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1680 Words
Am nächsten Tag wurde lautstark gegen Roses Schlafzimmertür gehämmert. Sie hatte die ganze Nacht nicht geschlafen und weder zu Mittag noch zu Abend gegessen. Schwach schleppte sie sich zur Tür und öffnete sie. Draußen wartete bereits eine weitere Haushälterin mit ungeduldigem Gesichtsausdruck. „Sie werden im Familienzimmer erwartet“, sagte die Frau knapp. Rose hatte weder geduscht noch ihre Kleidung gewechselt. Doch wen hätte sie um Hilfe bitten sollen? Also folgte sie der Haushälterin widerwillig und zutiefst beschämt über ihr verwahrlostes Aussehen. Die Geschwister Cavanaugh sowie zwei unbekannte Männer saßen bereits im Familienzimmer. Rose erinnerte sich an einen weiteren Namen aus Romildas Notizen, doch diese Person war nirgends zu sehen. Als Nicole und Letty Roses Zustand bemerkten, tauschten sie angewiderte Blicke aus. „Sieh sie dir an. Nicht einmal umgezogen hat sie sich“, flüsterte Letty halb, aber laut genug, damit Rose es hören konnte. Nicole schnaubte verächtlich. „Ja. Aber ihr Körpergeruch stinkt immer noch nicht so schlimm wie die Lügen, die sie verbreitet.“ Rose ignorierte die Bemerkungen, tat so, als hätte sie nichts gehört, und setzte sich auf den angebotenen Platz. Einer der beiden formell gekleideten Männer, der wie ein Familienanwalt wirkte, trat vor und reichte ihr ein Dokument. „Lesen Sie Mr. Caesars Testament noch einmal. Sobald Sie alles verstanden haben, machen wir weiter“, sagte er ruhig. Rose nickte schwach. Das Testament enthielt viele Einzelheiten, doch sie übersprang sofort alles und suchte nach dem Abschnitt über Romilda und Matteo. Schweigend las sie das offizielle Dokument mit Caesar Cavanaughs Unterschrift. An Romilda, das liebenswürdigste und aufrichtigste Mädchen, das ich je kennengelernt habe. Ich bitte dich demütig, meinen Sohn Matteo zu heiraten. Du bist rein geblieben, genauso wie Matteo. Ich bin sicher, dass ihr beide ein wunderbares Paar sein werdet. Daher hoffe ich, dass ihr euch während des ersten Ehejahres die Zeit nehmt, einander kennenzulernen. Danach wird Matteo die vollständige Kontrolle über das Unternehmen erhalten, und du, Romilda, wirst deinen Anteil an den Aktien bekommen. Rose war schockiert. „Mr. Caesar hat eine zusätzliche Bedingung hinzugefügt“, fuhr der Anwalt fort. „Sie müssen Jungfrau sein, Miss Romilda. Sollte sich herausstellen, dass Sie keine Jungfrau sind, wird Ihr Anspruch auf die Aktien für nichtig erklärt. Außerdem müssen Sie sich scheiden lassen und das Anwesen der Familie Cavanaugh verlassen.“ Rose erschauerte. Wenn Romilda die Bedingungen des Testaments erfüllte, würde sie ein Vermögen erben. Es ging ihr nie wirklich darum, Matteo zu heiraten – sie wollte die Aktien! Und dafür hatte sie Rose als Schachfigur benutzt. „Sie ist wohl zu einer Statue geworden, weil sie keine Jungfrau mehr ist“, platzte Letty heraus. „Wie willst du das eigentlich beweisen, Romilda? Hast du dort unten ein Siegel angebracht?“ Das Gelächter von Letty und Nicole riss Rose aus ihren Gedanken. Die beiden Schwestern sahen sie mit spöttischen Gesichtern an. Matteo warf ihnen sofort einen scharfen Blick zu. „Ruhe!“ Die beiden Männer in Anzügen räusperten sich verlegen und bereiteten weitere Unterlagen vor, von denen Rose nichts verstand. „Dann beginnen wir“, verkündete der Anwalt. „Mr. Matteo, bitte unterschreiben Sie hier. Und Sie ebenfalls, Miss Romilda. Damit wird Ihre Ehe offiziell geschlossen. Die Heiratsurkunde wird Ihnen innerhalb einer Woche zugestellt.“ „E-Ehe? Jetzt sofort?“, fragte Rose erschrocken. Sie hatte gedacht, eine Hochzeit würde in einer Kirche stattfinden und nicht in einem Familienzimmer. So etwas hatte sie sich niemals vorgestellt. „Wo denn sonst? In einer Kirche?“, fragte Matteo kalt. „Natürlich. Wir sollten unsere Gelübde vor Gott ablegen“, erwiderte Rose bestimmt. „Die Ehe ist etwas Heiliges.“ Matteos Augen verengten sich. Seit wann interessierte sich Romilda für etwas Heiliges? Vor seinem Vater hatte sie immer die Heilige gespielt. Doch hinter dessen Rücken war sie nichts weiter als ein Teufel mit verstecktem Schwanz. „Unterschreib einfach. Du weißt genau, dass diese Ehe nichts weiter als eine geschäftliche Vereinbarung ist“, sagte Matteo emotionslos. Seine Worte schmerzten Rose, obwohl sie nicht einmal Romilda war. Trotz aller Fehler war Romilda immer noch ihre Zwillingsschwester – ihre einzige Schwester. Doch Rose schwieg und tat, was Matteo verlangte. Nachdem sie unterschrieben hatte, sammelte der Anwalt die Dokumente rasch ein und schenkte Rose ein höfliches Lächeln, bevor er Matteo respektvoll zunickte. „Nun sind Sie offiziell verheiratet. Allerdings muss ich noch etwas erwähnen, auch wenn es für Sie beide unangenehm sein mag.“ Er räusperte sich erneut. „Nach dem Vollzug der Ehe muss Miss – ich meine, Mrs. Romilda – am darauffolgenden Tag eine medizinische Untersuchung im Krankenhaus durchführen lassen.“ Letty und Nicole brachen sofort in schallendes Gelächter aus. „Kannst du dir vorstellen, was der Arzt sagen wird?“, kicherte Letty. „Oh, durch diesen Tunnel ist aber schon viel Verkehr gefahren!“ Nicoles höhnisches Lachen hallte durch den Raum. Rose fühlte sich gedemütigt und verletzt. Doch sie ballte nur die Fäuste so fest, dass ihre Knöchel weiß wurden. Sie schluckte den Schmerz hinunter als Teil der Konsequenzen dafür, Romildas Platz eingenommen zu haben. Kurz darauf wurde Rose vom Anwalt entlassen, da der Rest der Besprechung privat für die Familie Cavanaugh war. Mit schwachen Schritten verließ sie den Raum und kehrte in ihr Schlafzimmer zurück. Romildas Beziehung zu Caesar blieb für Rose weiterhin ein Rätsel. Logisch betrachtet verschenkte niemand einfach ein Vermögen und zwang erst recht niemanden seinen Sohn zur Heirat. Hatte Caesar seinen Sohn wirklich mit Romilda verheiraten wollen – einem Mädchen aus einfachen Verhältnissen? Oder hatte Romilda die ganze Zeit vorgegeben, jemand Bedeutenderes zu sein? War das der Grund, weshalb Matteos Familie sie als Betrügerin betrachtete? „Das könnte es sein“, murmelte Rose. „Vielleicht kannte Caesar die Wahrheit über Romilda nicht, und alles kam erst nach seinem Tod ans Licht.“ Erschöpft vom vielen Nachdenken eilte Rose zurück in ihr Zimmer. Sie nahm ihr Handy aus ihrer Tasche und rief sofort Romilda an. Doch die Nummer war nicht erreichbar. „Verdammt!“, zischte Rose frustriert. Gerade als sie das Handy wieder wegstecken wollte, vibrierte es. Ihr Herz setzte einen Schlag aus, als sie die Nummer erkannte. Es war eine Krankenschwester aus dem Krankenhaus. Sofort nahm sie ab. „Hallo? Ja, Schwester? Wie geht es meiner Mutter? Geht es ihr gut?“, fragte Rose besorgt. Ein leises Lachen auf der anderen Seite der Leitung kündigte gute Nachrichten an. „Ganz ruhig, Rose. Ihrer Mutter geht es besser, und sie möchte Sie unbedingt sprechen. Ich verbinde Sie mit ihr, in Ordnung?“ Rose schluckte schwer. „O-Okay ...“ Eine schwache, heisere Stimme erklang. „Rose?“ Allein diese Stimme ließ Roses Herz schmelzen. Sofort stiegen ihr Tränen in die Augen. Schuldgefühle lasteten schwer auf ihrer Brust. Sie hätte jetzt im Krankenhaus sein sollen, an der Seite ihrer Mutter. „Mama ... es tut mir leid“, brachte Rose mühsam hervor. „Schatz, was ist denn los?“ „Ich kann dich ein paar Tage lang nicht besuchen. Ich muss beruflich verreisen. Aber sobald ich fertig bin, komme ich sofort nach Hause.“ „Das ist schon in Ordnung, mein Schatz. Ich verstehe das. Ich bin dankbar, dass du so hart arbeitest, um für mich zu sorgen.“ „Sag das nicht, Mama. Das ist meine Verantwortung.“ „Konntest du Romilda erreichen? Gibt es Neuigkeiten von ihr?“ Rose biss sich nervös auf die Unterlippe und atmete langsam aus. „Nein. Aber ich werde weiter versuchen, sie zu kontaktieren.“ „In Ordnung. Tut mir leid, dass ich dich störe, Rose. Wir sprechen später wieder, ja?“ „Ja, Mama. Werde schnell gesund ... Ich liebe dich.“ Nachdem das Gespräch beendet war, seufzte Rose schwer und wischte sich die Tränen aus den Augen. „Solange es Mama gut geht“, flüsterte sie leise. ... Rose bemerkte nicht, dass Matteo draußen vor ihrer Tür stand und ihr Gespräch belauscht hatte. Sein Gesichtsausdruck blieb undurchschaubar, während er die Gesprächsfetzen verarbeitete, die er mitgehört hatte. Er wusste, dass Romildas Mutter krank war, hatte jedoch keine Ahnung, wie ernst ihr Zustand tatsächlich war oder dass sie im Krankenhaus lag. Hatte Romilda diese Ehe wirklich nur geschlossen, um die Behandlungskosten ihrer Mutter zu bezahlen? Matteo verdrängte den Gedanken und betrat das Zimmer. Rose, die noch immer geweint hatte, keuchte erschrocken auf. „Matteo!“ Er trat näher, blieb jedoch einige Schritte von ihr entfernt stehen. „Ich brauche deinen Ausweis, um einen Reisepass zu beantragen. Du hast meinen Vater um Flitterwochen auf den Malediven gebeten.“ „Die Malediven?“ Rose blinzelte ungläubig. „Der Pass wird innerhalb eines Tages fertig sein. Danach fliegen wir sofort.“ Plötzlich erinnerte sich Rose daran, dass Romilda ihr keinen Ausweis hinterlassen hatte. Es gab keine Möglichkeit, ihm ihren echten Ausweis zu geben. „Steht diese Forderung im Testament deines Vaters?“, fragte Rose und wechselte das Thema. Matteo schüttelte den Kopf. „Nein. Warum?“ „Ich möchte nicht ins Ausland reisen. Deshalb brauche ich keinen Reisepass.“ Matteo starrte sie einen Moment lang an. Dann trat er plötzlich näher und packte ihr Kinn fest. „Was hast du diesmal vor, Romilda?“, zischte er. „Hör auf, mich noch mehr anzuwidern! Du hast bekommen, was du wolltest! Glaubst du wirklich, ich werde es dir im nächsten Jahr leicht machen?“ Rose starrte ihn verwirrt an. „Ich werde dich anflehen lassen, um die Scheidung zu bitten! Ich werde dein Leben zur Hölle machen! Denn dieses Chaos hast du selbst verursacht! Hast du das verstanden, Romilda?“ Seine Stimme tropfte vor Verachtung. „Also hör auf, die Unschuldige zu spielen! Ich würde mich niemals mit deinem schmutzigen Körper beflecken!“ Damit ließ Matteo ihr Kinn los und stürmte davon. „Eine Jungfrau? Was für ein schlechter Witz!“, rief er wütend. Rose schluckte. Einerseits war sie erleichtert, dass Matteo sie nicht berühren wollte. Schließlich kannte sie ihn überhaupt nicht. Aber wenn sie ihre Jungfräulichkeit nicht beweisen konnte – was würde dann aus ihrer Vereinbarung mit Romilda werden? Wie sollte Rose Matteo überhaupt darum bitten, sie ihr zu nehmen?
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