Die Zurückweisung-a
Zuerst kam die Stille.
Daran würde sich Elena später am besten erinnern – nicht an die Worte selbst, sondern an den Bruchteil einer Sekunde des Nichts, der ihnen vorausging. Den ganzen Abend über hatte im Saal des Rudels Lärm geherrscht: das tiefe Gemurmel von zweihundert Stimmen, das Scharren von Stiefeln auf dem alten Holzboden, das zu laute Lachen eines Kindes nahe den hinteren Türen. Und dann hob Kane die Hand – nur ein wenig, gerade genug –, und alles verstummte, als hätte jemand ein Kabel durchtrennt.
Sie hätte es damals schon wissen müssen. Sie war in diesem Saal aufgewachsen. Sie wusste, was diese spezielle Stille zu bedeuten hatte.
Sie stand in der Mitte des Raumes, denn dort verlangte es die Zeremonie von ihr: in jenem abgenutzten Kreis, der durch hundert Jahre von Paarungsritualen – lange vor ihrem eigenen – in das Holz gebrannt worden war. Ihre Hände waren vor ihr gefaltet, so wie ihre Tante es ihr beigebracht hatte – *lass sie nicht sehen, wie deine Hände zittern, Elena; die Hände verraten dich immer eher als dein Gesicht* – und sie hatte diese Haltung der Ruhe in den drei Nächten vor diesem Abend vor dem Spiegel geübt, ohne zu wissen, wofür sie eigentlich übte.
Kane stand ihr gegenüber, knapp zwei Meter entfernt – nah genug, dass sie sehen konnte, wie sich der Muskel an seinem Kiefer spannte. Er trug noch immer seinen Zeremonienmantel, das dunkelgrüne Stück mit dem aufgestickten Ashford-Wappen über dem Herzen; jenes Kleidungsstück, bei dessen Auswahl sie ihm vier Monate zuvor geholfen hatte, als sie noch glaubten, dieser Abend würde eine feierliche Bindung markieren – und nicht das, wozu er sich nun entwickelte.
Er sah sie nicht an. Das war das Zweite, was ihr auffiel, gleich nach der Stille. Sein Blick war irgendwo hinter ihrer Schulter fixiert, auf die Rückwand, auf die alten Rudelbanner, die verblasst und regungslos in der windstillen Halle hingen.
„Kane.“ Ihre Stimme klang schwächer, als sie es gewollt hatte. Sie hasste das augenblicklich.
Er antwortete nicht. Sein Kehlkopf bewegte sich. Irgendwo zu ihrer Linken verlagerte Ratsmitglied Reyes sein Gewicht, und das Geräusch seines Stiefels auf den Dielen war das lauteste Geräusch im ganzen Raum.
*Sag etwas*, dachte sie. *Was auch immer es ist.* Sag es einfach und hör auf, durch mich hindurchzusehen, als wäre ich schon längst fort.*
„Ich, Alpha Kane Ashford“, sagte er, und seine Stimme war auf eine Weise ruhig, die ihr einen Stich ins Herz versetzte – denn Ruhe bedeutete, dass die Worte einstudiert waren, und das wiederum hieß, dass diese Entscheidung nicht erst in den letzten fünf Minuten gefallen war –, „weise dich, Elena Voss, als meine Gefährtin zurück.“
Das Band riss nicht lautlos.
Sie hatte erwartet – falls sie überhaupt etwas erwartet hatte, falls nicht ein kleiner, zerbrochener Teil von ihr sich die ganze letzte Woche über eingeredet hätte, dass so etwas unmöglich geschehen könnte –, sie hatte erwartet, dass es sich wie Liebeskummer anfühlen würde. Wie Trauer. Wie etwas, das in der Brust saß und einen zum Weinen brachte.
Stattdessen fühlte es sich an, als würde etwas zerreißen. Nicht im übertragenen Sinne. Nicht dieser poetische Schmerz, über den Lieder geschrieben wurden. Es fühlte sich an, als würde ein monatelang straff gespanntes Seil plötzlich reißen; der Rückschlag fuhr ihr durch das Brustbein bis in die Kehle, und für eine schreckliche Sekunde glaubte sie, tatsächlich zu bluten – dass sie, wenn sie an sich herabsähe, etwas Dunkles sehen würde, das sich auf ihrem Kleid ausbreitete.
Sie sah nicht an sich herab. Sie ließ den Blick nicht von ihm abwenden.
Irgendwo hinter ihr keuchte eine Frau auf – sie glaubte, es sei Marisol, die drei Häuser weiter wohnte; die ihr in der Woche, als sich das Band gebildet hatte, einen Auflauf vorbeigebracht und gesagt hatte: *Ihr beide passt gut zusammen, das sehe ich doch* –, und das Geräusch schien von sehr weit her zu kommen, als befände sich Elena unter Wasser, während alle anderen an Land standen und ihr beim Ertrinken zusahen.
Kanes Kiefer war noch immer angespannt. Er hatte sich nicht bewegt. Er hatte sie kein einziges Mal angesehen, seit die Worte über seine Lippen gekommen waren.
„Warum?“, fragte sie.
Ihre Stimme klang fester, als sie sich fühlte. Später würde sie stolz darauf sein – nicht in diesem Moment, in dem Stolz das Letzte war, was ihr blieb, aber später, wenn sie wach in einer Wohnung lag, die noch nicht nach ihm roch, würde sie daran denken, dass ihre Stimme nicht gezittert hatte; und sie würde sich daran festhalten, so wie man sich an etwas Festem festhält, wenn unter einem alles andere weich und fremd geworden ist.
„Du weißt, warum“, sagte er.
Sie wusste es nicht. Das war das Schreckliche daran. Sie stand vor zweihundert Menschen, die miterlebt hatten, wie sie vor vier Monaten in dieses Band hineingeglitten war – die gesehen hatten, wie sie beim Erntefest zu laut über seine Witze gelacht, wie sie in der Dämmerung mit ihm durch das Revier des Rudels gestreift war, wie sich langsam etwas entwickelt hatte, an das sie geglaubt hatte –, und sie wusste nicht, warum er all dem vor ihren Augen ein Ende setzte, ohne Erklärung, als wäre sie eine Schuld, die er beglich, statt eines Menschen, für den er sich entschieden hatte.
„Ich weiß es nicht“, sagte sie. „Ich weiß nicht, warum. Sag es mir.“
In seinen Augen regte sich etwas. Nur für einen Augenblick – so kurz, dass sie sich noch Wochen später fragen würde, ob sie es sich nur eingebildet hatte – huschte sein Blick zu ihrem hinüber, und darin lag etwas, das so gar nicht zu seiner Stimme passen wollte. Etwas, das fast wie eine Entschuldigung wirkte oder vielleicht wie Angst, wenngleich sie sich nicht vorstellen konnte, was ein Alpha ausgerechnet vor ihr zu befürchten hätte.
Dann war es vorüber; sein Blick kehrte zu dem Punkt über ihrer Schulter zurück, und sein Gesicht verschloss sich wie eine Tür.
„Es ist vorbei, Elena.“ Er sprach ihren Namen aus, als kostete es ihn Überwindung. „Es gibt nichts mehr zu sagen.“
Da trat Reyes vor – geschmeidig wie Öl, die Hände hinter dem Rücken verschränkt in der Haltung eines Mannes, der etwas beaufsichtigte, dessen Überwachung er schon lange angestrebt hatte. „Das Band ist gelöst“, verkündete er im Saal, und seine Stimme trug so weit, dass es offiziell und real wurde – dass es sich von einer privaten Grausamkeit in einen offiziellen Akt des Rudels verwandelte. „Lasst es alle wissen.“