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1069 Words
Min „Ich fürchte, das kann nicht warten, Karl.“ Ein großer, attraktiver Mann öffnete die Tür und steckte den Kopf hinein, seine Augen schweiften zwischen uns hin und her. „Störe ich gerade?“ Dr. Reich kratzte sich frustriert am Kopf. „Offensichtlich schon.“ Er deutete auf mich. „Minna, das ist Niklas Moritz, mein Partner.“ Oh nein, mein anderer Chef. Ich sprang auf. „Hallo.“ Ich schüttelte seine Hand. „Freut mich.“ Ich lächelte. „Minna König?“ fragte er. Ich nickte. „Ja.“ „Ah, dann bist du also bei mir.“ Er lächelte breit. „Nein. Sie ist bei mir,“ erwiderte Dr. Reich knapp. Moritz’ Blick huschte zwischen uns hin und her. „Aber ich dachte—“ „Planänderung,“ unterbrach Karl. Moritz zwang sich zu einem Lächeln. „Nun gut, dann überlasse ich euch seine fähigen Hände.“ Ich nickte nervös und sah zu Dr. Reich hinüber. Das war unangenehm. „Karl, können wir kurz nach draußen gehen?“ „Klar.“ Sein Blick fiel auf mich. „Willst du, dass ich weitermache mit dem Akten sortieren?“ fragte ich. Er runzelte die Stirn. „Nein, lass das lieber, wir machen später weiter. Setz dich, Will. Wir reden hier drinnen.“ Ich stand auf und ging zur Tür. „Minna?“ rief Dr. Moritz. Ich drehte mich noch einmal um. „Ja?“ „Wir veranstalten heute Nachmittag auf Ebene zwei einen kleinen Empfang bei Kaffee. Kommst du auch?“ Er lächelte freundlich. „Danke, das wäre schön.“ „Dann sehen wir uns um zwei.“ Ich nickte und verließ den Raum, ohne noch einmal zu meinem Traummann Dr. Hamburg zu schauen. Das war knapp. Ich schaute auf die Uhr, während die Kassiererin meinen Einkauf eintippte. Ich kaute die letzten Bissen meines Sandwichs und wartete ungeduldig. Ich war hungrig gewesen und hätte keine Minute länger warten können. In meiner Mittagspause war ich kurz in einen Laden gesprungen, um etwas zu besorgen. Ich konnte einfach nicht widerstehen. Ich konnte mir nicht vorstellen, auf meine liebste Beschäftigung der Welt zu verzichten. Sie reichte mir die braune Papiertüte. „Bitte schön. Viel Spaß.“ Sie lächelte. Ich nahm das Paket. „Danke, Ihnen auch einen schönen Tag.“ Schnell verließ ich den Laden und eilte zurück zu meinem Auto. Fünfzehn Minuten später stand ich vor Bertas Zimmer. Ihr kleines Gesicht hellte sich auf, als sie mich sah. „Hallo, Minna.“ Sie lächelte. So flink im Kopf wie ein kleiner Wirbelwind. „Hallo, du erinnerst dich an meinen Namen?“ Ich lächelte. „Ich habe dir etwas mitgebracht.“ Ihr Gesicht strahlte. „Für mich?“ Ich lächelte und reichte ihr die kleine braune Tüte. Ihre Augen suchten meine. „Was ist es denn, Liebes?“ „Mach sie auf.“ Sie lächelte, während ihre zarten Hände kämpften, das Klebeband zu öffnen, und ich wartete geduldig, neugierig, wie lange es wohl her war, dass sie ein Geschenk bekommen hatte. Endlich hatte sie es auf und zog den Inhalt heraus. Ihr Gesicht verfinsterte sich kurz, dann schnappte sie nach Luft. „Oh…“ Sie legte die kleine Hand auf den Mund. „Du hast daran gedacht?“ Sie öffnete die gebundene Ausgabe von The Duke and I, die ich ihr gerade gekauft hatte. Stolz lächelte ich. „Ich habe dir doch gesagt, das ist auch mein Lieblingsbuch. Ich wollte, dass du eine Ausgabe im Krankenhaus hast.“ Tränen stiegen ihr in die Augen. „Danke,“ flüsterte sie, während sie auf das Buch blickte. „Das ist die aufmerksamste Geste, die mir seit… ich weiß gar nicht mehr wie lange jemand erwiesen hat.“ „Gern geschehen.“ Ich nahm ihre Hand und setzte mich neben sie auf den Stuhl. Dr. Reich hatte gesagt, sie habe keine überlebenden Angehörigen. Wie lange war sie schon allein? „Hast du Zeit, mir eine Seite vorzulesen, Liebes?“ fragte sie. „Es ist okay, wenn nicht, es ist unhöflich von mir, das zu verlangen.“ Ich sah auf die Uhr. Fünfzehn Minuten hatte ich noch. „Ja, aber nur zehn Minuten, okay?“ Berta strahlte vor Aufregung und lehnte sich zurück, während ich das Buch aufschlug, mit einem breiten Lächeln. Ich fühlte mich selbst, als würde ich eine kleine, kostbare Zeitreise erleben. Ich zog die Beine unter mich und begann zu lesen. Während ich las, bewegten sich die Charaktere im Buch, spürbar lebendig, und ich musste mehrmals blinzeln, um die Tränen zu halten. Ich hatte das Gefühl, ich schenke einer alten Frau einen letzten besonderen Moment, bevor sie geht. Plötzlich war das meine wichtigste Aufgabe überhaupt. Berta lag im Bett, die Hände fest ineinandergelegt, ein großes Lächeln auf ihrem Gesicht, während sie aufmerksam lauschte. „Hast du deinen Mr. Simon gefunden?“ fragte sie schließlich. Ich lachte und schüttelte den Kopf. „So Männer wie früher gibt es kaum noch, Berta. Heutzutage scheinen wir nur noch eindimensionale Männer zu bekommen.“ Ihre weisen Augen hielten die meinen. „Und du willst einen dreidimensionalen Mann?“ Ich nickte und lächelte sanft. „Ja. Geist, Körper und Seele.“ „Und du triffst nur die, die den Körper wollen?“ Ich nickte traurig. „Scheint so.“ Sie streckte ihre Hand aus, und ich nahm sie. „Dein Mr. Simon wird schon noch zu dir kommen,“ flüsterte sie. Ich lächelte und drückte ihre Hand. „Vielleicht.“ Ich sah auf die Uhr. Fünf Minuten waren noch übrig. Dr. Reich lehnte am Türrahmen, als ich die letzten Zeilen vorgelesen hatte. Ich saß nervös aufrecht und schloss das Buch. „Ich… ich lese nur Berta vor,“ stammelte ich. Er lächelte sanft. „Das habe ich gehört.“ Seine Augen hatten einen warmen Glanz, den ich zuvor nie gesehen hatte. Was war das für ein Blick? „Berta, können wir morgen weitermachen?“ fragte ich, die Augen auf sie gerichtet. „Ja, Liebes, danke dir. Du hast mich so glücklich gemacht.“ Ich lächelte, stellte das Buch auf ihren Nachttisch, und sie streckte die Hand aus. „Kannst du mir das Buch geben, Minna?“ „Willst du versuchen zu lesen?“ fragte ich. Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich will nur mit ihm schlafen.“ Überwältigt von Emotionen reichte ich ihr das Buch, hielt den Blick gesenkt und schlich aus dem Zimmer, bevor Karl meine Tränen sehen konnte. Ich wollte nicht allein sterben.
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