Ein Dienstmädchen-Outfit lag vor der Tür. Offenbar hatte es jemand dort abgelegt, nachdem kurz angeklopft worden war. Rose seufzte, war aber dankbar für die frische Kleidung.
Nachdem sie geduscht hatte – erfrischt und etwas erleichtert –, zog sie sich um. Doch nun wusste sie nicht, was sie tun sollte. Niemand sprach mit ihr. Sie wurde ignoriert und praktisch in ihrem Zimmer eingesperrt, als würde sie im Haushalt der Cavanaughs gar nicht existieren.
Sogar ihr Essen wurde auf einem Tablett vor die Tür gestellt, als wäre sie eine Gefangene.
„Vielleicht sollte ich mal rausgehen“, murmelte Rose vor sich hin.
Doch als sie das Zimmer verließ, fühlte sie sich kein bisschen besser. Im Gegenteil, ihre Nervosität wurde noch größer. Was, wenn sie Letty oder Nicole begegnete? Würden sie wieder Streit anfangen? Rose war nie gut mit Konfrontationen umgegangen.
Die einzigen Rivalen, die sie jemals gehabt hatte, stammten aus ihrem Kampfsporttraining. Doch das war nur ein Sport gewesen. Dort gab es weder Hass noch echte Feindschaft.
Nun, da sie Romildas Rolle spielte, war ihre Welt völlig auf den Kopf gestellt worden.
Sie ging die Treppe hinunter und bemerkte Matteo, der gerade durch die Haustür hereinkam. Als er sie sah, beschleunigte er seine Schritte.
Rose versteifte sich sofort.
„Ich gehe nur zurück auf mein Zimmer. Ich habe nicht vor wegzugehen.“
„Oh doch, das hast du.“ Matteo blieb vor ihr stehen. „Mit mir.“
Rose runzelte die Stirn.
„Wohin?“
„In die Flitterwochen.“
Dann drehte Matteo sich um und ging wieder zur Haustür.
Verwirrt blinzelte Rose, folgte ihm jedoch.
„Ich dachte, du wolltest gar keine Flitterwochen machen?“, fragte sie vorsichtig.
„Du warst diejenige, die sich geweigert hat.“
„Ich habe gesagt, dass ich nicht ins Ausland reisen möchte.“
Matteo blieb abrupt stehen.
„Ach so. Also willst du doch Flitterwochen?“
Sein Blick ließ Rose erschaudern.
Sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte. War das wieder eine von Romildas absurden Forderungen? Hatte Romilda eine endlose Liste unrealistischer Wünsche hinterlassen, die Rose nun erfüllen musste?
„Wenn nicht, ist das auch in Ordnung“, sagte Rose vorsichtig. „Ich möchte deswegen keinen Streit mit dir.“
„Hör auf mit dem Unsinn, Romilda! Ich weiß ganz genau, was für eine Person du bist!“
Rose schwieg.
Und was genau für eine Person war Romilda in Matteos Augen?
Elegant? Berechnend? Eine Goldgräberin? Eine skrupellose Hedonistin?
Sie traten nach draußen. Matteo stieg in den luxuriösen Wagen, der vor dem Eingang parkte.
Zögernd setzte Rose sich auf den Beifahrersitz. Matteo würdigte sie kaum eines Blickes, bevor er den Motor startete.
Der Wagen verließ das Anwesen der Familie Cavanaugh.
Rose hatte keine Ahnung, wohin sie fuhren.
...
Die Fahrt führte zunächst durch die Stadt, dann auf die Autobahn und schließlich in eine ruhige Küstenregion.
Die Straße stieg an und gab einen atemberaubenden Blick auf die Stadt frei.
Flitterwochen ... aber wo genau?, fragte sich Rose.
Schließlich bog das Auto auf einen schmalen Schotterweg ab und fuhr einige hundert Meter weiter, bis es vor einer rustikalen Holzhütte zum Stehen kam.
Verwirrt blinzelte Rose.
Matteo parkte den Wagen, stieg aus, nahm seine Laptop-Tasche vom Rücksitz und ging wortlos hinein.
„Na schön. Dann sehen wir mal, was du wirklich vorhast, Matteo“, murmelte Rose genervt.
Sie folgte ihm ins Innere und blieb sofort stehen.
Von außen wirkte die Hütte alt und heruntergekommen.
Innen jedoch war sie überraschend gemütlich.
Eine warme Atmosphäre erfüllte den Raum. Bequeme Sofas, ein Kamin, eine kleine, aber funktionale Küche und zwei Schlafzimmer.
Alles war ordentlich, als wäre es gerade erst gereinigt worden.
Matteo saß bereits auf dem Sofa, öffnete seinen Laptop und konzentrierte sich auf seine Arbeit.
Vorsichtig trat Rose näher.
„Was soll ich tun?“, fragte sie.
Matteo zuckte mit den Schultern.
„Was immer du willst.“
Rose ging in die Küche, überprüfte den Herd und drehte probeweise einen Regler.
Er funktionierte.
Dann öffnete sie den Kühlschrank.
Er war komplett leer.
Seufzend beschloss sie, durch die Hintertür hinauszugehen.
Dort entdeckte sie einen kleinen Gemüsegarten.
Reihen frischer Früchte und Gemüse wuchsen dort und warteten darauf, geerntet zu werden.
Rose kniete sich hin und grub einige Kartoffeln, Karotten und Tomaten aus.
Wenigstens würde sie zum Mittagessen etwas haben.
„Was machst du da?“
Matteos Stimme ließ sie zusammenzucken.
Die geernteten Gemüse fielen ihr aus den Händen und verstreuten sich auf dem Boden.
„E-Entschuldigung! Ich wollte nur einen Eintopf kochen. Es ist fast Mittag“, erklärte sie.
Matteo trat näher und verschränkte die Arme.
„Was versuchst du hier abzuziehen? Die unschuldige Hausangestellte von vor fünf Jahren zu spielen? Das süße, ehrliche und zuverlässige Mädchen?“
Rose starrte ihn verwirrt an.
Moment ... War Romilda einmal Dienstmädchen bei den Cavanaughs gewesen?
„Ich weiß nicht, wovon du sprichst, Matteo“, gestand sie.
„Wir sind bereits verheiratet, Romilda. Du musst diese Rolle nicht mehr spielen. Ehrlich gesagt sollte ich dir einen Preis verleihen – höher als einen Oscar – für deine jahrelange Hingabe, eine Heilige zu spielen!“
Matteo wollte gehen, doch Rose packte instinktiv seinen Arm.
„Warte!“
Er drehte sich um.
„Was jetzt?“
„Du bist wütend, weil du mich heiraten musstest und die Firmenanteile mit Ro— ... mit mir teilen musst?“
Matteo antwortete nicht.
Doch sein angespannter Kiefer sprach Bände.
„Was war das Schlimmste, das ich dir jemals angetan habe? Sag es mir klar und deutlich!“, drängte Rose.
„Jetzt spielst du auch noch Gedächtnisverlust?“
„Gut! Tun wir so, als hätte ich mein Gedächtnis verloren! Dann erklär es mir! Was habe ich getan, damit du mich und deine Schwestern so sehr hasst?“
Matteo schnaubte ungläubig.
„Unglaublich.“
„Du hast nicht einmal den Mut, es auszusprechen, oder?“
„Was hast du gerade gesagt?!“
Matteo trat näher.
Nur wenige Zentimeter trennten sie noch.
Seine Augen brannten vor Wut.
„Du hast die Zuneigung meines Vaters nie verdient, Romilda. Das war keine Liebe. Es war widerliche Begierde!“
Seine Stimme troff vor Hass.
„Glaubtest du wirklich, ich würde nicht merken, dass du nachts in sein Zimmer geschlichen bist? Du bist der Grund, warum meine Mutter in einer psychiatrischen Klinik ist! Weil sie herausgefunden hat, dass du die Geliebte meines Vaters warst!“
Rose erstarrte.
Ein weiteres Opfer aus Romildas dunkler Vergangenheit tauchte auf.
Anais Cavanaugh.
Matteos Mutter.
Die Grausamkeit von Romildas Taten traf Rose wie ein Schlag.
„Ich weiß, dass mein Vater dir Anteile hinterlassen wollte. Deshalb hat er dieses lächerliche Testament geschrieben. Aber du verdienst sie nicht, wenn du nicht Teil dieser Familie wirst!“, fauchte Matteo.
„Ich ... ich ...“
„Also ja, du hast gewonnen! Du hast die Liebe meines Vaters bekommen. Du hast meine Mutter zerstört. Und jetzt bist du meine Ehefrau. Was willst du noch mehr?“
„Matteo, ich ...“
„Und weißt du, warum Letty dich hasst? Vielleicht, weil du mit ihrem Ex-Mann geschlafen und ihre Ehe zerstört hast! Klingelt da etwas?“
Matteo stürmte zurück ins Haus.
Seine Schultern hoben und senkten sich schwer vor Wut.
Rose spürte, wie ihre Beine nachgaben.
Sie sank auf die Knie.
Die Erde unter ihr war kühl.
Tränen brannten in ihren Augen.
„Warum, Romilda? Warum warst du nur so ein Monster? Und jetzt erwartest du von mir, dass ich Matteos Meinung ändere und alles wieder in Ordnung bringe, nachdem du sie alle zerstört hast?“
*
Den gesamten Nachmittag verbrachte Rose im Hinterhof.
Sie wagte nicht, sich Matteo zu nähern.
Schuldgefühle nagten an ihrem Herzen, als wäre sie selbst für all das verantwortlich.
Zum Mittagessen hatte sie lediglich einen Eintopf für Matteo gekocht.
Nicht einmal wissend, ob er ihn überhaupt anrühren würde.
Als die Nacht hereinbrach, öffnete Matteo die Hintertür.
Sein Blick fiel auf Rose, die auf einem Stapel Brennholz saß.
„Komm rein!“, bellte Matteo scharf.
Rose folgte ihm ins Haus.
Doch plötzlich packte er ihren Arm und zog sie bis an das Bett.
Seine Augen bohrten sich in ihre.
„Spielst du immer noch die Naive, Romilda?“, fuhr er sie an.
„Was? Ich weiß nicht, wovon du sprichst!“
Matteo stemmte die Hände in die Hüften.
„Du kochst mir Eintopf? Du spielst die perfekte Ehefrau?“ knurrte er. „Sag mir einfach, wie viel Geld du willst! Ich bezahle dich! Aber halte dich von dem Erbe meiner Familie fern, du gierige Frau!“
„Matteo, ich ...“
Rose fehlten die Worte.
Wie sollte sie sich verteidigen?
Schließlich stimmte es ja, dass Romilda hinter dem Vermögen der Cavanaughs her war.
Plötzlich packte Matteo sie an den Schultern.
„Zieh dich aus“, befahl er.
Rose stieß seine Hände sofort weg und umklammerte schützend ihren Körper.
„Warum?“
„Du bist meine Frau!“
„Aber ...“
„Hör auf, die Unschuldige zu spielen, Romilda! Glaubst du, ich falle auf deine Falle herein? Genau das willst du doch, oder? Dass wir miteinander schlafen und du anschließend irgendeinen Beweis fälschst, dass du noch Jungfrau bist!“
„Wovon redest du überhaupt, Matteo?“
„Ich wette, du hast irgendeinen Trick vorbereitet, um alle davon zu überzeugen, dass du rein bist!“
Rose verstummte.
Sie zitterte.
Sie war tatsächlich noch Jungfrau.
Und seine Anschuldigungen brachen ihr das Herz.
„Wenn du dir so sicher bist, warum lässt du mich dann nicht von einem Arzt untersuchen?“, forderte Rose heraus. „Dann bekommst du deine Antwort!“
„Halt den Mund! Ich kenne Frauen wie dich!“
Matteo versuchte, sie auszuziehen.
Er riss die Knöpfe ihrer Bluse auf.
Rose schrie vor Angst auf und versuchte verzweifelt, sich zu wehren.
„Nein! Hör auf!“
„Dann sehen wir doch mal, ob du wirklich noch Jungfrau bist!“
Matteo schien taub für ihre Bitten.
Er drückte sie aufs Bett und begann grob, ihr die Kleidung vom Körper zu reißen.
Jeden Tritt und jeden Schlag blockte er mühelos ab.
„Hör auf! Bitte hör auf!“, schluchzte Rose.
Tränen liefen ihr über die Wangen.
Dann hielt Matteo plötzlich inne.
Schwer atmend stand er am Rand des Bettes.
„Verdammt!“, fluchte er.
Rose zog die zerrissenen Reste ihrer Kleidung hastig über ihren Körper und weinte unkontrolliert.
„Wir fahren zurück“, zischte Matteo.
Ohne sie anzusehen, verließ er die Hütte.
Rose kämpfte sich in ihre zerrissene Kleidung zurück und stolperte ihm nach.
„Oh Gott ...“, schluchzte sie.
„Wie weit muss ich noch gehen – nur wegen Romilda? Aber wenn ich es nicht tue ... dann verliere ich Mama.“