Kapitel 1: Der verschüttete Latte
Die Sonne brennt auf den Campus, als hätte der September den Sommer noch nicht losgelassen.
Goldene Lichtstreifen fallen durch die Kastanienbäume und tanzen auf dem Kopfsteinpflaster.
Ich atme tief ein und halte die Luft an, während ich vor dem Café Libretto stehe.
Der Duft von frisch gemahlenem Kaffee und warmem Zimt zieht aus der offenen Tür. Mein Herz schlägt heftig – nicht nur wegen des Koffeins, den ich gleich trinken werde, sondern weil heute mein erstes Semester beginnt.
Literatur. Endlich das studieren, wofür ich seit Jahren brenne.
Mama hat mir heute früh eine Nachricht geschickt: „Schreib die Welt, wie du sie siehst, Lysa.“ Ich lächle, stoße die Tür auf und werde sofort von der Wärme und dem Stimmengewirr verschluckt.
Das Café ist ein einziges summendes Bienenhaus. Studenten drängeln sich an der Theke, Tabletts klappern, und das Zischen der Milchdüse mischt sich mit aufgeregtem Lachen.
Ich stelle mich an und bestelle einen großen Latte Macchiato mit extra Schaum – mein Trostgetränk bei jeder Art von Herzflattern.
Während ich warte, lasse ich meinen Blick über die Tische schweifen. Fast alle Plätze sind besetzt, nur ein kleiner Zweiertisch am Fenster ist noch halb frei.
Dort sitzt bereits ein junger Mann, über ein Buch gebeugt. Er hat dunkles, zerzaustes Haar und eine steile Falte zwischen den Brauen.
Seine linke Hand vergräbt sich in seinen Locken, die rechte hält eine leere Kaffeetasse fest, als wäre sie ein Anker. Er liest so versunken, dass er die laute Umgebung völlig ausblendet.
Mein Herz macht einen kleinen, dummen Hüpfer.
Der Junge sieht interessant aus. Nicht freundlich, nicht einladend seine Miene wirkt eher, als würde ihn die Lektüre wütend machen , aber auf eine seltsame Weise anziehend.
Ich nehme meinen Becher entgegen, atme den Milchschaumduft ein und gehe zu ihm. „Entschuldigung, ist hier noch frei?“, frage ich leise.
Er sieht nicht hoch, nickt nur knapp und brummt etwas Unverständliches. Okay, charmant ist anders.
Ich setze mich trotzdem, stelle meinen Rucksack zwischen die Füße und krame mein Notizbuch heraus.
Ich will später ein paar Sätze über diesen ersten Morgen aufschreiben, den Geruch von Papier und Kaffee, das Gefühl des Neuanfangs.
Eine Viertelstunde vergeht, in der ich nichts weiter tue, als in meinem Notizbuch zu blättern und den Fremden verstohlen zu mustern.
Sein Hemd ist weiß und makellos, seine Schultern spannen sich unter dem Stoff, als stünde er unter Hochspannung.
Ich kann den Titel des Buches nicht erkennen, nur einen abgegriffenen Leinenrücken.
Irgendwann knurrt mein Magen, und ich stehe auf, um ein Croissant zu holen. Als ich zurückkomme, balanciere ich Teller und Kaffeebecher gleichzeitig. Der enge g**g zwischen den Tischen ist übersät mit Taschen und herumstehenden Stühlen.
Ich hebe meinen Fuß über einen Rucksack, den jemand achtlos auf den Boden geworfen hat da verheddert sich mein Schuhriemen in einer losen Schnalle. Ich stolpere, mein Oberkörper kippt nach vorn, der Becher fliegt mir aus der Hand.
Heißer Kaffee spritzt über den Tisch, über das aufgeschlagene Buch und klatscht gegen das weiße Hemd des Fremden.
Zeitlupenmoment.
Er springt so heftig auf, dass sein Stuhl scharrend nach hinten rutscht. „Was zum –!“, fährt er los, seine Stimme tief und schneidend wie ein Messer. Ich starre auf die braunen, dampfenden Flecken auf seiner Brust, dann in seine Augen, die plötzlich aufblitzen wie stahlgraue Klingen.
Das Buch, ein dicker Hardcoverband, hat einen großen Kaffeeklecks mitten auf der offenen Seite.
Er reißt es an sich, aber ich greife reflexartig danach, will irgendwie helfen, den Schaden zu mindern. In der Panik entgleitet es ihm, ich fange es auf, presse es fest an meine Brust. „Es tut mir so leid! Ich – ich wollte nicht – ich bin gestolpert!“, stammle ich, meine Stimme zittert.
„Du hast mein Buch ruiniert!“, blafft er. Seine Worte sind Eiskristalle, die sich in meine Haut bohren.
Einige Köpfe drehen sich zu uns. Meine Wangen glühen, Tränen schießen mir in die Augen, und ich spüre, wie alle Blicke auf mir lasten.
Ohne nachzudenken, drehe ich mich um und fliehe. Einfach weg, nur weg von dieser Demütigung, von diesen anklagenden Augen, vom Gelächter, das hinter mir aufsteigt.
Ich renne den g**g entlang, stoße die schwere Eingangstür auf und stehe plötzlich im grellen Sonnenlicht.
Die Wärme umfängt mich, aber mein Körper zittert, als stünde ich in einem eisigen Wind.
Erst als ich auf einer Holzbank unter einer alten Linde zusammensacke, merke ich, dass ich immer noch das Buch umklammere.
Mein Atem fliegt, mein Herz rast, und im Kopf wiederhole ich den Moment immer und immer wieder: das Spritzen des Kaffees, der wütende Blick, die aufsteigende Scham.
Der wunderschöne erste Tag ist ein Scherbenhaufen. Wie kann man nur so ungeschickt sein?
Ich schließe die Augen, lasse die Sonne auf meine Lider drücken, bis mein Puls sich beruhigt.
Dann betrachte ich das Buch in meinen Händen. Es ist ein vertrauter Anblick: Nachtleuchten, der Roman von N. F. Winter. Mein Lieblingsbuch, das ich selbst schon dreimal gelesen habe und dessen zerlesene Taschenbuchausgabe auf meinem Nachttisch liegt.
Dass dieser zornige Fremde dasselbe Buch liest, ist ein seltsamer Zufall. Aber dieses Exemplar ist anders.
Es ist eine wertige Hardcoverausgabe, der Schutzumschlag fehlt, der Leinenrücken ist abgegriffen und hat einen blassen Kaffeefleck als hätte jemand schon einmal eine Tasse darauf abgestellt. Auf der aufgeschlagenen Seite entdecke ich winzige, handgeschriebene Notizen am Rand.
Eine krakelige, aber leserliche Schrift. Ich entziffere: „Das ist der Kern der Einsamkeit“ und „er versteckt sich hinter Metaphern, aber hier blutet er“. Ein Schauer läuft über meinen Rücken. Diese Sätze sind tief, persönlich, beinahe intim.
Dann fällt mein Blick auf die Innenseite des Einbands. Dort steht mit schwarzem Filzstift ein Name: Noah Falk.
Darunter eine kaum leserliche, aber eindeutige Zeile: „Für den, der bleibt, wenn alle gehen“. Ich kenne diesen Satz! Er stammt aus dem letzten Kapitel von Nachtleuchten, der zärtlichsten Passage des ganzen Buches. Meine Kehle schnürt sich zusammen.
Das hier ist nicht einfach ein fremdes Buch, es ist ein handkommentiertes Exemplar eines Lesers, der diesen Roman ebenso sehr zu lieben scheint wie ich. Und der Besitzer hat einen Namen: Noah Falk. Der zornige Typ aus dem Café.
Ich kann das Buch unmöglich einfach zurückgeben, nicht nachdem ich diese Notizen entdeckt habe.
Sie ziehen mich magisch an, es ist, als hätte jemand meine eigenen, nie ausgesprochenen Gedanken in Worte gefasst nur klüger und schärfer. Wer ist Noah Falk? Warum schreibt er solche Sätze in mein Lieblingsbuch?
Der Kaffeefleck schreit nach einer Entschuldigung, aber ich bringe es nicht über mich, umzukehren. Also drücke ich das Buch an mich, stehe auf und mache mich auf den Weg zum Wohnheim.
Der Himmel bleibt strahlend blau, doch in mir wächst ein Sturm aus Scham, Neugier und etwas, das ich noch nicht benennen kann eine leise, aufkeimende Faszination für den Mann, der unter all der Wut vielleicht mehr verbirgt, als sein stechender Blick vermuten lässt.
In meinem Zimmer lasse ich mich auf das schmale Bett fallen.
Lena, meine Mitbewohnerin, ist noch unterwegs, also bin ich allein mit der Stille und dem Buch. Ich schlage es auf und beginne, Seite um Seite die handschriftlichen Kommentare zu lesen.
Noah Falk hat überall Spuren hinterlassen: präzise Deutungen, poetische Einwürfe, emotionale Reaktionen. An der Stelle, wo die Protagonistin Mari in einer Regenszene zusammenbricht, steht in dünner Bleistiftschrift: „Warum muss der Schmerz immer dann kommen, wenn man sich am sichersten fühlt?“ Mir stockt der Atem.
Das ist keine bloße Kritzelei, das ist eine Seele, die sich offenbart.
Ich kann nicht aufhören zu lesen, bis die Abendsonne mein Zimmer in goldenes Licht taucht. Irgendwann klappe ich das Buch zu und drücke es an meine Brust. Mein erster Tag endet nicht nur mit einem Missgeschick, sondern mit einem Rätsel, das mich nicht mehr loslässt.