Kapitel 2

1290 Worte
Bertha wachte am nächsten Nachmittag auf.Windy saß auf einem Stuhl und arbeitete an ihrem Laptop. Als sie sah, dass Bertha wach war, klappte sie den Computer zu und legte ihn auf den Tisch. Windy setzte sich an den Bettrand und sagte:„Fieber, verletzte Beine und Knie. Das war alles wegen der Leute aus der Tibble-Familie, oder?“ Bertha legte die Hand an die Schläfe und erinnerte sich an das, was gestern passiert war. „Bertha, was ist nur so gut an Derek? Warum liebst du ihn trotz allem noch? Ich habe ihn angerufen und gesagt, dass du im Krankenhaus bist. Ich bat ihn, herzukommen, aber er hat nicht geantwortet – und dann hat er meinen Anruf blockiert.“Windys Stimme bebte vor Wut. Für sie war Derek ein Tier im Körper eines Menschen. Bertha schwieg. Sie saß still auf dem Bett und weinte unaufhörlich. Nicht, weil sie geschlagen oder verletzt worden war, sondern weil der Mann, den sie ihren Ehemann nannte, so grausam war. Nach Windys Worten weinte sie nur noch heftiger. „Ich habe dich gewarnt. Derek ist nicht so gut, wie du denkst“, sagte Windy. Aber Bertha hatte nicht auf sie gehört und beschlossen, Derek zu heiraten – trotz seiner Kälte. Sie hatte sich geirrt. Sie konnte Dereks Herz nicht erwärmen. In seinem Herzen war nur Laura.Bertha war in der Familie Tibble wie eine Marionette – jemand, über den man sich lustig machte und den man beschimpfte. Laura hatte sie oft „dumm“ genannt. Ja, sie war wirklich die Dümmste, weil sie jemanden liebte, der sie nie liebte. „Bertha, es tut mir leid. Ich hätte das nicht sagen sollen.“Windy reichte ihr ein Taschentuch, um sie zu trösten.„Vielleicht war Derek einfach beschäftigt, deshalb—“ Bertha unterbrach sie:„Er wird nicht kommen. Er wird nie wieder kommen.“ Sie wischte ihre Tränen ab. „Wie meinst du das?“ fragte Windy stirnrunzelnd. „Wir werden uns scheiden lassen.“ Windy war überrascht, dann versuchte sie, Bertha zu beruhigen.„Okay, reden wir nicht mehr darüber. Sobald du entlassen bist, gehen wir etwas essen. Ich lade ein paar Freunde ein – wir haben schon lange nichts mehr zusammen unternommen.“ Bertha lächelte schwach, stand auf und ging zum Fenster. Windy betrachtete Berthas schlanke Gestalt, schüttelte den Kopf und seufzte. Sie verstand nicht, warum Bertha so entschlossen gewesen war, Derek zu heiraten. War es wirklich nur wegen der Liebe? Bertha wurde aus dem Krankenhaus entlassen und blieb vorübergehend bei Windy. Während Bertha badete, kochte Windy.Als Bertha aus dem Badezimmer kam, sah sie Windy, wie sie das Essen auf dem Tisch anrichtete. Bertha trat ins Esszimmer. Windy zog einen Stuhl heraus und drängte sie zum Hinsetzen.„Das sind alles deine Lieblingsgerichte. Iss viel – du bist so dünn geworden.“ „Danke, Windy. Das ist sehr lieb von dir.“ Bertha lächelte.„Nach dem Essen werde ich die Scheidungspapiere vorbereiten.“ Sie versuchte, mit heiterer Stimme zu sprechen. „Ich helfe dir dabei“, sagte Windy entschlossen. Bertha lächelte hell und nickte. Windy legte ihr Essen in Berthas Schüssel und ermunterte sie:„Willst du dich wirklich scheiden lassen?“ Sie fürchtete, Bertha könnte es sich anders überlegen. „Ich meine es ernst. Ich habe meine Entscheidung getroffen.“Bertha sprach ruhig, während sie aß. Als Windy Berthas ernsten Ausdruck sah, wusste sie, dass sie es diesmal wirklich meinte.„Ich bin froh, dass du diesen Mistkerl endlich aufgibst“, sagte sie erleichtert. Doch ihr Lächeln erstarrte plötzlich.„Moment. Du willst nichts aus dieser Familie mitnehmen?“ Windy fühlte sich empört für Bertha. Drei Jahre hatte sie Demütigung ertragen – und jetzt wollte sie einfach gehen, ohne etwas mitzunehmen? Das war nicht fair. „Denkst du, mir fehlt das Geld?“ fragte Bertha kühl. „Natürlich nicht,“ murrte Windy unzufrieden, „aber ich finde trotzdem, du hast zu viel durchgemacht.“ Bertha war die einzige Tochter der Familie Griselda aus Stadt Y – einer wohlhabenden, aber zurückhaltenden Familie. Niemand kannte ihre wahre Identität.Sie hatte Derek zufällig kennengelernt und sich in ihn verliebt. Trotz des Widerspruchs ihres Vaters hatte sie ihn unbedingt heiraten wollen. Windy wusste, dass Bertha es nie auf das Vermögen der Tibble-Familie abgesehen hatte. Sie wollte nur Liebe – und diese Liebe hatte sie zerstört.Windy empfand tiefes Mitleid. Da vibrierte Berthas Handy – eine neue Nachricht. Sie öffnete sie, ihre Stirn runzelte sich. „Was ist los? Wer schreibt dir?“ fragte Windy. „Derek. Er sagt, er will mich sehen und mit mir reden.“ „Vielleicht will er die Scheidung verhindern?“ „Nein. Er hasst mich. Er wird zustimmen. Ich weiß nur nicht, was er mir sagen will.“ Bertha zuckte mit den Schultern. „Ich habe Angst, dass du nach dem Treffen wieder weich wirst und deine Meinung änderst,“ seufzte Windy. „Nein. Diesmal zögere ich nicht.“ Berthas Stimme war fest, ihr Blick entschlossen. Kurz darauf saßen die beiden im Auto. Windy fuhr Bertha zu Dereks Firma. Während der Fahrt sah sie immer wieder besorgt zu ihrer Freundin hinüber – sie fürchtete, Bertha könnte ihre Entscheidung bereuen. Nach dreißig Minuten hielten sie vor dem Gebäude der Tibble Corporation. Windy löste den Sicherheitsgurt, stieg mit Bertha aus und half ihr, das Haar zurechtzumachen.„Egal, was er sagt – bleib hart. Lass dich nicht von Mitleid beeinflussen.“ Bertha lächelte und nickte.Die Jahre im Haus der Tibble-Familie waren die schmerzhaftesten ihres Lebens gewesen. Ihre Liebe zu Derek war längst zerbrochen – was blieb, war nur Bitterkeit und Traurigkeit.Sie würde ihm nicht erlauben, sie weiter zu verletzen. Mit erhobenem Kopf betrat Bertha das Gebäude. Die Mitarbeiter starrten sie an, manche tuschelten – aber sie beachtete es nicht. Seit ihrer Heirat mit Derek war sie für alle nur eine „Goldgräberin“. Bertha stieg in den Aufzug und drückte die Taste für Dereks Büroetage. Derek war überrascht gewesen, als sie die Scheidung vorgeschlagen hatte.Sie hatte doch damals so darauf bestanden, ihn zu heiraten.Warum jetzt dieser Sinneswandel?Will sie etwa das bequeme Leben in seinem Haus aufgeben? Derek hatte immer gedacht, Bertha könne sich glücklich schätzen, Schwiegertochter der Milliardärsfamilie Tibble zu sein – einer der reichsten Familien der Stadt X. Er wollte wissen, was sie diesmal vorhatte. Als Bertha aus dem Aufzug trat, war ihr Gesicht ausdruckslos.Sie ging direkt zu seinem Büro, klopfte kurz an – und öffnete die Tür, ohne auf eine Antwort zu warten. „Was willst du mit mir besprechen?“ fragte sie kalt und sah Derek fest in die Augen. Sein Blick blieb frostig und leer.„Warum willst du dich scheiden lassen? Liebst du mich nicht? Du warst es doch, die unbedingt heiraten wollte.“ Bertha sah ihn ruhig an. Sie war kleiner als er, aber in diesem Moment war ihre Ausstrahlung ihm ebenbürtig. „Das war früher. Jetzt will ich nur noch die Scheidung.Das willst du doch auch, oder? Dann kannst du endlich mit Laura zusammen sein. Du hast sie doch immer geliebt, oder?“ Derek verzog die Lippen und sah sie verwirrt an.Gab sie wirklich so leicht auf? Als er in ihren ernsten Augen las, dass sie nicht bluffte, stieß er nur ein kaltes Lachen aus.„Ich hoffe, du wirst das nicht bereuen.“ Bertha lächelte eisig – so fest war ihr Herz noch nie gewesen. „Das Einzige, was ich bereue, ist, dich geheiratet zu haben.“ Sie legte die Scheidungspapiere auf den Tisch, drehte sich um und ging – ohne Zögern, ohne Angst. Derek sah ihr lange nach. Früher war diese Frau immer sanft und gefällig gewesen, sobald sie ihn sah.Heute war sie kühl und unnachgiebig. Er blickte auf die unterschriebenen Scheidungspapiere.Sie war gegangen, ohne etwas mitzunehmen.Er nahm den Stift und unterschrieb.
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