeherrschung überwältigen würden. Wo sie sein würde, Wein und Speisen servieren, nah genug, um jedem, der ihr zuhörte, seine Geheimnisse ins Ohr zu flüstern.
„Ich weiß“, sagte er leise.
Kael zögerte im Türrahmen. „Was auch immer dich bedrückt –“
"Gehen."
Die Tür schloss sich mit einem dumpfen Knall und ließ Darius allein mit seinen Dämonen zurück.
Der Druck in seinem Schädel baute sich wieder auf, Erinnerungen kratzten an den Rändern wie Wölfe an einer Tür.
Er erhob sich vom Thron und begann auf und ab zu gehen, seine Klauen fuhren sich trotz seiner Bemühungen, sie zu kontrollieren, aus.
Die Sklavin wusste es. Sie hatte ihn gebrochen gesehen, wie ein Tier, schwach. Und heute Abend, umgeben vom Rudel, konnte sie ihn mit einem einzigen Wort vernichten.
Es sei denn, er hat sie zuerst vernichtet.
Der Gedanke hätte Erleichterung bringen sollen. Es wäre so einfach, wie ein Unfall während des Festivals, ein Stolpern eine Treppe hinunter, ein Biss von einem übereifrigen Alpha. Niemand würde es hinterfragen. Omega-Sklaven starben schließlich ständig.
Doch das Bild ihres verängstigten Gesichts ließ ihn nicht los. Die Art, wie sie ihn angesehen hatte – mit etwas, das nicht direkt Angst war. Etwas, das fast wie … Verständnis gewirkt hatte.
Ein Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken.
Zum ersten Mal seit Jahren regte sich ein Unbehagen in seiner Brust, schwach, aber unverkennbar.
Die Trommeln wurden lauter. Sein Wolf knurrte leise, ein Geräusch, das nur er in sich selbst hören konnte.
Etwas bahnte sich an.
Und Darius Blackthorne gefiel es nicht, nicht zu wissen, was es war.
Der uralte Rhythmus rief etwas Tiefes in seinen Knochen hervor, etwas Älteres als seine Krone, älter als sein Schmerz.
Heute Abend würde sein Geheimnis auf die eine oder andere Weise sicher sein.
Selbst wenn es bedeutete, dass ihr Blut an seinen Händen klebte.