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921 Words
Min „Du hast gelogen und gesagt, du hättest kein Kind?“ Kuno lag längst sicher im Bett, und wir saßen mit der zweiten Flasche Wein am Küchentisch. „Die Formulare waren ewig lang, ich saß bestimmt eine Stunde daran. Ich weiß selbst nicht, warum ich das geschrieben habe. Es ist einfach passiert.“ Ingrid runzelte die Stirn. „Ich verstehe einfach nicht, warum du gelogen hast. Es ist doch nichts Falsches daran, Kinder zu haben, Minna.“ Ich ließ die Luft resigniert aus meinen Lungen. „Ich weiß. Aber ich wusste doch nicht, dass ich ihm über den Weg laufen würde, als ich das ausgefüllt habe.“ Ihr Blick hielt meinen fest. „Ich will nicht beurteilt werden oder Sonderbehandlung bekommen, nur weil ich alleinerziehend bin.“ „Das wirst du nicht.“ „Doch. Ich kenne das. Dann kommt dieses ganze ‚Du darfst zuerst gehen, dein Kind wartet‘-Gelaber. Oder: ‚Überstunden gehen nicht, du hast ja ein Kind zu Hause.‘“ Ingrid sah mich traurig an. „Aber was ist, wenn du ihn magst und er dich nach einem Date fragt?“ „Wird er nicht.“ „Vielleicht doch. Er hat sich an dich erinnert. Das heißt etwas.“ Sie lächelte hoffnungsvoll. Ich verdrehte die Augen und leerte mein Glas. „Glaub mir. Sobald er erfährt, dass ich ein Kind habe, verliert er sofort das Interesse. Dann bin ich nur noch irgendjemandes Mutter, die niemand mehr braucht.“ Ingrid presste die Lippen zusammen, dachte nach. „Du musst es ihm sagen. Damit ihr, falls es eine Chance gibt, wieder anknüpfen könnt.“ Ich hielt ihrem Blick stand. „Du redest seit Jahren von diesem Mann, vergleichst jeden mit ihm, und jetzt taucht er durch irgendeine absurde Laune des Schicksals wieder in deinem Leben auf… und du beginnst das Ganze mit Lügen. Was stimmt nicht mit dir?“ „Oh Gott, ich weiß es nicht.“ Ich ließ den Kopf in die Hände fallen. „Ich war überfordert. Er ist so unfassbar attraktiv, und die Frauen fallen reihenweise in Ohnmacht. Ich habe mich einfach so verdammt alt gefühlt.“ „Geh morgen rein und sag ihm alles. Sag ihm, dass du dich erinnerst. Sag ihm, dass du einen Sohn hast. Und sag ihm, dass du herausfinden willst, ob da noch etwas zwischen euch ist.“ „Das sage ich ganz sicher nicht.“ Ich verzog das Gesicht. „‚Ich will herausfinden, ob da noch etwas zwischen uns ist.‘ Das klingt wie eine Naturdoku von David Attenborough.“ Sie lachte. „Wie sieht er aus?“ „Ich habe noch nie einen Mann gesehen, der so heiß ist.“ Ich warf den Kopf zurück. „Der könnte mich ernsthaft ruinieren.“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich bin praktisch wieder Jungfrau.“ „Hast du ein Foto von ihm gemacht?“ Ich verzog erneut das Gesicht. „Bist du irre? Ich mache doch kein verdammtes Foto von ihm.“ Ich schnaubte. „‚Oh, meine Freundin will wissen, wie du aussiehst. Darf ich kurz ein Bild machen?‘“ Sie lachte, dann wurden wir beide still, jeder in seine Gedanken versunken. „Was wirst du tun?“ fragte sie schließlich. „Also, erstens: Ich ziehe morgen meine Arbeitsklamotten richtig an und sehe heiß aus.“ Ich kniff die Augen zusammen. „Zweitens ziehe ich ihn in ein Büro und gestehe meine Lüge.“ „Du solltest ihn küssen.“ „Was?“ Ich grinste. „Stell dir das mal vor. Du siehst unfassbar sexy aus, bittest ihn ins Büro und küsst ihn richtig verführerisch.“ Ich sah sie reglos an. „Das ist mein Job. Und es gibt Regeln, die ich nicht brechen darf.“ Sie lächelte und hob ihr Glas. „Ich möchte einen Toast aussprechen.“ Ich nahm einen Schluck Wein und hob mein Glas. „Aufs Regelnbrechen. In Büros, auf Schreibtischen, mit Ärzten.“ Ich lachte und zog mir prompt Wein durch die Nase, hustete wie verrückt. „Hör auf! Ich verführe keinen Arzt auf einem Schreibtisch. Ich werde gefeuert.“ „Oder richtig durchgenommen.“ Ich hustete weiter, lachte gleichzeitig. Dann beugte sie sich näher zu mir, die Augen funkelnd. „Du weißt genau, dass du es willst.“ Ich erstarrte mitten im Lachen, plötzlich schmerzhaft bewusst, wie nah sie war—und wie gefährlich viel Spaß das hier machte. „Ingrid“, flüsterte ich und schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht.“ „Doch, kannst du.“ Sie grinste und hob ihr Glas. „Aufs Regelnbrechen.“ Ich stieß mit ihr an, und wir tranken. „Also“, sagte Inge und stellte ihr Glas ab. „Du gehst morgen rein, siehst heiß aus, ziehst ihn in ein Büro und küsst ihn.“ „Ich hasse es, deine Illusion zu zerstören, Inge, aber…“ Ingrid beugte sich vor, die Ellbogen auf dem Tisch, ihr Blick fest auf mich gerichtet. „Sag mir eins, Min.“ „Was?“ „Wenn du deine Lüge gestehst“, sagte sie und machte Anführungszeichen in die Luft, „sagst du ihm dann auch, dass Kuno sein Sohn ist?“ Mein Blut gefror zu Eis. „Denn“, fuhr sie fort, ihre Stimme plötzlich tödlich ruhig, „wenn du ihn verführst, ohne ihm zu sagen, dass er ein Vater ist…“ Sie beugte sich noch näher vor. „Dann wirst du nicht nur gefeuert.“ Sie sah mir direkt in die Augen. „Dann kommst du in die Hölle.“
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