Sie erschrak plötzlich, denn Joshuas Tür knallte zu. Was war jetzt schon wieder passiert?, dachte sich Amy. Vielleicht hatte er wieder seine Schwester am Telefon. Sie hörte Schritte, es war Joshua, der sich wieder ihrem Zimmer näherte. Angst stieg in ihr hoch, auch wenn sie noch nicht wusste, warum er wieder so verärgert war. Doch diesmal war er nicht nur verärgert, nein, diesmal schien er zu platzen vor Wut.
Er schlug die Tür so weit auf das sie gegen die Wand schlug. Amy zuckte zusammen.
„Wie lange geht das schon? Wie lange, Amy?" brüllte er los.
Amy war perplex, was bitte meinte er damit? Wie lange geht was? Sie schaute ihn fragend an, jedoch ohne ein Wort zu sagen. Zu groß war die Furcht vor dem was jetzt kommen könnte.
Er kam mit schnellen Schritten auf sie zu, griff sie am Hals und drückte sie gegen die Wand. Panisch versuchte sie nach Luft zu schnappen und sie bemerkte, wie ihr Körper zu zittern anfing.
„Ich erwarte eine Antwort! „Er hörte auf zu brüllen, hatte aber diesen Unterton in seiner Stimme. Diesen Unterton, den er immer hatte, bevor es zwischen ihnen wieder eskalieren würde. Wie lange ruft er dich schon an? Oder kommt er vorbei, wenn ich nicht da bin? Treibst du es mit diesem Michael? Mit einem Verlierer wie ihm, wirklich, Amy?"
Jetzt wusste sie wer am Telefon war. Es war Michael! Sie hatte ihm doch gesagt, dass er sie nicht mehr anrufen sollte. Sie hatte es vorhergesehen, dass so etwas passieren würde. Warum tat er ihr das an?
Amy schaute Joshua in die Augen. Seine Stimme wurde leiser und er sah verzweifelt aus. Amy nutzte diese Chance um ihren Hals aus seinem Griff zu befreien. Sie suchte verzweifelt nach einem Ausweg, doch musste sie erst an ihm vorbei, um zur Zimmertür zu gelangen. Sie schaute zum Badezimmer. Sie musste es nur schaffen, zur Badezimmertür zu gelangen, dann könnte sie sich einsperren bis er sich beruhigte. Sie schaute Joshua noch einmal an, er starrte sie an. „Wo willst du hin, Amy?“ Die Angst, die sie vor ihm hatte, wurde unerträglich, doch auf einmal rannte sie Richtung Tür.
Gerade als sie dachte, dass sie es schaffen würde, ergriff er sie an den Haaren und zog sie zurück zu sich.
Sie zitterte. „Er hat ein paar Mal angerufen. Ich habe eine Ewigkeit nichts mehr von ihm gehört, bitte Joshua, glaube mir doch!“, flehte sie ihn an mit Tränen im Gesicht. Er lächelte etwas und küsste sie. Für einen Moment dachte, sie dass er ihr glauben würde, doch dann gab er ihr eine Ohrfeige. Dann küsste er sie noch einmal. „Du lügst!“, flüsterte er ihr ins Ohr und gab ihr erneut eine Ohrfeige.
Sie fühlte sich sehr schwach. Zu schwach, um noch einmal zu versuchen zur Tür zu rennen. Sie schien förmlich in seine Armen zu fallen, so geschwächt war sie von seinen Ohrfeigen.
„Amy, Amy, Amy! Wann wirst du endlich akzeptieren, dass du zu mir gehörst. Wir sind füreinander bestimmt, das wusste ich schon als ich dich damals sah. Ich war dein erster und werde dein letzter sein. Wir bleiben immer zusammen, Amy! Bis dass der Tod uns scheidet!“, sagte er und führte Amy zum Bett.
„Bitte, nein Joshua! Bitte!“, flehte sie ihn an. Doch er fing an sie auszuziehen.
„Du gehörst mir, vergiss das niemals. Du gehörst nur mir!“, sagte er immer wieder, als er in sie eindrang. Sie wusste, dass sie ihm hilflos ausgeliefert war und dass sie es lieber über sich ergehen lassen sollte, als sich zu wehren. Das würde alles nur noch schlimmer machen.
Als er endlich von ihr abließ, ging er nicht wie üblich aus dem Zimmer, sondern blieb bei ihr. Er ließ das Abendessen auf das Zimmer bringen. Er wollte einfach nur die ganze Nacht bei ihr bleiben. Er hatte sie sehr vermisst und ließ sich nicht davon abbringen bei ihr zu schlafen.
Am nächsten Morgen, als Amy wach wurde, lag eine Rose mit einer Notiz auf dem Kissen neben ihr. Sie war etwas irritiert, normalerweise ließ er keine Rosen auf ihrem Bett liegen.
„Guten Morgen mein Schatz. Die Nacht mit dir war schön. Ich freue mich schon auf heute Abend!“, las sie auf der Notiz.
Sie dachte einen Moment lang nach. Wenn diese Notiz von irgendjemand anders gekommen wäre, wäre es wirklich eine traumhafte Geste gewesen, aber allein, dass diese Notiz von Joshua war, kam in ihr ein ungutes Gefühl hoch.
Er hatte sie wohl wirklich vermisst, aber das interessierte sie wirklich nicht, obwohl sie merkte, wie sie diese Rose immer wieder anschaute und darüber nachdachte, wie süß diese Geste doch sei.
Sie ging erst einmal duschen, denn sie wollte die Berührungen von ihm, von gestern Nacht, wegwaschen. Sie fühlte sich dreckig. Jedes Mal, wenn er sie berührte, spürte sie eine Art Dreck, der an ihr haften blieb. Doch blieb ihr nichts anderes übrig als es zu ertragen, dann endlich konnte sie duschen gehen, um seine Berührungen, seinen Geruch und alles andere, was er mit ihr gemacht hatte, von sich abzuwaschen. Das beruhigte sie immer etwas.
Sie wusste, dass Joshua erst frühestens am Nachmittag wieder zuhause sein würde, also nutzte sie diese Gelegenheit, um zum Kinosaal zu gehen und sich noch einmal mit dem Inhalt der Schachtel auseinanderzusetzen.
Sie ging nach dem Frühstück mit gemischten Gefühlen los. Zum einen hatte sie das Gefühl, dass sie endlich wissen musste, was zwischen ihm und Denise wirklich war, und vielleicht würde sie auch Antworten darauf finden, warum Joshua war wie er war. Doch auf der anderen Seite hatte sie Angst, die Wahrheit zu erfahren und wusste auch nicht genau, ob sie mit der Wahrheit umgehen könnte. Doch sie ging los, ihre Neugier was definitiv größer als ihre Angst vor der Wahrheit.
Amy zögerte noch etwas als sie vor der Tür des Kinosaals stand. Würde sie wirklich nun das Richtige tun, indem sie diese alten Briefe las? Wollte sie diese Briefe denn unbedingt lesen und was erhoffte sie sich davon? Einen Moment lang sah sie sich selbst aus dem Gebäude gehen, ohne auch nur die Schachtel wieder geöffnet zu haben. Ohne auch nur einen Brief gelesen zu haben. Doch sie stand immer noch da und nachdem sie sich selbst gesagt hatte, dass sie ein Recht darauf hatte zu wissen, was dort vorgefallen war, ging sie hinein und direkt zu der Schublade, in der sie die Schachtel hatte liegen sehen.
Sie zögerte wieder, doch öffnete sie auf einmal ruckartig die Schublade und holte die Briefe aus der Schachtel. Wieder sah sie die Fotos, auf denen er mit Denise zu sehen war. Auf einem Bild waren sie eng umschlungen und auf einem anderen Bild leckte sie an seinem Ohrläppchen. Das war kein einfaches Bruder-Schwester-Verhältnis, da steckte mehr dahinter. Es sah sehr nach Intimität aus. Doch vielleicht war es auch nur Spielerei für ein tolles Bild. Sie versuchte sich selbst zu sagen, dass sie es war, die etwas anderes in den Bildern sah als ein Geschwisterpaar. Vielleicht hatte sie nur eine sehr gute Fantasie. Oder war sie eifersüchtig und empfand doch mehr für Joshua, als sie sich eingestand?
Sie musste sich kurz fangen um ihre Gedanken zu ordnen. Mit Sicherheit empfand sie nichts für Joshua, zumindest nichts, was mit Liebe und Zuneigung zu tun haben könnte.
Sie musste diese Briefe lesen, um Klarheit zu bekommen und somit fing sie mit dem ersten Brief an.
Mein geliebter Joshua
Seit ein paar Wochen habe ich nun einen Freund, wie du weißt. Aber immer, wenn ich ihn anschaue, sehe ich dich. Ich küsse ihn und stelle mir vor, dass es deine Lippen sind, die die meinen berühren. Ich weiß, dass ich mit dir nicht zusammen sein darf, daher habe ich ihn - nur zum Schein, aber mein Herz wird immer dir gehören und mein Körper wird sich immer nach deinem Sehnen, mein Liebster. Du bist das Licht in meiner Seele und niemand kann mir geben, was du mir geben kannst. Nichts und niemand wird es schaffen, uns auseinanderzubringen. Ich sehne mich so sehr nach dir.
Ich freue mich schon, dich wieder zu sehen und endlich in deinen Armen zu liegen.
Ich liebe dich
Denise