Kapitel1
Kirrily Archers POV:
Der Regen in Byron Bay weckte immer wieder Erinnerungen, die ich vier Jahre lang zu begraben versucht hatte. Salzwasser. Kalter Beton. Der Geschmack der Demütigung. Vor vier Jahren, in einer stürmischen Nacht in Sydney, hatten mich Sicherheitsleute wie eine Verbrecherin aus dem Vance-Firmenturm hinausbegleitet. Ich hatte nur einen ramponierten Koffer bei mir gehabt, mein Ruf war zerstört gewesen, und ich hatte bereits begonnen, das Geheimnis zu verbergen, das unter meinem Herzen heranwuchs. Jetzt, jedes Mal, wenn Regen gegen die Fenster trommelte, erinnerte ich mich an jene Nacht. Ich zog langsam ein Tuch über den wetterfesten Esstisch, kaum bei der Sache. Draußen krachte der Pazifik gegen die dunklen Basaltfelsen unterhalb der Landzunge. Der Wind peitschte durch die Bäume und trieb Regenschleier gegen das Erkerfenster. Byron Bay sollte eigentlich ein Zufluchtsort sein.
Eine ruhige Küstenstadt, in die Menschen kamen, um zu verschwinden, neu anzufangen oder sich ein sanfteres Leben aufzubauen. Ich war nicht wegen all dem hierhergekommen. Ich war hierhergekommen, um zu überleben.
Und während ich überlebte, hatte ich mich zu etwas viel Härterem geschliffen als die Frau, die vor vier Jahren Sydney verlassen hatte.
„Mama, schau!“
Ich blickte hinüber zum Wohnzimmer. Der vierjährige Toby saß im Schneidersitz auf dem Teppich, umgeben von Holzklötzen. Mit beiden Händen hielt er einen schiefen Turm in die Höhe, sein Gesicht strahlte vor Stolz.
„Der Sturm hat ein riesiges Schloss gebaut!“
Gegen meinen Willen musste ich lächeln.
„Das hat er wirklich.“
Ich stützte eine Hand in meinen unteren Rücken und betrachtete sein Werk. „Es ist prächtig, Tobes. Halt es einfach vom Fenster fern, ja? Der Wind wird stärker.“ Seine kleine Stirn legte sich in Falten. „Wird der Sturm es umwerfen?“ „Nicht, solange ich hier bin.“ Er überlegte ernsthaft über meine Antwort nach, bevor er nickte. „Okay.“ Er wandte sich wieder seinem Schloss zu. Ich beobachtete ihn noch einen Moment länger. Es gab Tage, an denen ich meinen Sohn ansah und nicht glauben konnte, wie schnell vier Jahre vergangen waren.
Er hatte meine olivfarbene Haut und das weiche, dunkle Haar meiner Schwester.
Doch seine Augen …
Die gehörten seinem Vater, metallisch silbergrau. Dieselben Augen, die mich einst mit Liebe angesehen hatten. Dieselben Augen, die mich am Ende angesehen hatten, als wäre ich der schlimmste Fehler in Lachlan Vances Leben. Ich schluckte den Schmerz hinunter, der in meiner Kehle aufstieg, und wandte mich ab. An der Oberfläche war ich einfach nur Kirrily Archer, eine stille alleinerziehende Mutter, die in einem kleinen gemieteten Cottage mit Meerblick lebte. Die Einheimischen kannten mich als die zurückhaltende Frau, die für sich blieb. Die Frau, die ihre Miete pünktlich zahlte, selten in die Stadt ging und vor Sonnenaufgang die Küstenwege entlanglief. Sie wussten nichts von der Frau, die in der Ecke meines Esszimmers hinter den Monitoren saß.
Ich zog meinen Stuhl heraus und setzte mich. Das leise Summen meines Computers erfüllte den Raum. Drei Sicherheitsabfragen erschienen, ich bestätigte sie. Dann kam die Passphrase, vierundzwanzig Zeichen. Ich tippte sie aus dem Gedächtnis. Der letzte Bildschirm öffnete sich.
„ARCHANGEL“
Meine Finger legten sich auf die Tastatur. Der vertraute Rhythmus der Zahlen füllte die Monitore. Daten der australischen Börse strömten über die Bildschirme – Orderbücher, Liquiditätsbewegungen, institutionelle Handelsgeschäfte, notleidende Vermögenswerte. Für jeden anderen hätte es wie bedeutungslose Informationen ausgesehen, doch für mich war es eine Sprache. Eine Sprache, die ich vier Jahre lang fließend zu sprechen gelernt hatte.
Vor vier Jahren hatte Lachlan geglaubt, er habe mir alles genommen. Er hatte geglaubt, ich hätte ihn verraten. Dass ich die Baupläne von Vance Green Energy an seine Konkurrenten weitergegeben hätte. Dass ich ihn wegen Geld und Status geheiratet hätte, bevor ich ihm in den Rücken fiel. Er hatte sich geirrt, schrecklich geirrt. Während Lachlan öffentlich meinen Namen zerfetzte, hatte ich im Verborgenen Archangel aufgebaut. Ich hatte Briefkastenfirmen gegründet und Geld über legitime Kanäle bewegt. Notleidende Schulden aus Vance Enterprises' angeschlagenen Tochtergesellschaften hatte ich Stück für Stück aufgekauft – ich hatte Teile seines Imperiums am Leben erhalten.
Nicht, weil ich ihn liebte, nicht mehr.
Ich brauchte Vance Enterprises zahlungsfähig.
Weil ich eines Tages, wenn die Zeit reif war, vorhatte, es ihm wegzunehmen. Doch das war nicht einmal der wichtigste Grund. Mein Blick wanderte zu der kleinen Benachrichtigung, die in der unteren Ecke meines Bildschirms aufgetaucht war.
Mir stockte der Atem.
PATIENTIN: TAHLIA ARCHER ZUSTAND: UNVERÄNDERT SEDIERUNG: STABIL
Tahlia. Meine kleine Schwester.
Meine Finger krallten sich um die Tischkante. Vor vier Jahren war sie gesund gewesen, brillant und unmöglich stillzuhalten. Jetzt lag sie in einer Privatklinik in Sydney, gefangen in einem Körper, der sich weigerte, aufzuwachen.
Die Ärzte nannten es eine seltene neurologische Erkrankung. Ich hatte längst aufgehört, ihnen zu glauben. Ich schloss die Augen. Ich konnte noch immer das Flüstern von vor vier Jahren hören.
„Sag ein einziges Wort darüber, wer wirklich diese Dateien mitgenommen hat, Kirrily, und Tahlia wird die Nacht nicht überleben.“
Sie hatten geglaubt, diese Drohung würde mich für immer zum Schweigen bringen. Sie hatten mich unterschätzt.
Und sie hatten mit Sicherheit unterschätzt, wozu eine Frau bereit war, wenn das Leben ihrer Schwester und ihres Kindes auf dem Spiel standen. Ich öffnete die Augen wieder – die Schwäche war verschwunden.
„Mama?“
Tobys Stimme holte mich zurück. Ich drehte mich um. Er starrte mich vom Teppich aus an.
„Schläft Tahlia noch?“
Ich zwang mir ein Lächeln ab.
„Sie ruht sich aus, mein Schatz.“
„Wird sie bald aufwachen?“
Meine Brust zog sich zusammen.
„Die Ärzte kümmern sich um sie.“
Vorerst.
Bis ich ihnen die Klinik unter dem Hintern wegkaufte.
Ich wandte mich wieder dem Computer zu. Der nächste Schritt wartete bereits. Archangel hatte sich seit Wochen darauf vorbereitet. Heute würde ich meinen ersten ernsthaften Schlag gegen Vance Enterprises führen. Mein Cursor schwebte über dem Ausführen-Button.
Zwei Prozent.
Mehr brauchte ich nicht.
Zwei Prozent der stimmberechtigten Aktien an Vances wichtigster Logistik-Tochtergesellschaft. Klein genug, um unbedeutend zu wirken. Groß genug, um die richtigen Alarme auszulösen. Und sobald diese Alarme losgingen, würde eine Person den Namen sehen, der mit der Transaktion verknüpft war.
„Lachlan.“
Mein Herz begann zu hämmern.
Das war der Moment, auf den ich mich vorbereitet hatte. Vier Jahre lang hatte ich mich versteckt. Heute trat ich aus dem Schatten heraus. Ich sah auf den Bildschirm.
„Für Tahlia“, flüsterte ich.
Dann klickte ich.
Die Order wurde ausgeführt.
ORDER AUSGEFÜHRT: 2.400.000 AKTIEN ERWORBEN ENTITÄT: ARCHANGEL HOLDINGS
Ich lehnte mich zurück und stieß langsam den Atem aus. Dann vibrierte mein abgesichertes Telefon.
Einmal, zweimal. Meine Augen verengten sich. Nur eine Person hatte Zugang zu dieser Nummer. Ich nahm ab.
„Kirrily.“
Die Stimme am anderen Ende war durch den Verschlüsseler verzerrt.
„Sprich.“
„Es ist durchgegangen.“
„Ich weiß.“
„Du musst deine lokalen Knotenpunkte abschalten.“ Ich runzelte die Stirn. „Warum?“
„Der Handel war nicht so sauber, wie du dachtest.“ Mein Blick wanderte zu Toby. Er war beschäftigt damit, sein Schloss wieder aufzubauen.
„Erklär's mir.“
„Vor fünf Minuten hat jemand direkt aus dem Büro des CEOs eine hochprioritäre Sonderfreigabe autorisiert.“ Mein Magen zog sich zusammen.
„Lachlan?“
„Er hat nicht auf die Aufsichtsbehörden gewartet. Er hat sie komplett umgangen.“ Mein Griff um das Telefon verkrampfte sich.
„Das ist unmöglich.“
„Ist es nicht.“
Eine Pause.
Dann die Worte, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließen. „Er hat ein privates Ermittlerteam eingesetzt.“
Ich stand auf.
„Wie viel haben sie zurückverfolgt?“
„Genug.“
„Genug, wofür?“
„Sie wissen, dass der Käufer nicht in London oder Singapur sitzt.“ Mein Puls beschleunigte sich.
„Sie haben es auf New South Wales eingegrenzt.“
Stille.
Dann…
„Kirrily … sie sind unterwegs.“
Ich blickte zum Fenster.
Der Regen schien plötzlich viel lauter.
Mein Mund wurde trocken. „Wie lange?“ „Nicht lange.“
Die Leitung war tot.
Ich starrte auf das Telefon.
Dann hörte ich es.
Ein tiefes Motorengrollen draußen.
Langsam.
Kraftvoll.
Kam näher.
Toby hörte auf zu spielen.
„Mama?“
Ich wandte mich ihm zu.
„Wer ist das?“
Ich antwortete nicht.
Ich ging zum Fenster.
Jeder Instinkt in mir schrie, mich fernzuhalten. Ich ignorierte ihn. Mit zitternden Fingern zog ich den Vorhang gerade weit genug beiseite, um durch die Scheibe zu sehen. Eine schwarze Luxuslimousine stand in der Einfahrt. Die Fahrertür öffnete sich. Ein großgewachsener Mann trat hinaus in den Regen. Breite Schultern, dunkler Mantel, schwarzer Regenschirm.
Mir stockte der Atem.
Manche Silhouetten erkennt eine Frau auch nach vier Jahren noch wieder.
Diese kannte ich.
Ich hatte einst jede Linie dieses Körpers gekannt.
Jede Bewegung.
Jeden Ausdruck.
Meine Hand sank vom Vorhang herab.
Lachlan Vance hatte mich gefunden.
Und diesmal gab es nirgendwo mehr, wohin ich fliehen konnte …